Rückblick 2025 (2): Von der Analyse zum Handeln

Das Big Picture 2026+ – ein analytischer Impuls aus der Praxis  

Kurzfassung anzeigen

Schule steht vor einem Wendepunkt.
Nicht, weil es an Technik fehlt, sondern weil digitale, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen das bisherige Verständnis von Lernen, Leistung und Steuerung infrage stellen. Künstliche Intelligenz, wachsende Heterogenität, sinkende Basiskompetenzen und eine Generation von Lernenden, die Beteiligung einfordert, machen deutlich: Ein „Weiter so“ reicht nicht mehr aus.

Der Beitrag zeigt, warum erfolgreiche Bildungssysteme im Ausland nicht auf Einzelmaßnahmen setzen, sondern auf professionelle Verständigungsprozesse, evidenzbasierte Schulentwicklung und verbindliche Zeiträume für Zusammenarbeit. Er analysiert, was das für Curricula, MINT-Fächer, Medienbildung, Maker Education und den Umgang mit KI bedeutet – und warum Unterricht sich stärker auf Verstehen, Prüfen, Strukturieren und Mitgestalten konzentrieren muss.

Im Zentrum steht ein ökosystemischer Blick auf Schule: von bildungspolitischen Rahmenbedingungen über schulische Zusammenarbeit bis hin zu Haltungen von Lehrkräften und der Perspektive der Generation Z. Der Text plädiert für einen Paradigmenwechsel weg von hoffnungsbasierter Reformrhetorik hin zu datengestützter Professionalität, echter Partizipation und einer Lernkultur, die Demokratie, Selbstwirksamkeit und Zukunftskompetenzen stärkt.

Die zentrale Frage lautet nicht, ob Schule digital wird – sondern ob sie lernt, digitale Kultur pädagogisch verantwortlich zu gestalten.

Künstliche Intelligenz verändert Schule nicht schleichend, sondern grundlegend. Der Beitrag zeigt, warum Bildungspolitik, Schulaufsicht und Schulen jetzt einen gemeinsamen Orientierungsrahmen benötigen. Internationale Studien, eigene Praxiserfahrungen und Beispiele aus Ländern wie Kanada machen deutlich: Datengestützte Schul- und Curriculumentwicklung sowie der reflektierte Einsatz von KI sind keine Zukunftsthemen mehr, sondern zentrale Voraussetzungen für Bildungsqualität.

Am Beispiel von Mathematik, Informatik und Maker-Education wird sichtbar, wie leistungsfähig KI-Systeme inzwischen sind – bis hin zur Lösung anspruchsvoller Wettbewerbsaufgaben oder zur automatisierten Softwareentwicklung. Gleichzeitig wird klar: Schule darf sich nicht auf die bloße Nutzung von KI beschränken. Gefragt sind Kompetenzen wie Problemlösen, Begründungsfähigkeit, kritisches Prüfen, Systemdenken und kreative Gestaltung.

Der Beitrag plädiert für ein „Big Picture“ schulischer Entwicklung: Ministerien müssen verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, Schulaufsicht Schulen professionell begleiten, Schulleitungen datenbasierte Entwicklungsprozesse etablieren und Lehrkräfte gezielt qualifiziert werden. Ziel ist ein lernendes Bildungssystem, das junge Menschen befähigt, KI nicht nur zu bedienen, sondern Zukunft verantwortungsvoll mitzugestalten.

Disclaimer:

Ich habe ChatGPT den unten stehenden Text gegeben und ihn um eine Zusammenfassung im Stil der gleichnamigen Rubrik gebeten, wie sie in überregionalen Zeitschriften wie der ZEIT oder der SZ für die Zusammenfassung der ausführlichen und online abrufbaren Artikel verwendet wird.

Die Resonanz auf meine Beiträge – auf meinen Themenseiten, in den sozialen Netzwerken ebenso wie bei Einladungen zu Impulsvorträgen und Fortbildungsreihen – zeigt mir, dass der Wunsch nach Orientierung und handfesten Lösungsansätzen groß ist. Gleichzeitig bleibt der Eindruck bestehen, dass sich an vielen Schulen trotz aller Einsicht wenig grundlegend verändert. Eindrucksvolle Schulpraxis gibt es durchaus, teilweise sogar mit Schulpreisen und vergleichbaren Auszeichnungen gewürdigt. Doch was fehlt, ist ein breitenwirksamer systemischer Ansatz, der Schulen in die Lage versetzt, den tiefgreifenden Herausforderungen der digitalen Kultur gerecht zu werden.

In diesem Jahr habe ich mich daher intensiv mit datengestützter Schul- und Unterrichtsentwicklung beschäftigt. Die aktuellen Studien – vom IQB-Bildungstrend bis zur JIM-Studie – zeigen unmissverständlich, wo Handlungsbedarf besteht. Meine zentrale These lautet: Big Data liefert die Impulse, SMART Data liefert die Antworten. Erst die Kombination aus systemischen Befunden und lokalen Erhebungen – Umfragen, Interviews, Unterrichtsbeobachtungen – ermöglicht passgenaue Schulentwicklung.

Auslandserfahrungen nutzen

Der Blick ins Ausland, mit dem ich mich im ersten Teil dieses Rückblicks beschäftigt habe, zeigt: Erfolgreiche Bildungssysteme setzen auf gemeinsame Verständigungsprozesse, kontinuierliche Professionalisierung und strukturell verankerte Zeitfenster für Schulentwicklung. Dort gelingt Veränderung, weil die Rahmenbedingungen und die Kultur des Miteinanders stimmen. Wenn andere Länder ihre Systeme modernisieren, dann gelingt das nicht durch einzelne Projekte, sondern durch das Zusammenspiel aller Ebenen. Die internationale Evidenz zeigt: Starke Bildungssysteme verbinden fachliche Fundamente mit überfachlichen Kompetenzen, investieren früh in alle Kinder, nutzen Daten als Lernhilfe und qualifizieren Lehrkräfte konsequent weiter. Estland, Kanada, Schweiz und Niederlande zeigen Wege, die Deutschland ohne kulturellen Bruch adaptieren kann, wenn Mut zur Curriculumentwicklung und professionelle Unterstützung der Schulen zusammenkommen.

Im Vergleich dazu zeigt sich in Deutschland eine strukturelle Fragmentierung: Reformen werden häufig projektförmig, zeitlich befristet und ohne ausreichende Abstimmung zwischen Ministerien, Schulaufsicht und Einzelschulen umgesetzt. Zeit für professionelle Verständigung und gemeinsame Entwicklungsarbeit ist dabei systematisch unterrepräsentiert.

Aus der internationalen Analyse lassen sich daher nicht nur Empfehlungen, sondern notwendige strukturelle Konsequenzen ableiten:

  1. Curricula aktualisieren:
    Digitalkompetenz, Data Literacy, KI und Financial Literacy als verbindliche Querschnittsbereiche integrieren.
  2. Frühe Förderung stärken:
    Sprach-, Lese- und MINT-Basiskompetenzen bereits vor Klasse 1 fundieren.
  3. Datenkultur professionalisieren:
    Data Teams, formative Diagnostik, schulinterne Datenauswertung ausbauen.
  4. Lehrkräfte professionalisieren:
    Verpflichtende Fortbildung zu digitaler Didaktik, Diagnostik, fachintegrierter Projektarbeit.
  5. Selektionslogik überdenken:
    Spätere Laufbahnentscheidungen, Pilotprojekte zu De-Streaming prüfen.

Diese Punkte sind keine additive Reformagenda, sondern greifen ineinander. Ihre Wirkung entfalten sie nur, wenn sie systematisch miteinander verzahnt und dauerhaft finanziert werden.

Gleichzeitig wurde mir bei der Analyse deutlich: Es sind nicht fehlende Kompetenzen, die den Wandel bremsen. Viel gravierender ist die sinkende Bereitschaft, gemeinsam tragfähige Lösungen auszuhandeln – verbunden mit fehlenden Zeitressourcen für echte Entwicklungsarbeit. Debatten über Smartphone-Nutzung, KI-Einsatz oder Bewertungspraktiken (vgl. die Diskussionen rund um Hausaufgabenkontrollen bzw. Exen) verhärten sich zunehmend in polarisierenden Lagern. Dabei müsste die leitende Frage für uns eigentlich ganz einfach sein: Wie gestalten wir ein Lernen, das zur digitalen Kultur passt – differenziert, gerecht und zukunftsorientiert?

Die Antwort darauf ist komplex. Sie verlangt Mut zur Veränderung, Offenheit für neue Arbeitsweisen und eine konsequente Ausrichtung auf Kompetenzentwicklung – ohne die Schwächsten zu verlieren und ohne die Stärksten zu unterfordern. Um diese Komplexität greifbar zu machen, skizziere ich ein Big Picture, das sich am ökosystemischen Ansatz von Bronfenbrenner orientiert. Denn Schulentwicklung gelingt nur, wenn Ministerien, Schulaufsicht und Schulleitungen gleichzeitig, koordiniert und zielgerichtet handeln:

  • mit modernen, fächerverbindenden und -übergreifenden Curricula,
  • mit agilen Methoden wie Design Thinking, Working Out Loud (WOL) und Barcamps,
  • mit einer zeitgemäßen und kontinuierlichen Lehrerbildung,
  • und mit der Bereitstellung von Zeitressourcen, die professionelle Entwicklung zwingend braucht.

Gerade diese Verzahnung lässt sich mit dem ökosystemischen Ansatz von Bronfenbrenner präzise beschreiben: Schulentwicklung ist kein isolierter Prozess auf der Ebene einzelner Schulen, sondern das Ergebnis abgestimmten Handelns aller Systemebenen.

Ökosystematische Ansatz nach Bronfenbrenner

 

Urie Bronfenbrenner hat vor knapp 40 Jahren einen Ansatz vorgestellt, der einen differenzierten Blick auf unterschiedliche Entwicklungskontexte ermöglicht. Er unterscheidet verschiedene Realitätsebenen (Mikro-, Meso-, Exo-, Makrosystem). Hier eine kurze Erklärung der Realitätsebenen:

  •  Das Mikrosystem beschreibt unsere unmittelbare persönliche Wirklichkeit und Möglichkeiten. Dazu gehört unsere Familie, unser Selbst- und Weltbild, unsere persönlichen Werte und Einstellungen.
  • Das Mesosystem (‘Nahbereich’) beinhaltet die (face-to-face Gruppenebene) Interaktion mit Menschen, die wir im Alltag antreffen, etwa Kolleginnen und Kollegen sowie Eltern,  Schülerinnen und Schüler im Unterricht.
  • Das Exosystem beschreibt die organisatorische und institutionelle Ebene, etwa die lokale Schulsituation, die Einbettung in die Stadt oder das Dorf, die lokale Situation von Lehrkräften inklusive die Situation der Schulleitung und die Struktur der Schulverwaltung.
  • Zum Makrosystem gehören u.a. das weitere regionale und nationale Umfeld, etwa Schulgesetze und Richtlinien, der Bildungsauftrag, Programme wie der Digitalpakt, sowie kulturelle und gesellschaftliche Werte und Normen.

Bronfenbrenner betont in seinem ökosystemischen Ansatz die Bedeutung des Zusammenspiels von Systemen, in die ein Mensch eingebunden ist und die Relevanz der Übergänge von einem System ins andere. Was genau dahintersteckt, erfährt man in diesem, mit der Legetechnik entwickelten Erklärfilm der pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz.

Eine Reform gelingt nur, wenn alle vier Systeme kohärent auf ein gemeinsames Zielbild hinarbeiten: Ein lernendes Bildungssystem, das Daten, Diagnostik, Kooperation und moderne Didaktik als Grundlage professionellen Handelns versteht. 

Makrosystem: Bildungsausgaben

Bevor über neue Programme, Modellversuche oder digitale Strategien gesprochen wird, braucht das deutsche Bildungssystem vor allem eines: eine ehrliche, strukturelle Erhöhung der Bildungsausgaben. Die aktuelle Lage zeigt deutlich, dass Schulen die gewachsenen Erwartungen nicht mehr schultern können.

VBE Umfrage

In einer vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) veranlassten Umfrage[1]https://www.vbe-bw.de/meldung/schulleitungen-sind-ueberlastet-und-unzufrieden-mit-der-schulpolitik-der-landesregierung/ melden nahezu alle befragten Schulleitungen eine extreme Belastungssituation. Dazu tragen besonders das stetig wachsende Aufgabenspektrum (98 Prozent), die ausufernden Verwaltungsarbeiten (97 Prozent, z. B. Dokumentationspflichten oder die Einhaltung von Datenschutzvorgaben) sowie politische Entscheidungen bei, die den tatsächlichen Schulalltag zu wenig berücksichtigen (97 Prozent). „Die Schulleitungen kämpfen nicht mit einzelnen Engpässen, sondern mit einer strukturellen Überforderung, für die es bis heute keine tragfähigen, dauerhaften Lösungen gibt“, betont VBE-Landesvorsitzender Gerhard Brand.

Gleichzeitig bleibt die Bewältigung der grundlegenden Bildungsaufgaben (Lesen, Schreiben, Rechnen, Medienkompetenzförderung) strukturell unterfinanziert. Frühförderprogramme sind klein, multiprofessionelle Teams fehlen, Förderstunden sind knapp und Lehrkräfte erhalten keine Zeitfenster, um Diagnostik oder gezielte Förderung systematisch vorzubereiten. Ein System, das elementare Kompetenzen stärken will, kann dies nicht nebenbei tun. Ich habe selbst erlebt, wie sehr Schulen zwischen 2007 und 2012 vom hessischen KUMN-Programm profitiert haben. Mit nachweisbaren Verbesserungen im MINT-Bereich. Dies wurde durch Entlastungen der Schulkoordinatorinnen und -koordinatoren sowie durch zusätzliches Fortbildungspersonal, das vor Ort Fortbildungsmodule angeboten hat, ermöglicht.

Länder wie Estland, die Niederlande, Kanada hinterlegen ihre Programmatik mit Investitionen in Personal, Fortbildung und schulnahe Unterstützung. Genau hier braucht es einen Kurswechsel: Wer Unterrichtsqualität verbessern will, muss Ressourcen dorthin lenken, wo sie unmittelbar wirken: in kleinere Lerngruppen, multiprofessionelle Unterstützung, Diagnostikzeit, Fortbildungszeit, Entlastung von Administration und in stabile Förderprogramme für Basiskompetenzen. Solange die Finanzierung nicht dem Aufgabenprofil entspricht, bleiben Reformen gut gemeint, aber wirkarm.

IW-Studie

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die Ausgaben Deutschlands insgesamt und in verschiedenen Bereichen für die Jahre 2001 bis 2023 untersucht. [2]https://www.iwkoeln.de/studien/bjoern-kauder-wo-steht-deutschland-im-vergleich-zu-seinen-nachbarregionen.html Als westeuropäische Vergleichsregionen hat das Institut die Benelux-Länder, Österreich und die Schweiz sowie die nordischen Länder Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island herangezogen, die mit Blick auf ihre wirtschaftliche Entwicklung und kulturelle Prägung Deutschland relativ ähnlich sind. Im Vergleich besonders niedrig und Schlusslicht ist Deutschland im Bildungsbereich mit zuletzt 9,3 Prozent der Gesamtausgaben. Österreich und die Schweiz liegen der Studie zufolge fast 50 Prozent darüber.

 

 

 

Die IW-Studie hat Folgendes deutlich gemacht: Deutschland ist Spitzenreiter bei den Sozialausgaben, aber Schlusslicht bei den Bildungsausgaben. Daraus ergibt sich ein breiter Konsens, dass gezielte Investitionen in Infrastruktur, Personal und Förderprogramme dringend notwendig sind. Dabei geht es nicht nur um mehr Geld, sondern auch um eine strategische Neuausrichtung, damit Bildung nicht länger das Stiefkind öffentlicher Ausgaben bleibt.

ifo-Studie

Abschließend werfen wir noch einen Blick in die jüngste ifo-Studie [3]https://www.ifo.de/publikationen/2025/aufsatz-zeitschrift/volkswirtschaftliche-ertraege-besserer-bildung-projektionen. In dieser Studie wird ein ökonometrisches Modell eingesetzt, mit dem sich die langfristige Wachstumsrate eines Landes durch Bildungsvariablen, insbesondere durch kognitive Kompetenzen aus internationalen Schulleistungsstudien, erklären lässt. Dabei werden Kontrollgrößen wie das Anfangseinkommen oder institutionelle Faktoren berücksichtigt. Ludger Wößmann, der Leiter des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, fordert in Auswertung der vorliegenden Zahlen eine „gemeinsame bildungspolitische Kraftanstrengung“ von Bund, Ländern, Wissenschaft und Schulpraxis, um den Negativtrend zu stoppen und nachhaltige Verbesserungen zu erreichen. Dazu gehören klar priorisierte gemeinsame Ziele, wirksame Veränderungsstrategien und die Nutzung von Erkenntnissen aus Ländern, denen bereits eine Trendwende bei den Schülerleistungen gelungen ist. Eine weitere Forderung ist, die volkswirtschaftliche Bedeutung von Bildung politisch viel stärker zu berücksichtigen, da bessere Kompetenzen langfristig die Produktivität, Innovation und das Wirtschaftswachstum deutlich erhöhen. Andererseits wird gewarnt, dass bei Ausbleiben einer Trendwende in ähnlicher Größenordnung Wirtschaftskraft verloren geht, wie sie im positiven Szenario hinzugewonnen werden könnte. In diesem Kontext zeigt sich ein „sehr starker positiver Zusammenhang“ zwischen Bildungsleistung und Wirtschaftswachstum: „Länder mit höherer Kompetenz ihrer Bevölkerung wachsen langfristig deutlich schneller als Länder mit schwacher Bildungsbasis. Insgesamt kann dieses einfache Modell mehr als drei Viertel der internationalen Unterschiede in den langfristigen volkswirtschaftlichen Wachstumsraten erklären.

