Berufsorientierung im Wandel

Noch vor wenigen Jahren schienen Maßnahmen der Schulen zur Berufsorientierung (BO) relativ klar strukturiert zu sein: Praktika, Ausbildungs- und Studienmessen, Girls’ und Boys’ Day, Hochschulbesuche, Informationsveranstaltungen.  Schulen wollen Jugendlichen helfen, „den passenden Beruf“ zu finden. Dahinter stand eine implizite Annahme: Die Arbeitswelt verändert sich zwar, aber Berufsbilder bleiben im Kern stabil. Doch genau diese Annahme gerät zunehmend ins Wanken. Während Schulen vielerorts noch über Prüfungsformate, Handyregeln oder KI-Verbote diskutieren, verändert sich außerhalb der Schule die Arbeitswelt in atemberaubender Geschwindigkeit. Viele bisherige Konzepte der Berufsorientierung wirken plötzlich wie Relikte aus einer stabileren Zeit.

In meinem Beitrag Schule 2026 – Ein Curriculum als Navigationssystem habe ich beschrieben, warum Schule in einer komplexen Welt zunehmend Orientierung statt bloßer Stoffvermittlung leisten muss. Wenn wir uns heute die schulische Berufsorientierung ansehen, stellen wir fest: Wir schicken Jugendliche mit analogen Kompassen auf einen Arbeitsmarkt, dessen Tätigkeitsprofile bereits massiv durch KI verändert werden.

Zwei Jugendliche auf derselben Ausbildungsmesse

  • Jan (16) besucht die Ausbildungsmesse seiner Region.

Am Stand einer Versicherung erhält er Broschüren zur Ausbildung zum Kaufmann für Versicherungen und Finanzen. Dort liest er:

    • Schadensabwicklung
    • Vertragsprüfung
    • Datenerfassung
    • Kundenkommunikation

Was ihm niemand sagt: Viele dieser Routinetätigkeiten werden bereits 2026 weitgehend von KI-Systemen unterstützt oder automatisiert. Jan informiert sich über ein Berufsbild, das sich gerade fundamental verändert. Er wird auf eine Arbeitswelt vorbereitet, die es so möglicherweise bald nicht mehr gibt.

  • Anisa (16) besucht dieselbe Messe.

Allerdings hat ihre Schule Berufsorientierung anders vorbereitet. Die Steuergruppe ihrer Schule hat gemeinsam mit den PoWi-Lehrkräften ein ‚Interview-Logbuch‘ entwickelt. Schülerinnen und Schüler sollen auf der Messe nicht nur Informationen sammeln, sondern Transformationsprozesse analysieren.

Anisa fragt die Personalleiterin am Versicherungsstand: „Welche KI-Assistenten nutzen Ihre Azubis bereits im ersten Lehrjahr — und welche menschlichen Fähigkeiten können durch keine KI ersetzt werden?“
Die Personalleiterin stutzt kurz. Dann antwortet sie: „Empathie im Schadensfall, wenn Kunden emotional reagieren. Und Menschen, die KI-Ergebnisse kritisch prüfen und Zusammenhänge erkennen.“
Anisa weiß nach diesem Gespräch nicht einfach mehr über einen Beruf. Sie versteht erstmals, welche Fähigkeiten in einer KI-geprägten Arbeitswelt wirklich zukunftsfähig werden.

Was uns die Berufswelt meldet

Der Blick in die wirtschaftliche Praxis zeigt, dass das Schreckgespenst „KI ersetzt den Menschen komplett“ zu kurz greift. Vielmehr verändert KI fundamental, wie wir arbeiten und welche Kompetenzen wirklich zählen. Berufe lösen sich nicht einfach auf, sie transformieren sich rasant, wie aktuelle Berichte aus der Praxis zeigen:[1]https://www.nzz.ch/gesellschaft/macht-uns-die-ki-bald-ueberfluessig-ld.10004916

  • Generieren ist nicht Kreieren: Der Architekt und Professor Andri Gerber beschreibt, dass KI problemlos Baugesetze prüfen, 3-D-Modelle erstellen und repetitive Aufgaben wie Kostenberechnungen automatisieren kann. Doch er betont einen wesentlichen Unterschied: KI recycelt nur bestehendes Material, sie generiert. Echte Architektur erfordert menschliche Inspiration und das Erfassen von Atmosphäre, Licht und Wirkung – Dinge, die an den menschlichen Körper und die Erfahrung gebunden sind.
  • Kontext schlägt Wahrscheinlichkeit: Die Simultan-Dolmetscherin Paula-Jane Martin berichtet, dass KI-Systeme zwar rasant aufholen, aber rein statistisch über Wahrscheinlichkeiten arbeiten, nicht mit Logik oder Kontext. Sobald Menschen sich verhaspeln, husten oder Dialekt sprechen, produziert die KI oft absurden Unsinn: So wurde in einer Übersetzung aus der Abkürzung für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) plötzlich das französische Wort für „Berg“ („Der Berg muss sparen“), aus „Cancer“ (Krebs) wurde ein „Konzert“ und aus „It depends“ der Politiker „Mike Pence“.

Die Konsequenz für Schulen ist gravierend: Berufsorientierung darf Jugendliche nicht länger nur dabei unterstützen, bestehende Berufsbilder kennenzulernen. Sie muss ihnen helfen, Transformationsprozesse zu verstehen.

Gleichzeitig gewinnen andere Fähigkeiten an Bedeutung: Kontextverständnis, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität, Urteilskraft, kritisches Denken, Empathie, interdisziplinäres Denken, ethische Reflexion.

Big Data: AI-Econ Lab, Bundesagentur für Arbeit, GovAI

Schwer automatisierbare Berufe

Ganz unten stehen Berufe, deren Aufgaben derzeit schwer automatisierbar sind, etwa die von Tänzern oder Berufssportlern. In diese Kategorie fallen auch größere Berufsgruppen wie Pflegekräfte, Frachtarbeiter oder Metallbauer. Physische Tätigkeiten sind also kaum automatisierbar, jedenfalls bislang. Ob das so bleibt, darüber wagen die Forschenden keine Prognose.

Zeit.de/wirschaft vom 19.5.2026

teilweise automatisierbare Berufe

Berufe, deren Tätigkeiten teilweise automatisierbar sind, finden sich häufiger im sozialen Bereich. Da sind zum Beispiel Vorschullehrer oder Sozialarbeiter, aber auch Geschäftsführer. Wenn in Berufen direkte Arbeit mit Menschen wichtig ist, ordnen Forscher sie im Ranking weiter unten ein.

Zeit.de/wirschaft vom 19.5.2026

automatisierbare Berufe

Fähigkeiten, die als hochgradig automatisierbar gelten, sind die von Korrektoren, gefolgt von Entwicklern und Mathematikern. Aber, das betonen die Forscher: Wenn ein Beruf stark von KI betroffen ist, wenn also mehrere Tätigkeiten innerhalb des Jobs automatisierbar sind, heißt das nicht zwangsläufig, dass er auch wegfällt. Es gibt auch Jobs, die davon profitieren.

Zeit.de/wirschaft vom 19.5.2026

Die Bilder sind Ausschnitte aus einem sehr lesenswerten Artikel der ZEIT-Online-Redaktion. Meine Folgerungen:

  • Berufe, die stark repetitive und sich wiederholende Aufgaben beinhalten, sind am stärksten von Veränderungen durch KI betroffen. Dazu zählen insbesondere Tätigkeiten in der Sachbearbeitung, wie etwa im Steuerwesen (z.B. Bearbeitung von Steueranträgen) oder allgemein Büroarbeiten. Diese Tätigkeiten könnten sich stark verändern oder sogar wegfallen, da KI solche Aufgaben automatisieren kann. Auf der anderen Seite gibt es Berufe, bei denen KI weniger Einfluss hat, beispielsweise Tätigkeiten mit direktem menschlichem Kontakt wie Gärtner oder Friseur, bei denen kreative und soziale Aspekte im Vordergrund stehen.
  • Die Vorstellung, dass Berufsbilder stabil bleiben und sich nur langsam entwickeln, ist längst überholt. KI verändert grundlegend, wie und welche Tätigkeiten ausgeführt werden. Viele Routinetätigkeiten werden automatisiert, andere transformieren sich stark. Jugendliche werden mit den aktuellen Curricula auf eine Arbeitswelt vorbereitet, die so bald möglicherweise nicht mehr existiert (siehe u. a. die Hinweise zu den Berufsfeldern Mathematik, Informatik). Damit müssen Schulen ihre Berufsorientierung grundsätzlich neu denken und stärker auf die Dynamik der Veränderung eingehen.
  • Die Geschichte technologischer Revolutionen zeigt: Gesellschaftlicher Fortschritt erfolgt durch politische Aushandlungsprozesse und Reformen, die technischen Wohlstand breiter verteilen. Bildungsangebote müssen Jugendliche befähigen, technologische Entwicklungen nicht nur passiv zu erleben, sondern aktiv mitzugestalten und gesellschaftlich wirksame Entscheidungen zu treffen.
  • Die klassische Berufsorientierung, die auf festen Berufsbildern und Orientierung an gestern basiert, wird durch KI-gestützte Veränderungen immer untauglicher. Schulen müssen Berufsorientierung zu einer Transformationsbildung weiterentwickeln, die Jugendlichen hilft, die Prozesse des Wandels zu verstehen, ihre eigene Rolle darin zu erkennen und Anpassungsfähigkeit zu entwickeln. Dies erfordert eine strategische Verankerung im Curriculum und systematischen Aufbau von Zukunftskompetenzen.

Big Data: Umfrage der Barmer Krankenkasse

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr: „Welchen Beruf willst du später einmal ausüben?“ Sondern vielmehr: „Wie bleibst du in einer Welt permanenten Wandels handlungsfähig?“ Besonders bemerkenswert ist dabei: Die Jugendlichen selbst sind vielerorts längst weiter als die schulischen Debatten. Eine aktuelle Jugendstudie zeigt:[2]https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/mensch/gesundheit-2030/gesunde-digitale-gesellschaft/jugendliche-einstellungen-kuenstliche-intelligenz-1249346

  • 83 % der Jugendlichen geben an, erklären zu können, was Künstliche Intelligenz ist.
  • 48 % nutzen KI bereits regelmäßig oder täglich.
  • 75 % interessieren sich aktiv für Informationen zum Thema KI.

Allerdings zeigt die Barmer-Studie auch eine soziale Kluft: Während 89 % der formal Hochgebildeten und 91 % der Jugendlichen aus dem ökologisch-postmodernen Milieu genau wissen, was KI ist, sinkt dieser Wert bei formal Niedriggebildeten auf 66 % und im prekären Milieu auf 63 %. 18 % der formal geringer gebildeten Jugendlichen haben noch nie eine KI genutzt. Zudem fühlen sich im prekären Milieu nur 54 % gut zum Thema informiert, und das Interesse an Informationen über KI liegt dort bei mageren 42 % (gegenüber 82 % bei den technikaffinen „Expeditiven“).

