Handyverbot-Debatte: Begleiten statt verbieten!

Sollte es ein Social Media Verbot für alle unter 14 geben?

 

Die aktuelle Debatte um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche hat in den vergangenen Tagen deutlich an Fahrt aufgenommen. Politische Parteien bringen konkrete Altersgrenzen ins Spiel, Leitmedien greifen die Forderungen auf und auch Eltern melden sich mit Verbotsaufforderungen zu Wort.[1]https://www.jmwiarda.de/blog/2026/02/12/bitte-verbieten Diese Zuspitzung ist nachvollziehbar. Die Sorgen um die psychische Gesundheit, Radikalisierung, Hass und Überforderung junger Menschen sind real. Wer Kinder oder Jugendliche begleitet, spürt sehr genau, dass soziale Medien längst kein Randthema mehr sind, sondern tief in den Alltag hineinwirken (vgl. meinen letzten Beitrag zu diesem Thema).

Gleichzeitig droht die Debatte genau an diesem Punkt zu kippen. Je lauter Verbotsforderungen werden, desto stärker verengt sich der Blick auf eine scheinbar einfache Lösung. Altersgrenzen versprechen Handlungsfähigkeit, Klarheit und Schutz. Doch sie greifen zu kurz, wenn sie komplexe strukturelle Probleme auf eine technische Maßnahme reduzieren.

Ein Blick nach Australien, wo ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige bereits umgesetzt wurde, liefert hier einen ersten Realitätscheck. Die dortigen Erfahrungen zeigen weniger einen Durchbruch beim Jugendschutz als vielmehr neue Umgehungsstrategien, zusätzliche Datenschutzprobleme und eine Verschiebung der Nutzung auf schwerer kontrollierbare Plattformen. Technische Altersprüfungen lassen sich manipulieren, Verbote erzeugen Ausweichbewegungen, pädagogische Begleitung bleibt oft aus. [2]https://www.zeit.de/2026/10/social-media-verbot-australien-kinder-teenager-instagram-tiktok Wer diese Erfahrungen ernst nimmt, muss anerkennen: Verbote allein lösen die zugrunde liegenden Probleme nicht. 

Daher:

Kinder und Jugendliche von den größten sozialen Räumen im Netz auszuschließen, weil Politiker sich nicht trauen, Gesetze und Normen durchzusetzen, ist ein Eingeständnis des Scheiterns. Anstatt Verbote für Personen unter 14/16 Jahren zu verhängen, sollten Social-Media-Anbieter stärker in die Verantwortung genommen werden. 

Plattformregulierung ist kein rein nationales Thema. Zentrale Fragen der Altersverifikation, des Datenschutzes und der Plattformverantwortung fallen in den europäischen Rechtsrahmen. Die gesetzliche Grundlage gibt es also bereits und man kann es sogar sofort machen. Vor diesem Hintergrund ist meine Position nicht primär eine politische, sondern pädagogisch-organisatorische: Nicht ob wir begleiten, sondern wie wir begleiten – systematisch, verlässlich, nachhaltig.

Damit rückt ein Aspekt in den Mittelpunkt, der in der politischen Debatte zwar immer pflichtschuldigst aufgeführt wird, ohne jedoch zu beschreiben, wie die systematische Förderung von Medienkompetenz zu gestalten ist. Wenn Jugendliche soziale Medien souverän, kritisch und resilient nutzen sollen, dann braucht es mehr als Altersgrenzen. Benötigt werden verbindliche Curricula zur Medienbildung, zusätzliche Ressourcen für Schulen, qualifizierte Lehrkräfte und Programme zur Elternbildung. Jugendschutz ist hier keine Frage der Abschottung, sondern der Befähigung – und damit eine genuin bildungspolitische Aufgabe.

Deshalb habe ich ein 7-Punkte-Mini-Curriculum entwickelt – kein Ersatz für Debatte oder Regulierung, sondern ein sofort umsetzbarer Rahmen für Schule:

  • Medienbildung als Daueraufgabe,
  • kollegiale Orientierung,
  • verbindliche Reflexionsräume,
  • systematische Schüler:innenbeteiligung (Redaktionsrat),
  • entlastende Elternformate,
  • transparente schulische Grenzen,
  • gebündelte Verantwortung im System.

Wenn Verbote zur Debatte stehen, wäre das ein wichtiger Schritt – aber es ersetzt keinen systematischen pädagogischen Aufbau. Schulentwicklung braucht Struktur statt Symbolpolitik. Denn Bildung ist der Ort, an dem Jugendliche Schutz und Teilhabe zugleich lernen.

