Vom Zuhören zum Verstehen – wie Schulen die Perspektiven ihrer Schülerinnen und Schüler systematisch nutzen können

Im schulischen Kontext meint „Big Data“ weniger riesige Datenmengen als vielmehr die systematische Nutzung vorhandener Rückmeldungen, etwa aus Befragungen, Feedbackprozessen oder Lernstandsanalysen. So wichtig empirische Erkenntnisse für die Schulentwicklung sind, sie entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn sie vor Ort aufgegriffen, eingeordnet und weitergedacht werden. Genau hier zeigt sich eine zentrale Herausforderung: Wir verfügen über zahlreiche Daten zur Situation von Schülerinnen und Schülern, nutzen sie aber noch zu selten als Ausgangspunkt für einen strukturierten Dialog mit ihnen.

Die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers 2025/26 machen erneut deutlich, was sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet hat: Schülerinnen und Schüler erleben Schule vielfach als belastend – und wünschen sich gleichzeitig mehr Mitsprachemöglichkeiten. Zwei zentrale Befunde stechen dabei besonders hervor:

  • Psychische Belastung wird von vielen Schülerinnen und Schülern als hoch wahrgenommen.
  • Mitbestimmung im Schulalltag wird als ausbaufähig beschrieben.

Diese beiden Aspekte sollten nicht getrennt betrachtet werden.

Bildungsexpertinnen und -experten sehen die Beteiligung von Lernenden nicht nur als demokratisch wünschenswert, sondern auch als zentralen Schutzfaktor für die psychische Gesundheit. Im Folgenden stelle ich einfache Instrumente vor, die zeigen, wie das konkret aussehen kann.

Hessischer Referenzrahmen (HRS)

Das Institut für Qualitätsentwicklung hat bereits 2007 im Hessischen Referenzrahmen der Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern (Dimension 5.2) eine eigene Bedeutung beigemessen. Diese Dimension ist kein optionales Qualitätsmerkmal, sondern ein systemischer Schutzfaktor.

Diese Dimension beschreibt Beteiligung nicht nur als formales Element (z. B. SV-Arbeit), sondern als Bestandteil von:

  • Unterrichtsentwicklung
  • Schulkultur
  • Rückmeldeprozessen (eher in der Dimension 6.2: Überfachliche Kompetenzen angesiedelt)

Damit liefert sie eine hilfreiche Struktur, um Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern gezielt zu erheben und weiterzuverarbeiten.

Im Rahmen unserer externen Evaluationen haben wir das in einigen wenigen Items „abgefragt“:

Dimension 5.2:

  • Wir Schülerinnen und Schüler werden zu bestimmten Themen und Anlässen beraten (z. B. Kurswahl, persönliche Probleme, Lernschwierigkeiten, Berufsberatung).
  • Ich bin mit der Beratung an meiner Schule zufrieden.
  • Wir besprechen im Unterricht, wie wir gearbeitet haben (z. B. wie wir vorgegangen sind, ob wir gut zusammengearbeitet haben).
  • Wenn wir fertig sind, besprechen wir im Unterricht, was uns schon gut gelungen ist und was wir noch verbessern sollten.
  • Wir nutzen Materialien, mit denen wir überprüfen, was wir schon können und was nicht (z. B. Selbsteinschätzungen, Lerntagebuch, Portfolio).

Dimension 6.2:

  • Wir besprechen im Unterricht, wie wir gearbeitet haben (z. B. wie wir vorgegangen sind, ob wir gut zusammengearbeitet haben).
  • Wenn wir fertig sind, besprechen wir im Unterricht, was uns schon gut gelungen ist und was wir noch verbessern sollten.
  • Wir nutzen Materialien, mit denen wir überprüfen, was wir schon können und was nicht (z. B. Selbsteinschätzungen, Lerntagebuch, Portfolio).

Zur Bewertung der Kriterien wurde eine Skala von 1 („trifft nicht zu“), 2  („trifft eher nicht/selten zu“), 3 („trifft eher/oft zu“, „trifft zu“) bis 4 („trifft voll zu/immer“) verwendet.