Folgerungen

Das bedeutet: Für Jugendliche ist KI längst keine Zukunftstechnologie mehr. Sie ist Alltag. Genau hier entsteht eine neue Bildungsfrage: Wer keine reflektierte KI-Kompetenz entwickelt, verliert künftig nicht nur technologisch den Anschluss, sondern möglicherweise auch beruflich. Anstatt Jugendliche in der Schule mit Täuschungsdebatten, Verboten und technischen Detaildiskussionen zu belasten, sollte man sich eigentlich die folgende Frage stellen: Welche Kompetenzen brauchen Jugendliche, um sich in einer von KI geprägten Gesellschaft orientieren zu können?

Junge Menschen sollten frühzeitig verstehen, wie KI ihren Wunschberuf beeinflussen wird. Sie können sich im Internet über verschiedene Berufe informieren und Beratungsangebote, wie die der Arbeitsagentur, in Anspruch nehmen. Diese bieten einen guten Überblick über die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt. Arbeitsmarktexperten raten dazu, den technologischen Wandel als Chance zu ergreifen, um in der neuen Arbeitswelt besser zurechtzukommen.

Schule kann und muss ihren Beitrag leisten. Es reicht nicht mehr aus, Berufsorientierung als einzelne Maßnahme zu organisieren. Es geht nicht nur um zusätzliche Praktika oder modernere Informationsveranstaltungen. Es geht um eine strategische Frage der Schulentwicklung. Schulleitungen und Steuergruppen sehen sich zunehmend mit Herausforderungen konfrontiert:

  • Welche Zukunftskompetenzen sollen systematisch aufgebaut werden?
  • Wo tauchen diese Kompetenzen im Curriculum auf?
  • Wie trainieren Schülerinnen und Schüler kritisches Prüfen von KI-Ergebnissen?
  • Wie fördern wir Kontextkompetenz und Reflexionsfähigkeit?
  • Wie verhindern wir neue digitale Bildungsungleichheiten?
  • Wie verändern sich unsere Konzepte von Berufsorientierung?

Berufsorientierung wird damit zunehmend zu:

  • Zukunftsorientierung
  • Transformationsbildung
  • Orientierungskompetenz

Mir kommt gerade die Idee nach einer Visualisierung der Gegenüberstellung Traditionelle BO (Berufstitel, Routinetätigkeiten, analoge Präsentation) versus Zukunftsorientierte BO (Future Skills, KI-Symbiose, Kontextkompetenz). Wie könnte ich das machen?Wenn Schule Jugendlichen künftig Orientierung in einer instabilen Welt geben will, reicht es nicht mehr aus, einzelne Maßnahmen zur Berufsorientierung anzubieten.

Entscheidend wird vielmehr die Frage sein, wie Schulen Orientierungskompetenz systematisch in ihrem Curriculum verankern.

Denn Zukunftskompetenzen entstehen nicht zufällig:

  • kritisches Denken,
  • Kontextverständnis,
  • reflektierter KI-Einsatz,
  • Kommunikationsfähigkeit,
  • Umgang mit Unsicherheit,
  • ethische Urteilsfähigkeit.

Sie müssen über Jahre hinweg aufgebaut, in unterschiedlichen Fächern aufgegriffen und miteinander vernetzt werden.

Genau darin liegt möglicherweise die zentrale Aufgabe zukünftiger Schulentwicklung: Nicht nur Wissen zu organisieren, sondern Jugendlichen ein tragfähiges Navigationssystem für eine Welt permanenter Veränderungen bereitzustellen. Berufsorientierung wäre dann nicht länger ein zusätzlicher Baustein im Schuljahr.

Schlussbemerkung

Vielleicht liegt die größte Gefahr derzeit nicht darin, dass Jugendliche KI nutzen.

Sondern darin, dass Schulen ihnen kein tragfähiges Navigationssystem für eine Welt im Wandel anbieten.

Oder:

Berufsorientierung war lange die Vorbereitung auf bekannte Berufe.

Heute wird sie zunehmend zur Vorbereitung auf unbekannte Veränderungen.

Oder:

Schulen müssen Jugendlichen heute nicht nur Wege zeigen.

Sie müssen ihnen helfen, sich neu orientieren zu können, wenn sich die Wege verändern.

Und, ganz aktuell kürzlich in meiner Tageszeitung entdeckt:

Steig ein in deine berufliche Zukunft!

Entdecke spannende Unternehmen auf der mobilen Jobmesse, knüpfe wertvolle Kontakte und finde deinen Traum-Ausbildungsplatz – direkt bei dir vor Ort.

 

… Stay tuned …

Bildnachweis:

ChatGPT 5.x mit dem Prompt: Mir kommt gerade die Idee nach einer Visualisierung der Gegenüberstellung Traditionelle BO (Berufstitel, Routinetätigkeiten, analoge Präsentation) versus Zukunftsorientierte BO (Future Skills, KI-Symbiose, Kontextkompetenz). Wie könnte ich das machen?

Quellen

Hintergrund, Analysen

ARD

ZDF

Viele wissen nach der Schule nicht, wie es weitergehen soll: Studium, Ausbildung oder erst mal etwas ganz anderes? Private Berufsberatungen können gegen Geld helfen, aber lohnt sich das?

BR24

Im Silicon Valley macht ein neues Schlagwort die Runde: Permanent Underclass. Eine ewige Unterschicht, in der demnächst alle landen, die ihr Geld mit Arbeit verdienen. Wie ernst sollten wir das nehmen?

NZZ

Wer heute eine Bewerbung schreibt, nutzt meist KI – und wird dann von einem Algorithmus ausgesiebt. Ex-UBS-Personalchef Gery Bruederlin über Fehler und Absurditäten im modernen Recruiting.

WELT

In der Generation Z wachsen die Sorgen um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb verliert das Studium als Königsweg zum Wohlstand deutlich an Beliebtheit. Eine Studie offenbart eine grundlegende Kehrtwende.

In den kommenden Jahren werden weltweit Millionen neue Jobs entstehen. Doch welche Tätigkeiten sind in Zukunft gefragt? Arbeitsmarktexperten haben Berufe identifiziert, die schon bald gefragt sein könnten. WELT stellt zehn Tätigkeiten vor – und sagt, was man für sie können muss.

ZEIT

Junge Menschen sind gerade besonders oft arbeitslos. Entscheidend dabei: die Berufswahl. Daten zeigen, wo der Einstieg schwer geworden ist – und wo die Chancen gut sind.

KI wird manche Jobs teilweise oder sogar völlig automatisieren. Neue Daten für 400 Berufe zeigen: Betroffen sind Menschen, die lange studiert haben und viel verdienen.

Blogbeiträge

David Ger, Department Director – AI Solution, stellt im Folgenden einen Workshop vor, den er einem Informatik-Leistungskurs anbietet.

Über 40 Prozent der CEOs weltweit wollen Junior-Stellen streichen. Der Arbeitsmarkt kippt zulasten der Jüngsten, da KI-Systeme Einstiegsaufgaben übernehmen.

Angebote für Schulen und Jugendliche

A professional, modern, optimistic and photorealistic illustration in a landscape format. A focused teenager stands in front of a translucent, holographic interface displaying a digital navigation map combined with floating icons of future skills (like creative thinking, empathy, and logic). The teen is interacting with the interface, symbolizing a partnership between human intuition and artificial intelligence. The atmosphere is bright and encouraging, with a color palette of deep professional blues, tech-whites, and warm accent colors. High-quality vector art style, clean lines, cinematic lighting, conceptual design for a future-oriented educational blog.Schulleitungen und Steuergruppen müssen dieses Rad nicht komplett neu erfinden. Der Markt – sowohl der staatliche als auch der private – reagiert zunehmend auf den Transformationsbedarf der Berufsorientierung. Wer das schuleigene Navigationssystem neu programmieren will, kann auf verschiedene Unterstützungssysteme zurückgreifen:

  • Die modernisierte Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit: Die Arbeitsagenturen haben ihre Beratung vor dem Erwerbsleben stark angepasst. Tools wie das kostenfreie Selbsterkundungstool „Check-U“ fokussieren sich zunehmend auf Kompetenzprofile statt auf starre Berufsbilder. Schulen können die Berufsberater gezielt anfordern, um in den Klassen nicht über Jobs von gestern, sondern über die veränderten Anforderungsprofile von morgen zu sprechen.
  • Landesmedienzentren und Qualitätsinstitute: Die staatlichen Unterstützungssysteme der Bundesländer bieten mittlerweile praxiserprobte Raster und Curriculums-Bausteine an. Hier finden Steuergruppen Leitfäden, wie das kritische Prüfen von KI-Ergebnissen oder der Erwerb von “Future Skills” direkt in Fächer wie Wirtschaft/Politik, Deutsch oder Informatik integriert werden kann.
  • Innovative EdTechs und Diagnose-Apps: Start-ups wie Aivy bieten beispielsweise spielerische, App-basierte Potenzialanalysen an. Statt Standard-Fragebögen testen Jugendliche dort ihre echten Kompetenzen (wie logisches Denken, Frustrationstoleranz oder Problemlösefähigkeit) und erhalten ein Profil, das zeigt, in welchen KI-resistenten Bereichen ihre Stärken liegen.
  • Externe Orientierungsworkshops: Anbieter wie „Mein mutiger Weg“ kommen mit Seminaren direkt in die Schulen (oft finanzierbar über Fördervereine oder Budgettöpfe zur Berufsorientierung). Ihr Fokus liegt explizit auf Persönlichkeitsentwicklung, Stärkenfindung und dem Umgang mit der紀 Unsicherheit einer volatilen Arbeitswelt – genau das, was Messen oft nicht leisten können.
  • Gemeinnützige Stiftungen: Institutionen mit Programmen wie „Zukunftsbauer“ oder der Stifterverband bieten exzellente, geförderte Materialien und Wettbewerbe an, z. B. Berufswahlpass  bzw. Berufswahlapp, Sprungbrett Online. Sie bringen Schulen mit zukunftsorientierten Unternehmen zusammen, um genau jene „Interview-Logbücher“ oder „Design-Thinking-Messen“ zu realisieren, die Anisa in meinem Beispiel genutzt hat.

Themenportale

Bereits im Kindergarten und in der Schule werden die Weichen für ein erfülltes und erfolgreiches Berufsleben gestellt. Mit vielfältigen Berufsorientierungsangeboten stärken wir junge Menschen und unterstützen sie beim Übergang von der Schule in den Beruf.

 

Berufsorientierung muss angesichts der sich rasant verändernden Arbeitswelt neue Wege gehen. Berufliche Schulen sind nah dran an diesen Veränderungen und haben oft Konzepte entwickelt, von denen auch allgemeinbildende Schulen lernen können. Wie bekommen Jugendliche einen besseren Überblick über Berufsfelder? Und wie erwerben sie Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Kreativität und Selbstorganisation, die im Berufsleben wichtig sind? Das zeigen drei Ideen von beruflichen Schulen aus dem Preisträgernetzwerk des Deutschen Schulpreises

Die Gemeinschaftsschule in der Taus in Baden-Württemberg hat für die Berufsorientierung ein besonderes Konzept, um der Arbeitswelt von morgen gerecht zu werden. Dreh- und Angelpunkt ist die „Talent Company“. Etliche Berufseinstiege der Schülerinnen und Schüler nehmen hier ihren Anfang. Doch die Vorbereitung auf das Berufsleben an der Startchancen-Schule zielt nicht nur auf die Berufswahl.