Warum es ohne die Perspektive der Jugendlichen nicht geht

 

Die aktuelle öffentliche Debatte über Social Media, Jugendschutz und Verbote ist auffällig erwachsenenzentriert. Politik, Medien, Wissenschaft und Eltern äußern sich ausführlich, Jugendliche selbst kommen nur selten zu Wort. Wenn sie erscheinen, dann meist stellvertretend, selektiv oder aus Studien heraus, nicht als systematisch beteiligte Akteure. In der jüngsten Diskussion haben sie sich per Pressemitteilung zu Wort gemeldet:

Als Bundesschülerkonferenz sehen wir, dass Social Media zur immer schlechter werdenden psychischen Gesundheit von Jugendlichen einen erheblichen Beitrag leistet. Das kann man nicht ignorieren. Trotzdem löst ein Verbot allein das Problem nicht. An erster Stelle muss bessere Medienbildung in Schulen stehen, denn sonst ist das Verbot nichts anderes als eine Problemverschiebung.“ [3]https://bundesschuelerkonferenz.com/verbote-sind-keine-loesung/

Für Schule ist das ein zentrales Warnsignal. Medienbildung, die ohne die Perspektive der Jugendlichen gestaltet wird, bleibt zwangsläufig abstrakt, defizitorientiert oder paternalistisch. Sie verfehlt jene Lebenswelt, auf die sie eigentlich reagieren soll.

Gleichzeitig gilt: Begleitung kann nur dort ansetzen, wo Themen tatsächlich relevant sind. Was Jugendliche beschäftigt, verunsichert oder prägt, lässt sich nicht von außen festlegen. Es muss regelmäßig erhoben, gespiegelt und gemeinsam eingeordnet werden.

Deshalb braucht schulische Medienbildung ein strukturelles Organisationselement das sicherstellt, dass die Perspektive der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich in schulische Entscheidungs-, Gesprächs- und Informationsformate einfließt. Dazu schlage ich die Bildung eines Redaktionsrats vor. Dazu gleich mehr.

Was Schulen jetzt tun können

1. Medienbildung als Daueraufgabe organisieren – nicht als Projekt

Medienbildung darf kein Aktionstag und kein Einzelprojekt bleiben. Schulen sollten sie als dauerhafte Aufgabe begreifen und entsprechend strukturieren:

  • regelmäßige, fest terminierte Gesprächsformate
  • klare Zuständigkeiten im Kollegium
  • sichtbare Verankerung im Schulalltag

Leitfrage: Wo findet Medienreflexion bei uns regelmäßig statt – und nicht nur, wenn etwas eskaliert?

Ergänzende Reflexionsfragen:

  • Ist Medienbildung strukturell verankert oder personenabhängig?
  • Gibt es feste Zeitfenster im Schuljahr?
  • Würde Medienbildung auch funktionieren, wenn engagierte Einzelpersonen wegfallen?

 

2. Kollegien kontinuierlich orientieren – kurz, regelmäßig, gemeinsam

Lehrkräfte müssen nicht alles wissen, aber sie brauchen gemeinsame Orientierung. Sinnvoll sind:

  • monatliche Kurz-Briefings (15–20 Minuten) im Lehrerzimmer
  • Einordnung aktueller Trends, Narrative, Plattformen
  • Austausch statt Expert:innenvortrag

Leitfrage: Haben wir im Kollegium eine gemeinsame Sprache für das, was digital gerade passiert?

Ergänzende Reflexionsfragen:

  • Gibt es feste, kurze Austauschformate?
  • Werden aktuelle Trends eingeordnet oder nur beiläufig erwähnt?
  • Fühlen sich Lehrkräfte handlungssicher – oder eher allein gelassen?

 

3. Verbindliche Klassenleitungszeiten für Medienreflexion schaffen

Jugendliche brauchen Räume, in denen sie ihre digitale Lebenswelt besprechen dürfen, ohne bewertet zu werden.

  • regelmäßige Klassenleitungsstunden
  • thematisch offen, aber strukturiert
  • ohne Belehrung, ohne Kontrolle

Leitfrage: Wo dürfen Schüler:innen ihre digitale Lebenswelt besprechen – ohne bewertet oder kontrolliert zu werden?

Ergänzende Reflexionsfragen:

  • Sind diese Gesprächsräume regelmäßig und verbindlich?
  • Geht es um Reflexion – oder primär um Regelverstöße?
  • Erleben Jugendliche die Schule als Gesprächspartnerin oder als Kontrollinstanz?

 

4. Schüler:innen als Mitgestaltende einbeziehen

Jugendschutz ohne Jugendbeteiligung bleibt paternalistisch.

  • Medienscouts
  • Peer-Inputs
  • Beteiligung an Schulregeln

Leitfrage: Wo gestalten Schüler:innen Medienbildung aktiv mit – statt nur adressiert zu werden?

Ergänzende Reflexionsfragen:

  • Gibt es echte Mitgestaltungsmöglichkeiten?
  • Werden ihre Themen sichtbar in schulischen Formaten?
  • Ist Beteiligung strukturell gesichert oder abhängig von Einzelinitiativen?

