Seit mehr als zehn Jahren höre ich nach enttäuschenden Bildungsstudien dieselben Erklärungen: Es fehlt an Personal. Die Klassen sind zu groß. Die Politik muss handeln. Die Ministerien müssen bessere Fortbildungsangebote bereitstellen. Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht.

Nun schreiben wir das Jahr 2026 – und wieder folgen die bekannten Reflexe: Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnete die deutschen PISA-Ergebnisse als besorgniserregend und nicht hinnehmbar, verwies zugleich aber auf die Verantwortung der Eltern. Aus der SPD-Fraktion kam postwendend die Forderung nach einem Bildungsgipfel[1]https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/nach-pisa-vorwurf-an-eltern-was-tut-die-bundesregierung-bildung,VUpBawB

Aber ich erlaube mir eine unbequeme Gegenfrage: Was haben wir selbst in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Wie haben wir unseren Unterricht weiterentwickelt? Wie systematisch nutzen wir Diagnosen für die individuelle Förderung? Wie eng arbeiten Lehrkräfte gemeinsam an Unterrichtskonzepten? Wie überprüfen wir selbst, was unsere Schülerinnen und Schüler können und wo sie Unterstützung benötigen? Welche Konsequenzen ziehen wir aus Leistungsdaten? Und wo übernehmen wir Verantwortung für Veränderungen innerhalb unseres eigenen Handlungsspielraums?

In diesem Zusammenhang findet sich im Vorwort von OECD-Generalsekretär Mathias Cormann der Hinweis:[2]https://www.oecd.org/content/dam/oecd/de/publications/reports/2026/09/pisa-2025-results-volume-i_5265bfb1/1562a447-de.pdf Lehrkräfte seien entscheidend für leistungsfähige Bildungssysteme; zugleich müsse künstliche Intelligenz so eingesetzt werden, dass sie aktives und eigenständiges Lernen ergänzt, statt es zu ersetzen.

Andreas Schleicher, Leiter des OECD-Bildungsressorts, lenkt den Blick dabei auf Kompetenzen[3]ebda., die im KI-Zeitalter besonders wichtig werden: Informationen bewerten, Bezüge zwischen verschiedenen Quellen herstellen und Gelesenes kritisch hinterfragen. Zugleich nimmt der Anteil der Schülerinnen und Schüler zu, die Texte hastig lesen und schnelle, aber falsche Antworten geben. Das ist ein bemerkenswerter Befund. Aber er führt zu einer Frage, die eine internationale Studie nicht beantworten kann: Wie sieht es eigentlich an unserer eigenen Schule aus? Welche dieser Kompetenzen beherrschen unsere Schülerinnen und Schüler? Wo genau liegen ihre Hürden? Und wie können wir das systematisch herausfinden?

Was PISA zeigt - und was nicht

PISA ist keine vollständige Vermessung von Schule. Die Studie untersucht eine definierte Altersgruppe mit standardisierten Instrumenten und erlaubt Aussagen über Bildungssysteme und deren Entwicklung. Sie kann jedoch nicht unmittelbar erklären, wie Lernen an einer einzelnen Schule gelingt oder misslingt.

Für Deutschland sind die Befunde dennoch eindeutig: Die Ergebnisse von PISA 2025 liegen in allen drei Kompetenzbereichen – Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften – auf dem niedrigsten Niveau, das für Deutschland seit Beginn der PISA-Erhebungen gemessen wurde. Zugleich setzt sich damit ein negativer Trend fort, der bereits über das vergangene Jahrzehnt zu beobachten ist.

Besonders deutlich wird die Entwicklung beim Lesen: 68 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland erreichen mindestens Kompetenzstufe 2. Rund ein Drittel verfügt damit nicht über jene grundlegenden Lesekompetenzen, die PISA dieser Stufe zuordnet.

Was diese Entwicklung verursacht, lässt sich aus den PISA-Ergebnissen allein allerdings nicht ableiten. Pandemie, soziale Herkunft, Mediennutzung, Unterrichtsqualität, Ressourcen und weitere Faktoren werden in der öffentlichen Debatte als mögliche Erklärungen diskutiert. Für eine einzelne Schule ist deshalb eine andere Frage entscheidender: Wie sieht es bei unseren Schülerinnen und Schülern aus? Nicht zufällig verbindet auch Samuel Greiff (Leiter des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien) nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung ausdrücklich mit der Nutzung hochwertiger lokaler Daten.[4]https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/pisa-studie-deutschland-bildung-mathematik-lesen-schule-e158804/

PISA zeigt uns, dass wir ein Systemproblem haben. Es sagt uns aber nicht, wo unsere Schülerinnen und Schüler aktuell stehen, welche Faktoren an unserer Schule wirken und welche Veränderungen im Unterricht tatsächlich greifen. Dafür brauchen Schulen eigene, datengestützte Erkenntnisse.

