Einführung

Wir haben ein Schulsystem, das Menschen nach Maßstäben von gestern ausbildet, für eine Welt, die es morgen gar nicht mehr geben wird.

Prof. Gerald Hüther

Neurobiologe

Mittlerweile ist der Digitalpakt in trockenen Tüchern. Und auf viele Schulen bzw. Schulleitungen, Steuergruppen und Lehrkräfte kommt die Aufforderung zu, ein Medienkonzept zu entwickeln bzw. einzureichen. Es wird noch viel Zeit vergehen bis der Digitalpakt haushalt- und ausschreibungsrechtlich abgesegnet ist, wie Prof. Breiter in einem Interview vermutet1„Auf die Bildungsminister kommen jetzt die großen Aufgaben zu: In jedem Bundesland muss eine Richtlinie zur Mittelvergabe an die Kommunen geschrieben werden, die dann durchs Justiz- und Finanzressort geht. Auch der zentrale Haushaltsausschuss jeder einzelnen Kommune wird sich damit befassen. Und dann sind wir überhaupt erst soweit, die nötigen Ausschreibungen zu starten, die angesichts ihrer Millionenvolumina europaweit sein müssen. Solche Ausschreibungen wiederum dauern ein halbes Jahr, so dass es ganz sicher längst 2020 ist, bevor die großen Gelder fließen.“
Schulen werden nicht so lange warten wollen, zumal „die Schulen vermutlich schon früher (ein paar Euro) bekommen (werden):„Ich kann mir vorstellen, dass jede Schule schon im Herbst ein kleines Budget erhält, um über den zentralen Einkauf der Verwaltung erste Endgeräte zu kaufen, auch wenn das sicher nicht die nachhaltigste Strategie ist.“ (Prof. Breiter)

Worum geht es laut Digitalpakt?

Im Vorwort zu „Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz (KMK)“ führt die damalige Präsidentin der KMK (Dr. Claudia Bogedan, Bremen) aus:

Die fortschreitende Digitalisierung ist zum festen Bestandteil unserer Lebens-, Berufs- und Arbeitswelt geworden. Digitale Medien wie Tablets, Smartphones und Whiteboards (…) gehören zum Alltag der Auszubildenden in Verwaltungen und Unternehmen. Digitale Medien halten ein großes Potential zur Gestaltung neuer Lehr- und Lernprozessen bereit, wenn wir allein an die Möglichkeiten zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern denken. Über welche Kompetenzen müssen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene verfügen, um künftigen Anforderungen der digitalen Welt zu genügen? Und welche Konsequenzen hat das für Lehrpläne, Lernumgebungen, Lernprozesse oder die Lehrerbildung?

Die Kultusminister der Länder haben sich auf sechs Kompetenzbereiche verständigt.

Die Länder setzen sich damit einen bundesweit umzusetzenden Rahmen, der durchaus unterschiedlich “gelebt” werden kann, wie das Beispiel NRW zeigt. Hier sind die Kompetenzbereiche neu zugeordnet und mit Umsetzungsideen begleitet:

Auch in Hamburg gibt es eine kompetenzorientierte Umsetzung: Das digital.learning.lab bietet entsprechende, dem Kompetenzraster zugeordnete Unterrichtskonzepte und -materialien an, hier z. B. sechs Erklärvideos zu den Standards.

In Aufnahme des einleitenden Zitats des Neurobiologen Hüthers kann man den Zugang zum Thema auch ganz anders angehen. Der sehr bekannte und leider kürzlich verstorbene TED Speaker und britische Autor Sir Ken Robinson hat 2010 in einem Vortrag gefragt, wie wir den Wandel in der Bildung vorantreiben und wie wir ihn dauerhaft gestalten können. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat seinen sehr sehenswerten Beitrag (siehe linke Spalte) nicht nur übersetzt, sondern auch mit einer Sketchnote “begleitet”. (Der Link führt zur Mediathek und dauert eine Zeit, bis das Video sich aufgebaut hat.)

Die rechte Spalte fasst Entwürfe aus Bildungskommissionen zusammen und stehen stellvertretend für unterschiedliche Ansätze. Allen gemeinsam ist die Forderung, daraus Schlussfolgerungen für die Arbeit vor Ort zu ziehen. 