Fazit

Die internationale Evidenz und die nationale Datenlage führen zu einer klaren Schlussfolgerung: Bildungsqualität entsteht dort, wo früh investiert, professionell unterstützt und langfristig geplant wird.

Konkret bedeutet das:

  • Früh investieren: bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Angebote in der frühen Bildung, insbesondere in Sprache und basalen MINT-Kompetenzen.
  • Strukturen stärken: flächendeckender Ausbau qualitativ hochwertiger Ganztagsschulen mit multiprofessionellen Teams.
  • Ungleichheit reduzieren: gezielte Programme für benachteiligte Schülergruppen, verlässlich finanziert statt projektförmig befristet.
  • Professionalisierung ermöglichen: mehr Lehrkräfte, Sozialpädagog:innen und Schulpsycholog:innen, um Unterrichtsentwicklung, Classroom-Management und individuelle Förderung systematisch zu tragen.
  • Zeit schaffen: zusätzliche Fachkräfte sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für Teamarbeit, schulinterne Fortbildung und datenbasierte Entwicklungsprozesse.
  • Qualität wertschätzen: angemessene Vergütung externer Fortbildungsanbieter ist Ausdruck professioneller Anerkennung – der derzeitige Abstand zu anderen Wissens- und Handwerksberufen ist bildungspolitisch nicht haltbar.

Bildung ist die nachhaltigste Wachstumsstrategie – jeder heute investierte Euro sichert den Wohlstand von morgen. Wer diese Investitionen weiterhin verzögert, spart kurzfristig im Haushalt und zahlt langfristig mit Fachkräftemangel, sozialer Spaltung und demokratischer Erosion.

 

Makrosystem: Revision Curriculum

Forderungen aus Sicht der Schülerinnen und Schüler

Schülerin, 13. Klasse, Gesamtschule Waltrop

{„Ich wünsche mir, dass unser Lehrplan ergänzt wird. Ich möchte zum Beispiel lernen, wie man eine Steuererklärung schreibt, damit ich wirklich auf das Leben vorbereitet bin.“

Schüler, 11. Klasse, Berufsschule Einbeck

{„Meine Traumschule motiviert die Schülerinnen und Schüler, mehr Leistung zu zeigen, und geht individuell auf die Lernenden mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen ein.“

Schülerin, 10. Klasse, Moritzburg

{„Viele Dinge ändern sich. Schule sollte sich dem anpassen, damit wir auf das Leben vorbereitet sind.“

Forderungen aus Sicht der Bildungsforschung

Prof. Dr. Birgit Eickelmann, Uni Paderborn

{„Meine Vision für das System Schule ist, dass wir nicht immer nur versuchen, durch Nachbessern des Alten in die Zukunft zu kommen. Wir müssen von der Zukunft aus denken und die Perspektive der Kinder und Jugendlichen miteinbeziehen.“

Prof. Dr. Cordula Artelt (Leibniz-Institut)

{„Eine mündige Auseinandersetzung mit Kl-basierten Produkten, die darauf bezogene Argumentation, Beurteilung und das Hinterfragen der Lösungen sind wichtige Kompetenzen, die moderne Bildung ausmachen werden. Die Vermittlung digitaler Souveränität kann dabei nicht früh genug beginnen.“

brand eins

{„Wer sich über Zeugnisse definiert, hat nichts gelernt. Bildung ist Entwicklung und kein Prüfverfahren.“

Björn Nölte

{„Digitale Bildung heißt für mich Lernen in einer digitalisierten Welt - und nicht Digitalisieren von analoger Schule.“

Diese Stimmen aus Schülerschaft und Bildungsforschung verweisen nicht auf ein Defizit an Einzelinhalten, sondern auf ein strukturelles Problem des bestehenden Schulcurriculums: Es ist zu stark fachlich fragmentiert, zu wenig lebensweltlich vernetzt und zu selten auf nachhaltige Kompetenzentwicklung ausgerichtet.

Aktuelle Studien unterstreichen die Notwendigkeit eines mehrdimensionalen Führungsansatzes. Laut einer Untersuchung des Berliner Forschungsinstituts (FiBS) [4]https://www.cornelsen.de/_Resources/Persistent/e/f/c/4/efc40df2e93c4a89eba02bef2d4bd7326d885822/0001100000220%20FiBS_220329_001_Schuleitungsstudie.pdf sprechen sich 82 % der Schulleitungen in Deutschland für eine grundlegende Reform des Fächerkanons aus. Sie sehen den traditionellen Stundenplan als nicht mehr zeitgemäß an und fordern stattdessen eine stärkere thematische Vernetzung und fächerübergreifenden Unterricht. Über 90 % der befragten Schulleitungen betonen außerdem die Notwendigkeit, Lebenskompetenzen zu vermitteln, um Schülerinnen und Schüler besser auf das Erwachsensein und die Arbeitswelt vorzubereiten.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Reformbereitschaft der Schulleitungen als die Klarheit ihrer Diagnose: Der traditionelle Fächerkanon und der starre Stundenplan werden zunehmend als Hindernisse für zeitgemäße Bildung wahrgenommen – nicht als deren Garant.

Dasselbe – Reformen nämlich – fordern übrigens auch 1000 befragte Eltern im Rahmen einer Forsa-Studie:

 

Vier von fünf Elternteilen finden, dass Schulen nicht ausreichend auf die Bedürfnisse einzelner Kinder eingehen. Fast die Hälfte der Eltern sagt, ihre Kinder hätten Probleme in der Schule. [5]https://www.studienkreis.de/unternehmen/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2025/mehr-investitionen-in-bildung/

Die Übereinstimmung zwischen Schulleitungen, Eltern und Bildungsforschung ist auffällig. Sie alle fordern mehr Individualisierung, Lebensnähe und Unterstützung. Gleichzeitig wächst der Katalog zusätzlicher Aufgaben, den Schule erfüllen soll – ohne dass bestehende Strukturen systematisch hinterfragt oder entlastet werden.

Diese Erwartungen sind inhaltlich gut begründet und gesellschaftlich legitim. Problematisch wird ihre Umsetzung jedoch dort, wo sie additiv in bestehende Curricula integriert werden sollen.

Aktuell werden Schulen in Deutschland mit einer wachsenden Liste „querschnittlicher“ Aufgaben konfrontiert. Zu den zentralen Querschnittsthemen zählen:

  • Medien- und Digitalkompetenz („Bildung in der digitalen Welt“: kompetenter Umgang mit digitalen Medien, Datenschutz, kritische Quellenbewertung, Kreativität mit digitalen Werkzeugen).
  • Finanz- und Verbraucherbildung (Umgang mit Geld, Verträgen, Versicherungen, Konsumentscheidungen, Verschuldungsprävention).
  • Demokratie- und politische Bildung (Beteiligung, Umgang mit Populismus und Desinformation, Menschenrechte, Partizipation, Umgang mit der Wehrpflicht).
  • Gesundheit, Prävention und Erste Hilfe (Erste-Hilfe-Kenntnisse, psychische Gesundheit, Sucht- und Gewaltprävention).
  • Bildung für nachhaltige Entwicklung und Klimabildung (nachhaltiger Konsum, Energie, Umwelt, globale Gerechtigkeit).

So entsteht ein curricularer Dauerstau: Immer neue Querschnittsthemen werden ergänzt, ohne alte Inhalte zu überprüfen, zu bündeln oder zu streichen. Verantwortung wird an Schulen delegiert, ohne ihnen die notwendigen zeitlichen, personellen und strukturellen Spielräume zu eröffnen.

Fazit

Aus den internationalen Erfahrungen und der nationalen Datenlage folgt daher eine unbequeme, aber notwendige Konsequenz: Eine Revision des Schulcurriculums darf nicht bedeuten, immer mehr Inhalte aufzunehmen. Sie muss bedeuten, konsequent zu priorisieren, zu integrieren und zu entschlacken. Lebenskompetenzen, digitale Souveränität und demokratische Bildung lassen sich nicht additiv unterrichten – sie müssen leitend für die Auswahl und Gestaltung der Inhalte werden.

Makrosystem: Medienkompetenzförderung

„Die Schulen sollen die Schülerinnen und Schüler durch die altersangemessene Vermittlung digitalisierungsbezogener Kompetenzen dazu befähigen, ein selbstständiges und mündiges Leben in einer digitalen Welt zu führen.“ So heißt es im Hessischen Schulgesetz (§ 2, Absatz 5). Schülerinnen und Schüler sollen lernen, „auch in der digitalen Welt mit Medien verantwortungsbewusst und sicher umzugehen“. Zudem werden sie befähigt, „zukünftige Anforderungen und Chancen in einer digitalisierten Welt bewältigen und ergreifen zu können“, so im Schulgesetz NRW. In den anderen Bundesländern finden sich vergleichbare Formulierungen zu digitalen Kompetenzen im Bildungsauftrag der Schulen, oft im Kontext der Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ der Kultusministerkonferenz (KMK).

Auffällig ist jedoch, dass diese rechtlich verbindlichen Zielsetzungen häufig auf den „verantwortungsbewussten Umgang“ mit digitalen Medien verweisen, ohne systematisch zu klären, wie Verantwortung pädagogisch aufgebaut, eingeübt und reflektiert werden soll.

Die Föderalismusreform der 2000er Jahre hat in der Bildungslandschaft vieles durcheinandergebracht und manches auch „kaputtgemacht“. In den 1990er Jahren war ich selbst intensiv in Bund-Länder-Projekten wie „Schulen ans Netz“ tätig und konnte miterleben, wie verantwortungsvoll Bildungspolitiker:innen der Länder mit den Herausforderungen im Zusammenhang mit der schulischen Nutzung von Internetanbindungen umgingen. Gemeinsam mit uns entwickelten sie konkrete Lösungen für Schulen. Die Erfahrungen aus dieser Zeit zeigen: Fortschritte in der schulischen Medienbildung entstanden dort, wo Bund, Länder, Wissenschaft und Praxis gemeinsam Ziele definierten, Ressourcen bündelten und Schulen verlässliche Rahmenbedingungen boten. Die heutige Fragmentierung erschwert genau diese Form koordinierten Handelns.

Ich bleibe vorsichtig optimistisch, nicht aus Naivität, sondern weil sich Bildungspolitik der eigenen gesetzlichen Verpflichtung zur systematischen Medienkompetenzförderung nicht dauerhaft entziehen kann. Denn letztlich führt kein Weg an der bildungspolitischen Verpflichtung vorbei, sich systemisch mit Fragen der Medienkompetenzförderung, einschließlich der Nutzung von KI in Schule, Unterricht sowie in Fort- und Weiterbildung, auseinanderzusetzen. Die eigentliche Frage an die Bildungsverantwortlichen der Länder lautet: Wie können wir Medienbildung systematisch im Curriculum verankern und dabei Kooperationen mit öffentlichen Einrichtungen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und der Wirtschaft so gestalten, dass alle Schülerinnen und Schüler einen souveränen, kritischen und kreativen Umgang mit digitalen Medien lernen?

Wir fangen dabei nicht bei Null an, wie die folgende Übersicht zeigt. Schaut dabei auch immer mal wieder ins Ausland, denn dort liegen die Lösungen bereits vor. Gleichzeitig zeigen Evaluationen und Schulrückmeldungen, dass diese vorhandenen Konzepte bislang zu selten verbindlich, kohärent und flächendeckend umgesetzt werden.

  • Medienbildung im Curriculum verankern
    • Ausgangspunkt ist der KMK‑Kompetenzrahmen „Bildung in der digitalen Welt“, der in allen Ländern in Bildungs‑ und Lehrpläne zu integrieren ist und Medienkompetenz als verbindlichen Bestandteil aller Fächer festlegt, fächerverbindend und -übergreifend.
    • Einige Schulen haben begonnen, dies in schuleigenen Medienkonzepten zu konkretisieren: Jahrgangsbezogene Kompetenzziele (inkl. Social Media), Zuordnung zu Fächern, verbindliche Unterrichtsvorhaben und regelmäßige Projektformate ab Sek I.
  • Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen nutzen
    • Studien zu Bildungspartnerschaften zeigen, dass Bibliotheken, kommunale Medienzentren und weitere öffentliche Einrichtungen die schulische Medienbildung inhaltlich und technisch ergänzen, wenn Ziele, Rollen, Ressourcen und Evaluation schriftlich vereinbart sind.
    • Empfohlen werden längerfristige, planvolle Kooperationen statt Einzelaktionen: wiederkehrende Module (z.B. Recherche, Fact‑Checking, Social Media) werden fest im Curriculum verankert und mit Schulprogrammarbeit und Medienentwicklungsplanung abgestimmt.
  • Zivilgesellschaft und Wirtschaft einbinden
    • Forschung zu Bildungspartnerschaften betont den Mehrwert zivilgesellschaftlicher Initiativen, Vereine und Unternehmen: Sie bringen aktuelle Medienpraxis, spezifische Expertise (z.B. Algorithmen, Plattformlogiken, Werbung) und oft zusätzliche Technik oder Fördermittel ein.
    • Für das System werden klare Qualitätskriterien entwickelt und verbindlich festgelegt: Transparenz über Interessen (Werbung vs. Bildung), pädagogische Passung, Einhaltung von Datenschutz und Werbefreiheit im Unterricht sowie gemeinsame Zielvereinbarungen mit der Schule.
  • Systemische Empfehlung an das Bildungssystem
    • Auf Systemebene wird eine verbindliche Verknüpfung von KMK‑Strategie, Landescurricula, schulischen Medienkonzepten und kommunalen Bildungslandschaften angestrebt, damit Medienbildung nicht „on top“, sondern als Querschnittsaufgabe aller Schulen verstanden und finanziert wird.
    • Die Studien regen an, Rahmenprogramme aufzulegen, die Schulen bei der Entwicklung solcher Medienkonzepte unterstützen (z.B. Förderprogramme, Pilotprojekte „Schule in der digitalen Welt“) und Bildungspartnerschaften mit öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren strukturell fördern.
Auf Systemebene ist daher eine verbindliche Verknüpfung von KMK-Strategie, Landescurricula, schulischen Medienkonzepten und kommunalen Bildungslandschaften notwendig, damit Medienbildung nicht additiv („on top“), sondern als strukturprägende Querschnittsaufgabe aller Schulen verstanden, organisiert und finanziert wird. Damit wird dem Schulsystem die klare Aufgabe gestellt, Medienbildung curricular zu sichern und diese Strukturen gezielt durch abgestimmte Partnerschaften zu verstärken – statt Medienkompetenz weiterhin projektartig und punktuell zu behandeln. Ein Bildungssystem, das digitale Medien primär über Regelwerke und Einschränkungen steuert, verfehlt seinen eigenen Anspruch, junge Menschen zu einem selbstständigen und mündigen Handeln in einer digitalen Welt zu befähigen.

Makrosystem: Umgang mit KI

Künstliche Intelligenz ist im Unterricht angekommen – und zwar nicht als Zukunftsvision, sondern als konkrete Realität im Klassenzimmer. KI verändert nicht nur die Fächer Mathematik und Informatik, sondern den Unterricht insgesamt. Im MINT-Bereich schreiben Sprachmodelle Texte, lösen komplexe Aufgaben, erklären Sachverhalte und generieren Programmcode auf einem Niveau, das noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Im Deutschunterricht können Schülerinnen und Schüler mithilfe von KI Texte iterativ verbessern und Stile analysieren. In Fremdsprachen können sie Prompts für authentische Dialoge nutzen und in den Gesellschaftswissenschaften können sie Daten visualisieren oder Szenarien simulieren. Jede Fachdisziplin muss überlegen, wie KI als Werkzeug das Verständnis vertiefen kann, ohne Routine zu ersetzen, eine Chance für motivierteres, zukunftsorientiertes Lernen quer durch das Curriculum. Das ist für die Schule keine kleine methodische Anpassung, sondern eine grundlegende Verschiebung dessen, was Lernen, Lehren und Leistung heute bedeuten.

Dieser Text nähert sich dem Thema aus meiner MINT-Perspektive, d. h. aus den Bereichen Mathematik, Informatik und Maker-Education. Nicht, weil KI nur dort relevant wäre, sondern weil sich gerade in diesen Fächern besonders deutlich zeigt, wie tiefgreifend der Wandel ist. Wenn KI heute mathematische Beweise auf Wettbewerbsniveau formuliert, Programme aus Alltagssprache generiert oder technische Prototypen mitentwickelt, dann stellt das Fragen, die weit über Fachgrenzen hinausreichen: Was bedeutet Verstehen, wenn Produzieren automatisiert wird? Welche Kompetenzen bleiben genuin menschlich? Und wie muss Unterricht gestaltet sein, damit junge Menschen in einer Kultur der Digitalität handlungsfähig bleiben? Auch Nicht-MINT-Fächer wie Deutsch, Fremdsprachen oder Gesellschaftswissenschaften stehen vor der gleichen Herausforderung.

In diesem Abschnitt tauche ich tief in meine praktischen Erfahrungen mit Mathematik, Informatik und Maker-Education ein. Ich stelle altersgerechte Projekte für die Grundschule vor und zeige Anwendungen in der Oberstufe. Meine Beispiele aus den Bereichen Mathematik, Informatik und Maker-Projekte verdeutlichen, was auf andere Fächer bereits zukommt oder dort längst begonnen hat. Es geht nicht darum, Faszination für Technologie um ihrer selbst willen zu erzeugen. Vielmehr sollen sie verdeutlichen, warum die Schule jetzt einen neuen Orientierungsrahmen braucht: einen Unterricht, der KI weder verteufelt noch naiv integriert, sondern sie als Anlass nimmt, um höhere kognitive, kreative und reflexive Kompetenzen systematisch zu fördern.