 

5. Eltern regelmäßig informieren – entlastend statt alarmistisch

Eltern brauchen Orientierung, keine Schuldzuweisungen.

  • halbjährliche Kurz-Briefings
  • Fokus auf Realitäten statt Ideale
  • klare Botschaft: Sie müssen nicht alles kontrollieren.

Leitfrage: Fühlen sich Eltern durch unsere Informationsformate orientiert – oder eher verunsichert?

Ergänzende Reflexionsfragen:

  • Finden Elternabende regelmäßig und strukturiert statt?
  • Werden reale Herausforderungen thematisiert – ohne Dramatisierung?
  • Wird Kooperation betont oder Verantwortung delegiert?

 

6. Schulische Grenzen klar benennen – transparent und begründet

Begleitung braucht Orientierung.

  • klare schulische Haltung zu Hass, Desinformation, Gewalt
  • verständliche Begründungen
  • konsistente Reaktionen

Leitfrage: Sind unsere schulischen Grenzen im digitalen Raum klar, nachvollziehbar und konsistent?

Ergänzende Reflexionsfragen:

  • Können wir unsere Haltung verständlich begründen?
  • Reagieren wir im Kollegium einheitlich?
  • Wissen Schüler:innen, was nicht verhandelbar ist – und warum?

 

7. Verantwortung bündeln – nicht jede Schule allein lassen

Medienbildung ist keine Einzelaufgabe.

  • regionale Schulverbünde
  • Unterstützung durch Schulträger und Schulaufsicht
  • gemeinsame Abendveranstaltungen (z. B. mit Journalist:innen)

Leitfrage: Wer trägt bei uns systemisch Verantwortung für Medienbildung – und wer wird bisher allein gelassen?

Ergänzende Reflexionsfragen:

  • Gibt es Kooperationen im Schulverbund?
  • Werden Schulträger und Schulaufsicht aktiv einbezogen?
  • Nutzen wir externe Expertise – oder versuchen wir alles intern zu lösen?

Vielleicht beginnt Medienbildung nicht mit einer neuen Regel – sondern mit der richtigen Frage.

Redaktionsrat

Als Schnittstelle zwischen den Generationen schlage ich als Verbindungselement die Gründung eines Redaktionsrats vor. Er stellt sicher, dass Themen aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler systematisch gesammelt, gebündelt und in schulische Reflexions- und Informationsformate eingebracht werden. Er fungiert als Übersetzungsinstanz zwischen Schülerschaft, Lehrkräften und Eltern.

Struktur & Zusammensetzung

Der Redaktionsrat besteht z. B. aus:

  • gewählten Schüler:innen (klassen- oder jahrgangsweise)
  • einer begleitenden Lehrkraft (moderierend, nicht steuernd)
  • optional: Anbindung an SV oder Klassenrat

Er tagt regelmäßig, aber kurz (z. B. einmal im Monat).

Aufgaben des Redaktionsrats

Der Redaktionsrat sammelt und priorisiert Themen, z. B.:

  • Welche Inhalte, Trends oder Plattformen beschäftigen aktuell viele?
  • Wo gibt es Irritationen, Konflikte oder Unsicherheiten?
  • Welche Fragen tauchen immer wieder auf?

Diese Themen werden anschließend gezielt eingespeist in:

  • Klassenleitungsstunden (Punkt 3)
  • schulweite Veranstaltungen oder Projekttage
  • Elternabende oder Informationsformate (Punkt 5)

Arbeitsweise

  • kurze Befragungen in den Klassen (analog oder digital)
  • Austausch im Redaktionsrat
  • Verdichtung auf wenige zentrale Themen
  • Weitergabe an Klassenleitungen / Schulleitung / Organisationsteams

Der Redaktionsrat entscheidet nicht, sondern strukturiert Themen.

Mehrwert für die Schule

  • Schülerinnen und Schüler erleben echte Beteiligung
  • Lehrkräfte gewinnen Einblick in reale Relevanzen
  • Elternabende werden lebensnäher und zielgerichteter
  • Medienbildung wird reaktionsfähig statt reaktiv

Mini Curriculum

Im Rahmen von Projektwochen an meiner Schule habe ich sehr gute Erfahrungen gesammelt, sowohl in der Vorbereitung und Durchführung als auch in der parallelen und abschließenden Berichterstattung. In diesem Fall verbindet der Redaktionsrat

  • Punkt 2 (kollegiale Orientierung)
    mit
  • Punkt 3 (Reflexionsräume im Klassenverband)
    und
  • Punkt 4 (Beteiligung von Schüler:innen)

Er ist kein Zusatz, sondern ein strukturierendes Element, das Wirksamkeit erhöht.