Die Perspektive der Lernenden nutzen

Wenn Schulen ihre Ausgangslage realistisch einschätzen wollen, sollten sie nicht nur auf Leistungsdaten blicken. Sie sollten auch diejenigen einbinden, die Schule jeden Tag erleben: die Schülerinnen und Schüler selbst. Es geht nicht darum, Jugendliche über Curricula abstimmen zu lassen. Ihre Sichtweise ist vielmehr eine wichtige Informationsquelle für die Schulentwicklung:

  • Was erleben Schülerinnen und Schüler als lernförderlich?
  • Wo empfinden sie Unterricht als wenig hilfreich?
  • Welche Aufgaben fordern sie tatsächlich zum vertieften Denken heraus?
  • Wo erkennen sie Bezüge zu ihrer Lebenswelt?
  • Und wie nutzen sie digitale Werkzeuge sowie Sprachmodelle in ihrem Alltag?

Solche Erkenntnisse lassen sich über regelmäßige Schülerbefragungen, strukturierte Feedbackformate und gezielte Gespräche gewinnen. Die Schülervertretung ist hierbei ein wertvoller Partner, kann eine breite Befragung der Schülerschaft jedoch nicht ersetzen.

Erst die Kombination verschiedener Perspektiven ergibt ein klares Bild: Leistungsdaten zeigen, wo Lernprobleme liegen. Rückmeldungen der Lernenden geben Hinweise darauf, wie Unterricht erlebt wird. Beobachtungen und Fachaustausche im Kollegium ergänzen diese Befunde. So wird Schülerrückmeldung von einem bloßen Partizipationsinstrument zu einem festen Baustein datengestützter Schulentwicklung.

Didaktische Modelle

Die Frage nach dem adäquaten Einsatz digitaler Medien begleitet mich seit meiner Arbeit bei Schulen ans Netz e.V. und der Entwicklung kompetenzorientierter Unterrichtsmodelle (u. a. im Rahmen der hessischen KUMN-Initiative). Schon damals wurde deutlich: Ein rein schulbuchzentrierter Ansatz greift zu kurz.

Dieses praxiserprobte Prozessmodell habe ich weiterentwickelt, um den Anforderungen und Potenzialen des Lernens mit generativer KI gerecht zu werden:  KI im Unterricht.

Eine weitere Perspektive bietet Deeper Learning. Es verbindet die Wissensaneignung mit selbstregulierten Prozessen der Ko-Konstruktion und Ko-Kreation und fördert gezielt die 4K-Kompetenzen (Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität). Auch die Bildungswissenschaftlerin Anne Sliwka zeigt, wie sich Deeper-Learning-Ansätze unter den Bedingungen generativer KI weiterdenken lassen.[5]https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/kuenstliche-intelligenz-wie-wir-in-zukunft-lernen-werden

Damit stellt sich nicht mehr die Frage, ob Sprachmodelle in didaktische Konzepte integriert werden müssen, sondern wie: Sie müssen so eingebunden werden, dass sie Lernprozesse unterstützen, ohne das eigenständige Denken und Reflektieren zu ersetzen.

Abschluss: Was können und wollen wir selbst verändern?

PISA macht auch für die Bildungspolitik Handlungsbedarf sichtbar: Es geht um verlässliche Rahmenbedingungen, ausreichende Ressourcen und die Unterstützung von Schulen. Aber die Verantwortung für gelingende Bildung beginnt nicht erst im Ministerium. Sie beginnt dort, wo Schule täglich stattfindet: im Unterricht, im Kollegium und in der Schulleitung.

Wir werden die Probleme unseres Bildungssystems nicht lösen, indem wir Verantwortung gegeneinander aufrechnen. Auf bessere politische Rahmenbedingungen zu warten, ist keine Schulentwicklungsstrategie.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, was die Politik tun muss. Sie lautet vor allem: Was können und wollen wir selbst verändern – ab morgen?

Wenn Sie aus diesen Fragen konkrete Schritte für Ihre Schule entwickeln möchten, treten Sie gerne mit mir in Kontakt.

… stay tuned …

Bildnachweis: Michael Drabe, generiert mit ChatGPT (OpenAI)

Hinweis zur Entstehung des Beitrags: ChatGPT (OpenAI) hat mich bei der Argumentation, beim kritischen Gegenlesen und beim Redigieren dieses Beitrags unterstützt. Die inhaltliche Zielsetzung und die Schlussfolgerungen stammen von mir.