Ob Mathematik, Deutsch, Geografie, Physik, Chemie oder Kunst: Ausgerichtet an den Lehr- und Bildungsplänen der allgemeinbildenden Schulen bietet das Portal alltagsnahe, lebensweltorientierte und didaktisch fundierte Unterrichtsmaterialien, die die Themenvielfalt des Handwerks integrieren. Von Nachhaltigkeit und Klimaschutz über Digitalisierung bis hin zu innovativen Technologien – mit unserem Angebot zeigen wir, dass das Handwerk spannend, modern und überall in der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler steckt. Sofort einsetzbar im Fachunterricht, ohne, dass Lehrkräfte den verpflichtenden Lehrplan verlassen müssen! So begeistern wir Lernende von der Grundschule bis zur Abiturvorbereitung für gesellschaftsrelevante Themen und gleichzeitig für die Vielfältigkeit des Handwerks. 

Ein wichtiger Schritt für junge Erwachsene ist die Berufsorientierung. “Was möchte ich nach der Schule machen?” Diese Frage ist für viele Schüler:innen schwierig zu beantworten. Hinzu kommt, dass sich die Arbeitswelt durch technologische Innovationen wie z.B. Künstliche Intelligenz in einem starken Wandel befindet.

“Wie finde ich den passenden Beruf für mich?” – Diese Frage stellen sich wahrscheinlich die meisten eurer Schüler:innen.

Damit ihr sie bestmöglich auf diesem Weg unterstützen könnt, stellen wir euch in diesem Artikel 10 spannende Ideen zur Berufsorientierung vor.

Spoiler Alert: Während Berufsmessen und Praktika gute Möglichkeiten sind, gibt es noch viele andere Wege, den Traumberuf zu entdecken.

References

Jugendschutz auf Augenhöhe

Brücken bauen statt Mauern errichten:

Für eine vernetzte Verantwortung im digitalen Raum

 

In meinem letzten Beitrag „Aufgeklärt statt aufgeregt“ ging es um die unerträgliche Realität des sexuellen Missbrauchs im Netz. Angesichts der aktuellen, oft emotional geführten Debatte um Social-Media-Verbote nach australischem Vorbild stellt sich die dringende Frage: Wie sieht eine konstruktive Alternative aus, die Schulen nicht mit der Komplexität digitaler Dynamiken allein lässt?

Das gestrige MoMA-Streitgespräch (12. Mai 2026) zwischen Julia von Weiler und Nina Kollek[1]https://www.zdf.de/play/magazine/zdf-morgenmagazin-104/zdf-morgenmagazin-vom-12-mai-2026-100, ab ca. 1:22:10 hat diese Fronten präzise nachgezeichnet: Während von Weiler für klare Altersgrenzen plädiert, auch weil wir es seit zwei Jahrzehnten versäumt haben, sichere digitale Räume zu schaffen, warnt Kollek vor einer „Nutzerbestrafung“. Diese grenze Kinder aus, während Plattformbetreiber ihre gewinnmaximierenden Algorithmen ungestört weiterlaufen lassen.

Systemfehler lassen sich nicht wegverbieten

Dieser Diskurs führt uns zurück zu einem Kernpunkt meiner bisherigen Überlegungen: Wir dürfen die Verantwortung für systemische Fehler nicht allein auf die Schultern der Kinder und Eltern abwälzen. Wenn Julia von Weiler den digitalen Raum mit einer Bar vergleicht, in der „geraucht und gekokst“ wird, ist das ein legitimer Weckruf zur staatlichen Schutzpflicht. Doch Schutz bedeutet nicht zwangsläufig Ausschluss. Die aktuelle Datenlage verdeutlicht zwar die Dringlichkeit, zeigt aber auch die Komplexität der psychischen Belastung:

  • Über 25 % der 10- bis 17-Jährigen weisen ein riskantes oder pathologisches Nutzungsverhalten auf.
  • Ein Drittel der Jugendlichen erlebt bei der Nutzung von Social Media negative Emotionen wie Einsamkeit oder erheblichen Stress.

Gegen diese Suchtdynamiken hilft kein simples Verbot, das laut UNICEF-Umfragen ohnehin 88 % der Jugendlichen für wirkungslos halten. Kinderschutz gelingt nicht durch Verbannung. Die reine Abwesenheit von Technologie ist keine Lösung; vielmehr braucht es die Anwesenheit kompetenter Bezugspersonen, die Medienkompetenz aktiv begleiten.

Stimmen aus dem Ausland

Der Bildungsexperte Zach Groshell weist darauf hin, dass pauschale Verbote die entscheidende pädagogische Frage ignorieren: Wie und mit welchen Zielen wird Technologie eingesetzt? Nur eine sorgfältig gestaltete Nutzung, eingebettet in menschliche Beziehungen und systematische Instruktion, ermöglicht echte Lernerfolge. [2]https://mrzachg.substack.com/p/a-screen-isnt-human-neither-is-a?r=1hg4l1

Carl Hendrick unterstreicht dies aus sozialpsychologischer Perspektive: Verbote verändern nicht die sozialen Realitäten. Wenn ein Verbot nicht von einer Veränderung der Peer-Normen und attraktiven Alternativen begleitet wird, entzieht man Jugendlichen lediglich den Schutz, den nur vertrauensvolle Bezugspersonen mit Know-how bieten können. Wir müssen den Fokus auf die Befähigung zur Selbstregulation legen.[3]https://carlhendrick.substack.com/p/the-problem-with-banning-social-media

Vorbild Bremen: Expertise bündeln

Wie kann das konkret aussehen? Ein wegweisendes Beispiel liefert derzeit das Bremer Präventionsprojekt #Aufgeklärt![4]https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/35235/6264460 vom 30.04.2026 Hier zeigen das Innenministerium und die Bildungsbehörde, wie interdisziplinäre Synergien funktionieren: Anstatt die Last allein den Lehrkräften aufzubürden, wird Fachwissen aus der polizeilichen Ermittlungspraxis direkt in den Bildungsalltag integriert. Es geht nicht um Zuständigkeiten, sondern um die Bündelung von Expertise für einen sicheren Entwicklungsraum.

Dass dieser Weg der Befähigung nachhaltiger ist, zeigt die Zielgruppe selbst. Zwei Bremer Schüler entwickelten im Rahmen von „Jugend forscht“ eine App „Socialhope“, um ihre Bildschirmzeit eigenverantwortlich zu managen. Anstatt auf externe Restriktionen zu warten, setzen sie auf Selbstwirksamkeit.[5] jQuery('#footnote_plugin_tooltip_323364_4_5').tooltip({ tip: '#footnote_plugin_tooltip_text_323364_4_5', tipClass: 'footnote_tooltip', effect: 'fade', predelay: 0, fadeInSpeed: 200, delay: 400, fadeOutSpeed: 200, position: 'top center', relative: true, offset: [-7, 0], });">https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/jugend-forscht-bildschirmzeit-app-bremen-100.html))Das korreliert mit dem Whitepaper des Deutschen Schulportals:[6]https://deutsches-schulportal.de/handy-aus-hirn-an-was-wir-ueber-die-handungsnutzung-und-das-lernen-wissen/ Jugendliche nehmen ihren Erreichbarkeitsstress durchaus wahr: Jeder Dritte gibt an, ohne Smartphone nervös zu werden.

Meine Folgerungen: Vier Säulen für die Zukunft

Fotorealistische Darstellung einer kooperativen Gruppe von drei Erwachsenen und drei Jugendlichen, die in einem hellen Schulmedienraum gemeinsam an einem runden Tisch ein Konzept für digitale Medienbildung erarbeiten. Im Hintergrund ist ein Whiteboard mit den Säulen Kooperation, Begleitung, Regulierung und Partizipation zu sehen. Die Szene vermittelt eine authentische Atmosphäre von Zusammenarbeit auf Augenhöhe.Um Schulen in dieser Mammutaufgabe nicht allein zu lassen, brauchen wir eine landesweite Infrastruktur:

  • Interdisziplinäre Kooperation als Standard: Das Bremer Modell muss verstetigt werden. Expertenteams sollten Schulen dauerhaft bei Themen wie Cybergrooming oder algorithmischer Manipulation unterstützen.
  • Pädagogische Rahmung statt Abstinenz: Handynutzung sollte gezielt in den Unterricht integriert werden, um Reflexion anzustoßen. Medien sind keine „Babysitter“, sondern Werkzeuge.
  • Plattform-Regulierung mit Biss: „Safety by Design“ muss Pflicht werden. Der europäische Digital Services Act (DSA) ist ein Anfang, wirkt aber gegen die Macht der Konzerne bisher wie ein stumpfes Schwert. Wir müssen die Mechanismen (Endlos-Feeds, Push-Terrors) regulieren, nicht nur das Alter der Nutzer.
  • Partizipation der Jugend: Die Expertise von Jugendlichen muss in die Entwicklung von Schutzkonzepten einfließen. Sie sind die Experten ihrer Lebenswelt. Und, laut UNICEF-Umfrage: 84% der Jugendlichen wünschen sich Inhaltsfilter für ungeeignete Inhalte. 80% befürworten standardmäßige Privatsphäreeinstellungen wie private Profile und eingeschränkter Kontakt durch Fremde. Zahlen, die man nicht ignorieren darf, oder?

Fazit: Wir schützen unsere Kinder nicht durch digitale Mauern, sondern durch starke Brücken. Es ist an der Zeit, dass die Kultusministerien die pädagogische Führung übernehmen. Wir brauchen keine „digitalen Sperrstunden“, sondern einen sicher gestalteten Schutzraum, in dem Kinder lernen, sich mündig und souverän zu bewegen.gleitet werden.

… stay tuned …

Bildnachweis

Titelbild: Gerd Altmann @pixabay

Bild im Schlussabschnitt:

@Gemini 3 Flash Image, mit diesem Prompt: Eine hochwertige, fotorealistische Reportage-Fotografie im Landscape-Format (16:9). Eine diverse Gruppe von sechs Personen – drei zivil gekleidete Erwachsene (ca. 30–50 Jahre) und drei Jugendliche (ca. 15–17 Jahre) – sitzt und steht konzentriert um einen großen, runden Holztisch in einem hellen, modernen Workshop-Raum. Alle Erwachsene tragen normale Alltagskleidung (z.B. Blazer, Hemden, Strickpullover), keine Uniformen sind sichtbar. Sie sind sichtlich als verschiedene Bezugspersonen erkennbar. Auf dem Tisch liegen Laptops, Tablets, Notizbücher und Post-its.

 

Hintergründe, Analysen

ZDF

In einer Münchner Schule berichten Kinder schonungslos von Schlaflosigkeit, Gewaltvideos, Stress – verursacht durch Daueronlinezeit. Breyer spricht mit Ermittlern, Insidern und Betroffenen und recherchiert undercover, wie Plattformen Inhalte steuern.

anlässlich

NDR

Social Media für alle – ist das in Deutschland bald auch Vergangenheit? SPD und CDU sprechen sich für eine gesetzliche Altersgrenze ab 14 Jahren aus. Das Bundesbildungsministerium lässt derzeit mögliche Schritte durch eine Expertenkommission prüfen. Doch wird hier wirklich im Sinne der Betroffenen gehandelt?

Der Spiegel

Die Social-Media-Probleme von Jugendlichen durch Verbote lösen? Keine gute Idee, findet der Aktionsrat Bildung und fordert stattdessen mehr Social Media im Unterricht. Neben dem Bildungssystem müssten sich auch viele Eltern ändern.