 

{Hier nochmal zum Mitschreiben die Lage – für alle, die die letzten zwei Jahre unter einem Stein gelebt haben: Jede der folgenden Einzelzutaten der Polykrise hat eine nennenswerte Chance zur Katastrophe. Aber ich sehe keine ernsthafte Umsteuerung in Politik und Gesellschaft.
{KI löst alle textbasierten Aufgaben (einschließlich Formeln und Programmcode) vieler MINT-Bachelormodule praktisch perfekt, egal auf welcher Kompetenzstufe (falls hier jemand an Kompetenzstufen glaubt).
{Pflichtgemäß erklären die Student*innen in der vorgeschriebenen Eigenständigkeitserklärung, KI benutzt zu haben. Was noch als menschlicher Arbeitsanteil in solchen Texten steckt, ist für die*den Lesende*n aber unklar und kaum zu bewerten.
{Student*innen benutzen KI, um Aufgaben zu bearbeiten, ohne tiefer zu verstehen, was in den Lösungen passiert. Das wird teilweise gefährlich, zum Beispiel bei unverstandenen und deswegen subtil fehlerhaften Data-Science- oder KI-Anwendungen in Abschlussarbeiten bei Unternehmen.
{Sinkende Sprachfertigkeiten und schrumpfende Aufmerksamkeitsspannen bauen weiteren Druck in Richtung KI auf.
{Die Motivation wird durch die allgemeine Lage nicht gerade gesteigert: Krieg, Klima, Flucht und Migration, Extremismus, Wirtschaftslage und Überschuldung, Krise des Sozialsystems.

Die Zitate stammen von Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik an der Hochschule Bielefeld sowie ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Computer-Zeitschrift c’t. Nicht nur in den MINT-Fächern muss dringend ein Diskurs stattfinden. Prof. Loviscach zeigt in mehreren Youtube- Videos auf, wie stark sein Arbeitsbereich von den Entwicklungen rund um LLMs betroffen ist. Mit Klausuraufgaben aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Gebäudeautomation, Windenergie, erneuerbare Energie und Elektronik, die von unterschiedlichen LLMs gelöst wurden und die er mit „Magna cum laude” bewertet hat, bestätigt sehr erstaunlichen „Kompetenzen“ der von ihm getesteten LLMs. Indirekt stellt er die Frage, wie sich seine Lehre angesichts dieser rasanten Entwicklung verändern müsse. Übertragen auf die schulische Bildung stellt sich für mich die Frage, welche Basisausbildung in Zukunft erforderlich ist.

Mathematik

Mathematik-Olympiade (IMO)

Anfangs waren die Sprachmodelle nahezu unfähig, selbst die einfachsten Aufgaben aus der Mittelstufe zu lösen. Unter anderem versagten sie häufig bei Größenvergleichen und der Einordnung von Dezimalzahlen. Das hat sich dramatisch verändert (siehe die Aussagen von Prof. Loviscach). Ich will das am Beispiel der Mathematik-Olympiade aufzeigen.

Ich habe die Aufgaben der Internationalen Mathematik-Olympiade durchgesehen und sie aufgrund ihres Niveaus von Algebra bis Zahlentheorie nur den besten Schülerinnen und Schülern empfohlen. Die Aufgaben sind sehr anspruchsvoll und schwer zu lösen. An dem prestigeträchtigen Wettbewerb nehmen weltweit Jugendliche teil, die sich über nationale Wettbewerbe qualifizieren müssen.

Im Jahr 2025 erreichte eine spezialisierte Version von Googles Gemini-Systems bei einer Simulation der IMO-Aufgaben ein Leistungsniveau, das nach den offiziellen Bewertungskriterien einer Goldmedaille entsprochen hätte. Das System bearbeitete die Aufgaben vollständig, legte strukturierte Textbeweise vor und wurde von externen Expertinnen und Experten als korrekt bewertet. Zum Vergleich: Selbst unter hochselektierten menschlichen Teilnehmergruppen ist das Erreichen einer Goldmedaille selten und international stark konzentriert.

Natürlich ist mir bewusst, dass diese Leistung in einem engen Benchmark-Setting erzielt wurde, in dem die KI auf große Mengen ähnlicher Wettbewerbsaufgaben trainiert wurde. Die Herausforderung besteht jedoch darin, mathematische Theorien aufzubauen und dabei eine kreative Auswahl neuer inner- und außermathematischer Problemstellungen zu treffen.

Übertragen auf die schulische Bildung stellt sich mir die Frage, welche Basisausbildung in Zukunft erforderlich ist. Heymann hat bereits 1996 in seiner Habilitationsschrift herausgearbeitet, dass die Vermittlung der sechs Kompetenzen – argumentieren, Probleme lösen, modellieren, Darstellungen verwenden, mit symbolischen, formalen und technischen Elementen der Mathematik umgehen sowie kommunizieren, in Verbindung mit den Inhalten Arithmetik (Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division), Dreisatz, Prozentrechnung und Überschlagsrechnung/Schätzen die Voraussetzungen für eine ausreichende Berufsvorbereitung schafft.  Bemerkenswert ist, dass diese von Heymann formulierten Kompetenzen aus heutiger Sicht nicht durch KI obsolet werden, sondern im Gegenteil: Erst sie ermöglichen es, KI-generierte Ergebnisse kritisch zu prüfen, sinnvoll einzuordnen und produktiv weiterzuentwickeln. Ein Vergleich der Ergebnisse von PISA, IQB-Trend (Big Data) und VERA (Small Data) zeigt, dass gerade in diesen Bereichen in allen Schulen des Sekundarstufenbereichs I enorme Lücken bestehen, die es aufzuholen gilt. Dies kann durch eine Neufassung der Kerncurricula mit einer konsequenten Priorisierung zentraler Inhalte und Kompetenzen, statt einer fortschreitenden Stoffanreicherung erreicht werden. Der Forderung nach mehr Anwendungsorientierung und Nachhaltigkeit gelingt ggfs. durch fächerverbindende Elemente aus dem Bereich Politik/Wirtschaft (Steuerrecht, Kranken-, Rentenversicherung, Geldanlagen) . Darüber hinaus sind Fragestellungen rund um Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung laut den vorliegenden Daten ein vernachlässigtes Thema der Mathematik.

Für den Mathematikunterricht ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag: Einerseits muss der Unterricht systematisch Kompetenzen stärken, die über reine Routineaufgaben hinausgehen, wie beispielsweise Problemlösefähigkeit, Begründungskompetenz, das Vergleichen von Lösungswegen und das kritische Prüfen von Beweisen. Genau in diesen Bereichen zeigen KI-Systeme heute überraschend leistungsfähige, aber nicht verlässliche Performanzen. Andererseits sollte die Schule Lernende gezielt dabei unterstützen, KI-Werkzeuge reflektiert zu nutzen: als Hilfsmittel zum Erklären, zum Generieren von Beispielen oder zum Explorieren alternativer Lösungswege – jedoch immer eingebettet in metakognitive Strategien, Fehlersensibilität und eine klare Trennung zwischen „Verstehen“ und „Produzieren von Lösungen“.

Schulen können darüber hinaus KI-Tools wie adaptive Systeme einsetzen, um Basiskompetenzen zu diagnostizieren und zu fördern, während höhere Fähigkeiten menschlich vertieft werden. Dies vermittelt ein mathematisches Verständnis, das KI-Ergebnisse prüfbar macht und Kreativität über Routine hinaus fördert.

Fazit

Die rasante Entwicklung KI-gestützter Systeme zwingt das Bildungssystem zu einer unbequemen Erkenntnis: Ein Mathematikunterricht, der primär auf das fehlerfreie Ausführen standardisierter Verfahren zielt, bildet nicht mehr für die Zukunft aus, sondern für eine Vergangenheit, in der Rechen- und Symbolmanipulation noch exklusiv menschliche Domänen waren. Wenn selbst hochkomplexe algebraische und zahlentheoretische Probleme durch KI-Systeme bearbeitet werden können, dann verschiebt sich der Bildungsauftrag zwangsläufig weg von der Produktion korrekter Lösungen, hin zur Beurteilung, Begründung, Kontextualisierung und Weiterentwicklung mathematischer Ideen.

Diese Verschiebung ist keine pädagogische Modeerscheinung, sondern eine systemische Notwendigkeit. Wer an überfrachteten Curricula, ritualisierten Übungsformaten und einer trügerischen Gleichsetzung von Rechnen und Verstehen festhält, riskiert nicht nur weitere Leistungsrückgänge, sondern auch den Verlust der gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit mathematischer Bildung. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht darin, KI aus dem Mathematikunterricht fernzuhalten, sondern ihn so weiterzuentwickeln, dass Schülerinnen und Schüler mathematische Kompetenz als etwas erleben, das über das hinausgeht, was Maschinen zuverlässig leisten können.

 

Informatik

Das Jahr 2025 markierte einen Durchbruch beim KI-gestützten Programmieren (Code Vibing): Tools wie Cursor, Windsurf und Claude Code generieren in vielen Fällen lauffähigen, syntaktisch korrekten und funktional überzeugenden Code aus einer natürlichen Sprachbeschreibung. Sie haben sich als extrem leistungsfähig erwiesen. Sie nehmen uns Softwareentwicklerinnen und -entwicklern mühsame Routineaufgaben wie Syntax, Boilerplate-Code oder Standardalgorithmen ab und ermöglichen es, komplexe Funktionalitäten in Sekunden zu prototypisieren. Dadurch wird die Produktivität in der Softwareentwicklung massiv gesteigert (was ich aus eigener Erfahrung mehrfach bestätigt habe). Diese modernen LLMs übertreffen hierbei oft die schulischen Curricularvorgaben bei der korrekten Implementierung bekannter Algorithmen (z. B. Sortierverfahren, Datenstrukturen, API-Integrationen). Sie verstehen Kontext, generieren kommentierten Code in mehreren Sprachen und passen sich Stilrichtlinien an. Diese Fähigkeiten werden durch das Training auf Milliarden Codezeilen aus Open-Source-Repositories erreicht.

Der Fokus auf KI-gestütztes Programmieren ist dabei kein Zufall, sondern spiegelt die schulische Realität wider: In der Sekundarstufe I bildet Programmieren – häufig in Form von HTML, Java oder einfacher Anwendungsentwicklung – faktisch den Kern des Informatikunterrichts. Andere informatische Inhaltsbereiche sind zwar curricular vorgesehen, treten im Unterrichtsalltag jedoch häufig in den Hintergrund oder werden nur punktuell behandelt.

Trotz dieser Leistungsfähigkeit bleibt KI-gestütztes Programmieren primär auf statistisch gelernte Muster, Wahrscheinlichkeiten und Korrelationen gestützt – nicht auf ein semantisches oder intentionelles Verständnis von Problemdomänen. Die Modelle glänzen bei reproduzierbaren Lösungen, scheitern jedoch häufig bei neuartigen Anforderungen, Edge Cases (Probleme oder Szenarien, die nur unter extremen Bedingungen oder an den äußeren Grenzen der Betriebsparameter auftreten), Sicherheitslücken oder der Architektur großer Systeme. Häufige Kritikpunkte sind Halluzinationen (falscher Code), mangelnde Generalisierbarkeit auf unbekannte Probleme und der Verlust von Verständnis, wenn Lernende Code nur kopieren, statt ihn selbst zu konstruieren. Zudem birgt die Abhängigkeit ethische Risiken, beispielsweise im Hinblick auf geistiges Eigentum (das Training erfolgt auf fremdem Code) und die Undurchsichtigkeit von Black-Box-Entscheidungen.

Was heißt das konkret für Lehrpläne?

Zentrale informatische Konzepte wie Abstraktion, Algorithmik, Datenmodellierung, Kontrollstrukturen und Komplexitätsbetrachtungen verlieren durch KI nicht an Bedeutung, sondern gewinnen an Relevanz: Nur wer diese Grundlagen beherrscht, kann KI-generierten Code sinnvoll beurteilen, anpassen oder verwerfen. Ein zukunftsfähiger Informatikunterricht verschiebt den Schwerpunkt von der reinen Codeproduktion hin zu vier übergeordneten Kompetenzdimensionen. Gerade weil Programmieren in der Schule oft als Stellvertreter für „Informatik insgesamt“ fungiert, müssen die zugrunde liegenden Kompetenzziele klarer gefasst und vom reinen Codieren entkoppelt werden.

  • Struktur- und Architekturkompetenz (Systemdesign, Modularisierung, Schnittstellen, Skalierbarkeit, Wartbarkeit: KI generiert Code, aber keine tragfähige Systemarchitektur)
  • Prüfen, Testen, Verifizieren (Debugging, Unit-Tests, Code Reviews, Sicherheitsanalysen: KI liefert Vorschläge, Verantwortung bleibt menschlich)
  • Interaktion mit KI-Systemen (Prompt Literacy mit  präzisen Problemformulierung, Iteration, Fehlerdiagnose;  neue Form informatischer Kommunikation)
  • Reflexion, Ethik und Recht (Bias, IP-Fragen, Abhängigkeiten, Black-Box-Probleme; gesellschaftliche Verantwortung informatischer Systeme)

Diese Verschiebung ist auch deshalb notwendig, weil zwischen den formal breit angelegten Lehrplänen und der tatsächlichen Unterrichtspraxis eine erhebliche Lücke besteht. Solange Programmieren das dominierende Einstiegstor in die Informatik bleibt, entscheidet sich hier, ob Lernende Informatik als kreatives, gestaltendes Fach erleben – oder als syntaktisch-technische Hürde.

Ein besonders deutliches Warnsignal ist die Entwicklung in der gymnasialen Oberstufe. Obwohl der Informatikunterricht in den Jahrgängen 12 und 13 erst dort systematisch über das reine Programmieren hinausgeht und weiterführende Fragestellungen zu Algorithmen, Daten, Systemen und gesellschaftlichen Implikationen behandelt, erreicht dieses Angebot nur noch eine sehr kleine und stark selektive Lerngruppe.

Grundkurse kommen häufig nur mit wenigen – überwiegend männlichen – Schülern zustande, Leistungskurse sind selten und vielfach nur schulübergreifend organisierbar. Diese Entwicklung ist kein Randphänomen, sondern verweist auf ein strukturelles Problem: Ein zu früher und zu enger Fokus auf Programmieren in der Sekundarstufe I wirkt für viele Lernende eher abschreckend als motivierend und verhindert den Zugang zu den eigentlichen Denkweisen der Informatik.

Ein zukunftsfähiger Informatikunterricht muss daher früher breiter werden – nicht später. Wenn algorithmisches Denken, Modellierung, Systemverständnis und gesellschaftliche Reflexion erst dann sichtbar werden, wenn ein Großteil der Lernenden das Fach bereits abgewählt hat, greift Bildungspolitik zu kurz.

Fazit

Die rasante Entwicklung KI-gestützter Programmierwerkzeuge stellt den Informatikunterricht vor eine vergleichbare Zäsur wie einst der Taschenrechner für die Mathematik. Ein Unterricht, der sich primär an der manuellen Implementierung bekannter Algorithmen orientiert, verfehlt zunehmend seinen Bildungsauftrag. Wenn KI-Systeme in Sekunden funktionsfähigen Code erzeugen können, dann liegt der Mehrwert schulischer Informatikbildung im Verstehen, Strukturieren, Bewerten und verantwortlichen Einsetzen digitaler Systeme. Dies erfordert eine curriculare Neujustierung: weg von einer Überbetonung syntaktischer Details, hin zu algorithmischem Denken, Systemarchitektur, Qualitätsbewertung und ethischer Reflexion. Informatikunterricht wird damit nicht einfacher, sondern anspruchsvoller – und zugleich relevanter für eine digital geprägte Gesellschaft.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob KI im Informatikunterricht erlaubt sein sollte, sondern ob die Schule Lernende dazu befähigt, KI-generierten Code kompetent zu prüfen, weiterzuentwickeln und bei Bedarf bewusst zu verwerfen. Nur so bleibt der Informatikunterricht für eine breite Schülerschaft attraktiv und anschlussfähig.

Maker-Education

In einer Zeit, in der KI-Systeme zunehmend kognitive Routinetätigkeiten übernehmen, gewinnt Maker Education eine neue bildungstheoretische Bedeutung: Sie verschiebt Lernen vom reinen Problemlösen hin zum Problemerkennen, vom Konsumieren vorgefertigter Lösungen hin zur aktiven Gestaltung materieller und digitaler Artefakte.

Bei der Maker-Education werden Tüfteln und Technologien wie 3D-Drucker, Robotik oder Programmierung zu motivierenden Projekten verbunden, die die Selbstwirksamkeit von Schülerinnen und Schülern stärken. Maker-Projekte sind ideal für den MINT-Unterricht, da sie altersgerecht Motivation und Kompetenzen fördern. Meist werden einfache Materialien wie Karton, Kleber, Mikrocontroller (z. B. Calliope mini, Arduino) oder Apps benötigt. In der Grundschule stehen beim Bürstenroboter- und Stromprojekte oder beim Bau einer Murmelbahn das spielerische Tüfteln mit Fokus auf Motorik, Experimentieren und ersten Konzepten im Vordergrund. In der Sekundarstufe kommen Programmierung und Prototyping hinzu, beispielsweise in Form von Challenges und Beispielprojekte. In der Oberstufe können schließlich komplexere Projekte in Angriff genommen werden, beispielsweise die Entwicklung eines Spiels mit Smartphone und Raspberry Pi sowie die Herstellung von Wearables.

Zentral ist dabei nicht die eingesetzte Technologie, sondern die zugrunde liegenden Kompetenzen: iteratives Arbeiten, Hypothesenbildung, Fehlersuche, das Aushalten von Nicht-Gelingen sowie die Reflexion über Funktion, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Wirkung eigener Produkte.

Maker-Projekte fördern fächerübergreifendes Lernen, Soft Skills (wie Kollaboration und kritisches Denken) sowie digitale Kompetenzen, ohne das Kerncurriculum zu überladen. Initiativen wie „Make & MINT“ zeigen, wie sich dies nahtlos in Schulen integrieren lässt. Empirische Studien zeigen, dass handlungsorientierte Maker-Ansätze insbesondere bei leistungsschwächeren und bislang wenig MINT-affinen Lernenden Motivation, Durchhaltevermögen und konzeptuelles Verständnis deutlich steigern, also genau dort ansetzen, wo klassische Unterrichtsformate zunehmend an ihre Grenzen stoßen.