Bildung völlig neu denken

Schulen wiederspiegeln noch heute das Industriezeitalter. Sie sind wie Fabriken organisiert. Was wäre, wenn wir sie zu Einrichtungen machen, die statt auf Konformität auf Kreativität setzen? Ein TED-Talk als Plädoyer für ein besseres Bildungssystem von Sir Ken Robinson, britischer Bildungsexperte, Autor und Theaterpädagoge. Übersetzung und Sketchnote von Cognitive Media (via Bildungszentrale für politische Bildung)

VUCA - Welt: volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig

Olaf-Axel Burow leitet seine Vorträge in der Regel mit diesem Bild ein2

und führt aus, dass in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung sich die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen zusehends verändern, während das Organisationsmodell von Schule und schulischem Lernen seit etwa 200 Jahren – zumindest in seiner Grundstruktur – gleich geblieben ist.

Unser Bildungssystem wurde für eine andere Gesellschaft entwickelt. Fließband, für alle zur gleichen Zeit das Gleiche, schwerpunktmäßig nach Fächern sortiert. Im Zeitalter mobilen Lernens, in dem Information und Wissen zeit- und ortsunabhängig vorhanden sind, verliert dieses Schulmodell aber seine Daseinsberechtigung. Man braucht völlig andere Anforderungen an Lehren und Lernen, um die “Generation Selfie” für die Zukunft fit zu machen. Wissenvermittlung reicht nicht mehr.

so Burow in einem Zeitungsbeitrag. Und weiter:

Er skizzierte in seinem Buch sieben Trends, “die die Schule revolutionieren”. Und dazu gehöre zuallererst, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. “Wir müssen herausfinden, was Maschinen besser können und was Menschen. “Zweitens gehe es um die Veränderung der Lehrerrolle (hin zum Lernberater oder Coach). Dazu bedürfe es auch alternativer Raumgestaltungen (“Lernlandschaften”). Weitere Punkte seien Vernetzung, Gesundheitsorientierung, Demokratisierung und Glücksorientierung. “Die Schule der Zukunft ist eine Kulturschule, die analog und digital kreativ verbindet” und die vor allem Lebenskompetenz vermittelt. Denn, so Burow: “Schule ist mehr als Unterricht.”3

 

Dagstuhl - Erklärung

Unter diesem Begriff haben Medienwissenschaftler und Informatiker im Rahmen einer Veranstaltung versucht, „Digitale Bildung“ zu definieren. Die Erklärung weist drei Perspektiven aus4:

Technologische Perspektive: Wie funktioniert das?
Die technologische Perspektive hinterfragt und bewertet die Funktionsweise der Systeme, die die digitale vernetzte Welt ausmachen. Sie gibt Antworten auf die Frage nach den Wirkprinzipien von Systemen, auf Fragen nach deren Erweiterungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Sie erklärt verschiedene Phänomene mit immer wiederkehrenden Konzepten. Dabei werden grundlegende Problemlösestrategien und -methoden vermittelt. Sie schafft damit die technologischen Grundlagen und Hintergrundwissen für die Mitgestaltung der digitalen vernetzten Welt.

Gesellschaftlich-kulturelle Perspektive: Wie wirkt das?
Die gesellschaftlich-kulturelle Perspektive untersucht die Wechselwirkungen der digitalen vernetzten Welt mit Individuen und der Gesellschaft. Sie geht z. B. den Fragen nach: Wie wirken digitale Medien auf Individuen und die Gesellschaft, wie kann man Informationen beurteilen, eigene Standpunkte entwickeln und Einfluss auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen nehmen? Wie können Gesellschaft und Individuen digitale Kultur und Kultivierung mitgestalten?

Anwendungsbezogene Perspektive: Wie nutze ich das?
Die anwendungsbezogene Perspektive fokussiert auf die zielgerichtete Auswahl von Systemen und deren effektive und effiziente Nutzung zur Umsetzung individueller und kooperativer Vorhaben. Sie geht Fragen nach, wie und warum Werkzeuge ausgewählt und genutzt werden. Dies erfordert eine Orientierung hinsichtlich der vorhandenen Möglichkeiten und Funktionsumfänge gängiger Werkzeuge in der jeweiligen Anwendungsdomäne und deren sichere Handhabung.