Folgerungen

Beteiligung ist demokratisch wünschenswert und gleichzeitig ein zentraler Schutzfaktor für psychische Gesundheit. Mit Blick auf die Befunde im aktuellen Schulbarometer bieten sich folgende Items an:

Wahrgenommene Unterstützung und Belastung

  • „Ich fühle mich durch die Schule in stressigen Phasen ausreichend unterstützt.“
  • „Ich weiß, an wen ich mich wenden kann, wenn es mir nicht gut geht.“
  • „Ich fühle mich durch die Menge der Leistungsnachweise oft überfordert.“

Mitbestimmung im Unterricht

  • „Ich kann den Unterricht mitgestalten (z. B. Themen, Methoden, Arbeitsformen).“
  • „Meine Rückmeldungen zum Unterricht werden ernst genommen.“

Mitbestimmung im Schulleben

  • „Ich habe das Gefühl, dass meine Meinung in der Schule zählt.“
  • „Es gibt ausreichend Möglichkeiten, sich in schulische Entscheidungen einzubringen.“

Schulklima und Beziehung

  • „Lehrkräfte interessieren sich für die Sichtweise der Schülerinnen und Schüler.“
  • „Ich fühle mich in meiner Klasse ernst genommen.“

Zur Bewertung der Kriterien schlage ich auch hier eine Skala von 1 („trifft nicht zu“), 2  („trifft eher nicht/selten zu“) 3 („trifft eher/oft zu“, „trifft zu“) bis 4 („trifft voll zu/immer“) vor.

Die anschließende Auswertung dient als Ausgangspunkt für vertiefende Gespräche. Dazu nun mehr…

Vom Item zum Gespräch

Die eigentliche Stärke solcher Befragungen liegt nicht in den Zahlen selbst, sondern in dem, was daraus entsteht. Nach der Auswertung bieten sich gezielte Interviewrunden oder Fokusgruppen an, um zentrale Ergebnisse zu vertiefen.

Beispiel:
Wenn viele Schülerinnen und Schüler angeben, dass sie sich „nicht ausreichend beteiligt“ fühlen, könnten Leitfragen für Gesprächsrunden sein:

  • Was bedeutet für euch „mitbestimmen“ konkret?
  • In welchen Situationen gelingt Beteiligung bereits gut?
  • Wo würdet ihr euch konkret mehr Einfluss wünschen?
  • Was müsste sich ändern, damit ihr euch stärker einbringen könnt?

Oder beim Thema Belastung:

  • Wann erlebt ihr Schule als besonders stressig?
  • Was hilft euch in solchen Situationen und was fehlt euch?
  • Welche Unterstützung wäre aus eurer Sicht sinnvoll und realistisch?

Ziel dieser Gespräche ist nicht sofortige Lösung, sondern Verstehen von Perspektiven.

Besonders bewährt hat sich in meiner Arbeit die Ratingkonferenz. Dazu nun mehr:

Die Ratingkonferenz ist ein datengestütztes Evaluationsverfahren, bei welchem die qualitativen und quantitativen Aspekte der Evaluation und deren Vorzüge miteinander verbunden werden. Das Verfahren basiert im Wesentlichen auf zwei sich ergänzenden Prozesselementen:

  • der individuellen Einschätzung (dem «Rating») von vorgegebenen Aussagen zum jeweiligen Evaluationsthema / -gegenstand (quantitatives/geschlossenes Element),
  • der unmittelbar anschließenden, gemeinsam mit den Befragten vorgenommenen Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten (qualitatives/offenes Element).

Die Aussagen (Items), die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Ratingkonferenz zur individuellen Einschätzung vorgelegt werden, bilden die Basis des Verfahrens: Hier entstehen die Daten, auf die im Verlauf des diskursiven Auseinander-setzungsprozesses Bezug genommen wird. Ein idealer Umfang liegt bei etwa einem Dutzend Items. Auf keinen Fall sollte das Ratinginstrument mehr als zwanzig Items umfassen, denn zu viele Items bringen die Gefahr einer zu oberflächlichen qualitativen Interpretation mit sich. Die Items sollten so ausgewählt beziehungsweise formuliert sein, dass sie die wichtigsten Aspekte ansprechen, zu denen die Erfahrungen und Meinungen der Schülerinnen und Schüler gefragt sind. Für die Formulierung der Items sind grundsätzlich dieselben Hinweise zu beachten, die für die Gestaltung von  Fragebogen gelten: Es braucht einfache, gut verständliche, präzise, neutrale (nicht suggestive) und eindimensionale Formulierungen. Für die Einschätzung der Items sollte eine mindestens vierstufige Skala vorgegeben werden – beispielsweise mit der folgenden Abstufung: 1 = trifft nicht zu; 2 = trifft teilweise zu; 3 = trifft überwiegend zu; 4 = trifft vollständig zu-

Entnommen aus:
Lehrevaluation als Anstoss zur Unterrichtsentwicklung, der Beitrag von Norbert Landwehr

Aus meiner Berufspraxis hier ein Beispiel aus einer externen Evaluation zum Ganztagsangebot einer Schule. Unter anderem wurde die Ratingkonferenz als Methode gewählt, um qualitativ mit Eltern und Lehrkräften ins Gespräch zu kommen. Hier die beiden Ablaufprogramme:

Durch die Interviewrunden erhalten Sie als Schulleitung strategische Hebel für die Systementwicklung. Durch dieim Folgenden beschriebenen Feedbackverfahren in den Lerngruppen spüren die Lernenden sofort: Meine Meinung zählt hier und jetzt, in meinem täglichen Unterricht.

Unterricht: Feedbackverfahren

Hier findet die eigentliche Entlastung statt. In der Lerngruppe (Klasse/Kurs) wird die allgemeine Umfrage „geerdet“. Das Ziel ist es, den Lernenden Raum für ihre individuelle Einschätzung zu geben, im direkten Bezug zu ihrem konkreten Lernalltag.

Der Ablauf für die Lehrkräfte:

1. Ergebnisse spiegeln: „Leute, die schulweite Umfrage sagt, ihr fühlt euch oft fremdbestimmt. Wie sieht das konkret bei uns in Chemie/Mathe/Deutsch aus?“

2. Individueller Freiraum: Geben Sie den Lernenden die Möglichkeit, jenseits der starren Umfrage-Items Feedback zu geben.

3. Gemeinsame Aushandlung: Feedback ist keine Einbahnstraße. Es geht darum, gemeinsam kleine Freiräume im Unterricht zu schaffen (z.B. Wahlmöglichkeiten bei Aufgabenformaten oder Pausengestaltung).

Impulsbox: 5 Fragen für den sofortigen Einstieg

  • Was hilft dir aktuell am meisten beim Lernen?
  • Was belastet dich im Schulalltag am stärksten?
  • Wo kannst du in der Schule mitbestimmen – und wo nicht?
  • Wann fühlst du dich von mir gut unterstützt?
  • Was sollte sich aus deiner Sicht kurzfristig ändern?

Nutzen Sie offene Formate, wie z. B.:

Belastungsbaromter (Fokus: Psychische Gesundheit)

Dieses Tool erdet die abstrakten Zahlen des Schulbarometers im Hier und Jetzt der Klasse.

  • Vorgehen: Zeichnen Sie eine Skala von 1 (tiefentspannt) bis 10 (kurz vorm Burnout) an die Tafel oder nutzen Sie ein digitales Tool (z. B. Mentimeter).
  • Die Frage: „Wenn das Schulbarometer sagt, dass der Druck steigt – wo steht ihr heute in Bezug auf unser Fach/unser Projekt?“
  • Der individuelle Freiraum: Jeder Schüler setzt anonym seinen Punkt. Danach folgt die entscheidende offene Frage: „Was ist der größte ‘Energiefresser’ und was wäre ein kleiner ‘Energiespender’ für die nächste Woche?“
  • Nutzen: Die Lehrkraft erhält ein sofortiges Stimmungsbild und kann (z. B. durch Verschieben eines Abgabetermins) sofort entlasten.
Die modifizierte „Stopp-Start-Weiter“-Matrix (Fokus: Mitbestimmung)
Kategorie Leitfrage für die Lernenden
STOPP Was stresst uns in diesem Kurs gerade massiv oder hält uns beim Lernen auf?
START Welche Methode/Unterstützung aus der Umfrage sollten wir hier mal ausprobieren?
WEITER Was läuft in dieser Gruppe bereits gut und gibt uns Sicherheit?

 

Praxis-Tipp: Die Lernenden schreiben ihre Gedanken auf Post-its. Wichtig: Die Lehrkraft wählt eine Sache aus dem Bereich „START“ aus (oder stellt sie zur Abstimmung), die gemeinsam für die nächsten vier Wochen getestet wird. Das ist erlebte Selbstwirksamkeit.

Das „3-2-1 Brücken-Feedback“ (Fokus: Reflexion & Transfer)

Dieses Format eignet sich hervorragend, um die zentralen Befragungsergebnisse mit der eigenen Meinung zu verknüpfen.

  • 3 Erkenntnisse: Welche drei Punkte aus der großen Schulbefragung treffen auf mich persönlich zu?
  • 2 Vorschläge: Welche zwei Dinge könnten wir in dieser Lerngruppe sofort ändern, um den Druck zu senken?
  • 1 Frage: Was wollte ich der Lehrkraft/der Schulleitung schon immer mal im Vertrauen sagen?

Damit diese Methoden funktionieren, sollten Schuleitungen und Steuergruppen den Kollegien drei Versprechen mitgeben:

  1. Keine Rechtfertigungspflicht: Die Lehrkraft muss nicht jedes Feedback sofort umsetzen, aber sie muss es hören und spiegeln („Ich habe verstanden, dass euch Punkt X belastet“).
  2. Mut zur Lücke: Es ist okay, wenn eine Feedback-Runde nur 15 Minuten dauert. Die Regelmäßigkeit schlägt die Intensität.
  3. Vom “Ich” zum “Wir”: Feedback ist keine Kritik an der Person der Lehrkraft, sondern eine gemeinsame Analyse der Arbeitssituation (Dimension 5.2).

Fazit

Bereits Anfang des Jahres habe ich auf die wünschenswerte Mitbestimmung der Jugendlichen aufmerksam gemacht.

Die Ergebnisse des Schulbarometers liefern weitere wichtige Hinweise – aber ihre Wirkung entfalten sie erst vor Ort in den Schulen. Damit dieser Prozess wirksam wird, haben sich einige Prinzipien als hilfreich erwiesen:

  • Fokus statt Vollerhebung
    Lieber wenige, gezielte Fragen als umfangreiche Fragebögen
  • Transparenz
    Ergebnisse werden offen kommuniziert
  • Verbindlichkeit
    Es wird sichtbar, was aus den Rückmeldungen folgt
  • Partizipation im Prozess
    Schülerinnen und Schüler werden auch in die Interpretation der Ergebnisse einbezogen

Der Einstieg muss dabei nicht komplex sein: Eine kurze Befragung, eine moderierte Gesprächsrunde, eine erste gemeinsame Auswertung. Entscheidend ist, dass daraus ein Prozess entsteht, in dem Schülerinnen und Schüler nicht nur befragt, sondern gehört werden. Denn Schulentwicklung gewinnt an Tiefe, wenn sie die Perspektiven derjenigen einbezieht, für die Schule gemacht ist.

 

Titelbild: EpicTop10.com @Flickr CC BY 2.0

Weiterführende Literatur

…mit einer Auswahl von Informationsmaterialien zum Themenbereich psychische Gesundheit und schulischen Maßnahmen der psychischen Gesundheitsförderung

Grundlagen, Prävention, Gesprächsführung

Empfehlungen für Lehrkräfte und Schulleitung

Auf einer Grundlage einer starken Resilienz können Kinder und Jugendliche mit Herausforderungen und Stress konstruktiv umgehen – inner- und außerhalb der Schule. Deshalb ist die Förderung von Resilienz eine übergreifende Aufgabe aller Fächer und Schularten

Aggressionen, Mobbing, Gewalt, Konsum psychoaktiver Substanzen, Entwicklungsauffälligkeiten, Überforderungen, psychische und soziale Probleme im Umfeld: Die Palette der Probleme, mit denen Schulen einen Umgang finden müssen, ist breit.

    Im Gespräch weiterdenken

    Sie möchten Qualitätsentwicklung an Ihrer Schule fokussiert, datenbewusst und anschlussfähig gestalten?
    Gerne unterstütze ich Sie bei Fortbildung, Coaching oder Prozessbegleitung.

    Update

    26.03.2026

    Psychische Belastungen, künstliche Intelligenz oder Handynutzung – all diese Herausforderungen sind eng mit der Kompetenz zur Selbstregulation verbunden. Die Leopoldina hat deshalb in ihrer Stellungnahme gefordert, genau diese Kompetenz zu einer Leitperspektive im Bildungssystem zu machen. Bildungsforscher Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen erklärt im Interview, warum Selbstregulation so wichtig ist, was genau dazugehört, welche Missverständnisse es gibt und wie Schulen diese Fähigkeit fördern können.

    25.03.2026

    Die politische Mitte verliert, die AfD gilt vielen als normal, man zieht sich zurück. Das zeigt die neue Jugendstudie. Und: Jeder Fünfte plant, das Land zu verlassen.

    20.03.2026

    Dunja Hayali spricht viele Probleme (oder, um es mit dem Politikersprech zu sagen: Herausforderungen😡) an und vor allem lässt sie Lernende zu Wort kommen. Resümee: Schülerinnen und Schüler sehen ihre Bedürfnisse kaum berücksichtigt und Schulen laufen gegen Wände. Erkenntnisse über Probleme gibt es ganz sicher nicht, wie das Interview mitLars Lamowski (Vorsitzender VBE- RLP) zeigt …