Trotz ihres Potenzials wird Maker Education in Deutschland bislang überwiegend projektförmig, befristet oder von besonders engagierten Einzelpersonen getragen. Eine systematische curriculare Verankerung fehlt ebenso wie eine verlässliche Ausstattung, feste Zeitbudgets oder verbindliche Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte. Damit reproduziert das Bildungssystem bestehende Ungleichheiten: Während einzelne Schulen gut ausgestattete Makerspaces betreiben, bleiben anderen lediglich punktuelle Bastelaktionen. Gerade in einer Zeit, in der praktische Problemlösefähigkeit, technisches Systemverständnis und kreative Gestaltungskompetenz an Bedeutung gewinnen, ist diese Abhängigkeit vom Engagement Einzelner bildungspolitisch nicht mehr zu rechtfertigen. Maker Education darf daher nicht länger als „AG-Format“ oder freiwillige Ergänzung verstanden werden, sondern muss als integraler Bestandteil einer zeitgemäßen MINT-Bildung strukturell abgesichert werden – mit verbindlichen Zeitfenstern, curricularen Anknüpfungspunkten und nachhaltiger Ausstattung.

Fazit

Maker Education ist kein Selbstzweck: Ihr didaktischer Mehrwert entsteht nur dann, wenn sie gezielt auf zentrale Kompetenzen ausgerichtet ist und systematisch in Unterrichtsstrukturen eingebettet wird. Projekte sind altersgerecht zu konzipieren. Der Fokus liegt auf dem Lernprozess statt auf der Technik.

Auf MINT bezugnehmend fordert Nina Smidt, Geschäftsführende Vorständin und Sprecherin des Vorstands der Siemens Stiftung, einen Paradigmenwechsel im MINT-Unterricht: weg vom Auswendiglernen von Formeln hin zu praxisnahen, kreativen Problemlösungen.[6]https://www.zeit.de/2025/52/mint-faecher-schule-unterricht-bildung-mangel-mint-plus Dieser Paradigmenwechsel gewinnt zusätzliche Dringlichkeit vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung KI-gestützter Systeme, die kognitive Routinetätigkeiten zunehmend automatisieren und damit klassische schulische Übungsformate infrage stellen.

Smidt plädiert für den „MINT-plus“-Ansatz, der klassische MINT-Fächer um gesellschaftliche, kulturelle und ethische Perspektiven erweitert. Wissen soll in reale Kontexte eingebettet werden, um Neugier und nachhaltiges Lernen zu fördern. Der MINT-plus-Ansatz greift damit genau jene Entwicklungen auf, die sich aktuell in Mathematik, Informatik und Maker Education abzeichnen: weg von isolierten Fachinhalten, hin zu vernetztem Denken, praktischer Anwendung, Reflexion und verantwortlicher Gestaltung technologischer Lösungen.

Es geht dabei nicht allein um die oft bemühte Forderung nach der Ausbildung zukünftiger Fachkräfte, sondern um die Befähigung von Menschen, Zukunft aktiv mitzugestalten. Damit das gelingt, muss Bildung wieder als gemeinsame, aber klar verantwortete Aufgabe verstanden werden – von Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. MINT darf dabei nicht als exklusives Fachgebiet für wenige gelten, sondern muss als offener Lernraum für alle gestaltet werden, die neugierig bleiben wollen.

Bezüglich KI liegt seit Kurzem der Entwurf für ein KI-Literacy-Framework der EU und der OECD vor. Jan Schwamm (@blueprintedu.bsky.org) hat die folgende Definition aus der Publikation so übersetzt:

 

Bernhard Gmeiner beschreibt in seinem Blogbeitrag „Die KI ist da: Was jetzt?“ den gegenwärtigen Schulalltag als einen Balanceakt zwischen Faszination und Überforderung.[7]https://www.derstandard.at/story/3100000291170/die-ki-ist-da-was-jetzt# KI ist längst Realität, so seine zentrale Botschaft – entscheidend sei nicht mehr, ob, sondern wie sie in Schule und Unterricht eingesetzt wird. Er schildert die Spannbreite zwischen sinnvollem Lernen mit Tools wie Fellofish oder Brisk Teaching und der Gefahr, Denkprozesse an Maschinen auszulagern. Die pädagogische Haltung sei dabei der Schlüssel: Lehrkräfte müssen den Wandel gestalten, statt ihn zu verbieten oder zu ignorieren.

Die darauf folgende Diskussion mit über hundert Kommentaren zeigt, wie stark das Thema polarisiert – aber auch, dass viele Lehrkräfte und Eltern weiter sind als die bildungspolitischen Rahmenbedingungen. Einigkeit herrscht darüber, dass es verbindliche Leitlinien, datenschutzkonforme Plattformen und gezielte Fortbildungen braucht. Lehrpersonen fühlen sich vom Ministerium allein gelassen, fordern Materialien, rechtliche Klarheit und eine Reform der Prüfungsformate.

Zwischen Zustimmung und Sorge ziehen sich zwei Grundhaltungen durch die Debatte: Einerseits der Wunsch, KI als Werkzeug zu begreifen – vergleichbar mit Taschenrechner oder Textverarbeitung –, andererseits die Befürchtung, dass Schülerinnen und Schüler durch frühe Nutzung kritisches Denken und Eigenständigkeit verlieren könnten. Besonders umstritten bleibt die Frage, ab welchem Alter KI sinnvoll eingesetzt werden darf.

Trotz aller Differenzen überwiegt ein gemeinsamer Tenor: KI ist ein Weckruf für das Bildungssystem. Sie zwingt das deutsche Bildungssystem, über Prüfungen, Medienkompetenz und Lernkultur neu nachzudenken. Wenn Lehrkräfte, Lernende und Eltern gemeinsam einen reflektierten Umgang entwickeln, kann KI nicht zur Bedrohung, sondern zum Katalysator für eine lernende Schule werden.

Bereits vor der Freischaltung der Sprachmodelle gab es zahlreiche Aufrufe, angesichts der durch die Studien aufgezeigten Defizite das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.

Exosystem: Kooperation

Die Schulentwicklung ist kein isolierter Prozess innerhalb der Schule, sondern wird maßgeblich durch das Zusammenwirken verschiedener externer Akteure geprägt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese Zusammenarbeit häufig fragmentiert, projektförmig oder von kurzfristigen Förderlogiken geprägt ist. Genau hier entscheidet sich, ob Schulentwicklung nachhaltig wirkt oder in Einzelinitiativen verpufft.

Eine erfolgreiche strategische Schulentwicklung erfordert daher eine Verzahnung mit Schulträgern, der Schulaufsicht sowie Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft. Schulträger tragen dabei nicht nur Verantwortung für Gebäude und Ausstattung, sondern zunehmend für die Gestaltung von Lernarchitekturen, die pädagogische Konzepte ermöglichen oder verhindern. Eine zukunftsorientierte Schulentwicklung gelingt nur, wenn bauliche Maßnahmen, digitale Ausstattung und finanzielle Ressourcen im Einklang mit pädagogischen Konzepten geplant und umgesetzt werden. Ein proaktiver Dialog zwischen Schulleitung und Schulträger ist daher essenziell, um innovative Lernräume zu gestalten und schulische Entwicklungsprozesse nachhaltig zu unterstützen. Die Schulaufsicht spielt eine zentrale Rolle als strategischer Begleiter schulischer Innovationsprozesse. Voraussetzung dafür ist eine klare Rollenverständigung: Schulaufsicht wirkt dort besonders wirksam, wo sie Kontrolle, Beratung und Entwicklungsbegleitung transparent austariert und Schulen als professionelle Akteure ernst nimmt. Durch gezielte Beratung, Coaching und die Förderung von Vernetzungsstrukturen kann sie Schulen dabei unterstützen, datenbasierte Schulentwicklungsstrategien zu etablieren und innovative Ansätze systematisch weiterzuentwickeln. Die Schaffung von Schulclustern und Lernnetzwerken ermöglicht es Schulen, voneinander zu lernen und gemeinsam an der Qualitätsentwicklung zu arbeiten. Wirtschaft und Gesellschaft wiederum bieten wertvolle Impulse für die Schulentwicklung, insbesondere im Bereich der Berufsorientierung, der Nutzung externer Lernorte und der Förderung praxisnaher Bildungsangebote. Damit solche Kooperationen pädagogisch wirksam und legitim bleiben, bedarf es klarer Qualitätskriterien, Transparenz über Interessenlagen sowie einer konsequenten Ausrichtung an schulischen Bildungszielen. Kooperationen mit Unternehmen, Hochschulen und weiteren Akteuren eröffnen Schülerinnen und Schülern reale Einblicke in die Arbeitswelt und ermöglichen eine anwendungsorientierte Erweiterung schulischer Lernprozesse. Eine systematische Einbindung dieser externen Partner trägt dazu bei, Schule stärker mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu verzahnen und zukunftsrelevante Kompetenzen gezielt zu fördern.

Die folgenden Beispiele und Materialien verdeutlichen, wie unterschiedlich Exosysteme wirksam werden können; als Ermöglichungsstruktur, als Bremsklotz oder als Katalysator schulischer Entwicklung. Sie zeigen erfolgreiche Modelle, aber auch implizit, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit externe Unterstützung tatsächlich zur Qualitätsentwicklung beiträgt.

Schulträger

Das folgende Angebot eines Schulteams aus Hatten zeigt exemplarisch, wie schulische Digital- und Medienentwicklung professionalisiert und arbeitsteilig organisiert werden kann – jenseits von Einzelinitiativen und persönlichem Engagement Einzelner. Auffällig ist dabei weniger die technische Ausstattung als die klare Rollenverteilung: Fortbildung, Inklusion, Lizenzmanagement, Systemadministration, Maker Education, KI, Social Media und Schulentwicklung sind nicht zufällig verteilt, sondern bewusst zugeordnet. Genau diese Struktur fehlt vielen Schulen – nicht aus Mangel an Motivation, sondern aus Mangel an systemischer Unterstützung.

 

 

 

Dieses Tableau ist sicherlich nicht für jede Schule realisierbar. Warum also nicht Kooperationsverbünde von Schulen innerhalb einer Region bilden? Warum nicht die in den Regionen etablierten Medienzentren nutzen? Ein mit diesem Beratungs- und Unterstützungskonzept ausgestattetes Medienzentrum wäre damit kein klassischer Geräteverleih oder Fortbildungsanbieter, sondern eine serviceorientierte Unterstützungsstruktur für die Schulentwicklung mit Beratung, Qualifizierung, technischer Betreuung und konzeptioneller Begleitung. Das Medienzentrum in Friedberg (Hessen) zeigt, dass solche Strukturen politisch umsetzbar sind. Durch eine klare Aufgabenverteilung zwischen Schulträger und Land sowie ein paritätisches Finanzierungsmodell wurde Verantwortung gebündelt statt delegiert. Genau solche Modelle könnten regional skaliert werden.

Das Beispiel aus Hatten macht deutlich, dass digitale Schulentwicklung selten an fehlender Technik, sondern an fehlenden Strukturen scheitert. Regionale Medienzentren könnten hier ansetzen und Schulen ein professionelles Rückgrat bieten, die den digitalen Wandel nicht improvisieren, sondern aktiv gestalten wollen.

 

Schulaufsicht

Bleiben wir in meinem langjährigen Arbeitsumfeld, dem Land Hessen. Das Kultusministerium hat dort Dienstleistungsstrukturen entwickelt, die sich ebenfalls als Modell für andere Regionen eignen könnten. Diese Strukturen sind konzeptionell gut ausgebaut. Ihre Wirksamkeit hängt jedoch entscheidend davon ab, wie klar Rollen definiert, wie verbindlich Prozesse gestaltet und wie gut Unterstützungsangebote in den schulischen Alltag integriert werden.

Die Schulentwicklungsberaterinnen und -berater der Hessischen Lehrkräfteakademie unterstützen Schulen bei ihrer Qualitätsentwicklung. Im Mittelpunkt der Beratungstätigkeit stehen dabei die jeweiligen Erfordernisse der einzelnen Schule. Durch die Zusammenarbeit der Schulentwicklungsberaterinnen und -berater mit der Leitung pädagogische Unterstützung und den Fachberaterinnen und -beratern der Staatlichen Schulämter kann die Schulentwicklungsberatung mit der Unterrichtsentwicklung kombiniert werden. Ziel ist es, eine nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung zu befördern.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Schulentwicklungsberatung besonders dort Wirkung entfaltet, wo sie langfristig angelegt, datenbasiert rückgebunden und mit klaren Entwicklungszielen der Schule verknüpft ist, weniger als punktuelle Intervention, sondern mehr als Prozessbegleitung.

Gerade im Kontext wachsender psychischer Belastungen, digitaler Dauerpräsenz und zunehmender Heterogenität gewinnt die schulpsychologische Arbeit an systemischer Bedeutung, im Rahmen einer Krisenintervention, sowie als präventiver Bestandteil schulischer Qualitätsentwicklung.

Kooperationsverbünde entfalten ihr Potenzial insbesondere dort, wo sie nicht nur Verwaltung effizienter machen, sondern Lernen ermöglichen: durch geteilte Expertise, gemeinsame Reflexion und abgestimmte Entwicklungsstrategien. Mit der Bildung von Kooperationsverbünden der Staatlichen Schulämter werden in Hessen mehrere Teilziele verfolgt. Im Mittelpunkt steht die Qualitätsverbesserung der schulischen Arbeit durch die Bildung fachlicher Arbeitsverbünde, die eine bessere Nutzung von Ressourcen, eine mögliche Bündelung von Aufgaben sowie eine Optimierung der Leistungsbereiche Unterstützung, Schulaufsicht, Service und interne Leistungen ermöglichen. Weitere Schwerpunkte liegen in der Organisation gemeinsamer Lern- und Qualifizierungsverbünde sowie in der Sicherung eines kontinuierlichen Erfahrungs- und Beratungsaustauschs zwischen den beteiligten Partnern. Übergeordnetes Ziel der Kooperationsverbünde ist es, fachliche Expertisen zu verknüpfen, regionale und amtsübergreifende Perspektiven miteinander zu verzahnen und die Zusammenarbeit auf fachlicher und organisatorischer Ebene nachhaltig zu intensivieren.

Dass Baden-Württemberg vergleichbare Strukturen explizit unter dem Begriff „Datengestützte Qualitätsentwicklung an Schulen” bündelt, macht deutlich: Schulaufsicht entwickelt sich bundesweit von einer primär kontrollierenden Instanz zu einer strategischen Unterstützungsstruktur. 

Die Beispiele aus Hessen zeigen, dass leistungsfähige Unterstützungsstrukturen bereits existieren. Die zentrale Frage ist weniger ihr Ausbau als ihre konsequente Nutzung, Verzahnung und Verbindlichkeit – damit Schulaufsicht nicht als Bremse, sondern als Ermöglichungsinstanz für professionelle Schulentwicklung wirkt.

Wirtschaft und Gesellschaft

Durch Kooperationen mit Unternehmen, Hochschulen und weiteren Akteuren erhalten Schülerinnen und Schüler reale Einblicke in die Arbeitswelt und können ihre schulischen Lernprozesse anwendungsorientiert erweitern. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl externer Angebote, sondern ihre pädagogische Qualität, curriculare Einbettung und nachhaltige Verankerung im Schulprogramm. Eine systematische Einbindung dieser externen Partner trägt dazu bei, Schule stärker mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu verzahnen und zukunftsrelevante Kompetenzen gezielt zu fördern. Kürzlich hat David Ger, Department Director – AI Solution, in einem meiner Blogs einen Workshop vorgestellt, den er einem Informatik-Leistungskurs anbietet. [8]https://schule-in-der-digitalen-welt.de/ki-in-der-schule-7-wenn-ki-plotzlich-im-klassenzimmer-sitzt/ In diesem Workshop wird schwerpunktmäßig über KI, IT-Berufe und die Zukunft der Arbeit gesprochen. Seine wiederkehrende Beobachtung:

  • Viele Schüler:innen haben Angst, dass KI ihre späteren Jobs ersetzt.
  • Gleichzeitig unterschätzen sie, welche Kompetenzen sie benötigen, um souverän mit KI arbeiten zu können.

Gerade diese Diskrepanz zeigt den Mehrwert externer Expertise: Sie konfrontiert schulische Vorstellungen mit realen Anforderungen der Arbeitswelt – ohne dabei pädagogische Verantwortung zu ersetzen.

David Ger nennt in seinem Beitrag Gelingensbedingungen einer erfolgreichen Kooperation zwischen Wirtschaft und Schule. Ich will sie systemsich verallgemeinern:Damit Kooperationen mit Wirtschaft und Gesellschaft schulische Bildungsziele unterstützen, braucht es Qualitätskriterien, verbindliche Leitplanken, etwa

  • klare curriculare Anbindung und pädagogische Zielsetzung
  • Transparenz über Interessen und Rollen der Partner
  • Werbefreiheit und Datenschutz
  • langfristige Kooperationen statt punktueller Events
  • systematische Evaluation der Wirkung

Kooperationen mit Wirtschaft und Gesellschaft entfalten ihr Potenzial dann, wenn sie Schule nicht überformen, sondern erweitern: als Resonanzraum für reale Fragen, als Korrektiv für Fehlannahmen und als Brücke zwischen schulischem Lernen und gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Weitere Praxisbeispiele

Auch im Bereich der MINT-Bildung gewinnen Kooperationen zwischen Schulen, Hochschulen und Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Initiativen, die den Austausch zwischen Bildungseinrichtungen und Wirtschaft fördern, tragen dazu bei, das Interesse an technischen und naturwissenschaftlichen Themen frühzeitig zu wecken und praxisnahe Lernwege zu eröffnen. Solche Kooperationen dienen nicht allein der Nachwuchsgewinnung, sondern leisten einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, zur realistischen Berufsorientierung und zur Stärkung von Selbstwirksamkeit – auch jenseits klassischer MINT-Karrieren. Wie der aktuelle ZEIT-Gastbeitrag „MINT braucht Plus“ betont, entstehen durch solche Partnerschaften nicht nur innovative Lernformate, sondern auch neue Zugänge zu Zukunftsfeldern wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – Themen, die für die schulische Bildung von morgen entscheidend sind.

