Eine persönliche Bilanz nach zwei Jahren Bildungsdebatte
Seit Herbst 2024 habe ich auf diesem Blog über drei Themen geschrieben:
- die Perspektive von Jugendlichen und der Generation Z,
- datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung,
- die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Lernen, Curriculum und Berufsorientierung.
Rückblickend beschreiben alle drei Themen dieselbe Herausforderung: Schule muss lernen, ihre Entscheidungen konsequenter an der Wirklichkeit auszurichten, an den Erfahrungen der Jugendlichen, an belastbaren Daten und an den gesellschaftlichen Veränderungen durch KI.
Nach fast zwei Jahren ziehe ich deshalb eine persönliche Bilanz. Nicht weil die Probleme gelöst wären. Sondern weil die zentralen Befunde inzwischen so eindeutig sind, dass der Engpass weniger im Erkenntnisgewinn als in der Umsetzung liegt.
Nach zwei Jahren habe ich drei Erkenntnisse gewonnen (die in den Bildern eingebetteten Links führen zu den entsprechenden Blogbeiträgen):
1. Die Probleme der Jugendlichen sind längst bekannt.
Spätestens seit den aktuellen Jugendstudien wissen wir, dass viele Schülerinnen und Schüler unter erheblichem Druck stehen. Psychische Belastungen nehmen zu. Zukunftsängste sind weit verbreitet. Das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen sinkt. Gleichzeitig erleben viele Jugendliche Schule als einen Ort, an dem ihre Perspektive zwar gelegentlich abgefragt, aber selten systematisch in Entscheidungen einbezogen wird. Die jüngsten IQB-Ergebnisse, PISA-Befunde und zahlreiche Untersuchungen zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen machen deutlich, dass wir es längst nicht mehr nur mit einem Leistungsproblem zu tun haben. Wir haben es mit einer Motivations-, Beteiligungs- und Sinnfrage zu tun.
Wer Schule weiterentwickeln will, muss die Perspektive der Lernenden konsequent einbeziehen, als Grundlage pädagogischer Entscheidungen.
2. Die Instrumente für bessere Schulentwicklung liegen vor.
Seit Jahren liegen Instrumente für Feedback, Evaluation und datenbasierte Schulentwicklung vor. Internationale Beispiele zeigen ebenso wie zahlreiche Forschungsarbeiten, dass Schulen erfolgreicher arbeiten, wenn Entscheidungen auf belastbaren Informationen beruhen. Dennoch wird Schulentwicklung vielerorts noch immer vor allem durch Annahmen, Einzelbeobachtungen und persönliche Überzeugungen gesteuert. Dabei wäre die zentrale Frage längst eine andere:
- Was wissen wir tatsächlich über unsere Schule?
- Wie erleben Schülerinnen und Schüler den Unterricht?
- Welche Maßnahmen wirken?
- Wo liegen die größten Entwicklungsbedarfe?
- Welche Ziele verfolgen wir überhaupt?

Datengestützte Schulentwicklung bedeutet keineswegs die Herrschaft von Tabellen, Diagrammen oder Kennzahlen. Sie bedeutet vielmehr, die Realität einer Schule sichtbar zu machen und Entscheidungen auf dieser Grundlage zu treffen.
3. Die Auswirkungen von KI sind keine Zukunftsmusik mehr.
Noch vor wenigen Jahren konnte man über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Schule und Arbeitswelt spekulieren. Diese Phase ist vorbei. KI verändert bereits heute Studium, Ausbildung und Beruf. Arbeitsprozesse werden neu organisiert. Berufsbilder verändern sich. Kompetenzen verschieben sich. Ganze Tätigkeitsfelder werden neu definiert.
Wenn sich die Arbeitswelt innerhalb weniger Jahre verändert, darf das Curriculum nicht auf dem Stand vergangener Jahrzehnte verharren. Berufsorientierung muss neu gedacht werden. Leistungsbewertung muss neu diskutiert werden. Unterricht muss neu gestaltet werden. Und Schülerinnen und Schüler müssen lernen, KI nicht nur zu nutzen, sondern sie kritisch zu verstehen, einzuordnen und verantwortungsvoll einzusetzen.