 

4 K - Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation

Das Modell wurde von einer US-amerikanischen Non-Profit-Organisation entwickelt, in der sich Wirtschaftsvertreter, Bildungsfachleute und am Gesetzgebungsprozess Beteiligte für die Bildung in einem digitalen Kontext einsetzen. Die Organisation hat ein „Framework for 21st Century Learning“ veröffentlicht, welches das 4K-Modell beinhaltet und davon ausgeht, dass diese 4K in Arbeitsumgebungen des 21. Jahrhunderts besonderes Gewicht erhalten. Die Orientierung an den 4K wurde in den USA von vielen Schulen in ihre Leitbilder übernommen, weil diese vier überfachlichen Kompetenzen eine Zielformulierung unabhängig von fachbezogenem Lernen ermöglichen.

In Deutschland ist das Modell durch den PISA-Koordinator Andreas Schleicher bekannt gemacht geworden. Auch er argumentiert von beruflichen Anforderungen aus, die klassische Unterrichtsfächer in den Hintergrund rücken ließen. Schleicher betont, der Umgang mit Wissen habe sich gewandelt: Inhalte würden nicht mehr gespeichert und dann von Lehrkräften an Lernende vermittelt. Vielmehr flössen sie, meint Schleicher, in Strömen unablässiger Kommunikation und Kollaboration. Die Bildungsforscherin Lisa Rosa teilt diese Sicht und benennt drei Argumente, warum das 4K-Modell zum Orientierungspunkt für die Didaktik werden sollte:

  • Immer mehr Arbeiten werden von Maschinen übernommen.
  • Jede neue Arbeit verlangt mehr komplexes Denken, situierte selbstverantwortliche Entscheidungen und Beziehungsfähigkeit.
  • Die zu lösenden gesellschaftlichen Probleme sind so komplex, dass sie nur noch mit kollektiver Intelligenz bearbeitbar sind.

Rosa bettet die 4K in eine umfassende Modellierung des Lernens ein und weist so darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine Lernmethode handelt. Die 4K könnten nicht getrennt werden, sondern beziehen sich stets aufeinander: Es ist keine wirksame Kommunikation ohne Kreativität, Kollaboration und kritisches Denken möglich5.

Leider ist zu beobachten, dass in Umsetzung des Digitalpakts fast ausschließlich über Infrastruktur- und Ausstattungsmaßnahmen diskutiert wird. Zugegeben, Hard- und Software sind nicht ganz unwichtig, gleichwohl sollte zunächst einmal über den Nutzen nachgedacht werden. Aus Sicht von Hattie müssen dabei zunächst zwei Perspektiven unterschieden werden:

  1. “(…) Die Perspektive des Lernens – wir müssen schauen, welchen Einfluss die Digitalisierung auf den Lernerfolg hat. Wir wissen, dass in der Schule die „digitale Revolution“ noch nicht angekommen ist. Das hat damit zu tun, dass die digitalen Medien bisher nur die traditionellen Medien 1:1 ersetzen. (…) Die erste der beiden größten potentiellen Auswirkungen des Digitalen bezieht sich auf die sozialen Aspekte – Schüler arbeiten, reden und lernen zusammen.
  2. Die Perspektive der Lehrkraft: Lehrende können die sozialen Medien dafür nutzen, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und Kontakte zu knüpfen.”6

In Übersetzung der unterschiedlichen Perspektiven werden die weiteren Überlegungen in drei Bereiche gegliedert. Die Perspektive “Lehren & Lernen” wird durch den Bereich Unterricht abgebildet, die zweite “Verständigung auf das schulische Unterrichtsangebot” wird im Kontext zu Überlegungen zur Schulentwicklung behandelt. Der dritte Bereich bildet die Klammer zwischen Unterricht und schulischem Angebot, indem Apps & Tools vorgestellt werden, die sich bewährt wie aber auch Kritik ausgelöst haben. Auch darauf wird eingegangen.