Der Beitrag der Deutschen Telekom Stiftung zeigt, wie stark MINT-Initiativen von Kooperationen zwischen Schulen, Hochschulen und Unternehmen profitieren und wie solche Programme Bildungsbiografien nachhaltig prägen können. Die Junior-Ingenieur-Akademie verknüpft regulären Unterricht mit praxisnahen Lernorten, ermöglicht vertiefte Einblicke in Studien- und Berufsfelder und stärkt so die Studien- und Berufsorientierung gerade im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Aus der individuellen Erfolgsgeschichte wird deutlich, dass solche Angebote nicht nur Talente sichtbar machen, sondern Schülerinnen und Schülern auch Zutrauen in eigene MINT-Fähigkeiten geben und damit langfristig zur Gewinnung von Fachkräften und zukünftigen MINT-Lehrkräften beitragen. Vor diesem Hintergrund sind Kooperationen im MINT-Bereich ein zentraler Baustein einer zeitgemäßen Schulentwicklung, die junge Menschen auf eine von Technik, Digitalisierung und Innovation geprägte Arbeitswelt vorbereitet.

In Bezug auf Angebotsstruktur und Umsetzung sind diese beiden Regionen vorbildlich:

In Freiburg gibt es eine große Vielfalt an außerschulischen Lernorten. Diese Internet-Plattform zeigt zahlreiche Angebote zu den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Naturwissenschaft auf einen Blick, die hier abrufbar sind. Als internetgestütztes Projekt wird WIZZN kontinuierlich wachsen und sich weiter entwickeln.

WIZZN richtet sich sowohl an Jugendliche als auch an Lehrer*innen, die nach Anregungen suchen, wie sie ihren Schulunterricht zum Beispiel mit Exkursionen, Ausflügen und Projekttagen ergänzen und bereichern können. Mit der Suchfunktion lassen sich die passenden Angebote zum Beispiel nach Thema, Zielgruppe, SDG oder Leitperspektive filtern.

Dieses Portal enthält einige virtuelle Orte wie die Multimedia-Dokumentation „Leichen im Keller“ der Forschungsstelle für Kolonialgeschichte. Es gibt verteilte Orte – wie die Stolpersteine – oder Sammlungen von Orten auf interaktiven Karten, für die organisierte Unterstützung von Schülerprojekten angeboten wird, wie den „Geschichtomat“ mit Erinnerungsorten der jüdischen Geschichte in Hamburg.

Wir bieten keinen vollständigen Katalog, sondern eine Auswahl. Die Kriterien waren nicht in erster Linie das Vorliegen von Programmen für Schülerinnen und Schüler, sondern vor allem gesellschaftliche Relevanz des Ortes und Komplexität des Gegenstands, Vielfalt der Lernmöglichkeiten oder Neuartigkeit. Nicht aufgenommen wurden Orte für Geografie und Biologie, sofern sie keinen gesellschaftlichen Aspekt der Ökologie- und Umwelterziehung, sondern vor allem geophysikalische bzw. biologische Themen enthalten.

Solche Lernorte erweitern Schule nicht nur räumlich, sondern epistemisch: Sie ermöglichen Perspektivwechsel, multiperspektivisches Lernen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Komplexität.

Vernetzung der Lehrkräfte, regional wie überregional

Stellen wir uns vor, niemand im Kollegium würde jemals jemandem von seinen Ideen erzählen. Jede Unterrichtsidee müsste allein entwickelt, jedes Problem allein gelöst und jede Unsicherheit allein ausgehalten werden. Genau das Gegenteil passiert jedoch, sobald sich Lehrkräfte bewusst vernetzen. Unterrichtsideen wandern von Schule zu Schule, es entsteht Entlastung und Innovation wird zu etwas, das man nicht mehr „zusätzlich“, sondern gemeinsam trägt. Besonders wirksam ist der Moment, in dem Lehrkräfte merken: „Mit meinen Fragen bin ich nicht allein.“ In regionalen und überregionalen Runden entstehen genau diese Momente – ob im persönlichen Treffen, im Online-Austausch oder in kleinen thematischen Gruppen. Oft bleibt von solchen Begegnungen weniger die Folie, sondern vielmehr das Gefühl: „Ich habe wieder Lust, etwas auszuprobieren – und weiß, an wen ich mich wenden kann.“

Im Sinne des Mesosystems nach Bronfenbrenner wird hier deutlich: Schulentwicklung entsteht dort, wo Beziehungen zwischen Professionellen tragfähig werden, über Klassen-, Schul- und Regionsgrenzen hinweg. Entscheidend war dabei weniger der Austausch an sich als die strukturierte Rahmung: klare Fragestellungen, kontinuierliche Treffen und die bewusste Übertragung der Ergebnisse in den schulischen Alltag.

In einem kürzlich erschienenen Blogbeitrag habe ich einige Vernetzungprojektevorgestellt, die zudem wissenschaftlich begleitet wurden. Sie zielten darauf ab, die Entwicklung konkreter Lösungen für schulische Problemlagen in schulübergreifenden Netzwerken zu fördern und die Ergebnisse in den schulischen Alltag zu übertragen. Nachweislich profitierten Lehrkräfte von regionaler und überregionaler Vernetzung – durch neue Ideen, soziale Unterstützung und gesteigerte Innovationskraft. Schulen wiederum gewannen an Qualität und Zukunftsfähigkeit. Der Schlüssel lag darin, Vernetzung als selbstverständlichen Bestandteil professioneller Arbeit zu verankern und durch konkrete Beispiele sowie niedrigschwellige Angebote Motivation zu schaffen.

Ein Beispiel gelungener Vernetzung ist zweifelsohne die Plattform Twillo , die Eva Bilbrack (TU Dresden) eine echte 🤝 Sharing-Kultur anbietet, auf der

  • Wissen geteilt wird, 
  • Synergien entstehen und
  • alle von den Erfahrungen der anderen profitieren.

Plattformen wie Twillo stehen exemplarisch für einen Kulturwandel: weg von individueller Materialhortung hin zu einer professionellen Sharing-Kultur, in der Offenheit, Nachnutzbarkeit und kollektives Lernen selbstverständlich werden.

Der von Susanne Posselt beschriebene Schulbesuch über mehr Ländergrenzen hinweg zeigt eindrücklich, was professionelle Vernetzung heute leisten kann: räumliche Distanz verliert an Bedeutung, während Neugier, Offenheit und schulindividuelle Gestaltungsräume sichtbar werden. Dass selbst erfahrene Bildungsakteure dabei neue Impulse gewinnen, unterstreicht, wie lernwirksam solche Einblicke sind:

In den Herbstferien habe ich @erikgrundmann.bsky.social an seiner Schule besucht. Ein kleiner Blogbeitrag aus #EduBW Perspektive dazu. 😃 #BlueLZ susanneposselt.de/die-weibelfe…

Susanne Posselt (@susanneposselt.bsky.social) 2025-11-03T20:38:47.165Z

Damit solche Netzwerke nicht vom Engagement Einzelner abhängen, braucht es Zeitbudgets, institutionelle Anerkennung und Unterstützung durch Schulaufsicht und Schulträger. Vernetzung ist kein Luxus für besonders engagierte Lehrkräfte, sondern ein zentraler Baustein professioneller Schulentwicklung. Dort, wo sie ermöglicht, wertgeschätzt und strukturell verankert wird, entsteht genau das, was Schulen heute brauchen: kollektive Lernfähigkeit.

Mesosystem: Schulkultur

Eine nachhaltige Schulentwicklung gelingt nicht durch Einzelmaßnahmen oder isolierte Entscheidungen, sondern durch eine enge Zusammenarbeit innerhalb des Kollegiums. Teamarbeit muss gezielt gefördert und in den Schulalltag integriert werden, um langfristig Wirksamkeit zu entfalten. Neben strukturellen Anpassungen ist eine Kultur der gemeinsamen Verantwortung entscheidend. Teamarbeit entfaltet jedoch nur dann Wirkung, wenn sie nicht allein auf individuelle Bereitschaft setzt, sondern strukturell abgesichert ist: durch verbindliche Zeitfenster, klare Rollen, abgestimmte Zielsetzungen und eine aktive Steuerung durch Schulleitung.

Die heutigen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen sind durch tiefgreifende Veränderungen gekennzeichnet. Das Akronym VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) beschreibt eine Welt, in der Unsicherheiten zunehmen, langfristige Planungen herausfordernder werden und Organisationen flexibler auf neue Gegebenheiten reagieren müssen. Schulen stehen in diesem dynamischen Umfeld vor der Aufgabe, Stabilität zu gewährleisten und gleichzeitig Wandel aktiv zu gestalten. Schulen stehen damit nicht nur vor der Aufgabe, Stabilität zu gewährleisten, sondern vor allem darin, ihre eigene Lernfähigkeit als Organisation zu entwickeln.

Ein systematischer Weg, um diesen Herausforderungen zu begegnen, ist die Leitbildarbeit. Sie bietet die Möglichkeit, die Identität einer Schule zu schärfen, gemeinsame Werte zu definieren und damit eine resiliente Basis für strategische Entscheidungen zu schaffen. Leitbildarbeit ist dabei kein Selbstzweck und kein einmaliger Workshop. Sie wird erst dann wirksam, wenn sie konkrete Konsequenzen für Unterrichtsentwicklung, Fortbildungsplanung, Ressourceneinsatz und schulische Entscheidungsprozesse hat. Ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einem belastbaren Leitbild ist eine strukturierte Bestandsaufnahme. Eine schulinterne Evaluation, die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern einbezieht, kann ein realistisches Bild der aktuellen „Befindlichkeiten“ zeichnen. Dabei geht es nicht um subjektive Stimmungen allein, sondern um systematisch erhobene Wahrnehmungen, die Hinweise auf strukturelle Stärken, Belastungen und Entwicklungsbedarfe geben. Die aus den Evaluationen gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen eine differenzierte Einordnung in kurzfristige und langfristige Handlungsfelder:

  1. Sofort umsetzbare Maßnahmen
    • Verbesserung von Kommunikationswegen zwischen Lehrkräften und Schüler:innen
    • Transparente Information über laufende Schulentwicklungsprozesse
    • Einrichtung eines Feedback-Systems zur schnellen Rückmeldung aus der Schulgemeinschaft
    • Optimierung von Stundenplanstrukturen zur Schaffung von Teamzeit für Lehrkräfte
  2. Langfristige Entwicklungsprozesse
    • Entwicklung und Implementierung eines schulischen Leitbilds
    • Stärkung der digitalen Schulentwicklung und nachhaltige Integration von Technologien
    • Aufbau einer datenbasierten Schulentwicklungsstrategie
    • Verankerung von Teamarbeit als strukturelles Prinzip der Schulorganisation

In meiner Einführung zur datengestützten Schulentwicklung habe ich das Konzept der >Data Team Intervention< vorgestellt. Dabei handelt es sich um einen strukturierten Prozess, in dem ein Team aus Lehrkräften, Schulleitung und ggf. weiteren Beteiligten gezielt daran arbeitet, schulische Herausforderungen mit Hilfe von Daten zu analysieren und zu lösen. Der Ansatz verbindet die systematische Nutzung von Daten mit der professionellen Weiterentwicklung der beteiligten Lehrkräfte. Data Teams sind damit kein Zusatzprojekt, sondern ein zentrales Instrument schulischer Führung, das professionelle Zusammenarbeit, datenbasierte Entscheidungen und kollektive Verantwortungsübernahme verbindet. Prof. Selter hat das kürzlich in einem Interview so dargestellt: [9]https://www.campus-schulmanagement.de/magazin/rechnen-im-team-gemeinsam-mathematiklernen-muss-staerker-betont-werden-christoph-selter

Ein vielfach empirisch belegter Schlüssel zum Erfolg liegt in der Arbeit in Schulnetzwerken: Drei bis fünf Lehrkräfte einer Schule – das sogenannte Schulteam – treffen sich regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen, um voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu inspirieren. Diese Netzwerke brechen das “Einzelkämpfertum” auf, das in Deutschland leider immer noch vorherrscht.

Die empirische Evidenz spricht dafür, schulische Netzwerkarbeit nicht dem Zufall oder individuellem Engagement zu überlassen, sondern sie als festen Bestandteil professioneller Schulentwicklung verbindlich zu verankern. Wo Schulen diese Formen der Zusammenarbeit systematisch etablieren, entsteht Entwicklungskraft. Wo sie fehlen, bleiben Reformen auf dem Papier.

Mikrosystem: Mindset pädagogisches Personal

Prof. Sliwka, Heidelberg

{„Damit der digitale Transformationsprozess in der Bildung gelingen kann, gilt es, die Lernprozesse der Schüler*innen und zugleich die der Lehrkräfte zu verändern.“

Prof. Tulowitzki, FH Nordwestschweiz

{„Es braucht das richtige Mindset: Technische Ressourcen, Infrastruktur und Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien sind Grundvoraussetzungen, damit Schulen den digitalen Wandel sinnvoll begleiten können. “

brand eins

{„Der Erfolg der digitalen Transformation hängt nicht vom Einsatz neuer Technologien ab. Entscheidend ist, dass wir willens und in der Lage sind, die Welt mit diesen Werkzeugen neu zu denken.“

In der heutigen Bildungslandschaft spielt das Mindset von Lehrkräften und Schulleitungen eine zentrale Rolle. Gemäß Bronfenbrenners Konzept des Mikrosystems bildet die unmittelbare, persönliche Wirklichkeit, bestehend aus direkten Interaktionen und Beziehungen den Grundbaustein für die individuelle Entwicklung von Schülerinnen und Schülern. Im schulischen Kontext bedeutet dies, dass nicht nur der Unterrichtsstoff, sondern vor allem auch das zwischenmenschliche Miteinander, die pädagogischen Haltungen und die Führungskultur maßgeblichen Einfluss auf das Selbst- und Weltbild junger Menschen haben.

Dabei darf das Mindset pädagogischen Personals nicht als individuelle Haltung isoliert betrachtet werden. Offenheit, Innovationsbereitschaft und konstruktiver Umgang mit Fehlern entstehen dort, wo Lehrkräfte in professionellen Strukturen arbeiten, die Orientierung geben, Zusammenarbeit ermöglichen und Sicherheit im pädagogischen Handeln schaffen. Es bestimmt, wie Herausforderungen angegangen werden, wie offen für neue Ideen und Innovationen das pädagogische Umfeld ist und wie Fehler und Misserfolge verarbeitet werden. Eine offene und konstruktive Haltung trägt dazu bei, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Schülerinnen und Schüler sich sicher fühlen, Fragen zu stellen und Risiken einzugehen. Dies fördert nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt auch das Selbstvertrauen und die Motivation der Lernenden. Wer Fehler als Lernchancen begreift, kann die Fehlerkultur in der Schule nachhaltig verändern. Dies fördert nicht nur die persönliche Entwicklung, sondern ermutigt auch Schüler, aus ihren Erfahrungen zu lernen, anstatt sich vor Misserfolgen zu fürchten. Eine solche Fehlerkultur wirkt sich unmittelbar auf Unterrichts- und Bewertungspraxis aus: Lernprozesse werden transparenter, formative Rückmeldungen gewinnen an Bedeutung, und Leistung wird stärker als Entwicklung verstanden – nicht als Momentaufnahme.

Die Einstellung von Schulleitung und Lehrkräften wirkt sich unmittelbar auf die gesamte Schulkultur aus. Ein offene Haltung beinhaltet, dass man bereit ist, konstruktive Kritik anzunehmen und daraus zu lernen. Feedback ist dabei ein wesentliches Instrument, um Selbstreflexion zu fördern, blinde Flecken zu erkennen und kontinuierlich an der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung zu arbeiten. Feedback entfaltet seine Wirkung jedoch nur dann, wenn es strukturiert, regelmäßig und zielbezogen erfolgt. Im schulischen Kontext unterstützen regelmäßige Feedbackprozesse nicht nur die individuelle Entwicklung von Lehrkräften und Schulleitungen, sondern tragen auch zur Schaffung einer Kultur der Offenheit und des Vertrauens bei. Dies ermöglicht es, Herausforderungen frühzeitig zu erkennen, innovative Ideen zu fördern und letztlich eine positive Lern- und Arbeitsatmosphäre zu etablieren. Es braucht klare Formate (etwa kollegiale Hospitationen, Feedbackschleifen im Team oder Rückmeldungen aus der Schülerschaft), die nicht kontrollieren, sondern professionelles Lernen ermöglichen.

Lehrkräfte ermöglichen, Lerninhalte, -formen und -tempi individuell an Schüler/-innen anzupassen. Das in Hessen erfolgreich eingeführte und in den Kerncurricula verankerte Prozessmodell zeigt einen möglichen Weg auf. Der Lehr-Lernzyklus besteht aus einer mit fünf Handlungsfeldern ausgewiesenen  Spirale und zielt darauf ab, Lehrenden und Lernenden bezogen auf einen an Kompetenzen orientierten Unterricht ein Handlungsgerüst zur Verfügung zu stellen. Neue Medien werden Lerngruppen abhängig hinzugezogen, wenn sie dem individuellen Lernprozess dienlich sind. Lehr-Lernzyklen können eine unterschiedliche Dauer haben. Es kann sich zum Beispiel um die Bearbeitung einer Lernaufgabe, um eine fachbezogene Unterrichtseinheit, um ein fächerübergreifendes Projekt oder um die langfristige Entwicklung von Kompetenzen mit wechselndem Inhaltsbezug (etwa beim Aufbau von Argumentationskompetenz) handeln. Im Zentrum des Prozessmodells stehen Lernende und Lehrende, die in fünf Handlungsfeldern aktiv sind und Verantwortung übernehmen. Das Prozessmodell unterstützt damit nicht nur individualisiertes Lernen, sondern entlastet Lehrkräfte im professionellen Handeln: Es bietet Orientierung in komplexen Lernsituationen und stärkt die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, ohne pädagogische Beliebigkeit zu erzeugen.

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformationsprozesse und der zunehmenden Automatisierung kognitiver Routinen gewinnt der „Deeper Learning“Ansatz an Bedeutung. Die Förderung der sog. 4K-Skills (Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration) werden in den drei Lernphasen ermöglicht:

  1. Schüler/-innen wenden Fachwissen an, 
  2. arbeiten kreativ und problemlösend und
  3. erbringen eine „authentische Leistung“, beispielsweise eine Präsentation, eine Ausstellung oder eine Aufführung.

Damit wird deutlich: Die Förderung der 4K-Skills ist keine Zusatzaufgabe, sondern integraler Bestandteil zeitgemäßer Unterrichtsentwicklung.

Die Haltung pädagogischen Personals ist damit kein „weicher Faktor“, sondern ein zentraler Wirkmechanismus schulischer Qualität – sie entscheidet darüber, ob Reformen im Klassenzimmer ankommen oder an der Türschwelle scheitern.

Mikrosystem: Mindset Generation Z

Schülerin, 9. Klasse, Offene Schule Waldau

{„Für mich ist es am wichtigsten, dass Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, selbst die Schule zu gestalten. Das sollten nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer machen.“

Schüler, 11. Klasse, Gymnasium Essen

{„Für mich bedeutet guter Unterricht eine häufige Einbindung der Schülerinnen und Schüler sowie ihre Möglichkeit, den Unterricht mitzugestalten.“

Schülerin, 4. Klasse, Grundschule Bonn

{„Bei uns teilen die Kinder ihre Ideen den Klassensprechern mit, damit die das dann ins Kinderparlament weitergeben. Dort werden Vorschläge besprochen und abgestimmt.“

Wenn Schule zur digitalen und gesellschaftlichen Gegenwart passen soll, müssen die Lernenden selbst konsequent einbezogen werden. Niemand erlebt Unterricht, Regeln und Lernprozesse unmittelbarer als sie – und niemand kann besser sagen, was funktioniert und was nicht. Lehrkräfte und Schulleitungen gewinnen enorm, wenn sie Schülerperspektiven aktiv einbinden, denn

  • Schülerinnen und Schüler wissen sehr genau, was ihre Lernprozesse fördert, was sie überfordert oder was sie schlicht nicht anspricht. Ob Unterrichtsstrukturen, digitale Werkzeuge, Lernsettings oder Feedbackformen, ihre Rückmeldungen führen oft zu direkten qualitativen Verbesserungen. Studien zur Schülerpartizipation zeigen: Wer im Unterricht mitreden darf, lernt nachhaltiger, motivierter und selbstständiger.
  • Beteiligung stärkt demokratische Grundhaltung: In einer Zeit, in der öffentliche Debatten polarisiert sind, wird Schule zur letzten verlässlichen Institution, in der junge Menschen den konstruktiven Streit lernen können. Fragen wie die Rentenreform, Wehrpflicht, KI im Alltag oder der Umgang mit Fake News sind längst Teil ihrer Lebenswelt. Wer sie bei solchen Themen ernst nimmt, stärkt nicht nur Sachkompetenz, sondern vermittelt etwas viel Wichtigeres: Demokratie funktioniert nur, wenn man zuhört, abwägt und mitgestaltet.
  • Regeln wirken nur, wenn sie mit den Betroffenen entwickelt werden: Ob Smartphone-Regeln, Nutzung von Sprachmodellen, Hausaufgabenkultur oder Lernzeiten, Schulen erleben immer wieder, dass top-down beschlossene Regeln kaum Akzeptanz finden. Wenn Schülerinnen und Schüler dagegen an der Entwicklung beteiligt sind, sei es über Klassensprecher, Schülerparlamente, Fokusgruppen oder regelmäßige Dialogformate, entstehen Regeln, die realistisch, nachvollziehbar und von der Mehrheit getragen werden. Partizipation bedeutet dabei nicht, dass Schülerinnen und Schüler alles entscheiden. Sie bedeutet, Entscheidungsprozesse transparent zu machen, Mitsprache ernsthaft zu ermöglichen und Verantwortung altersangemessen zu teilen.
  • Partizipation ist ein Schutzfaktor:  Viele Jugendliche erleben Unsicherheiten: Leistungsdruck, digitale Reizüberflutung, Zukunftsängste. Wer ihnen echte Mitsprache einräumt, vermittelt: Du wirst gesehen. Deine Meinung zählt. Deine Themen sind legitim. Diese Haltung stärkt Bindung, senkt Konflikte und fördert ein gesundes Schulklima. Gerade in einer Zeit wachsender psychischer Belastungen ist Beteiligung kein pädagogisches Zusatzangebot, sondern ein präventives Element schulischer Verantwortung.
  • Schule gewinnt Orientierung, die keine Studie liefern kann. Big Data liefert Trends, SMART Data liefert lokale Hinweise, und: Die authentischsten Daten kommen von den Lernenden selbst. Sie wissen, wie Unterricht heute wirkt, wo es stockt, welche Tools funktionieren, wo sie Unterstützung brauchen und welche Themen sie wirklich bewegen. Ihre Perspektiven sind nicht „nice to have“, sondern eine notwendige Ressource für jede Form von Schulentwicklung.

Wenn wir die Schule für die junge Generation gestalten wollen, dann müssen wir sie gemeinsam mit dieser Generation gestalten. So entsteht ein Raum, in dem Beziehungen, Dialog und echte Beteiligung die Grundlage für Lernen bilden.

Anlässlich einer Keynote in diesem Jahr habe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu eingeladen, sich mithilfe eines Generationsverlaufs einen Eindruck davon zu verschaffen, wie unterschiedlich die Mindsets des pädagogischen Personals und der Lernenden möglicherweise sind. Die folgende tabellarische Darstellung vergleicht die sozialen Interaktionsmöglichkeiten der Generationen Boomer, Gen Y/Millennials und Gen Z. Im spezifischen Kontext der Generationenforschung/Soziologie dient sie der Analyse von Generationenmerkmalen im Wandel, in diesem Fall von Kommunikationsstilen und Technologienutzung.

Anleitung zur Verwendung der folgenden Bilder: Starten Sie mit Ihrer eigenen Generation und vollziehen Sie den Weg bis zur Generation Z nach. Fragen Sie sich dabei jeweils: Welche Schlüsse ziehe ich daraus für meine Arbeit?

Der Generationsvergleich dient dabei nicht der Typisierung einzelner Personen, sondern als Reflexionshilfe für veränderte Kommunikations-, Lern- und Beteiligungsbedürfnisse.

Zur Generationenanalyse passt auch dieser bemerkenswerten Mentalitätswandel innerhalb der Generation Z: Immer mehr junge Menschen interessieren sich wieder für sogenannte „ehrliche“ Berufe – also Tätigkeiten im Handwerk und in der Industrie – anstatt klassische Bürojobs anzustreben. Eine LinkedIn-Umfrage zeigt, dass 59 % der 18- bis 28-Jährigen sich eher für handwerkliche oder industrielle Berufe entscheiden würden. Gründe sind vor allem Jobsicherheit, Sinnstiftung und Abgrenzung von KI-bedingter Unsicherheit. Über die Hälfte der Gen Z sorgt sich, dass KI ihre Berufschancen verändert, und passt ihre Entscheidungen entsprechend an. Büro- und Wissensberufe gelten dabei als stärker gefährdet als praktische Berufe. Das Ansehen praktischer Berufe hat laut Umfrage in den letzten fünf Jahren deutlich zugenommen. Gen Z verbindet Handwerksberufe zunehmend mit Teamarbeit und Kreativität, nicht mehr nur mit körperlicher Arbeit. Trotz finanzieller Nachteile und sozialer Vorurteile erlebt das Handwerk eine Renaissance unter jungen Menschen – befeuert durch Sinnsuche, Sicherheitsbedürfnis und den Wunsch nach realer Wirksamkeit in einer von KI geprägten Arbeitswelt. Für Schule bedeutet dieser Mentalitätswandel: Praxisnähe, reale Produkte, sichtbare Wirksamkeit und projektorientiertes Arbeiten gewinnen weiter an Bedeutung – nicht nur in der Berufsorientierung, sondern auch im allgemeinbildenden Unterricht.

Die bisherigen Betrachtungen spielten sich auf der Meta-Ebene ab. Praxisnahe Hinweise finden sich in den folgenden aktuellen Beispielen von Schülererwartungen:

Ein Jahr war Quentin Gärtner Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und Stimme für mehr als 11 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Auch nach dem Ende seiner Amtszeit setzt er sich dafür ein, dass junge Menschen mehr in politische Entscheidungen einbezogen werden.

Die Schülerin Amy Kirchhoff betont vor allem, dass Jugendliche systematisch zu wenig gehört und an Entscheidungen beteiligt werden, obwohl Politik und Schule ihr Leben massiv betreffen. Gleichzeitig beschreibt sie ihre Generation als engagiert, demokratisch orientiert und keineswegs ideenlos, wünscht sich aber mehr echte Mitbestimmung und bessere politische Bildung.

  • Die Einbindung von Haftbefehls Musik und Lebensgeschichte in den Unterricht wird kontrovers diskutiert, da Schüler die Relevanz für ihre Lebenswelt und die Auseinandersetzung mit Themen wie Identität und sozialen Problemen sehen, während Ministerien und Lehrerverbände Bedenken bezüglich der expliziten Inhalte (Drogen, Gewalt) und des Bildungsauftrags haben, obwohl die Lehrpläne Schulen grundsätzlich pädagogischen Freiraum zur Behandlung relevanter Jugendkultur geben. Eine feste Aufnahme in den offiziellen Lehrplan wird von Ministerien abgelehnt, aber die individuelle Einbindung durch Lehrkräfte ist möglich und wird von vielen als Chance gesehen, relevante Themen der Jugendkultur aufzugreifen, sofern eine sorgfältige didaktische Vorbereitung und Sensibilität für die Inhalte gewährleistet sind. Die Einbindung von Jugendkultur bedeutet dabei keine unkritische Übernahme, sondern eine didaktisch reflektierte Auseinandersetzung mit Sprache, Rollenbildern, sozialen Konflikten und Identitätsfragen. Quellen zum Thema: 

Wenn Schule junge Menschen ernst nimmt, gewinnt sie nicht nur Akzeptanz, sondern Erkenntnis. Beteiligung ist kein pädagogisches Risiko – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Schule in einer digitalen, pluralen Gesellschaft handlungsfähig bleibt.

Schlussbemerkung

Wir stehen am Beginn des Jahres 2026. Mein Blick zurück zeigt mir: Die digitale Transformation unserer Schulen ist nie allein eine Frage der Technik, sondern immer eine Frage der Kultur. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass wir die Generation Z in ihrer „Kultur der Digitalität“ nur dann angemessen begleiten können, wenn wir unsere Steuerungsmechanismen grundlegend professionalisieren. Es reicht nicht mehr aus, Lehrpläne lediglich zu digitalisieren oder KI als additives Werkzeug zu betrachten. Wir stehen vor der Aufgabe, ein Bildungsökosystem zu schaffen, das agil, evidenzbasiert und konsequent schülerzentriert agiert. Der Schlüssel liegt in einem Paradigmenwechsel, den uns Bildungssysteme wie sie in Teilen Kanadas bereits erfolgreich vorgelebt werden: Wir müssen uns von einer „hoffnungsbasierten“ Schulentwicklung verabschieden – dem Glauben, dass gut gemeinte Maßnahmen schon irgendwie wirken werden – und hin zu einer datengestützten Professionalität gelangen. Daten sind keine bürokratische Last, sondern das Fundament für Bildungsgerechtigkeit. Sie ermöglichen es uns, nicht nur zu vermuten, was unsere Schülerinnen und Schüler brauchen, sondern es zu wissen und in der „Zone der nächsten Entwicklung“ wirksam zu handeln, also dort, wo Lernende mit gezielter Unterstützung den nächsten Kompetenzschritt bewältigen können.

Schulentwicklung ist ein gesteuerter, evidenzorientierter und partizipativer Prozess innerhalb einer Schule, dessen Fortschritte sich datengestützt abbilden lassen und in dessen Mittelpunkt die Unterrichtsqualität in einer salutogenen Umgebung steht (Jan Haurand, Schulleiter NRW). Evidenzbasierte Praxis heißt, wissenschaftliche Erkenntnisse mit professioneller Expertise und den Bedingungen der eigenen Lerngruppe zu verbinden. (Clearing House, TU München).

Dieses „Big Picture“ ist eine Einladung an alle Stakeholder, von den Ministerien über die Schulaufsicht und Schulleitungen bis hin zu den Schulträgern und der Wirtschaft, ihre Rollen neu zu definieren. In einem Bildungsökosystem, in dem Mikro-, Meso- und Makroebene aufeinander abgestimmt wirken. Lassen Sie uns die silosartigen Strukturen aufbrechen und gemeinsam Verantwortung übernehmen: für ein Curriculum, das Fächergrenzen überwindet, für eine KI, die individuelles Lernen demokratisiert, indem sie adaptive Unterstützung ermöglicht, nicht indem sie pädagogische Verantwortung ersetzt. Und für eine Führungskultur, die Fehler als Chance und Daten als Kompass begreift. Professionalisierte Steuerung bedeutet dabei nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Transparenz, Verlässlichkeit und gemeinsame Verantwortung.

Die Frage ist nicht, ob wir uns diesen Paradigmenwechsel leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, weiter darauf zu verzichten. Schule wird dann zukunftsfähig, wenn sie nicht schneller, sondern klüger lernt – über sich selbst, über ihre Schülerinnen und Schüler und über die Wirkung ihres Handelns.

Bildnachweis:

Titelbild

Rick Payne and team / Better Images of AI / Ai is… Banner / CC-BY 4.0

GenZ: ChatGPT 5.2 mit dem Prompt: Erstelle eine hochwertige, realistische Illustration im Editorial-Stil: Zwei Jugendliche (w/m) stehen im Zentrum des Bildes und blickt nach vorne. Die linke Bildhälfte zeigt eine klassische Schulumgebung (Tafel, Schulbank, Papier, Kreide), die rechte Bildhälfte eine abstrahierte digitale Welt mit Datenströmen, KI-Netzwerken, Diagrammen und Codefragmenten. Der Übergang zwischen analoger und digitaler Welt ist fließend. Ruhige, ernste Atmosphäre, keine Science-Fiction-Optik. Farbkonzept: warme Töne links, kühle Töne rechts. Stil: Editorial, hochwertig, geeignet für überregionale Bildungs- und Gesellschaftsmedien. Kein Text im Bild.

Updates

Der achte Band der Herausgeberreihe „Dortmunder Symposium der Empirischen Bildungsforschung“ widmet sich dem Thema, welche Kompetenzen für die zukünftige Gesellschaft relevant sind und wie es Schule gelingen kann, diese zu vermitteln. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels und der zunehmenden Bedeutung von Digitalität und Künstlicher Intelligenz für zukünftiges gesellschaftliches Zusammenleben adressiert dieser Band aktuelle zentrale Fragen der Bildungsforschung. Die Beiträge dieses Buches beleuchten diese Frage einerseits aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen der Empirischen Bildungsforschung und stellen zum anderen aktuelle Forschungsbefunde zu ausgewählten Zukunftskompetenzen dar. Die sich daraus ergebenden Implikationen für die Schule von heute werden in den Beiträgen beleuchtet und diskutiert.

Berufs- und Abivorbereitung: MINT

Ich habe Mitte des Jahres über Berufsaussichten von MINT-Berufen berichtet. Software-Spezialistinnen und -Spezialisten sind mit Abstand am gefragtesten. Dahinter folgen IT-Projektmanager*innen beziehungsweise IT-Projektkoordinator*innen, IT-Anwendungsbetreuer*innen beziehungsweise IT-Administrator*innen und Data Scientists beziehungsweise Big Data Experts. Schließlich sind aktuell Stellen für Datenschutz-Profis mit IT-Qualifikation sowie IT-Sicherheitsexpertinnen und -experten vakant. Heute geht es um die Aufnahme eines MINT-Studiums und ich stelle dazu eine Initiative der Hamburg Open Online University (HOOU) vor. Sie fördert die Erstellung innovativer digitaler Lernangebote und bietet diese frei zugänglich an. Mit ihrer Bildungsplattform unterstützt die HOOU die Öffnung von Hochschulen und schafft einen digitalen Raum für Kollaboration und Kooperation. Bevor ich das MINT-Angebot näher vorstelle, will ich zu Beginn die bemerkenswerten Leistungen der Stadt/des Landes würdigen.

Bildungsregion HH

Mit Hamburg verbinde ich seit jeher eine engagierte und innovative Bildungsszene. Das zeigt nicht zuletzt der ZEIT-Artikel über den Erfolg der Hamburger Schulen. Meine ersten Eindrücke habe ich im SiNUS-Projekt sammeln können. Dieses MINT-Projekt hat bundesweit Lehrkräfte miteinander vernetzt mit dem Ziel, voneinander zu lernen. Mein „Aha“ Erlebnis waren hier die elaborierten und anwendungsorientierten Materialien der Bildungsbehörde zur Unterstützung der Schulen, die fächerübergreifende Ansätze verfolgten und umzusetzen ermöglichten. Gleichzeitig entstand die Idee, den Schülerinnen und Schülern gleich beide Leistungskurse in einer Kombination anzubieten, wie z. B. Mathematik/Musik oder Mathematik/Geographie. Das heißt, die beiden unterrichtenden Lehrkräfte haben sich fächerübergreifend untereinander abgestimmt. Ich habe gerade einmal nachgeschaut, was meine damalige Referenzschule, die Max Brauer Schule heute anbietet. Keine Überraschung: Eine deutliche Weiterentwicklung, unter Einhaltung der verbindlichen KMK Regelungen (siehe Kategorie Abschlüsse). 

Im Rahmen der Würdigung der 10-jährigen Hamburger Schulinspektion kam ich Jahre später erneut in Kontakt mit der Max Brauer Schule. Sie hatte in der Gesamtkonferenz einen Beschluss über die Einführung neuer Unterrichtsmethoden unter der Voraussetzung gefasst, dass sich der Ansatz einer externen Evaluation stellen musste. Die dazugehörigen Verfahren sind Hamburg weit verbindlich vereinbart, in mehrjährigem Abstand durch Schulinspektionen und jährlich durch Kermit, einer Lernstandserhebung in den Jahrgängen 2/3, 5, 7, 8 und 9.  

Darüber hinaus wirbt die Stadt schon lange (seit 2010) für den Besuch außerschulischer Lernorte. Kürzlich wurde ein gleichnamiges Portal dazu frei geschaltet. Den anderen Kommunen zur Nachahmung empfohlen …

viaMINT an der HAW Hamburg

Es lohnt sich also, immer mal wieder dorthin zu schauen. Das habe ich nun anlässlich eines Podcasts Studienvorbereitung für MINT-Fächer mit OER getan. Und bin erneut beeindruckt. Anlass für neue Überlegungen zur MINT-Ausbildung in der Hamburger Uni waren die hohen Abbrecher*innenquote in den naturwissenschaftlichen Fächern. Man entwickelte (und entwickelt noch) Vorlaufkurse, die zukünftigen Studierenden einen Einstieg in ihr Fach erleichtern sollen. Sie eignen sich darüber hinaus zur Abklärung, ob man sich für das angestrebte Fach/Studium eignet. Oder man nutzt sie zur bevorstehende Abiturvorbereitung. Oder die Lehrkräfte nutzen sie für den Einsatz im Unterricht. Und was besonders bemerkenswert ist, die Materialien stehen in Form von Moodlekursen jeder/jedem und – wer will – anonym zur Verfügung. Im sehr zu empfehlenden Podcast wurde folgende Vorlaufkurse näher vorgestellt, die sich übrigens für MINT-Leistungskurse eignen dürften:

  • Komplexe Zahlen 
  • Bewegung und Kraft
  • Elektrizität erleben in Kooperation mit dem Miniatur Wunderland
  • Regenerative Energien
  • Einführung in das Experimentelle Arbeiten
  • Wie erstelle ich ein Protokoll?

Ich habe mir den Kurs >>Komplexe Zahlen<< einmal näher angeschaut

Was mir gefällt:

  • Einführung durch eine Verknüpfung mit anderen Fächern, hier Physik und Musik
  • Systematische Entwicklung der Inhalte durch Videosequenzen mit Zwischenfragen zur Verständnisabsicherung
  • Abschlusstest

und nicht zuletzt die Wahl einer Präsentatorin. Vermutlich wurde so entschieden, um vor allem Abiturientinnen zu motivieren, sich auf ein MINT Studium einzulassen. Das gilt auch für den Kurs >>Regenerative Energien<<, der in Kürze freigeschaltet und von zwei Moderatorinnen begleitet werden wird. 

Schlussbemerkungen

    Übrigens gibt es in Hamburg

    auf Youtube den Beitrag Mathe studieren JA/NEIN und SPIEGEL-Online einen Beitrag von Alice Rolf mit einigen Hinweisen zum Mathestudium. 

    Wer noch immer die Lust hat und motiviert ist, das Studium aufzunehmen, der/dem sei auf die Angebote der TU Braunschweig und Uni Paderborn aufmerksam gemacht. Die Mathematikkolleg*innen diese Unis bieten sogenannte Brückenkurse OMB bzw. studiVEMINT an, die folgende Ziele verfolgen:

    • Verbesserung der Rechensicherheit
    • Erhöhung der Rechengeschwindigkeit
    • Schließen von Wissenslücken

    Update 12.01.24: Uni Hamburg: Wir wollen’s wissen! – Ask a Prof (Zur Nachahmung empfohlen)

    … Stay tuned …

    Bildnachweis: Ausschnitt aus der Podcastseite der HOOU

     

     

    Mathalaxie – DiA:GO – Python trifft Pythagoras

    Wie im letzten Beitrag angekündigt, werde ich immer mal wieder über Entwicklungen in der Mathematikdidaktik berichten. Schön, dass es aktuell so viel über neue Erkenntnisse zu berichten gibt. Darum soll es hier gehen. Und auch um Tipps, wie man vor allem stärkeren Schüler*innen gerecht werden kann. Denn auch diese Gruppe hat ein Recht auf Förderung, oder?

    Dazu ganz zu Beginn eine didaktische Idee, der ich letzte Woche begegnet bin: Die Seminarmethode [1]https://www.cultofpedagogy.com/classroom-seminars/.

    Grundsätzlich sind Seminare Kleingruppenunterricht. Meehan erläutert in einem Podcast, dass sie die Bezeichnung Seminar ganz bewusst gewählt habe, eben weil die Kinder es lieben. Die Seminare dauern sieben bis zehn Minuten, wobei jedes Seminar ein kleines, fokussiertes Thema abdeckt. Sie werden in Zeiten angeboten, in denen die Lernenden selbstständig an Aufgaben arbeiten. Während einer Unterrichtsstunde (45-60 Minuten) bietet Meehan normalerweise ein oder zwei Seminare an. Grundsätzlich kann dieses Format in allen Fächern angeboten werden: Das können beliebige Lernziele sein, die die Einheit verfolgt. Es können Aufgaben sein, die sich aus Rückmeldungen der Lernenden ergeben. Idealerweise, so Meehan, werden Seminare für Gruppen von vier bis fünf Schüler*innen angeboten. Wenn sich mehr für ein Seminar anmelden, werden zwei separate Sitzungen angeboten. Oder, wenn viele Lernenden Interesse an einem Thema zeigen, entwickelt sie einen Organisationsrahmen gleich für die ganze Klasse.

    Viele Didakter*innen machen sich Gedanken, wie sie das Mathe-ist-doof Image auflösen können. Wie man Schüler*innen für die Mathematik begeistern kann. Darum wird es nun im Folgenden gehen. Die erste Anregung habe ich einer Sendung des SWR2 entnommen [2] … Continue reading:

    Mathalaxie

    Die Ungarin Marta Vitalis stellte sich schon früh die Frage: Wie sollte man Mathematik vermitteln, sodass es Kindern Spaß macht, ganz ohne Angst? Ihre Antwort: Verpackt in einer Abenteuergeschichte.

    Das Spiel “Mathalaxie” verpackt Grundschul-Mathematik in eine Abenteuerreise in den Weltraum. Die Idee: Die Kinder wollen ein Alien besuchen. An zehn Stationen bereiten sie sich auf die abenteuerliche Reise vor und lösen jede Menge Aufgaben: Sie bauen einen Roboter und ein Raumschiff, berechnen Flugrouten, basteln, zeichnen, schrauben. Dass viele Aufgaben mit Mathematik zu tun haben, merken sie nicht. Das sei der große Unterschied zum Unterricht, sagt Marta Vitalis. Denn hier haben sie bei jeder Aufgabe ein klares Ziel vor Augen.

    Aus der Forschung weiß man mittlerweile, dass gerade Kinder im angeleiteten Spiel genauso gut lernen wie im traditionellen Unterricht. Bei “Mathalaxie” arbeiten sie außerdem in Gruppen, sind emotional dabei und motiviert – auch das sind Faktoren, die dem Lernen guttun. Sie erleben eine rundum positive Mathe-Erfahrung. Momentan arbeiten Marta Vitalis und zwei Kollegen an “Mastory”, einem Algebra-Kurs für die 8. und 9. Klasse an Highschools in den USA.

    Der nächste Vorschlag stammt von einer Forschungsgruppe in Tübingen. Sie haben sich überlegt, wie digitale Medien den Matheunterricht unterstützen können. Herausgekommen sind aktuell drei Lernumgebungen [3]https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/40440/1/BzMU21_PLICHT_AdaptiverUnterricht.pdf:

    Adaptives Unterrichtskonzept

    Was ist das überhaupt, eine adaptive Lernumgebung?

    Adaptiv gestaltete Lernräume bieten gerade in heterogenen Lerngruppen besondere Potenziale Unterrichtsprozesse so zu realisieren, dass die aktuellen Unterrichtsinhalte und -methoden an die Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler angepasst sind. Zentrale Bestandteile adaptiven Unterrichts ist die Adaption auf Makro- (z. B. Gruppendifferenzierung nach Leistungsniveau) und Mikroebene (z. B. individuelle Unterstützungsmaßnamen), als auch die formative Diagnose. Eine regelmäßige Diagnostik ist Voraussetzung, um die Lernmaterialien und das Unterrichtsgeschehen fortwährend sowohl auf Makro- als auch auf Mikroebene anzupassen. Formative Diagnose als auch angepasste Adaptionen werden als wichtige Methoden angesehen, um das individuelle Lernen der SchülerInnen gezielt zu fördern, wie auch ihre metakognitiven Selbsteinschätzungen zu unterstützen, welche eine zentrale Rolle im Lernprozess spielen. Digitale Medien dienen hierbei als didaktische Werkzeuge, um diese Unterrichtsprozesse zu realisieren. Sie können sowohl auf Mikroebene für instruktionale Unterstützungsmaßnahmen wie z. B. computergestütztes Feedback als auch auf der Makroebene zur Organisation und Bereitstellung von differenziertem Unterrichtsmaterial eingesetzt werden. Zudem können Audience Response Systeme oder Online-Quizze für eine formative Diagnose mit unmittelbarer Ergebnisauswertung verwendet werden (vgl. hierzu meine Themenseite).

    Das Projekt DiA:GO (Digitale Medien im adaptiven Unterricht der gymnasialen Oberstufe der Gemeinschaftsschule) ist ein Kooperationsprojekt der Eberhard Karls Universität Tübingen und der Gemeinschaftsschule West Tübingen, welches auf die Etablierung eines didaktisch sinnvollen Einsatzes digitaler Medien im adaptiven Unterricht abzielt. Im bisherigen Projektzeitraum wurden drei Unterrichtseinheiten für das Fach Mathematik in der Sekundarstufe II entwickelt, durchgeführt und evaluiert (mit Klick auf das Bild kommt man zu den Materialien):

     

    Die Ergebnisse zeigten einen Leistungszuwachs der Schülerinnen und Schüler (große Effekte). Die Schülerinnen und Schüler bewerteten die Unterrichtseinheiten über die Durchführungsphase hinweg gleichbleibend als hoch adaptiv, kognitiv aktivierend und motivierend. In ihrem Fazit schreiben die drei Forscher*innen:

    Die Unterrichtseinheiten zeigen einen tragfähigen Ansatz auf, um digitale Medien für die Orchestrierung adaptiver Unterrichtsinhalte bereitzustellen, da sowohl die Lernleistungen als auch Selbstregulationsprozesse innerhalb der Unterrichtseinheit gefördert wurden.

    Abschließend und einen Bogen zur eingangs vorgestellten Seminaridee spannend gehe ich auf ein Buch ein, das den stärkeren Lernenden der Sekundarstufe I und II zusätzliche Impulse geben kann:

    Python trifft Pythagoras

    Auch wenn Computerbeweise bei einigen Mathematiker*innen umstritten sein mögen, sind sie heute nicht mehr wegzudenken. Bedeutende mathematische Beweise, die durch interaktive Theorembeweiser überprüft wurden, sind der Beweis des Vier-Farben-Satzes durch Georges Gonthier [4]https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/40440/1/BzMU21_PLICHT_AdaptiverUnterricht.pdf sowie der formalisierte Beweis der Keplerschen Vermutung durch das Flyspeck-Projekt. [5]https://arxiv.org/abs/1501.02155. Vielfach werden Computer gerne eingesetzt, um Aussagen zu falsifizieren. Denn dann braucht man sich ja erst gar nicht auf die Suche begeben. 

    Was liegt näher, als bereits frühzeitig die (starken) Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit zu geben, sich in dieses Thema einzuarbeiten?  Die Fähigkeiten, die benötigt werden, um guten, logisch kohärenten Code zu schreiben, ähneln stark dem Wissen, das unsere Lernenden auch zur Lösung mathematischer Probleme brauchen. Sie erfahren nicht nur, wie Probleme elegant mit (hier) Python modelliert werden und welche wissenschaftlichen Zusatzmodule ihnen viel Arbeit abnehmen, sondern sie bauen auch selbst Algorithmen nach und verstehen durch diesen konkreten Ansatz mathematische Zusammenhänge, die sonst abstrakt und kompliziert blieben.

    Zunächst wird man im Buch mit der Python-Programmierung vertraut gemacht. Es werden in einem kurzen Python-Kurs wichtige Datentypen und Programmierkonstrukte vermittelt. Und als ein erstes Kennzeichen späterer Erfahrungen im Informatikunterricht: Man lernt Bibliotheken zu nutzen; mit Informationen über NumPy, Matplotlib, SymPy und SciPy.

    Im Buch werden Themen angesprochen, die im Seminarsetting (s. o.) von der Lehrkraft angesprochen werden können, um sie dann von den Schüler*innen weiterbearbeiten zu lassen. Viele im Mathematikstudium wichtige Fragestellungen kommen im Unterricht kaum noch vor. Im Buch schon, wie z. B. der Begriff der Stetigkeit (nicht streng wissenschaftlich versteht sich, aber doch noch hinreichend formalisiert), Differenzialgleichungen, Ausgleichsrechnungen, Fraktale, Implementierung von RSA-Algorithmen und vieles mehr. Somit werden vor allem Schüler*innen aus der gymnasialen Oberstufe angesprochen, insbesondere diejenigen, die Informatik belegt haben.

    In der Sekundarstufe I bieten sich zumindest der Python-Kurs und erste Übungen an, dem Buch (Sieb des Eratostenes) oder aus dem täglichen Unterrichtsgeschehen entnehmend. Iterationsverfahren gibt es ja genügend: z. B. das Heronverfahren zur Berechnung der Quadratwurzel einer (positiven) Zahl oder das Näherungsverfahren von Archimedes zur Bestimmung der Zahl π. Oder man bedient sich der Rückmeldungen der Schüler*innen, wenn sie selbst auf eine Idee, auf eine Anwendung stoßen und umsetzen wollen. Via eines Seminarformats (s.o.) …

    Zu jedem der im Buch angesprochenen Themen findet man im Downloadbereich Codebeispiele sowie Übungen mit kommentierten Lösungen. So können Lehrende wie Lernende alle Beispiele komfortabel ausprobieren, die beschriebenen Lösungswege nachvollziehen und auf eigene Probleme anwenden.

    Fazit: Ein Buch, das den laufenden Unterricht ergänzen kann. Ein Buch, das eine erste Kontakaufnahme mit Python ermöglicht; einer Programmiersprache, die dank ihrer Syntax und Lesbarkeit leicht zu erlernen ist und sich sehr vielseitig einsetzen lässt. Besonders zu empfehlen für fächerübergreifende Ansätze, indem man z. B. den Begriff des Algorithmus innermathematisch einführt und anschließend im MINT-Spektrum nach weiteren Anwendungsmöglichkeiten sucht.

    Schlussbemerkungen

    Wer meinen Beiträgen folgt, weiß um meine Affinität zur evidenzbasierten Bildungsforschung. Auch, weil vor allem die Mathematikdidakter*innen in ihren Beiträgen immer mit Ideen aufwarten, wie man in der Praxis mit den Ergebnissen umgehen kann, wie man z. B. der Inhomogenität in unseren Lerngruppen gerecht werden kann. Und: Weil die Ergebnisse helfen, Erfahrungen aus dem eigenen Unterricht besser einzuordnen. Nicht frustriert zu sein, wenn [6]https://www.waxmann.com/index.php?eID=download&buchnr=4257, S. 23 ff

    Differenzierungsmaßnahmen nicht immer für alle Schülergruppen mit unterschiedlichen Leistungsniveaus gleich wirksam sind und Merkmale der Schule (z. B. durchschnittlicher sozioökonomischer Status oder Leistung der Schülerinnen und Schüler) entscheidend sein können.

    (…)

    (Gleichwohl zeigt) die Forschungssynthese mit ihrer vergleichenden Untersuchung von Differenzierungsmaßnahmen auf internationaler Ebene: Es ist Erfolg versprechend, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, um Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten zu eröffnen, sich im Regelunterricht in ihrer je eigenen Geschwindigkeit und entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten Wissen anzueignen und Fähigkeiten zu erlernen. Hierbei sollte jedoch folgender Grundsatz beachtet werden, welcher auch von einer Lehrkraft mit viel Erfahrung im Bereich Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler genannt wurde:

    „Es ist ja auch nicht jeder Schüler für jede Maßnahme geeignet. Also, da muss man dann schon immer individuell gucken, was passt.“

    Abschließend will ich gerne aus dem zitierten Themenheft die abschließenden Reflexionsfragen (S. 25) empfehlen, eben weil die empirischen Befunde an den jeweiligen Kontext angepasst werden müssen.

    … Stay tuned …

    Bildnachweis: Gert Altmann @pixabay

    SmartQuiz – Gedankenlesen – Rapunzel

    Schon eine Weile her, dass ich mich mit fachdidaktischen Überlegungen zum Mathematikunterricht beschäftigt habe, standen Pandemie bedingt eher Schlussfolgerungen für eine geeignete (fächerübergreifende) Unterrichts- und Schulentwicklung im Fokus der pädagogischen Diskussionen. Transformation analog – digital: Mathematikunterricht erschien Anfang März 2020 und da war von Pandemie beginnend und von Digitalpakt noch gar nicht die Rede. Mittlerweile sind weit mehr Lehrende und Lernende mit Endgeräten ausgestattet. Inklusive neuer Angebote und Ideen für einen Medien gestützten Matheunterricht. Davon werde ich heute und immer wieder mal in den nächsten Wochen berichten.

    SMART-Test

    Den Anfang macht ein Angebot des Deutschen Zentrums für Lehrkräftebildung Mathematik. Einige Kollegen arbeiten schon seit geraumer Zeit an einer Online-Diagnostik für die Jahrgangsstufen 5-9. Im Rahmen der Vorstudie SMART[alpha] untersuchen sie Potenzial und Einsatzmöglichkeiten der sogenannten SMART-Tests. Die Organisator:innen suchen interessierte Lehrkräfte, die mit ihren Schüler:innen an diesem Piloten teilnehmen wollen. Die Erprobung ist geplant für November 2022 bis Januar 2023 und soll während einer Unterrichtseinheit zu Variablen und Termen in Klasse 7 oder 8 stattfinden (der genaue Zeitraum kann durch die Lehrkräfte im Rahmen dieser drei Monate selbst gewählt werden). Die Durchführung soll aus Gründen der Vergleichbarkeit in Präsenz stattfinden. Die Schüler:innen benötigen für die Testdurchführung PCs/Tablets mit Internetzugang.

    Ich habe mir die Beispieltests einmal angeschaut und bin davon überzeugt, dass sie Lehrenden wie Lernenden eine gute Rückmeldung über Kompetenzstände geben können. Hier eine Vorschau auf die ersten Übersetzungen:

    Zum besseren Verständnis der ersten Aufgabe aus dem Test „Graphen interpretieren“ hier eine Ergänzung, die die Optionen anzeigt:

    Interessierte teilnehmende Lehrer:innen werden gebeten, zu drei Zeitpunkten Ihre Rückmeldung via Fragebögen zu geben und gegebenenfalls an zwei Fortbildungen teilzunehmen (je 2 Stunden via Zoom).

    Hier der Link zu weiteren Informationen inkl. Anmeldung zur Teilnahme

    Gedankenlesen

    Wer eine Vermittlungsidee zum besseren Verständnis einer Terminterpretation sucht, der/dem empfehle ich die von Janina Brüggemann auf Edutwitter vorgestellte 90-minütige Unterrichtseinheit. Bevor ich weitere Details nenne, zunächst das von ihr im Unterricht eingesetzte Experiment:

     

     

     

    Mich hat es – wie vermutlich auch Janinas Schüler:innen – sofort motiviert, mich hinzusetzen und den Term hinter diesem Experiment zu entwickeln. Und das sei schon vorweg verraten, erst dann beginnt die wahre Interpretationsarbeit. Die Kollegin (@jabrgmn) hat die Idee in einem Blogartikel ausführlich und inkl. Material beschrieben.

    Rapunzel: Faktencheck

    Abschließend noch ein Vorschlag für die Kolleg:innen aus dem Primarbereich: Michael E. Luxner (@MichaelELuxner) hat sich mit Grimms Märchen Rapunzel „kritisch“ auseinandergesetzt:

    Rapunzel: Faktencheck in Mathematik

    Seinem Fazit ist uneingeschränkt zuzustimmen:

    Fest steht: Mathematik hilft uns, Geschichten, Erzählungen und Aussagen zu überprüfen, um Wahrheit von Lüge unterscheiden und um eigene Schlüsse ziehen zu können. Und das ist etwas Großartiges!

    In diesem Sinne:

    … Stay tuned …

    Bildnachweis: Gerd Altmann @pixabay

    @Berufsorientierung (i): MINT

    Das Schuljahr neigt sich dem Ende entgegen. Letzte Abiturprüfungen finden statt. Und dann beginnt für die zukünftigen Studierenden und Auszubildenden eine schwierige Phase: Welchen Beruf strebe ich an? Was erwartet mich nach Studium und Ausbildung? Klar, viele der Absolventen haben in der Schule berufsorientierende Angebote erhalten. Von Berufsmessen über Praktika bis hin zu Uniwochen war sicher einiges dabei. Dieser Beitrag befasst sich mit Aussichten der MINT-Berufe im Allgemeinen und im Besonderen: in Wort und Bild an die abgehenden Schülerinnen gerichtet. Dazu gleich mehr …

    Keine Frage: Die Zukunft gehört den zukünftigen MINTler*innen. Und ebenfalls keine Frage: Die Ausbildung – egal ob in Uni, Unternehmen oder Betrieben – ist kein Zuckerschlecken. Im Gegenteil. Ich habe in einem älteren Beitrag auf die Klippen im Mathematikstudium hingewiesen. Und doch: Es lohnt sich, wie die im Folgenden beschriebenen Aussichten nach erfolgreichem Abschluss zeigen werden …
     

    Marktanalyse

    Lassen wir zunächst Fakten sprechen: Laut BITKOM[1]https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/IT-Fachkraefteluecke-wird-groesser#:~:text=Branchen%C3%BCbergreifend%20ist%20die%20Zahl%20freier,zum%20Arbeitsmarkt%20f%C3%BCr%20IT%2DFachkr%C3%A4fte fehlt für die Digitalisierung der Wirtschaft immer mehr Personal. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Bitkom-Studie zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte. Grundlage ist eine repräsentative Befragung von mehr als 850 Unternehmen aller Branchen. „Digitalisierung ist die Antwort auf Pandemie, Standortwettbewerb und Klimakrise, aber es fehlt an Expertinnen und Experten, um die Digitalisierung zu gestalten und zu treiben. Der IT-Fachkräftemangel trifft im Übrigen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch den Staat, der bei der Besetzung von IT-Jobs oft das Nachsehen hat“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Die angespannte Situation auf dem IT-Arbeitsmarkt bremst die Digitalisierung. In Corona-Zeiten ist überall spürbar geworden, dass wir an Tempo zulegen müssen. Umso ernüchternder ist es, dass dafür an vielen Stellen Fachkräfte und Know-how fehlen.“

    Software-Spezialistinnen und -Spezialisten sind mit Abstand am gefragtesten. Dahinter folgen IT-Projektmanager*innen beziehungsweiser IT-Projektkoordinator*innen, IT-Anwendungsbetreuer*innen beziehungsweise IT-Administrator*innen und Data Scientists beziehungsweise Big Data Experts. Schließlich sind aktuell Stellen für Datenschutz-Profis mit IT-Qualifikation sowie IT-Sicherheitsexpertinnen und -experten vakant. Interdisziplinär sind viele dieser Kompetenzen zunehmend im Bildungsbereich gefragt, wie diese Ausschreibungen zeigen/andeuten:

    Viele Ausschreibungstexte müssen an die heutigen wie auch zukünftigen Anforderungen noch angepasst werden. Das gilt auch für den Gehaltsrahmen. Unter A10 und vergleichbare Entgeltgruppen wird eine staatliche wie kommunale Stelle schwer zu besetzen sein. Nicht staatlich organisierte Unternehmen und Betriebe liegen weit oberhalb dieser aktuellen Grenze. Gute Perspektiven für die zukünftigen Berufsanfänger*innen also. Zunächst steht, und das soll nicht verheimlicht werden, ein(e) anspruchsvolle(s)

    Studium – Ausbildung im dualen System

    an. Voraussetzung ist ein Interesse an Technik und Naturwissenschaft. Evidenzbasiert bestätigt, benötigt ein erfolgreicher Berufseinstieg eine weitere Anforderung: die Teamfähigkeit. Es ist eben nicht der Technikfreak im Kapuzenpullover, der die Szene beherrscht, sondern es sind junge Menschen mit der Fähigkeit gefragt, in unterschiedlichen Disziplinen zu interagieren. Nicht selten kommen in einem IT-Projekt Mitarbeiter*innen aus der Informatik, Rechtswissenschaft (Jura), Betriebswirtschaft, Psychologie, Öffentlichkeitsarbeit u. v. m. zusammen. Und genau das wird bereits in der Ausbildung vorbereitet und vermittelt. So beschreibt Prof. Hauswirth (Informatikbereich Open Contributed Systems, TU Berlin) das Studium so [2]https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/plus239155359/Informatiker-oder-Programmierer-Das-muessen-Sie-fuer-die-Ausbildung-wissen.html: „Sowohl während des Studiums als auch als Absolventen arbeiten ITler in kleinen bis mittelgroßen Gruppen zusammen. Ein klassisches Programmierteam umfasst fünf bis zehn Leute, die für verschiedene Bereiche zuständig sind.“ Dazu gehörten, so Hauswirth weiter, Gebiete wie Sicherheit, Design und Implementierung von Prototypen oder Benutzer-Interfaces. Die Arbeitsprozesse verliefen dabei meistens nach der „Scrum“-Methode in sogenannten „Sprints“ ab: Für einen kurzfristigen Bedarf werden kleine Zwischenziele vereinbart, an der die Gruppenmitglieder verschiedener Bereiche gleichzeitig, aber selbstständig arbeiten. „Dieses Arbeiten kann mitunter sehr intensiv sein“, berichtet Hauswirth. Abläufe wie Codieren und Testen von Programmabschnitten laufen dann teils parallel ab. Die Hauptaufgabe von Informatiker*innen sei aber in den seltensten Fällen das Programmieren an sich. Das komme aber mitunter in speziellen Bereichen wie der Automobilbranche oder der Künstlichen Intelligenz vereinzelt auch vor. [3]ebda.

     

    Frauen in Technikberufen

    Dieser Beitrag richtet sich auch und vor allem an die jungen Frauen, die vor einer Berufsentscheidung stehen. Zu männerdominiert zeigt sich das Bild von der Wissenschafts- und Technikwelt. Ein lesenswerter und motivierender ZEIT-Artikel Frauen in Technikberufen widmet sich dieser Zielgruppe. Die Autorinnen: „Frauen werden da schon mal wegdegradiert. Wer Mitte 2020 >>Özlem Türeci<< googelte, bekam als Ergebnis angezeigt: „Ehefrau von Uğur Şahin“. Ihren Mann bezeichnete die gleiche Suchmaschine als “Vorstandsvorsitzenden BioNTech”. Türeci ist eine erfolgreiche Molekularmedizinerin und hat maßgeblich an der Entwicklung des Corona-Impfstoffs mitgewirkt.“[4]https://www.zeit.de/2022/23/frauen-technikberufe-naturwissenschaft-it/komplettansicht

    Prof.’in Julia Arlinghaus, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung, bestätigt Hauswirth: [5]https://www.zeit.de/2022/23/frauen-technikberufe-naturwissenschaft-it/komplettansicht

    ArlinghausJulia@twitter

    Um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen bewältigen zu können, braucht man mehr Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen. Das bedeutet auch mehr Kommunikation an deren Schnittstellen. Das erlebe ich so gut wie jeden Tag. Das ist die Chance für Frauen mit ihrer Kommunikationsstärke. Sie schauen nicht allein auf die Technik, sondern zugleich auf den Menschen, der damit umgehen, davon profitieren soll. Technische Innovationen werden sich nur dann durchsetzen, wenn man die Nutzer mitnimmt. Hier haben Frauen mit ihrer kommunikativen Herangehensweise einen Vorteil, den sie auch selbstbewusst vertreten sollten.

     

    Update (22.06.2023): Jana Asberger (via bpb): Stimmt’s? Jungen sind in MINT-Fächern von Natur aus besser als Mädchen

    Und hier noch ein Angebot für Schülerinnen und Schüler: 

    MINTFIT bietet Online-Tests für MathePhysikChemie und Informatik zum Überprüfen Deines Wissensstands und zugehörige E-Learning-Angebote zum Schließen etwaiger Wissenslücken. Eine optimale Vorbereitung aufs Studium – im Bereich Mathe auch fürs Abitur geeignet!

    Die ist der erste Teil. Nächste Woche geht es um eine weitere Berufsperspektive: den Journalismus …

    … Stay Tuned …

    Update (30.06.22): Berufsbilder von Menschen in #MINT-Berufen

    Bildnachweis: Nattanan Kanchanaprat @Pixabay

    MINT – interessant gestalten (viii): Chemie

    Anfang des Jahres hat Prof. Klemm in den MINT Fächern ein Lehrkräftemangel „in einem dramatischen Ausmaß“ prognostiziert. „Eine Analyse für Nordrhein-Westfalen, die auf die übrigen Bundesländer tendenziell übertragbar ist, hat gezeigt, dass 2030 nur für ein Drittel der Stellen für MINT-Lehrkräfte, die dann neu besetzt werden müssen, neu ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer verfügbar sein werden.“[1]https://www.welt.de/politik/deutschland/plus236447613/Schulen-So-hart-trifft-der-Lehrermangel-Deutschland.html

    Zum einen liegt es sicher daran, dass die Kultusministerkonferenz wiederholt den Bedarf falsch einschätzt (vgl. etwa die Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2018). Zum anderen treffen die (wenigen) MINT-Studierenden nach Abschluss ihres Studiums auf ein breites Berufsangebot. Was not tut, ist neben einer Anreizschaffung des MINT-Lehramts eine Werbung für ein MINT-Studium durch Interesse fördernde Unterrichtsangebote. Nachdem ich über „Erfolgsformeln – Anwendungen in Mathematik“ informiert habe, geht es nun um den Chemieunterricht.

    Didaktik der Chemie

     

    In der Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Verena Pietzner forschen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an aktuellen und zukünftigen Schlüsselproblemen des Chemieunterrichts. In enger Kooperation zwischen Forscherinnen und Forschern, Studierenden, Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern entstehen neue Erkenntnisse für die zukünftigen Chancen und Herausforderungen des Chemieunterrichts.

    Aktuelle Arbeitsgebiete und Projekte der AG Chemiedidaktik sind u. a.:

    • Citizen Science
    • Lebensmittelchemie in der Schule
    • Sprachsensibler Chemieunterricht
    • Strukturelle Analyse der LehrerInnenbildung
    • Digitalisierung
    • Berufsorientierung

    Die Schülerlabore ChemOL und ChemOL2 bieten Studierenden sowie Schülerinnen und Schülern u.a. Einblicke in aktuelle Arbeitsgebiete der Chemiedidaktik.

     

    Die auf dieser Seite zur Verfügung gestellten Videos sind im Rahmen eines Projektseminars mit Lehramtsstudierenden der Chemie entstanden. Die Videos richten sich an Chemielehrer*innen und Schüler*innen, um diese auch bei einem außerunterrichtlichen Einsatz (Blended Learning) zu unterstützen. Die Videos und Materialien dürfen im Sinne von OER (Open Education Resources) frei verwendet werden. Die Experimente sind so konzipiert, dass diese zu Hause mit Alltagsmaterialien durchgeführt werden können.
     

     
    Wer sich einmal mit Lernchancen via AR auseinandersetzen möchte, der/dem empfehle ich der Einladung von Melanie Ripsam (Chemiedidaktik der TUM) zu folgen:

    Sie hat kürzlich via Twitter ihr Interesse an weiteren Probanden erneuert. Interessierende melden sich am besten direkt bei Melanie.
     

    Publikation

     

    Abstrakt:

    Interesse ist ein wichtiges unterrichtliches Ziel und positiv mit weiteren Konstrukten wie Leistung und Selbstkonzept assoziiert. Eine Abnahme des Interesses von Lernenden in den Naturwissenschaften allgemein und insbesondere im Chemieunterricht über den Verlauf der Sekundarstufe wurde wiederholt festgestellt. Um Interesse im Schulkontext zu fördern, bietet sich gemäß des Vier-Phasen-Modells der Interessenentwicklung insbesondere das zeitlich instabile situationale Interesse an. Die Befundlage zu möglichen Triggern für situationales Interesse ist sehr vielfältig, jedoch teilweise uneindeutig. Zudem werden bislang in den Untersuchungen zum situationalen Interesse zentrale Qualitäts- und Gestaltungsmerkmale von Unterricht wie die Klassenführung oder Unterrichtsphasierung nicht systematisch berücksichtigt. Dieses Desiderat adressiert die vorliegende Beobachtungsstudie im Fach Chemie, indem sie den Zusammenhang zwischen Unterrichtsqualität sowie -gestaltung mit dem situationalen Interesse von Lernenden der Sekundarstufe I mittels einer Mehrebenenanalyse untersucht. Die Ergebnisse bestätigen empirisch, dass in der vorliegenden Studie praktische Erarbeitungsphasen in positiver Relation zum situationalen Interesse der Lernenden stehen, während theoretische Erarbeitungsphasen damit negativ verknüpft sind. Einstiegs- und Sicherungsphasen weisen keinen systematischen Zusammenhang mit dem situationalen Interesse auf. Im Bereich der Unterrichtsqualität zeigen sich negative Zusammenhänge zwischen dem situationalen Interesse und Klassenmanagement bzw. Verständnisorientierung, während zwischen dem situationalen Interesse und Strukturierung bzw. Förderung positive Zusammenhänge festgestellt wurden. Mögliche Ursachen sowie Implikationen für Forschung und Praxis werden diskutiert.

     

    Darüber hinaus empfehle ich noch die Materialien von MINTec. Der Verein „kümmert“ sich – wie der Name bereits andeutet – um unterrichtliche Innovation in den naturwissenschaftlichen Fächern. Mit Fokus auf Chemie sind hier in Zusammenarbeit mit der EVONIK Industries AG eine Materialsammlung entstanden, die mit den jeweiligen Schwerpunkten bundesweit in allen Schulen nutzbar ist. Dabei handelt es sich um Kernelemente des Chemieunterrichts, die für jeden weiteren beruflichen Weg im Feld der Chemie essentiell sind.

    Abschließend noch ein Tipp an diejenigen unter Ihnen, die interdisziplinär und vor allem fächerübergreifend denken und arbeiten:

    Erneut zeigt sich in diesem Beitrag der Mehrwert einer kollegialen Vernetzung in den sozialen Netzwerken …

    … Stay tuned …

     

    Update (16.09.24):

    Vorgestern habe ich was zu Hypes im E-Learning erzählt und warum es diesbezüglich keine Wunder gibt. Ein kleiner Fokus lag auf dem Chemie-Studium.

    Update (09.02.22):

    Update (22.05.22): Tipp aus BZT092: App, die chemische Experimente nachbaut

    Update (19.09.22):

    https://twitter.com/Labster_de/status/1571806660825325568 

    Bildnachweis: PublicDomainPictures @Pixabay