Was Meta über junge Menschen nicht wissen will
Wie viel wissen große Plattformunternehmen über die Risiken, denen junge Menschen in sozialen Medien ausgesetzt sind? Und was geschieht, wenn interne Forschung auf Probleme hinweist, die mit den wirtschaftlichen Interessen des Unternehmens kollidieren? Aktuellen Bezug bekommen die Fragen durch den Kinostart des Dramas The Social Reckoning (2026). Dazu später mehr.
Anlass meines Beitrags ist ein Gespräch in der Podcastreihe Haken dran. Zu Gast war Dr. Anneke Buffone, die sieben Jahre bei Meta in unterschiedlichen Forschungsbereichen gearbeitet hat, unter anderem zu Wohlbefinden, Bildschirmzeit, algorithmischer Nutzerbindung und Altersbestimmung. Heute setzt sie sich mit einer eigenen Organisation für mehr Sicherheit im digitalen Raum ein.
Das Interview ist nicht nur ein persönlicher Rückblick auf ihre Zeit bei Meta. Es wirft auch grundsätzliche Fragen auf: Welche Verantwortung tragen Plattformunternehmen für junge Nutzerinnen und Nutzer? Welche Rolle spielt unabhängige Forschung? Und was bedeutet das für eine Bildung, die Kinder und Jugendliche auf ein selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt vorbereiten soll?
In der Ankündigung der Spezialausgabe „Was Meta über junge Menschen nicht wissen will“ heißt es:
Wie wurde Meta eigentlich so, wie es heute ist? Und was macht Meta, damit es junge Menschen besser schützt? Oder anders: Was macht Meta NICHT, um junge Menschen zu schützen, obwohl es Dinge besser wüsste. Wir sprechen heute in einer kleinen Sonderepisode mit Dr. Anneke Buffone, einer früheren User Design-Forscherin von Meta, die sich vor allem auf den Jugendschutz bei den Meta-Plattformen wie Instagram oder Facebook konzentriert hat. Und die vor allem jetzt extrem offen und ungeschützt über ihre Zeit in dem Techunternehmen sprechen kann.
Wahrnehmung und Einordnung
Das Interview bietet einen ungewöhnlichen Einblick in die Arbeit einer Forscherin, die innerhalb eines großen Plattformunternehmens mit Fragen des Jugendschutzes befasst war. Buffone berichtet von unterschiedlichen Aufgabenfeldern während ihrer siebenjährigen Tätigkeit bei Meta. Dabei geht es nicht allein um Bildschirmzeit und Wohlbefinden, sondern auch um die Funktionsweise von Algorithmen und die Frage, wie das Alter von Nutzenden bestimmt werden kann.
Besonders kritisch schildert sie das Spannungsverhältnis zwischen internen Forschungserkenntnissen und unternehmerischen Entscheidungen. Nach ihrer Darstellung wurden Probleme, die in der Forschung sichtbar wurden, nicht immer in angemessene Schutzmaßnahmen übersetzt. Sie beschreibt dabei auch Konflikte zwischen Teams, deren Arbeit auf Wachstum und Nutzerbindung ausgerichtet war, und Bereichen, die sich mit Sicherheit und Wohlbefinden beschäftigten.
Eine besondere Rolle spielt die Frage, wie Plattformen mit Kindern unter 13 Jahren umgehen. Buffone kritisiert, dass gerade in diesem Bereich wichtige Forschungsfragen nicht ausreichend bearbeitet worden seien. Auch fehlender Zugang zu Daten und mangelnde Bereitschaft, aus vorhandenen Erkenntnissen Konsequenzen zu ziehen, gehören zu ihren zentralen Kritikpunkten.
Die juristischen Auseinandersetzungen in den USA haben dieser Kritik zusätzliches Gewicht verliehen. Sie zeigen, dass es nicht allein um individuelle Erfahrungen oder unterschiedliche Einschätzungen geht, sondern um die Gestaltung der Plattformen, den Umgang mit bekannten Risiken und die Verantwortung des Unternehmens.
Sowohl das Interview als auch die aktuellen Beobachtungen rund um die offensichtlich nicht beherrschte Kontrolle von KI-Agenten verdeutlichen die strukturellen und kulturellen Herausforderungen großer Tech-Konzerne im Hinblick auf Verantwortung. Sie zeigen den Zwiespalt zwischen technischem Know-how und Unternehmensinteressen sowie den Einfluss von legalem Druck auf die Priorisierung von (Jugend)Schutzmaßnahmen.
Was bedeutet das für Schule und Medienbildung?
Aus dem Interview lassen sich natürlich keine fertigen Unterrichtskonzepte ableiten. Es liefert aber wichtige Anknüpfungspunkte für die Frage, welche Kompetenzen junge Menschen in einer von Plattformen geprägten Welt benötigen.
- Digitale Angebote kritisch verstehen: Medienkompetenz sollte nicht bei der Bedienung von Apps und der Bewertung einzelner Inhalte stehen bleiben. Jugendliche müssen auch verstehen lernen, wie Empfehlungsalgorithmen funktionieren, welche Interessen hinter Plattformangeboten stehen und wie digitale Umgebungen ihr Verhalten beeinflussen können.
- Selbstbestimmung statt bloßer Kontrolle: Buffone betont, dass Jugendliche lernen müssen, problematische Nutzungsmuster zu erkennen und verfügbare Schutzmöglichkeiten selbst einzusetzen. Elterliche Kontrolle kann Begleitung nicht ersetzen. Ziel sollte sein, junge Menschen zunehmend dazu zu befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
- Erwachsene ebenfalls stärken: Eltern und pädagogische Fachkräfte benötigen Orientierung, um digitale Lebenswelten begleiten zu können. Dabei geht es nicht darum, jede Anwendung selbst zu beherrschen, sondern Risiken einschätzen, Fragen stellen und Gespräche ermöglichen zu können.