Unterricht

Umgang mit Heterogenität und Medienintegration – die beiden großen Herausforderung, mit denen Sie sich als Lehrkraft auseinandersetzen müssen: im und neben dem Unterricht, ohne besondere Aus- und Fortbildung, zur Zufriedenheit aller Beteiligten.

Medienkonzept

Das Angebot richtet sich an eine Schulleitung bzw. an eine mit Schul- und Unterrichtsentwicklung beauftragte Steuergruppe, die sich mit der Fragestellung „Wie kann Schule den Herausforderungen einer sich zunehmend digitalisierenden Berufswelt gerecht werden?“ befasst.

Apps & Tools

Hier werden Unterrichtsszenarien vorgestellt, die im Wesentlichen vom Einsatz digitalen Medien getragen sind. Wir zeigen Ihnen in diesem Band, wie ausgewählte Tools (Apps) in Ihrem Unterricht und in der Schule eingesetzt werden können und geben Ihnen Tipps, wie man den Einsatz konkret umsetzen kann. Dabei werden auch Aspekte einer gelungenen Vorbereitung von Fortbildungsinhalten benannt bzw. vorgestellt.

 

Und beim Einsatz von Apps & Tools wird sehr schnell die Frage nach Urheberrechtsschutz und der Verfügbarkeit freier Materialien aufkommen. Dafür können möglicherweise die folgenden Hinweise helfen?!

Datenschutz-DSGVO

Datenschutz ist seit der neuen Verordung im Mai 2018 (DSGVO) in vielen Schulen angekommen. Es handelt ich hier um keine Rechtsauskunft! Das ist Sache der Juristinnen und Juristen…

Urheberrecht-OER

Darüber hinaus interessiert viele Lehrende die Frage: Welche Materialien darf ich nutzen? Wie kann ich dafür sorgen, dass ich urheberrechtlich auf sicherem Boden agiere?

 

Weiterführendes Material

 

Unterrichtsentwicklung

Der Band 1 richtet sich an Sie als Lehrkraft. Er verfolgt das Ziel, Ihnen zu vermitteln, wie man den eigenen Unterricht weiterentwickeln kann, auch unter Nutzung digitaler Medien. Er stellt relevante Forschungsergebnisse vor und verbindet sie mit vielen unterrichtsnahen Praxishinweisen. Es geht nicht um Schulentwicklung und nicht um die Einführung in Apps oder unterrichtliche Ideen für Projektarbeit, AG-Angebot o.Ä. Diese Themen werden in den Bänden 2 und 3 ausführlich aufgegriffen.

Schulentwicklung und Medienkonzept

Der Band 2 richtet sich an eine Schulleitung bzw. an eine mit Schul- und Unterrichtsentwicklung beauftragte Steuergruppe, die sich mit der Fragestellung „Wie kann Schule den Herausforderungen einer sich zunehmend digitalisierenden Berufswelt gerecht werden?“ befasst. Der Band 1 sorgt für mit Vorwissen informierte Lehrkräfte und schafft damit die Voraussetzung einer spannend werdenden Reise in die digitale (Schul)Welt.

Apps & Tools, E-Portfolio – Maker

Im Band 3 werden eine Reihe von Unterrichtsszenarien vorgestellt, die im Wesentlichen vom Einsatz digitalen Medien getragen sind. Ich zeige Ihnen in diesem Band, wie ausgewählte Tools (Apps) in Ihrem Unterricht und in der Schule eingesetzt werden können und gebe Ihnen Tipps, wie man den Einsatz konkret umsetzen kann. Dabei werden auch Aspekte einer gelungenen Vorbereitung von Fortbildungsinhalten benannt bzw. vorgestellt.

Footnotes

  1. https://www.jmwiarda.de/2019/03/15/wann-kommt-das-geld/
  2. http://www.sachsen-anhalt.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/P0P%20GTS%2011.9.2017%20Magdeburg%20kurz.pdf
  3. https://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Schule-ist-mehr-als-Unterricht;art598,4239658
  4. http://blog.doebe.li/Blog/DagstuhlDreieck
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/4K-Modell_des_Lernens
  6. https://www.news4teachers.de/2019/03/der-weltweit-prominenteste-bildungsforscher-im-interview-was-bringt-die-digitalisierung-der-schulen-herr-hattie-viel-wenn/