In den vergangenen Jahren hat mich eine bemerkenswerte Verschiebung in der Bildungsdebatte zunehmend irritiert. Die Probleme sind jetzt sichtbar, doch viele Strategiepapiere richten den Fokus auf das Jahr 2035 und später. Natürlich brauchen wir langfristige Perspektiven. Aber die Schülerinnen und Schüler, die heute unsere Klassenräume besuchen, können nicht bis 2035 warten. Sie lernen jetzt. Sie orientieren sich jetzt beruflich. Sie erleben die Folgen bildungspolitischer Entscheidungen jetzt. Wer heute die siebte Klasse besucht, wird die Auswirkungen von KI nicht irgendwann, sondern jetzt erleben. Er erlebt sie bereits.
Deshalb brauchen wir weniger Zukunftsrhetorik und mehr Gegenwartsverantwortung.
Nach knapp zwei Jahren ziehe ich deshalb eine persönliche Bilanz.
Das Wissen liegt auf dem Tisch.
Die Herausforderungen sind beschrieben. Die Werkzeuge existieren. Die Probleme sind bekannt.Was fehlt, ist nicht weitere Erkenntnis. Was fehlt, ist konsequentes Handeln.
Deshalb werde ich meinen Schwerpunkt künftig verändern. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Zukunft der Schule letztlich nicht in Strategiepapieren, Sonntagsreden oder Podiumsdiskussionen entscheidet. Sie entscheidet sich dort, wo Schule stattfindet:
- im Unterricht,
- in Fachschaften,
- in der pädagogischen Gesamtkonferenz,
- in Schulleitungsteams
und vor allem im Dialog mit den Schülerinnen und Schülern selbst.
Mein Angebot an Sie
Die Erkenntnis, dass wir das Wissen für eine bessere Schule längst besitzen, ist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung, die weit über die vergangenen zwei Jahre reicht. Mein Weg, dokumentiert in meiner beruflichen Timeline, ist geprägt von der ständigen Suche nach dem, was Schule heute leisten kann und muss.
Wenn die Herausforderungen bekannt sind und die Werkzeuge längst vorliegen, stellt sich die entscheidende Frage: Wie gelingt die Umsetzung im schulischen Alltag? Genau an dieser Schnittstelle zwischen Analyse und praktischem Handeln begleite ich Schulen seit vielen Jahren:
- Datengestützte Schulentwicklung: Von der Datenerhebung, über die Datenanalyse zu ersten Maßnahmen.
- Schulentwicklungs-Coaching: Wie machen wir das schulinterne Curriculum zum lebendigen Steuerungsinstrument?
- Impulsvorträge: Ein tieferer Einblick in die Bedingungen von Bildung unter dem Vorzeichen von KI und kognitivem Outsourcing.
Lassen Sie uns den Austausch vertiefen. Ich freue mich über Ihre Nachricht oder eine Einladung zu einem gemeinsamen Diskurs. Ob digital oder vor Ort.
Im Gespräch weiterdenken
Zu guter Letzt...
Wer mir in den sozialen Netzwerken regelmäßig folgt oder meinen Newsletter abonniert hat, weiß, dass ich seit Beginn des Jahres ein Bildungsjournal anbiete. Dort finden Sie von mir kuratierte Hinweise auf Beiträge, die sich auf meine oben genannten Schwerpunkte beziehen. Das beweist gerade der heutige Tag, an dem ich diesen Beitrag freischalte.
Meine Intention bzw. mein Anliegen beschreibe ich in dem mit dem Titelbild verbundenen Blogbeitrag Zwischen Vielfalt und Orientierung. Darüber hinaus führt dieser in eine weitere, mir im Kontext der Qualitätskultur wichtige Plattform ein.
In einigen Bundesländern beginnen bald die wohlverdienten Sommerferien. Mit diesem letzten Blogbeitrag vor dem Schuljahreswechsel wünsche ich Ihnen eine erholsame und entspannte Zeit in der vor Ihnen liegenden unterrichtsfreien Zeit. Und danach natürlich einen erfolgreichen Start ins neue Schuljahr!
Bis Anfang September also …
… Stay tuned …
Liege: Ulrike Mai @pixabay