FAZ

SZ

WELT

ZEIT

 

Blogbeiträge

Früher als gedacht legt die unabhängige Expertenkommission “Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt” ihre Bestandsaufnahme vor. Ihre Empfehlungen folgen im Juni, doch schon jetzt ist die Botschaft klar: Wer die Probleme lösen will, muss an Strukturen arbeiten – sonst bleibt jedes Social-Media-Verbot Symbolpolitik.

Kommentar/Buchrezension Nina Kolleck: Der Kampf in den Köpfen

Material-Tipps für Ihre Schule

Lernende Systeme (Berlin, München)

Künstliche Intelligenz prägt zunehmend den Alltag von Kindern und Jugendlichen – oft lange bevor sie die Technologie selbst verstehen oder kritisch einordnen können. Bereits Grundschulkinder begegnen KI in Lern-Apps, sozialen Netzwerken, Chatbots, digitalen Spielzeugen oder Streamingplattformen. Damit wächst nicht nur das Potenzial für Bildung und Teilhabe, sondern auch die Herausforderung, Kinder im digitalen Raum wirksam zu schützen und zu begleiten. Ein aktuelles Whitepaper der Plattform Lernende Systeme zeigt: Der Umgang mit KI ist längst keine rein technische Frage mehr. Es geht der Frage nach, welche rechtlichen, pädagogischen und gestalterischen Rahmenbedingungen notwendig sind, um einen sicheren und selbstbestimmten Umgang zu ermöglichen. Das Whitepaper betont zugleich die Potenziale von KI für Bildung und Inklusion. Richtig eingesetzt können KI-Systeme individuelle Lernwege unterstützen, Barrieren abbauen und den Zugang zu Wissen erleichtern.

Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen

Auf dieser Seite können Sie sich zur digitalen Fortbildung „Was ist los mit Jaron?“ anmelden. Die interaktive Fortbildung richtet sich an Lehrkräfte und andere schulische Beschäftigte wie Erzieher*innen, Mitarbeiter*innen der Schulsozialarbeit oder des Schulpsychologischen Dienstes. Sie ist ein wichtiger Schritt zu gelingendem Kinderschutz in Schulen.

internet-abc

Polizei Bremen

Klicksafe

DigiBits

Meldestellen - Wichtige Telefonnummern

Meldestellen für unangemessene Inhalte

  • jugendschutz.net
  • internet-beschwerdestelle.de
  • fsm.de

Wichtige Telefonnummern

  • 0800–111 0 550 – Elterntelefon der Nummer gegen Kummer
  • 08000–116 016 – Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen
  • 0800–2 800 200 – Suchtfragen Kindes- und Jugendalter

Aufgeklärt statt aufgeregt.

Warum wir in der digitalen Erziehung umdenken müssen

Die Nutzung von Smartphones gehört für Kinder und Jugendliche längst zum Alltag. Gleichzeitig wachsen die Sorgen: Cybermobbing, Datenschutz, Suchtverhalten. In einem früheren Beitrag habe ich beschrieben, wie schnell Kinder im digitalen Raum allein gelassen werden. Diese Räume folgen eigenen Regeln: Kommunikation verlagert sich in geschlossene Gruppen, Inhalte verschwinden, Algorithmen strukturieren die Wahrnehmung – oft völlig unbemerkt.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH zeigt[1]https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/medienkompetenz: Fast alle Kinder nutzen digitale Medien. Zwar fühlen sich 74 Prozent der Eltern insgesamt gut informiert, doch bei genauerem Hinsehen stellt sich eine entscheidende Frage: Worauf gründet dieses Gefühl eigentlich? Denn „gut informiert“ heißt nicht automatisch: handlungssicher.

Aus der Fortbildungspraxis ergibt sich ein klares Bild: Viele Eltern bewegen sich nicht auf Augenhöhe mit ihren Kindern. Rund die Hälfte der Befragten nennt das Durchsetzen von Regeln sowie den Überblick über Inhalte als größte Herausforderung. Für viele Erwachsene bleibt diese Welt schlicht unsichtbar.

Wenn die Dynamik eskaliert: Ein Fallbeispiel

Wie schnell eine Situation entgleiten kann, zeigt dieser kürzlich gepostete Thread von „Good Think Hunting“:[2]https://bildung.social/deck/@goodthinkhunting@mastodon.social/116390672290726936

Der Vorfall:

5. Klasse, Übernachtungsparty. Junge B fotografiert Junge C auf der Toilette. Junge A macht daraus einen Sticker (Bauchnabel bis Knie) und schickt ihn an Junge B. Dieser leitet ihn weiter. Die Mutter von Junge C erfährt davon. Junge A entschuldigt sich bei Junge C und bittet alle, das Bild zu löschen. Doch die Dynamik ist nicht mehr zu stoppen: Das Bild landet im Klassenchat. Selbst als die Lehrerin interveniert, geht es weiter: Ein krankes Kind fragt nach, was passiert sei – und Junge C postet den Sticker zur „Aufklärung“ selbst erneut.

Begleitung statt Verbot: Der Impuls von Madita Oeming

Wir begleiten unsere Kinder durch eine Lebensphase, die wir selbst so nie erlebt haben. Während wir früher draußen „unauffindbar“ waren, sind unsere Kinder heute permanent online. Genau hier setzt Madita Oeming mit ihrem Buch „Aufgeklärt statt aufgeregt“ an.

Ihr Plädoyer: Begleitung statt Abschottung. Verbote führen oft dazu, dass Kinder Inhalte heimlich konsumieren. Ohne Orientierung und ohne Vertrauensbasis. Oeming versteht die „digitale Pubertät“ als Phase, die aktiv begleitet werden muss.

Ein zentraler Gedanke dabei ist der Respekt vor der Privatsphäre:

Ein offener und ehrlicher Umgang ist entscheidend. Dazu gehört auch, nicht heimlich ins Handy von Ihrem Kind zu schauen. Sollte das aus einem wichtigen Grund nötig sein, weil zum Beispiel etwas vorgefallen ist, dann sagen Sie: «Wir müssen da jetzt mal zusammen reinschauen, damit ich mir ein Bild machen und dir helfen kann.» Das Smartphone Ihres Kindes ist wie ein detailreiches digitales Tagebuch und unterliegt der Privatsphäre. Respektieren Sie diese genauso, wie Sie sich das auch für sich wünschen. (S. 204)

Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend. Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Vertrauen und um transparente Kommunikation, gerade dann, wenn Eingreifen notwendig ist.

Worum es wirklich geht: Aufklärung in sensiblen Bereichen

Die Stärke des Buches liegt im Umgang mit Themen wie Cybergrooming, Pornografie und Deepfakes. Aktuelle Befunde zeigen[3]dem Podcast https://hakendran.podigee.io/559-internetfreier-sonntag-mit-saskia-rossner entnommen, dass bereits die Hälfte der 11- bis 13-Jährigen Kontakt mit pornografischen Inhalten hatte. Wo Erwachsene aus Unsicherheit schweigen, übernehmen Algorithmen oder fragwürdige Akteure die Aufklärung, ohne Wertebezug und ohne Schutzperspektive.

Das Buch macht Eltern sprachfähig. Es liefert:

  • Konkrete Gesprächseinstiege und Formulierungsbeispiele
  • Wissenschaftliche Fakten zu Mythen
  • Orientierung in rechtlichen Grauzonen (z. B. Sexting)

Was das für Eltern und Schulen bedeutet

Wir müssen verstehen, bevor wir bewerten. Es geht nicht mehr um Kontrolle, sondern darum, Anschluss zu halten. Das bedeutet auch, eigene Unsicherheiten zuzulassen.

Für Eltern heißt das:

  • Gespräche aktiv suchen – auch zu unangenehmen Themen
  • Regeln gemeinsam entwickeln statt nur vorgeben
  • Interesse zeigen, ohne permanent zu kontrollieren

Für Schulen bedeutet es:

  • Elternarbeit neu denken: weniger Frontalinformation, mehr Austauschformate
  • reale Nutzungsszenarien sichtbar machen (z. B. durch Fallbeispiele oder Workshops)
  • Schülerinnen und Schüler aktiv einbeziehen, statt nur über sie zu sprechen

Reine Informationsabende reichen oft nicht aus. Wir brauchen Formate, die Einblicke geben, Beteiligung ermöglichen und Vertrauen aufbauen.

Bewetung des o.g. Fallbeispiels

Was von @GoodThinkHunting berichtet wird, ist aus juristischer Sicht hochproblematisch. Bereits das Fotografieren einer Person in einer intimen Situation kann eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs darstellen (§ 201a StGB). Spätestens mit der Weiterverbreitung des Bildmaterials verschärft sich die Lage erheblich. Es kann als strafrechtlich relevanter Inhalt eingeordnet werden. Im schlimmsten Fall steht der Vorwurf im Raum, kinderpornografisches Material zu verbreiten (§ 184b StGB).

Entscheidend ist dabei nicht die Absicht der Kinder („war doch nur Spaß“), sondern die objektive Wirkung und Verbreitung des Materials. Damit geraten selbst Schülerinnen und Schüler schnell in einen Bereich, der strafrechtliche Konsequenzen haben kann.

Aufklärung muss auch die rechtlichen Dimensionen einschließen; verständlich, altersangemessen und ohne Angst zu schüren. 

Schlussbemerkungen

Der Beitrag macht deutlich: Wir haben es nicht mit Einzelfällen oder „Ausrutschern“ zu tun, sondern mit strukturellen Herausforderungen einer digitalen Lebenswelt, die rechtlich hochsensibel ist.

Für mich wirkt die aktuelle Debatte um pauschale Handyverbote oft wie eine vermeintlich einfache Antwort auf ein komplexes Problem. Doch können Verbote tatsächlich das leisten, was an Aufklärung und Begleitung fehlt?

Genau dieser Frage widmet sich der nächste Beitrag – mit einem Blick auf politische Konzepte, Altersgrenzen und ihre Grenzen.

… stay tuned …

Update

Mit Künstlicher Intelligenz (KI) lassen sich mühelos täuschend echte Nacktbilder oder Pornovideos erstellen. An Schulen in Niedersachsen sorgt das zunehmend für Mobbing. Eine Schülerin unterstützt Betroffene.

Der Film begleitet Minderjährige in ihrem Alltag und zeigt ihre Erfahrungen mit expliziten Inhalten – ob gewollt oder ungewollt. Expertinnen und Experten ordnen die Auswirkungen ein und geben verständliche Orientierung.
“Generation Porno – Was unsere Kinder online sehen” erzählt die Geschichten junger Menschen – von ersten Kontakten mit pornografischen Inhalten bis hin zu den Folgen für Selbstbild, Beziehungen und Sexualität. Der Film verbindet persönliche Einblicke Jugendlicher mit wissenschaftlicher Perspektive.

 

Bildnachweis:

@Gemini 3 Flash Image. Der Prompt ist so konzipiert, dass er die „digitale Lebenswelt“ visualisieren soll: Ein Jugendlicher, der völlig in sein Handy vertieft ist, wobei das Licht des Displays die einzige echte Lichtquelle ist. 