- Technologie und Verantwortung zusammen denken: Schule sollte nicht nur fragen, wie digitale Werkzeuge sinnvoll eingesetzt werden können. Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen diese Werkzeuge entstehen, mit ihren Geschäftsmodellen und mit den Interessen, die ihre Gestaltung beeinflussen.
- Jugendliche beteiligen: Wer Schutzkonzepte entwickelt, sollte die Erfahrungen und Perspektiven junger Menschen einbeziehen. Sie sind nicht nur eine besonders schutzbedürftige Gruppe, sondern auch diejenigen, die digitale Angebote täglich nutzen und deren Auswirkungen unmittelbar erleben.
Dabei darf die Verantwortung nicht einseitig auf Bildungseinrichtungen und Familien verlagert werden. Schulen können Wissen vermitteln, kritische Reflexion fördern und junge Menschen stärken. Sie können aber weder die Gestaltung von Plattformen kontrollieren noch die Verantwortung ihrer Betreiber übernehmen.
Fazit
Sowohl das Interview als auch die jüngsten Vorfälle mit KI-Agenten verdeutlichen die strukturellen und kulturellen Herausforderungen großer Tech-Konzerne. Bei Sicherheitsprüfungen gelang es KI-Agenten, vorgesehene Schutzvorkehrungen zu umgehen und auf fremde Systeme zuzugreifen. Das wirft nicht nur technische Fragen auf, sondern auch grundsätzliche Fragen nach Verantwortung und Kontrolle.
Es ist deshalb unbefriedigend, allein an das Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen zu appellieren. Bemerkenswert ist, dass inzwischen auch OpenAI für verbindliche staatliche Sicherheitsvorgaben für leistungsfähige KI-Systeme eintritt. Freiwillige Selbstverpflichtungen reichen nicht aus, wenn Risiken über die Unternehmen hinausreichen und Dritte betreffen. Es braucht verbindliche Regeln, unabhängige Kontrolle und klare Verantwortlichkeiten.
Für das Bildungssystem bedeutet das, dass digitale Selbstbestimmung und Medienkompetenz zentrale Bausteine für das Aufwachsen in einer vernetzten Welt sein müssen. Nur durch Aufklärung, kritische Reflexion und den Ausbau unabhängiger Forschungs- und Schutzangebote können junge Menschen wirkungsvoll unterstützt werden. Annekes Engagement außerhalb von Meta zeigt zudem, dass gesellschaftliches Engagement und unabhängige Projekte notwendig sind, um die Digitalkultur im Sinne der Jugendlichen positiv zu gestalten.
Noch einmal zurück zum Film
Der Kinostart von The Social Reckoning gibt dem Interview eine zusätzliche Aktualität. Das von Aaron Sorkin geschriebene und inszenierte Spielfilmdrama greift die Ereignisse rund um die sogenannten Facebook Files von 2021 auf. Im Mittelpunkt stehen die Whistleblowerin Frances Haugen und der Wall-Street-Journal-Journalist Jeff Horwitz, an den sie interne Dokumente weitergab. Diese Veröffentlichungen machten interne Erkenntnisse über problematische Auswirkungen von Facebook und Instagram öffentlich und lösten eine breite Debatte über die Verantwortung des Unternehmens aus.
Im Film wird daraus eine dramatisierte Geschichte über Whistleblowing, investigative Recherche und die Macht eines großen Technologiekonzerns.
… stay tuned …
Update
Interview mit Ex-Meta-Forscherin Anneke Buffone
Bildnachweis: @Gemini 3 Flash Image. Der Prompt ist so konzipiert, dass er die „digitale Lebenswelt“ visualisieren soll: Ein Jugendlicher, der völlig in sein Handy vertieft ist, wobei das Licht des Displays die einzige echte Lichtquelle ist.
Hinweis zur redaktionellen Arbeit: Bei der Erstellung und redaktionellen Bearbeitung dieses Beitrags wurden KI-Werkzeuge unterstützend eingesetzt. Mehr dazu im Impressum
Als Einstieg dient ein Comic, in dem sich zwei Figuren in einer Alltagssituation mit dem Thema Organspende auseinandersetzen und dabei den Organspendeausweis vorstellen. Die Schülerinnen und Schüler betrachten die Organspende anschießend aus vier verschiedenen Perspektiven, die die gesundheitlichen, emotionalen, sozialen und ethisch-religiösen Aspekte des Themenkomplexes hervorheben. In Teamarbeit widmen sich die Lernenden jeweils einem Impuls oder einer Frage, die sie durch selbstständige Recherche mit Informationen beantworten und als Impulskachel veranschaulichen. Alle Kacheln werden zu einem sogenannten Impulsarchiv zusammengefasst, das die Schülerinnen und Schüler bei ihren Entscheidungen unterstützt, ob sie selbst einer Organspende zustimmen oder widersprechen würden. Zum Ende der Unterrichtseinheit wechselt der Austausch auf die Meta-Ebene und die Klasse bespricht im Plenum ihren Umgang mit Diskussionen von emotionalen Themen.
Das Medienpaket entstand in Kooperation mit der preisgekrönten Bildungsinitiative KNOWBODY UG und umfasst 14 Einzelmedien, darunter interaktive Übungen, anschauliche Grafiken sowie einen ausführlichen Leitfaden für Lehrkräfte



Schulleitungen und Steuergruppen müssen dieses Rad nicht komplett neu erfinden. Der Markt – sowohl der staatliche als auch der private – reagiert zunehmend auf den Transformationsbedarf der Berufsorientierung. Wer das schuleigene Navigationssystem neu programmieren will, kann auf verschiedene Unterstützungssysteme zurückgreifen: