Warum wir in der digitalen Erziehung umdenken müssen

Die Nutzung von Smartphones gehört für Kinder und Jugendliche längst zum Alltag. Gleichzeitig wachsen die Sorgen: Cybermobbing, Datenschutz, Suchtverhalten. In einem früheren Beitrag habe ich beschrieben, wie schnell Kinder im digitalen Raum allein gelassen werden. Diese Räume folgen eigenen Regeln: Kommunikation verlagert sich in geschlossene Gruppen, Inhalte verschwinden, Algorithmen strukturieren die Wahrnehmung – oft völlig unbemerkt.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH zeigt[1]https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/medienkompetenz: Fast alle Kinder nutzen digitale Medien. Zwar fühlen sich 74 Prozent der Eltern insgesamt gut informiert, doch bei genauerem Hinsehen stellt sich eine entscheidende Frage: Worauf gründet dieses Gefühl eigentlich? Denn „gut informiert“ heißt nicht automatisch: handlungssicher.

Aus der Fortbildungspraxis ergibt sich ein klares Bild: Viele Eltern bewegen sich nicht auf Augenhöhe mit ihren Kindern. Rund die Hälfte der Befragten nennt das Durchsetzen von Regeln sowie den Überblick über Inhalte als größte Herausforderung. Für viele Erwachsene bleibt diese Welt schlicht unsichtbar.

Wenn die Dynamik eskaliert: Ein Fallbeispiel

Wie schnell eine Situation entgleiten kann, zeigt dieser kürzlich gepostete Thread von „Good Think Hunting“:[2]https://bildung.social/deck/@goodthinkhunting@mastodon.social/116390672290726936

Der Vorfall:

5. Klasse, Übernachtungsparty. Junge B fotografiert Junge C auf der Toilette. Junge A macht daraus einen Sticker (Bauchnabel bis Knie) und schickt ihn an Junge B. Dieser leitet ihn weiter. Die Mutter von Junge C erfährt davon. Junge A entschuldigt sich bei Junge C und bittet alle, das Bild zu löschen. Doch die Dynamik ist nicht mehr zu stoppen: Das Bild landet im Klassenchat. Selbst als die Lehrerin interveniert, geht es weiter: Ein krankes Kind fragt nach, was passiert sei – und Junge C postet den Sticker zur „Aufklärung“ selbst erneut.

Begleitung statt Verbot: Der Impuls von Madita Oeming

Wir begleiten unsere Kinder durch eine Lebensphase, die wir selbst so nie erlebt haben. Während wir früher draußen „unauffindbar“ waren, sind unsere Kinder heute permanent online. Genau hier setzt Madita Oeming mit ihrem Buch „Aufgeklärt statt aufgeregt“ an.

Ihr Plädoyer: Begleitung statt Abschottung. Verbote führen oft dazu, dass Kinder Inhalte heimlich konsumieren. Ohne Orientierung und ohne Vertrauensbasis. Oeming versteht die „digitale Pubertät“ als Phase, die aktiv begleitet werden muss.

Ein zentraler Gedanke dabei ist der Respekt vor der Privatsphäre:

Ein offener und ehrlicher Umgang ist entscheidend. Dazu gehört auch, nicht heimlich ins Handy von Ihrem Kind zu schauen. Sollte das aus einem wichtigen Grund nötig sein, weil zum Beispiel etwas vorgefallen ist, dann sagen Sie: «Wir müssen da jetzt mal zusammen reinschauen, damit ich mir ein Bild machen und dir helfen kann.» Das Smartphone Ihres Kindes ist wie ein detailreiches digitales Tagebuch und unterliegt der Privatsphäre. Respektieren Sie diese genauso, wie Sie sich das auch für sich wünschen. (S. 204)

Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend. Es geht nicht um Kontrolle, sondern um Vertrauen und um transparente Kommunikation, gerade dann, wenn Eingreifen notwendig ist.

Worum es wirklich geht: Aufklärung in sensiblen Bereichen

Die Stärke des Buches liegt im Umgang mit Themen wie Cybergrooming, Pornografie und Deepfakes. Aktuelle Befunde zeigen[3]dem Podcast https://hakendran.podigee.io/559-internetfreier-sonntag-mit-saskia-rossner entnommen, dass bereits die Hälfte der 11- bis 13-Jährigen Kontakt mit pornografischen Inhalten hatte. Wo Erwachsene aus Unsicherheit schweigen, übernehmen Algorithmen oder fragwürdige Akteure die Aufklärung, ohne Wertebezug und ohne Schutzperspektive.

Das Buch macht Eltern sprachfähig. Es liefert:

  • Konkrete Gesprächseinstiege und Formulierungsbeispiele
  • Wissenschaftliche Fakten zu Mythen
  • Orientierung in rechtlichen Grauzonen (z. B. Sexting)

Was das für Eltern und Schulen bedeutet

Wir müssen verstehen, bevor wir bewerten. Es geht nicht mehr um Kontrolle, sondern darum, Anschluss zu halten. Das bedeutet auch, eigene Unsicherheiten zuzulassen.

Für Eltern heißt das:

  • Gespräche aktiv suchen – auch zu unangenehmen Themen
  • Regeln gemeinsam entwickeln statt nur vorgeben
  • Interesse zeigen, ohne permanent zu kontrollieren

Für Schulen bedeutet es:

  • Elternarbeit neu denken: weniger Frontalinformation, mehr Austauschformate
  • reale Nutzungsszenarien sichtbar machen (z. B. durch Fallbeispiele oder Workshops)
  • Schülerinnen und Schüler aktiv einbeziehen, statt nur über sie zu sprechen

Reine Informationsabende reichen oft nicht aus. Wir brauchen Formate, die Einblicke geben, Beteiligung ermöglichen und Vertrauen aufbauen.

Bewetung des o.g. Fallbeispiels

Was von @GoodThinkHunting berichtet wird, ist aus juristischer Sicht hochproblematisch. Bereits das Fotografieren einer Person in einer intimen Situation kann eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs darstellen (§ 201a StGB). Spätestens mit der Weiterverbreitung des Bildmaterials verschärft sich die Lage erheblich. Es kann als strafrechtlich relevanter Inhalt eingeordnet werden. Im schlimmsten Fall steht der Vorwurf im Raum, kinderpornografisches Material zu verbreiten (§ 184b StGB).

Entscheidend ist dabei nicht die Absicht der Kinder („war doch nur Spaß“), sondern die objektive Wirkung und Verbreitung des Materials. Damit geraten selbst Schülerinnen und Schüler schnell in einen Bereich, der strafrechtliche Konsequenzen haben kann.

Aufklärung muss auch die rechtlichen Dimensionen einschließen; verständlich, altersangemessen und ohne Angst zu schüren. 

Schlussbemerkungen

Der Beitrag macht deutlich: Wir haben es nicht mit Einzelfällen oder „Ausrutschern“ zu tun, sondern mit strukturellen Herausforderungen einer digitalen Lebenswelt, die rechtlich hochsensibel ist.

Für mich wirkt die aktuelle Debatte um pauschale Handyverbote oft wie eine vermeintlich einfache Antwort auf ein komplexes Problem. Doch können Verbote tatsächlich das leisten, was an Aufklärung und Begleitung fehlt?

Genau dieser Frage widmet sich der nächste Beitrag – mit einem Blick auf politische Konzepte, Altersgrenzen und ihre Grenzen.

… stay tuned …

Update

Drei Monate nach Beginn des Social-Media-Verbots für unter 16-Jährige hat die australische Regierung die Effekte per Umfrage ermittelt. Demnach haben die meisten jungen Menschen weiterhin ihre Accounts. Andere weichen auf Angebote ohne Altersgrenzen aus. Die Übersicht.

Was nützt eine Altersbeschränkung ab 16 Jahren bei Social Media? Kaum etwas, belegen Studien aus Australien. Experten aus Schleswig-Holstein raten daher zu einem Stufenmodell ab 13. Von Ministerpräsident Günther kommt scharfe Kritik.

Ich setze mich schon seit Längerem gegen pauschale Social-Media-Verbote ein. Nun bestätigt eine Studie uns Kritiker.

Eine Studie zeigt: Die Befolgungsquote des Social-Media-Verbots für Jugendliche unter 16 Jahren in Australien sinkt dramatisch.

Das Bundeskriminalamt hat für 2025 einen Anstieg bei Fällen von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen registriert. Innenminister Dobrindt nennt die Zahlen “erschreckend hoch” – und geht von einem noch höheren Dunkelfeld aus.

Dazu „passt“ noch dieser Artikel:

A New York City engineer who said he created “digital experiences for kids” at social media giant Meta was busted after he admitted to trying to sext a 13-year-old during an undercover sting.

Das Problem von nicht-einvernehmlichen sexualisierenden Deepfakes betrifft nicht mehr nur Prominente wie Taylor Swift oder Emma Watson. Auch an Schulen ist das Phänomen mittlerweile weit verbreitet. Diese Unterrichtseinheit möchte dem Problem begegnen und Lehrkräfte bei der Behandlung des Themas und Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler unterstützen.

Der Abfall kognitiver Fähigkeiten weltweit ist Ergebnis stundenlangen Aufenthalts vor dem Screen. Deshalb kehren Schulen, von Amerika bis Schweden, zu Buch und Stift zurück. Nur die deutsche Expertenkommission hält weiter am Bildschirmlernen fest.

Kinder und Jugendliche werden im Internet deutlich häufiger Opfer sexueller Annäherungsversuche, als Eltern ahnen. Die Täter gehen sehr strategisch vor. Wie Kinder manipuliert werden und worauf Eltern unbedingt achten sollten.

    Die vom BMBFSFJ eingesetzte, unabhängige Expertenkommission, der Prof. Dr. Yvonne Anders angehört, hat 56 Handlungsempfehlungen veröffentlicht.

    Die Expertenkommission “Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt” hat ihre mit Spannung erwarteten Empfehlungen vorgelegt. Ko-Vorsitzender Olaf Köller über Altersgrenzen, das “KI-Seepferdchen”, Handyverbote – und warum die Ü60 nicht den Jugendlichen die Regeln des Netzes vorgeben sollten.

    Fake News sehen heute anders aus als noch vor ein paar Jahren. Sie verstecken sich in Memes, Kurzvideos und vermeintlich harmlosen Trends auf TikTok, Snapchat oder in Gaming-Chats. Besonders junge Menschen bewegen sich in digitalen Räumen, die für viele Erwachsene kaum sichtbar sind – und in denen Likes, Reichweite und Algorithmen oft wichtiger sind als Fakten.

    Mit Künstlicher Intelligenz (KI) lassen sich mühelos täuschend echte Nacktbilder oder Pornovideos erstellen. An Schulen in Niedersachsen sorgt das zunehmend für Mobbing. Eine Schülerin unterstützt Betroffene.

    Der Film begleitet Minderjährige in ihrem Alltag und zeigt ihre Erfahrungen mit expliziten Inhalten – ob gewollt oder ungewollt. Expertinnen und Experten ordnen die Auswirkungen ein und geben verständliche Orientierung.
    “Generation Porno – Was unsere Kinder online sehen” erzählt die Geschichten junger Menschen – von ersten Kontakten mit pornografischen Inhalten bis hin zu den Folgen für Selbstbild, Beziehungen und Sexualität. Der Film verbindet persönliche Einblicke Jugendlicher mit wissenschaftlicher Perspektive.

     

    Bildnachweis:

    @Gemini 3 Flash Image. Der Prompt ist so konzipiert, dass er die „digitale Lebenswelt“ visualisieren soll: Ein Jugendlicher, der völlig in sein Handy vertieft ist, wobei das Licht des Displays die einzige echte Lichtquelle ist. 

    Weitere Zugänge zur Autorin

    Yasmina Ramdani arbeitet an Schulen in Thüringen zu digitaler sexualisierter Gewalt. Sie erlebt viel Naivität – nicht nur bei Schüler:innen.

    sowie diese beiden Deutschlandfunk-Kultur-Beiträge:

    und Podcastauftritte der Autorin…

    Ihre Lieblingsseiten der Autorin:

    • klicksafe.de
    • schau-hin.info
    • gutes-aufwachsen-mit-medien.de
    • medien-kindersicher.de
    • act-on.jff.de
      Material-Tipps für Ihre Schule

      Deutscher Bildungsserver

      Trends folgen und kommentieren, mit Freund*innen oder auch mit Fremden kommunizieren, sich im Netz informieren und sich selbst darstellen – all dies ermöglicht Social Media. Sei es über Snapchat, Instragram oder TikTok, das Leben der Jugendlichen wird zunehmend durch die sozialen Medien bestimmt. Doch was sind die Gefahren ihrer tagtäglichen Nutzung und welche Aufgabe kommt hier der Schule zu? Im Folgenden finden Sie hierzu kostenlose digitale Materialien für Ihre Unterrichtsgestaltung.

      KMZ Esslingen

      Die Unterrichtseinheit „Medien & ich“ richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 3 und 4 und bietet einen niedrigschwelligen Zugang zum Thema Mediennutzungsverhalten. Sie besteht aus vier Teilen:

      1. Recht am eigenen Bild & Co.: Kindgerecht Datenschutz im Unterricht vermitteln
      2. Sicher chatten lernen: Medienschutzcurriculum an Esslinger Grundschulen startet
      3. Ist das fake? – Desinformation im Internet erkennen lernen in der Grundschule
      4. Eigene Mediennutzung reflektieren in Klasse 3 und 4

      Universitätsklinikum Tübingen

      Eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Dr. Isabel Brandhorst beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Computerspielstörungen und Sozialen-Netzwerk-Nutzungsstörungen. Im Fokus stehen dabei Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und ihre Eltern. Die Themen reichen von der Grundlagenforschung über Diagnostik, Prävention bis zur Behandlung.

      Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen

      Auf dieser Seite können Sie sich zur digitalen Fortbildung „Was ist los mit Jaron?“ anmelden. Die interaktive Fortbildung richtet sich an Lehrkräfte und andere schulische Beschäftigte wie Erzieher*innen, Mitarbeiter*innen der Schulsozialarbeit oder des Schulpsychologischen Dienstes. Sie ist ein wichtiger Schritt zu gelingendem Kinderschutz in Schulen.

      internet-abc

      Polizei Bremen

      Polizeiliche Kriminalprävention

      Klicksafe

      Save the children

      DigiBits

      Aus der Bildungsforschung

      Meldestellen - Wichtige Telefonnummern

      Meldestellen für unangemessene Inhalte

      • jugendschutz.net
      • internet-beschwerdestelle.de
      • fsm.de

      Wichtige Telefonnummern

      • 0800–111 0 550 – Elterntelefon der Nummer gegen Kummer
      • 08000–116 016 – Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen
      • 0800–2 800 200 – Suchtfragen Kindes- und Jugendalter

      References

      References
      1 https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/medienkompetenz
      2 https://bildung.social/deck/@goodthinkhunting@mastodon.social/116390672290726936
      3 dem Podcast https://hakendran.podigee.io/559-internetfreier-sonntag-mit-saskia-rossner entnommen