Weitere Zugänge zur Autorin

Yasmina Ramdani arbeitet an Schulen in Thüringen zu digitaler sexualisierter Gewalt. Sie erlebt viel Naivität – nicht nur bei Schüler:innen.

sowie diese beiden Deutschlandfunk-Kultur-Beiträge:

und Podcastauftritte der Autorin…

Ihre Lieblingsseiten der Autorin:

  • klicksafe.de
  • schau-hin.info
  • gutes-aufwachsen-mit-medien.de
  • medien-kindersicher.de
  • act-on.jff.de
    Material-Tipps für Ihre Schule

    Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen

    Auf dieser Seite können Sie sich zur digitalen Fortbildung „Was ist los mit Jaron?“ anmelden. Die interaktive Fortbildung richtet sich an Lehrkräfte und andere schulische Beschäftigte wie Erzieher*innen, Mitarbeiter*innen der Schulsozialarbeit oder des Schulpsychologischen Dienstes. Sie ist ein wichtiger Schritt zu gelingendem Kinderschutz in Schulen.

    internet-abc

    Polizei Bremen

    Klicksafe

    DigiBits

    Meldestellen - Wichtige Telefonnummern

    Meldestellen für unangemessene Inhalte

    • jugendschutz.net
    • internet-beschwerdestelle.de
    • fsm.de

    Wichtige Telefonnummern

    • 0800–111 0 550 – Elterntelefon der Nummer gegen Kummer
    • 08000–116 016 – Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen
    • 0800–2 800 200 – Suchtfragen Kindes- und Jugendalter

    References

    References
    1 https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/medienkompetenz
    2 https://bildung.social/deck/@goodthinkhunting@mastodon.social/116390672290726936
    3 dem Podcast https://hakendran.podigee.io/559-internetfreier-sonntag-mit-saskia-rossner entnommen

    Schule 2026+: Ein Curriculum als Navigationssystem

    Die letzten Wochen waren geprägt von intensiven Diskussionen, Lektüren und Podcasts zur Zukunft von Bildung. Mir haben die unterschiedliche Perspektiven aus Fachdidaktik, Zukunftsforschung, Medienphilosophie und Soziologie bestätigt: Wir haben verstanden, was sich ändern muss. Was fehlt, ist die Orientierung für konsequentes Handeln, unter Bedingungen wachsender Komplexität. In meinem letzten Beitrag „Schule im Umbruch: Warum wir jetzt handeln müssen“ habe ich dafür plädiert, Schulentwicklung konsequent vom Denken ins Handeln zu überführen. Die Rückmeldungen auf diesen Beitrag haben gezeigt, dass dieser Perspektivwechsel grundsätzlich geteilt wird, gleichzeitig aber eine neue Frage aufwirft: Woran genau soll sich dieses Handeln eigentlich orientieren?

    Antworten finden sich (u.a.) in den Podcasts mit Maja Göpel/Hartwin Maas[1]https://www.youtube.com/watch?v=X1tRC7pzBok, Roberto Simanowski[2]https://www.ardmediathek.de/video/swr1-leute/prof-roberto-simanowski-oder-medienphilosoph-oder-gefahr-durch-ki-wie-chatgpt-und-gemini-unser-gehirn-veraendern/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIzMTIyNjU, Harald Lesch/Aladin El-Mafaalani[3]https://www.youtube.com/watch?v=WOMW51H15eQ, Alexander Brand im Mathematikcast[4]https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/dreisatz-der-mathematikcast/folge-35-ein-blick-ueber-den-tellerrand-was-wir-von-den-pisa-gewinnern-lernen-koennen-mit-alexander-brand-10393906/, im Fachartikel von Alessandro[5]https://alessandroaledo.substack.com/p/vom-lehrwerk-zur-lernaufgabe-schulinterne sowie aus einem Interview von Andreas Schleicher zur Berufsorientierung[6]https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/berufsvorbereitung-pisa-andreas-schleicher-es-fehlt-an-gelegenheiten-echte-arbeitswelten-zu-erleben/. Sie zeigen aus unterschiedlichen Perspektiven ein gemeinsames Problem: Schülerinnen und Schüler fehlt es nicht nur an Tiefe im Lernen, sondern zunehmend auch an Orientierung in einer komplexen, sich schnell verändernden Welt.

    Vor diesem Hintergrund gewinnt das schulinterne Curriculum eine neue Bedeutung, eben als bewusst gestaltetes Navigationssystem: als gemeinsame Verständigung darüber, welche Kompetenzen, Denkweisen und Erfahrungen für Schülerinnen und Schüler unter den Bedingungen von 2026+ tatsächlich unverzichtbar sind. Wir brauchen heute eine gemeinsame Verständigung darüber, was in einer Welt des „kognitiven Outsourcing“, wie es Hartwin Maas beschreibt, tatsächlich unverzichtbar bleibt. Ein schulinternes Curriculum darf daher kein staubiges Ablagedokument sein; es muss zum lebendigen Navigationssystem werden, das Lehrkräften und Schülern gleichermaßen Orientierung bietet.

    Der folgende Beitrag greift diese Perspektive auf und konkretisiert sie. Im Zentrum steht die Frage, wie ein solches Curriculum aussehen kann; nicht als abstraktes Konzept, sondern als verbindliche Orientierung für Unterricht in der Praxis.

    Gesucht ist: ein Navigationssystem

    Ein Navigationssystem beantwortet drei Fragen: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Und welche Route ist unter realen Bedingungen gangbar?

    Tiefenkompetenz: Denken aushalten

    Dieses Navigationssystem setzt im Kern bei der Tiefenkompetenz an. In einer Zeit, in der Sprachmodelle auf Knopfdruck den „kulturellen Schmelztiegel“ bedienen und vor allem den Mittelwert unseres Wissens reproduzieren, wird etwas anderes knapp: das eigenständige Durchhalten komplexer Denkprozesse. Wenn wir zulassen, dass Aufgaben nur noch auf das Ergebnis schielen, delegieren wir Bildung an Algorithmen. Ein zukunftsfähiges Curriculum muss daher Räume schützen, in denen Zusammenhänge aktiv konstruiert und Probleme eigenständig strukturiert werden. Das bedeutet auch den Mut zur analogen Rückbindung und zu Phasen bewusster Konzentration, um der drohenden Oberflächlichkeit entgegenzuwirken.

    In der Mathematikdidaktik zeigt sich das im Primat der kognitiven Aktivierung. Eine gute Aufgabe erkennt man nicht daran, dass sie lösbar ist, sondern daran, dass sie zum Denken zwingt. Es ist zweitrangig, ob wir analog oder digital arbeiten – entscheidend ist, dass die Aufgabe nicht nur ein Verfahren abspult.

    In Anlehnung an erfolgreiche Modelle aus dem Ausland (Singapur, Japan) stehen bei unseren Überlegungen die folgenden Aspekte im Mittelpunkt:

      • Statt künstlicher Differenzierung durch Senkung des Niveaus setzen wir auf „Scaffolding“ (Gerüstebau). Alle Lernenden arbeiten an komplexen, problemorientierten Aufgaben, erhalten aber unterschiedliche Unterstützungswerkzeuge, um die Hürden zu nehmen.
      • Unterricht wird zur Bühne für verschiedene Lösungswege. Es geht nicht mehr um das eine richtige Ergebnis, sondern um das Vergleichen, Begründen und Verknüpfen unterschiedlicher Strategien.
      • Kurze, formative Formate wie Exit Tickets oder Whiteboard-Abfragen ersetzen das bloße „Durchnehmen“ von Stoff durch eine gezielte Begleitung des Lernstands.

    Reflexionskompetenz: Wissen hinterfragen

    Damit untrennbar verbunden ist die Reflexionskompetenz. Es geht nicht mehr nur darum, Medien zu bedienen, sondern die Architektur des algorithmisch erzeugten Wissens zu hinterfragen. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, die feinen Unterschiede zwischen eigenen Gedanken und generierten Antworten nicht nur zu erkennen, sondern diese Spannung auszuhalten. Diese Form der „Epistemic Resilience“ ist das Fundament, auf dem Handlungskompetenz erst entstehen kann. Wie Aladin El-Mafaalani treffend analysiert, wächst die gesellschaftliche Komplexität schneller als unsere Bewältigungsstrategien. Schule muss hier zum sicheren Übungsfeld für Entscheidungen unter Unsicherheit werden.

    Handlungskompetenz: Wirksam werden

    Der wohl stärkste Hebel für diese Veränderung liegt jedoch nicht in neuen Lehrplänen, sondern in einer radikalen Neuausrichtung der Leistungsbewertung. Solange wir überwiegend reproduzierbares Wissen prüfen, prüfen wir das, was Maschinen besser können als Menschen. Das heißt: Der Fokus muss konsequent vom Produkt auf den Prozess verschoben werden. Die Dokumentation von Denkwegen, die Begründung von Korrekturschleifen und der reflektierte Umgang mit Werkzeugen müssen zum Kern der Bewertung werden. Erst wenn der Weg zum Ziel an Bedeutung gewinnt, wird Leistung wieder als eigene, unvertretbare Wirksamkeit erfahrbar. 

    In den Sprachen bedeutet die Orientierung an 2026+ den konsequenten Schritt „Vom Lehrwerk zur Lernaufgabe“. In einer Welt, in der DeepL und ChatGPT perfekte Grammatik liefern, verschiebt sich der Fokus:

      • Das Schulbuch ist nicht mehr der Taktgeber, sondern eine Ressource. Im Zentrum steht die reale Sprachhandlung: Projekte, die über den Klassenraum hinauswirken und Schülern die Erfahrung von Selbstwirksamkeit in der Zielsprache ermöglichen.

    Wenn die KI den Text glättet, wird die Reflexion darüber zum eigentlichen Lernimpuls: „Warum hat die KI diese Wendung gewählt? Entspricht das meiner Intention?“ Die Sprache wird so zum Werkzeug der Identitätsbildung, nicht zur Simulation von Kompetenz.

    Fokus: Berufsorientierung

    Diese Wirksamkeit findet ihre Bestimmung schließlich in einer neuen Form der Berufsorientierung, die Andreas Schleicher mahnend einfordert. Sie darf kein isoliertes Projekt am Rande des Stundenplans sein, sondern muss das Ziel des fachlichen Lernens bilden. Wenn mathematische Modellierungen oder ethische Debatten in reale Kontexte der Arbeitswelt eingebettet werden, verliert Schule ihren Charakter als künstlicher Schonraum. Orientierung entsteht nicht durch Information, sondern durch Erfahrung und die systematische Reflexion eigener Stärken gegenüber den Möglichkeiten der Maschine. Diese Verbindung von Fachunterricht und realen Anwendungsfeldern ist keine Zusatzaufgabe – sie ist die Antwort auf die Frage, wofür wir heute lernen.

    Damit aus diesen Leitlinien konkrete Schulentwicklung wird, braucht es eine zeitliche Perspektive. Die folgende Übersicht zeigt, wie sich die Ankerpunkte unseres Navigationssystems über die verschiedenen Jahrgangsstufen hinweg konkretisieren lassen. Sie folgt dem Primat: Bevor wir in die Welt hinausgehen (BO), müssen wir das Werkzeug beherrschen (Basis)…

     

    Phase Tiefenkompetenz (Denken lernen) Reflexionskompetenz (Verstehen lernen) Handlungskompetenz (Basis & Orientierung)
    Sek I
    (5–7)
    Analoges Fundament: Aufbau kognitiver Ausdauer (Deep Work). Fokus auf Lesen, Schreiben & Problemlösen als „Gehirntraining“ ohne KI-Abkürzung. Metakognition: „Wie lerne ich?“ – Bewusstsein für den eigenen Lernprozess und die Konzentrationssteuerung entwickeln. Soziale Basis: Kooperation & Selbstwirksamkeit im geschützten Raum. Klassenrat, Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen.
    Sek I
    (8–10)
    Hybrides Arbeiten: Gezielter Wechsel zwischen KI-Assistenz und Eigenleistung. Komplexität in MINT- und Gesellschaftsfächern aushalten. Digitale Souveränität: Architektur von Algorithmen verstehen. Vergleich Mensch vs. Maschine; Erkennen von Bias und „Halluzinationen“. BO-Start & Transfer: Praktika & Expertenbesuche. Fachspezifische Lernszenarien (z. B. in PoWi oder BNE) mit realen Arbeitsaufträgen aus der Praxis.
    Sek II
    (11–13)
    Wissenschaftspropädeutik: Komplexe Fachgebiete eigenständig durchdringen. Abstraktionsfähigkeit und Transfer auf hohem Niveau. Epistemic Resilience: Reflexion über Wahrheit und Wissen in der Infosphäre. Ethische Bewertung technologischer Entwicklungen. Profilschärfung: Verknüpfung von Fachinhalten mit Berufsfeldern. MINT-Projekte oder Wirtschaftssimulationen; Abgleich eigener Stärken mit dem Arbeitsmarkt 2026+.
    Übergang Autonomie: Völlig eigenständige Wissensaneignung und Problemstrukturierung in neuen Kontexten. Strategie: Bewusste Entscheidungskompetenz bezüglich eigener Lernpfade und Lebensentwürfe. Entscheidungsreife: Begründete Wahl von Studium/Beruf. Souveräner Umgang mit Unsicherheit und sich wandelnden Berufsbildern.

    Didaktische Umsetzung

    Ein Curriculum, das als Navigationssystem verstanden wird, bleibt ohne eine klare didaktische Umsetzungsebene unvollständig. Es braucht ein Modell, das Orientierung gibt, ohne zu überfrachten. Und, vor allem: anschlussfähig für unterschiedliche Fächer, Jahrgänge und nicht zuletzt für unterschiedlich digital affine Kollegien.

    Ein bewährter Ansatz ist der kompetenzorientierte Lehr-Lernzyklus. Ich habe ihn viele Jahre selbst praktiziert und in Fortbildungen vermittelt. Er strukturiert Unterricht als wiederkehrende Abfolge von fünf Handlungsfeldern:

    1. Lernen vorbereiten und initiieren
    2. Lernwege eröffnen und gestalten
    3. Orientierung geben und erhalten
    4. Kompetenzen stärken und erweitern
    5. Lernen bilanzieren und reflektieren

    Dieses Modell kann als einfache Struktur dienen, um Unterrichtseinheiten zu planen und zugleich Präsenz- und Selbstlernphasen sinnvoll miteinander zu verbinden. Es lässt sich flexibel an Fächer, Jahrgänge und schulische Rahmenbedingungen anpassen und unterstützt damit die Umsetzung eines curricularen Gesamtkonzepts, ohne dieses zu überfrachten.

    Wer den Ansatz weiter vertiefen und mit konkreten Beispielen aus der Praxis unterlegen möchte, findet eine ausführlichere Darstellung hier:

    Hybrides Lernen – Blended Learning: Blaupausen

    Schlussbemerkung

    Ein solches Curriculum entsteht nicht durch Vorgaben, sondern durch Haltung: durch die Entscheidung eines Kollegiums, Gestaltungsspielräume zu nutzen, statt im Mangel zu verharren.

    Die Zukunft der Schule entscheidet sich nicht in visionären Papieren, sondern in der täglichen Entscheidung eines Kollegiums, welche Kompetenzen wir für unersetzlich erklären – und wie wir die Fachschranken öffnen, um echtes Handeln in einer komplexen Welt zu ermöglichen.

    Dieses Navigationssystem für 2026+ ist kein fertiges Produkt, das man einfach „ausrollen“ kann. Es ist eine Haltung und ein Prozess, der an jeder Schule – passend zum jeweiligen Standort – neu mit Leben gefüllt werden muss.

    Wenn Sie diesen Weg von der Analyse ins konkrete Handeln an Ihrer Schule gemeinsam gehen wollen, unterstütze ich Sie gerne dabei:

    • Fortbildungen & Workshops: Wie gestalten wir kognitiv aktivierende Aufgaben in den Fachschaften? Wie verändern wir die Leistungsbewertung konkret?
    • Schulentwicklungs-Coaching: Wie machen wir das schulinterne Curriculum zum lebendigen Steuerungsinstrument?
    • Impulsvorträge: Ein tieferer Einblick in die Bedingungen von Bildung unter dem Vorzeichen von KI und kognitivem Outsourcing.

    Lassen Sie uns den Austausch vertiefen. Ich freue mich über Ihre Nachricht oder eine Einladung zu einem gemeinsamen Diskurs – ob digital oder vor Ort.

    Im Gespräch weiterdenken

    … Stay tuned …

    Bildnachweis:

    Nano Banana 2 / Nano Banana Pro. Prompt: Ich suche für meinen neuen Blogbeitrag ein Teaserbild im Landscape Format. Hier der Gedankengang des Tools.

    Schule im Umbruch: Warum wir jetzt handeln müssen

    Unter der Überschrift „Von der Analyse zum Handeln“ habe ich im Januar dafür plädiert, die zahlreichen vorliegenden Erkenntnisse zur Schul- und Unterrichtsentwicklung konsequenter in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Die Diagnose ist eindeutig: Wir wissen viel über wirksamen Unterricht, über die Bedeutung von Daten für die Schulentwicklung und über notwendige Veränderungen in der Leistungsbewertung.

    Die Rückmeldungen auf diesen Beitrag haben eine zentrale Spannung sichtbar gemacht: das Verhältnis zwischen langfristiger Zielorientierung und kurzfristiger Handlungsfähigkeit. Langfristige Zielmarken – etwa mit Horizonten bis 2035 – können Orientierung geben. Problematisch werden sie jedoch, wenn sie notwendige Entscheidungen im Hier und Jetzt ersetzen.

    Die Dynamik aktueller Entwicklungen – insbesondere durch Künstliche Intelligenz – macht deutlich, dass es nicht mehr ausreicht, Wirkung erst in weit entfernten Zieljahren zu überprüfen. Neben langfristigen Perspektiven braucht es verbindliches Handeln in kurzen Lernzyklen, klare Zuständigkeiten und eine konsequente Nutzung von Daten zur Nachsteuerung. Entscheidend sind überprüfbare Schritte in überschaubaren Zeiträumen.

    Aktuelle Debattenformate, wie der Podcast zur „Schule der Zukunft“ und die begleitenden Experteneinschätzungen, wirken vor diesem Hintergrund fast irritierend vertraut. Sie benennen präzise bekannte Probleme: überladene Lehrpläne, eine auf Reproduktion ausgerichtete Prüfungskultur, fehlende Individualisierung und zu wenig Zusammenarbeit im Kollegium.

    Die zentrale Frage lautet nämlich nicht mehr, ob sich die Schule verändern muss, sondern wie schnell wir bereit sind, bestehende Routinen zu hinterfragen.

    Lehrplandebatte

    Ein besonders prägnantes Beispiel für die Verschiebung von Verantwortung ist die Lehrplandebatte.

    Ein häufiges vorgebrachtes Argument lautet, dass grundlegende Veränderungen ohne neue, entschlackte Lehrpläne kaum möglich seien. So plausibel das klingen mag, so groß ist die Gefahr, Verantwortung zu verlagern. Weg von der Einzelschule, hin zur Bildungspolitik.

    Ein nüchterner Blick auf die Praxis zeigt jedoch, dass Lehrpläne nie vollständig „abgearbeitet“ werden. Es findet immer eine Auswahl und Gewichtung statt – meist jedoch implizit und wenig abgestimmt. Genau hier liegt ein entscheidender Handlungsspielraum. Die zentrale Frage ist daher nicht nur, was im Lehrplan steht, sondern auch was im Unterricht tatsächlich priorisiert wird.

    Damit gewinnt das schulinterne Curriculum eine neue Bedeutung – nicht als formales Dokument, sondern als Instrument kollektiver Verständigung. Ausgangspunkt kann eine einfache, aber anspruchsvolle Leitfrage sein:

    Welche Inhalte und Kompetenzen sind für unsere Schülerinnen und Schüler unter den Bedingungen einer zunehmend LLM-geprägten Lernumgebung wirklich unverzichtbar?

    Eine ernsthafte Auseinandersetzung damit erfordert den Mut zur Priorisierung – und schafft zugleich die Voraussetzung für vertiefendes, kompetenzorientiertes Lernen.

    Erst auf dieser Grundlage lässt sich auch der Einsatz von Sprachmodellen sinnvoll klären: nicht als Beschleuniger von Ergebnissen, sondern als Werkzeug zur Unterstützung von Lernprozessen.

    Nicht 2035!

    Die Diskussion um die „Schule der Zukunft“ greift zu kurz, wenn sie sich nur auf langfristige Szenarien beschränkt. Die entscheidende Frage ist, wie Schulen heute unter veränderten Bedingungen handlungsfähig werden.

    Gerade durch die LLMs der Welt geraten zentrale Schulroutinen unter Druck: Hausaufgaben verlieren an Aussagekraft, klassische Referate sind nur schwer überprüfbar, und viele Leistungsnachweise erfassen nicht mehr zuverlässig das, was sie messen sollen. Gleichzeitig eröffnen jedoch auch neue Möglichkeiten für individuelle Förderung und differenzierte Rückmeldungen.

    Die Konsequenz ist klar: Wenn wir die Schule weiterentwickeln wollen, müssen wir im Alltag ansetzen. Drei Ansatzpunkte sind unmittelbar anschlussfähig:

    • Aufgaben neu denken: Nicht das Endprodukt, sondern der Lernprozess wird sichtbar – einschließlich der reflektierten Nutzung von KI.
    • Reflexion verbindlich machen: Lernende planen, überprüfen und steuern ihr Lernen systematisch.
    • Daten gezielt nutzen: Schulen erheben und verwenden Informationen zur tatsächlichen Nutzung von KI und zu bestehenden Unterstützungsbedarfen.

    Diese Schritte sind unspektakulär, aber wirksam. Sie setzen an bestehender Praxis an und lassen sich unmittelbar umsetzen.

    Unterricht als Schlüssel

    Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, die Schule der Zukunft zu entwerfen. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, die Schule von heute unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu machen.

    Das hat weitreichende Konsequenzen für den Unterricht: Aufgabenformate, Rückmeldestrukturen und Leistungsbewertungen müssen so gestaltet werden, dass sie Orientierung bieten und Lernprozesse sichtbar machen. Gerade unter den Bedingungen von Sprachmodellen wird dies zu einer zentralen pädagogischen Aufgabe.

    Denn wenn Anforderungen unklar bleiben und Leistungen schwer einschätzbar werden, entsteht Unsicherheit, die ein wesentlicher Treiber für schulischen Stress ist.

    Zielperspektive: „Schule 2026+“

    Vor diesem Hintergrund habe ich ein dreijähriges Fortbildungskonzept weiterentwickelt. Zentrale Leitlinien sind:

    Zentrale Leitlinien sind:

    • Fokus auf Kompetenzen statt Stofffülle
    • Stärkung des selbstgesteuerten Lernens
    • zeitgemäße Formen der Leistungsbewertung
    • sinnvoller und reflektierter Einsatz von KI
    • systematische Berücksichtigung der psychosozialen Situation der Schülerinnen und Schüler
    • datenbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung

    Umsetzung in drei Phasen

    • Phase 1 (2026/27): Klärung und erste Umsetzung
      • Ziele: Gemeinsames Verständnis zentraler Kompetenzen entwickeln, erste Unterrichtsanpassungen erproben, Umgang mit Sprachmodellen klären, Lern- und Lebenskompetenzen stärken
      • Maßnahmen: Pädagogischer Tag zur Planung kompetenzorientierter Einheiten, Erprobung veränderter Aufgaben- und Prüfungsformate, schulinterne Befragungen, Austauschformate im Kollegium
      • Meilenstein (Frühsommer): Auswertung der Erprobungen, Identifikation erfolgreicher Ansätze, erste verbindliche Vereinbarungen
    • Phase 2 (2027): Systematisierung und Verankerung
      • Ziele: Erfolgreiche Ansätze verbreiten, Kompetenzorientierung in mehreren Fächern systematisch umsetzen, Unterstützungsstrukturen stärken
      • Maßnahmen: Schulinterne Absprachen, Ausbau datengestützter Feedbackprozesse, gezielte Förderung der psychosozialen Stabilität
      • Meilenstein: Verbindliche schulinterne Regelungen und sichtbare Veränderungen im Unterricht
    • Phase 3 (2028): Konsolidierung und Weiterentwicklung
      • Ziele: Nachhaltige Verankerung der Veränderungen, Weiterentwicklung auf Basis der gewonnenen Daten, ggf. Erweiterung des schulinternen Curriculums
      • Maßnahmen: Systematische Evaluation, Anpassung und Weiterentwicklung, ggf. Abstimmung mit externen Partnern/Schulaufsicht
      • Meilenstein: Konsistentes schulisches Gesamtkonzept, Übergabe an die Profilbildung der Schule

    Dabei wird die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler konsequent einbezogen – insbesondere im Hinblick auf soziale Medien, mentale Gesundheit und den Umgang mit digitalen Technologien.

    Schlussbemerkung

    Die Herausforderungen sind nicht neu, allerdings haben sie sich verdichtet. Heterogene Lernlagen, wachsende psychische Belastungen und technologische Entwicklungen treffen gleichzeitig auf bestehende schulische Strukturen.

    Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz: Schulentwicklung darf sich nicht in Zukunftsbildern erschöpfen. Sie muss im Unterricht sichtbar werden.

    Die Zukunft der Schule entscheidet sich nicht in strategischen Papieren, sondern in der täglichen Praxis.

    Dabei ist gute Unterrichtsentwicklung immer auch eine Frage der psychischen Stabilität von Schülerinnen und Schülern.

    … stay tuned …

    Bildnachweis: Modifizierte Grafik @Michael Drabe: Das Fortbildungskonzept zur modernen Schule. Band 4 der Reihe schule digital. Auer-Verlag. S. 66

     

    Im Gespräch weiterdenken

    Sie möchten Qualitätsentwicklung an Ihrer Schule fokussiert, datenbewusst und anschlussfähig gestalten?
    Gerne unterstütze ich Sie bei Fortbildung, Coaching oder Prozessbegleitung.

    Update

    31.03.2026

    Generative KI ist längst im Studium angekommen und viele Hochschulen bemühen sich darum, klare Richtlinien für die Nutzung zu erarbeiten. In diesen Prozessen bleiben Studierende jedoch häufig außen vor. Die Universität Jena zeigt, dass es auch anders gehen kann: Sie hat einen „genKI-Führerschein” eingeführt, der Studierende als aktiv Teilhabende anspricht und sie dazu befähigen soll, kompetent mit KI-Systemen umzugehen.

    27.03.2026

    Ich habe direkt nach Freischaltung dieses Beitrags einen Dialog mit ChatPDF zur Tagung  der Evangelischen Akademie Frankfurt geführt:

    Bezüglich meiner Frage: „Gibt es Aussagen dazu, wie sich eine Schule individuell den herausforderungen stellen kann?“ erhielt ich eine Antwort, die meine obigen Ausführungen bestätigt:

    Wer den Dialog selbstständig durchführen möchte, findet hier den

    Big Data: Seelische Gesundheit unserer Jugendlichen

    Vom Zuhören zum Verstehen – wie Schulen die Perspektiven ihrer Schülerinnen und Schüler systematisch nutzen können

    Im schulischen Kontext meint „Big Data“ weniger riesige Datenmengen als vielmehr die systematische Nutzung vorhandener Rückmeldungen, etwa aus Befragungen, Feedbackprozessen oder Lernstandsanalysen. So wichtig empirische Erkenntnisse für die Schulentwicklung sind, sie entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn sie vor Ort aufgegriffen, eingeordnet und weitergedacht werden. Genau hier zeigt sich eine zentrale Herausforderung: Wir verfügen über zahlreiche Daten zur Situation von Schülerinnen und Schülern, nutzen sie aber noch zu selten als Ausgangspunkt für einen strukturierten Dialog mit ihnen.

    Die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers 2025/26 machen erneut deutlich, was sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet hat: Schülerinnen und Schüler erleben Schule vielfach als belastend – und wünschen sich gleichzeitig mehr Mitsprachemöglichkeiten. Zwei zentrale Befunde stechen dabei besonders hervor:

    • Psychische Belastung wird von vielen Schülerinnen und Schülern als hoch wahrgenommen.
    • Mitbestimmung im Schulalltag wird als ausbaufähig beschrieben.

    Diese beiden Aspekte sollten nicht getrennt betrachtet werden.

    Bildungsexpertinnen und -experten sehen die Beteiligung von Lernenden nicht nur als demokratisch wünschenswert, sondern auch als zentralen Schutzfaktor für die psychische Gesundheit. Im Folgenden stelle ich einfache Instrumente vor, die zeigen, wie das konkret aussehen kann.

    Hessischer Referenzrahmen (HRS)

    Das Institut für Qualitätsentwicklung hat bereits 2007 im Hessischen Referenzrahmen der Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern (Dimension 5.2) eine eigene Bedeutung beigemessen. Diese Dimension ist kein optionales Qualitätsmerkmal, sondern ein systemischer Schutzfaktor.

    Diese Dimension beschreibt Beteiligung nicht nur als formales Element (z. B. SV-Arbeit), sondern als Bestandteil von:

    • Unterrichtsentwicklung
    • Schulkultur
    • Rückmeldeprozessen (eher in der Dimension 6.2: Überfachliche Kompetenzen angesiedelt)

    Damit liefert sie eine hilfreiche Struktur, um Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern gezielt zu erheben und weiterzuverarbeiten.

    Im Rahmen unserer externen Evaluationen haben wir das in einigen wenigen Items „abgefragt“:

    Dimension 5.2:

    • Wir Schülerinnen und Schüler werden zu bestimmten Themen und Anlässen beraten (z. B. Kurswahl, persönliche Probleme, Lernschwierigkeiten, Berufsberatung).
    • Ich bin mit der Beratung an meiner Schule zufrieden.
    • Wir besprechen im Unterricht, wie wir gearbeitet haben (z. B. wie wir vorgegangen sind, ob wir gut zusammengearbeitet haben).
    • Wenn wir fertig sind, besprechen wir im Unterricht, was uns schon gut gelungen ist und was wir noch verbessern sollten.
    • Wir nutzen Materialien, mit denen wir überprüfen, was wir schon können und was nicht (z. B. Selbsteinschätzungen, Lerntagebuch, Portfolio).

    Dimension 6.2:

    • Wir besprechen im Unterricht, wie wir gearbeitet haben (z. B. wie wir vorgegangen sind, ob wir gut zusammengearbeitet haben).
    • Wenn wir fertig sind, besprechen wir im Unterricht, was uns schon gut gelungen ist und was wir noch verbessern sollten.
    • Wir nutzen Materialien, mit denen wir überprüfen, was wir schon können und was nicht (z. B. Selbsteinschätzungen, Lerntagebuch, Portfolio).

    Zur Bewertung der Kriterien wurde eine Skala von 1 („trifft nicht zu“), 2  („trifft eher nicht/selten zu“), 3 („trifft eher/oft zu“, „trifft zu“) bis 4 („trifft voll zu/immer“) verwendet.

    Folgerungen

    Beteiligung ist demokratisch wünschenswert und gleichzeitig ein zentraler Schutzfaktor für psychische Gesundheit. Mit Blick auf die Befunde im aktuellen Schulbarometer bieten sich folgende Items an:

    Wahrgenommene Unterstützung und Belastung

    • „Ich fühle mich durch die Schule in stressigen Phasen ausreichend unterstützt.“
    • „Ich weiß, an wen ich mich wenden kann, wenn es mir nicht gut geht.“
    • „Ich fühle mich durch die Menge der Leistungsnachweise oft überfordert.“

    Mitbestimmung im Unterricht

    • „Ich kann den Unterricht mitgestalten (z. B. Themen, Methoden, Arbeitsformen).“
    • „Meine Rückmeldungen zum Unterricht werden ernst genommen.“

    Mitbestimmung im Schulleben

    • „Ich habe das Gefühl, dass meine Meinung in der Schule zählt.“
    • „Es gibt ausreichend Möglichkeiten, sich in schulische Entscheidungen einzubringen.“

    Schulklima und Beziehung

    • „Lehrkräfte interessieren sich für die Sichtweise der Schülerinnen und Schüler.“
    • „Ich fühle mich in meiner Klasse ernst genommen.“

    Zur Bewertung der Kriterien schlage ich auch hier eine Skala von 1 („trifft nicht zu“), 2  („trifft eher nicht/selten zu“) 3 („trifft eher/oft zu“, „trifft zu“) bis 4 („trifft voll zu/immer“) vor.

    Die anschließende Auswertung dient als Ausgangspunkt für vertiefende Gespräche. Dazu nun mehr…

    Vom Item zum Gespräch

    Die eigentliche Stärke solcher Befragungen liegt nicht in den Zahlen selbst, sondern in dem, was daraus entsteht. Nach der Auswertung bieten sich gezielte Interviewrunden oder Fokusgruppen an, um zentrale Ergebnisse zu vertiefen.

    Beispiel:
    Wenn viele Schülerinnen und Schüler angeben, dass sie sich „nicht ausreichend beteiligt“ fühlen, könnten Leitfragen für Gesprächsrunden sein:

    • Was bedeutet für euch „mitbestimmen“ konkret?
    • In welchen Situationen gelingt Beteiligung bereits gut?
    • Wo würdet ihr euch konkret mehr Einfluss wünschen?
    • Was müsste sich ändern, damit ihr euch stärker einbringen könnt?

    Oder beim Thema Belastung:

    • Wann erlebt ihr Schule als besonders stressig?
    • Was hilft euch in solchen Situationen und was fehlt euch?
    • Welche Unterstützung wäre aus eurer Sicht sinnvoll und realistisch?

    Ziel dieser Gespräche ist nicht sofortige Lösung, sondern Verstehen von Perspektiven.

    Besonders bewährt hat sich in meiner Arbeit die Ratingkonferenz. Dazu nun mehr:

    Die Ratingkonferenz ist ein datengestütztes Evaluationsverfahren, bei welchem die qualitativen und quantitativen Aspekte der Evaluation und deren Vorzüge miteinander verbunden werden. Das Verfahren basiert im Wesentlichen auf zwei sich ergänzenden Prozesselementen:

    • der individuellen Einschätzung (dem «Rating») von vorgegebenen Aussagen zum jeweiligen Evaluationsthema / -gegenstand (quantitatives/geschlossenes Element),
    • der unmittelbar anschließenden, gemeinsam mit den Befragten vorgenommenen Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten (qualitatives/offenes Element).

    Die Aussagen (Items), die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Ratingkonferenz zur individuellen Einschätzung vorgelegt werden, bilden die Basis des Verfahrens: Hier entstehen die Daten, auf die im Verlauf des diskursiven Auseinander-setzungsprozesses Bezug genommen wird. Ein idealer Umfang liegt bei etwa einem Dutzend Items. Auf keinen Fall sollte das Ratinginstrument mehr als zwanzig Items umfassen, denn zu viele Items bringen die Gefahr einer zu oberflächlichen qualitativen Interpretation mit sich. Die Items sollten so ausgewählt beziehungsweise formuliert sein, dass sie die wichtigsten Aspekte ansprechen, zu denen die Erfahrungen und Meinungen der Schülerinnen und Schüler gefragt sind. Für die Formulierung der Items sind grundsätzlich dieselben Hinweise zu beachten, die für die Gestaltung von  Fragebogen gelten: Es braucht einfache, gut verständliche, präzise, neutrale (nicht suggestive) und eindimensionale Formulierungen. Für die Einschätzung der Items sollte eine mindestens vierstufige Skala vorgegeben werden – beispielsweise mit der folgenden Abstufung: 1 = trifft nicht zu; 2 = trifft teilweise zu; 3 = trifft überwiegend zu; 4 = trifft vollständig zu-

    Entnommen aus:
    Lehrevaluation als Anstoss zur Unterrichtsentwicklung, der Beitrag von Norbert Landwehr

    Aus meiner Berufspraxis hier ein Beispiel aus einer externen Evaluation zum Ganztagsangebot einer Schule. Unter anderem wurde die Ratingkonferenz als Methode gewählt, um qualitativ mit Eltern und Lehrkräften ins Gespräch zu kommen. Hier die beiden Ablaufprogramme:

    Durch die Interviewrunden erhalten Sie als Schulleitung strategische Hebel für die Systementwicklung. Durch dieim Folgenden beschriebenen Feedbackverfahren in den Lerngruppen spüren die Lernenden sofort: Meine Meinung zählt hier und jetzt, in meinem täglichen Unterricht.

    Unterricht: Feedbackverfahren

    Hier findet die eigentliche Entlastung statt. In der Lerngruppe (Klasse/Kurs) wird die allgemeine Umfrage „geerdet“. Das Ziel ist es, den Lernenden Raum für ihre individuelle Einschätzung zu geben, im direkten Bezug zu ihrem konkreten Lernalltag.

    Der Ablauf für die Lehrkräfte:

    1. Ergebnisse spiegeln: „Leute, die schulweite Umfrage sagt, ihr fühlt euch oft fremdbestimmt. Wie sieht das konkret bei uns in Chemie/Mathe/Deutsch aus?“

    2. Individueller Freiraum: Geben Sie den Lernenden die Möglichkeit, jenseits der starren Umfrage-Items Feedback zu geben.

    3. Gemeinsame Aushandlung: Feedback ist keine Einbahnstraße. Es geht darum, gemeinsam kleine Freiräume im Unterricht zu schaffen (z.B. Wahlmöglichkeiten bei Aufgabenformaten oder Pausengestaltung).

    Impulsbox: 5 Fragen für den sofortigen Einstieg

    • Was hilft dir aktuell am meisten beim Lernen?
    • Was belastet dich im Schulalltag am stärksten?
    • Wo kannst du in der Schule mitbestimmen – und wo nicht?
    • Wann fühlst du dich von mir gut unterstützt?
    • Was sollte sich aus deiner Sicht kurzfristig ändern?

    Nutzen Sie offene Formate, wie z. B.:

    Belastungsbaromter (Fokus: Psychische Gesundheit)

    Dieses Tool erdet die abstrakten Zahlen des Schulbarometers im Hier und Jetzt der Klasse.

    • Vorgehen: Zeichnen Sie eine Skala von 1 (tiefentspannt) bis 10 (kurz vorm Burnout) an die Tafel oder nutzen Sie ein digitales Tool (z. B. Mentimeter).
    • Die Frage: „Wenn das Schulbarometer sagt, dass der Druck steigt – wo steht ihr heute in Bezug auf unser Fach/unser Projekt?“
    • Der individuelle Freiraum: Jeder Schüler setzt anonym seinen Punkt. Danach folgt die entscheidende offene Frage: „Was ist der größte ‘Energiefresser’ und was wäre ein kleiner ‘Energiespender’ für die nächste Woche?“
    • Nutzen: Die Lehrkraft erhält ein sofortiges Stimmungsbild und kann (z. B. durch Verschieben eines Abgabetermins) sofort entlasten.
    Die modifizierte „Stopp-Start-Weiter“-Matrix (Fokus: Mitbestimmung)
    Kategorie Leitfrage für die Lernenden
    STOPP Was stresst uns in diesem Kurs gerade massiv oder hält uns beim Lernen auf?
    START Welche Methode/Unterstützung aus der Umfrage sollten wir hier mal ausprobieren?
    WEITER Was läuft in dieser Gruppe bereits gut und gibt uns Sicherheit?

     

    Praxis-Tipp: Die Lernenden schreiben ihre Gedanken auf Post-its. Wichtig: Die Lehrkraft wählt eine Sache aus dem Bereich „START“ aus (oder stellt sie zur Abstimmung), die gemeinsam für die nächsten vier Wochen getestet wird. Das ist erlebte Selbstwirksamkeit.

    Das „3-2-1 Brücken-Feedback“ (Fokus: Reflexion & Transfer)

    Dieses Format eignet sich hervorragend, um die zentralen Befragungsergebnisse mit der eigenen Meinung zu verknüpfen.

    • 3 Erkenntnisse: Welche drei Punkte aus der großen Schulbefragung treffen auf mich persönlich zu?
    • 2 Vorschläge: Welche zwei Dinge könnten wir in dieser Lerngruppe sofort ändern, um den Druck zu senken?
    • 1 Frage: Was wollte ich der Lehrkraft/der Schulleitung schon immer mal im Vertrauen sagen?

    Damit diese Methoden funktionieren, sollten Schuleitungen und Steuergruppen den Kollegien drei Versprechen mitgeben:

    1. Keine Rechtfertigungspflicht: Die Lehrkraft muss nicht jedes Feedback sofort umsetzen, aber sie muss es hören und spiegeln („Ich habe verstanden, dass euch Punkt X belastet“).
    2. Mut zur Lücke: Es ist okay, wenn eine Feedback-Runde nur 15 Minuten dauert. Die Regelmäßigkeit schlägt die Intensität.
    3. Vom “Ich” zum “Wir”: Feedback ist keine Kritik an der Person der Lehrkraft, sondern eine gemeinsame Analyse der Arbeitssituation (Dimension 5.2).

    Fazit

    Bereits Anfang des Jahres habe ich auf die wünschenswerte Mitbestimmung der Jugendlichen aufmerksam gemacht.

    Die Ergebnisse des Schulbarometers liefern weitere wichtige Hinweise – aber ihre Wirkung entfalten sie erst vor Ort in den Schulen. Damit dieser Prozess wirksam wird, haben sich einige Prinzipien als hilfreich erwiesen:

    • Fokus statt Vollerhebung
      Lieber wenige, gezielte Fragen als umfangreiche Fragebögen
    • Transparenz
      Ergebnisse werden offen kommuniziert
    • Verbindlichkeit
      Es wird sichtbar, was aus den Rückmeldungen folgt
    • Partizipation im Prozess
      Schülerinnen und Schüler werden auch in die Interpretation der Ergebnisse einbezogen

    Der Einstieg muss dabei nicht komplex sein: Eine kurze Befragung, eine moderierte Gesprächsrunde, eine erste gemeinsame Auswertung. Entscheidend ist, dass daraus ein Prozess entsteht, in dem Schülerinnen und Schüler nicht nur befragt, sondern gehört werden. Denn Schulentwicklung gewinnt an Tiefe, wenn sie die Perspektiven derjenigen einbezieht, für die Schule gemacht ist.

     

    Titelbild: EpicTop10.com @Flickr CC BY 2.0

    Weiterführende Literatur

    …mit einer Auswahl von Informationsmaterialien zum Themenbereich psychische Gesundheit und schulischen Maßnahmen der psychischen Gesundheitsförderung

    Grundlagen, Prävention, Gesprächsführung

    Empfehlungen für Lehrkräfte und Schulleitung

    Auf einer Grundlage einer starken Resilienz können Kinder und Jugendliche mit Herausforderungen und Stress konstruktiv umgehen – inner- und außerhalb der Schule. Deshalb ist die Förderung von Resilienz eine übergreifende Aufgabe aller Fächer und Schularten

    Aggressionen, Mobbing, Gewalt, Konsum psychoaktiver Substanzen, Entwicklungsauffälligkeiten, Überforderungen, psychische und soziale Probleme im Umfeld: Die Palette der Probleme, mit denen Schulen einen Umgang finden müssen, ist breit.

      Im Gespräch weiterdenken

      Sie möchten Qualitätsentwicklung an Ihrer Schule fokussiert, datenbewusst und anschlussfähig gestalten?
      Gerne unterstütze ich Sie bei Fortbildung, Coaching oder Prozessbegleitung.

      Update

      26.03.2026

      Psychische Belastungen, künstliche Intelligenz oder Handynutzung – all diese Herausforderungen sind eng mit der Kompetenz zur Selbstregulation verbunden. Die Leopoldina hat deshalb in ihrer Stellungnahme gefordert, genau diese Kompetenz zu einer Leitperspektive im Bildungssystem zu machen. Bildungsforscher Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen erklärt im Interview, warum Selbstregulation so wichtig ist, was genau dazugehört, welche Missverständnisse es gibt und wie Schulen diese Fähigkeit fördern können.

      25.03.2026

      Die politische Mitte verliert, die AfD gilt vielen als normal, man zieht sich zurück. Das zeigt die neue Jugendstudie. Und: Jeder Fünfte plant, das Land zu verlassen.

      20.03.2026

      Dunja Hayali spricht viele Probleme (oder, um es mit dem Politikersprech zu sagen: Herausforderungen😡) an und vor allem lässt sie Lernende zu Wort kommen. Resümee: Schülerinnen und Schüler sehen ihre Bedürfnisse kaum berücksichtigt und Schulen laufen gegen Wände. Erkenntnisse über Probleme gibt es ganz sicher nicht, wie das Interview mitLars Lamowski (Vorsitzender VBE- RLP) zeigt …