Das Mini-Curriclum ist im Dialog mit ChatGPT 5.2 entstanden. Grundlage war mein Text bis zu diesem Punkt. Das folgende Poster veranschaulicht den für mich erstaunlichen „Reifeprozess”, den KI-Unternehmen in Bezug auf die Bereitstellung und Bearbeitung von Bildern durchlaufen haben. Ich habe den einen oder anderen „Fehler” im Layout und in der Rechtschreibung bewusst nicht korrigiert.

1️⃣ Medienbildung als Daueraufgabe verstehen

  • Kein Projekttag, sondern Struktur.
  • Regelmäßige Zeitfenster im Schuljahr.
  • Klare Zuständigkeiten im Kollegium.
  • Verankerung im Schulentwicklungsplan.

2️⃣ Kollegien orientieren – kurz, regelmäßig, gemeinsam

  • Monatliche Kurz-Briefings (15–20 Minuten).
  • Gemeinsame Sprache entwickeln.
  • Unsicherheiten offen ansprechen.
  • Erfahrungen aus dem Unterricht bündeln.

3️⃣ Klassenräume zu Reflexionsräumen machen

  • Verbindliche Klassenleitungszeiten.
  • Themen aus der Lebenswelt aufgreifen.
  • Resilienz durch Reflexion stärken.

4️⃣ Schüler:innen beteiligen – Verantwortung teilen

  • Medienscouts oder Peer-Formate.
  • Mitwirkung an Leitlinien.
  • Beteiligung sichtbar machen.
  • Verantwortung erlebbar gestalten.
  • Lebenswelt ernst nehmen.
5️⃣ Eltern informieren – gemeinsam begleiten

  • Halbjährliche, strukturierte Elternformate.
  • Themen aus dem Redaktionsrat.
  • Sachlich, entlastend, dialogisch.
  • Gesprächsanlässe für zu Hause schaffen.
  • Schule und Eltern als Partner.

6️⃣ Schulische Grenzen klar benennen

  • Klare Haltung zu Hass, Gewalt, Desinformation.
  • Transparente Leitlinien.
  • Konsequenzen erklärbar machen.
  • Konsistentes Vorgehen im Kollegium.
  • Regelmäßige Überprüfung.

7️⃣ Verantwortung bündeln – nicht allein handeln

  • Schulverbünde nutzen.
  • Schulträger & Aufsicht einbeziehen.
  • Gemeinsame Veranstaltungen organisieren.
  • Externe Expertise einbinden.
  • Qualität sichern, Überforderung vermeiden.

Schlussbemerkung

Die Forschung zeichnet inzwischen ein relativ konsistentes Bild: Soziale Medien gehören zum Alltag fast aller Jugendlichen, zugleich steigt der Anteil problematischer Nutzungsweisen mit Risiken für Wohlbefinden, Schlaf und schulische Entwicklung. Diese Lage verweist weniger auf einen Mangel an Wissen als auf Defizite in der abgestimmten Umsetzung von Schutz‑, Bildungs- und Regulierungsstrategien.

Vor diesem Hintergrund bietet das schulische Bildungssystem einen zentralen, weil strukturierten Handlungsraum: Hier lassen sich medienpädagogische, gesundheitsbezogene und politische Bildungszugänge bündeln und alle relevanten Akteursgruppen systematisch einbinden. Studien zeigen, dass Jugendliche explizit mehr Unterstützung und curriculare Angebote zum Umgang mit Social Media erwarten, während Eltern und pädagogische Fachkräfte diese Aufgabe bislang nur punktuell und oft unter unsicheren Rahmenbedingungen wahrnehmen.

Aus wissenschaftlicher Perspektive spricht vieles dafür, Jugendschutz im digitalen Raum als dauerhafte Systemaufgabe zu definieren: mit verbindlich verankerter Medienbildung im Curriculum, qualifizierenden Fortbildungsformaten für pädagogisches Personal, niedrigschwelligen Kooperationsangeboten für Eltern sowie klaren gesetzlichen und aufsichtsrechtlichen Vorgaben gegenüber Plattformbetreibern. Politisch-pragmatisch bedeutet dies, bestehende Einzelprojekte in eine verlässliche Struktur überzuführen, Zuständigkeiten zwischen Schule, Jugendhilfe, Gesundheitssystem und Regulierung zu klären und diese Kooperation finanziell sowie organisatorisch abzusichern.

In diesem Verständnis ist Jugendschutz nicht als delegierbare Zusatzaufgabe einzelner Institutionen zu fassen, sondern als Querschnittsauftrag, der nur im Zusammenspiel von Bildungs-, Gesundheits- und Jugendpolitik, Schule, Elternhaus und Anbietern digitaler Dienste wirksam bearbeitet werden kann.

… stay tuned …

 

Bildnachweis:

ChatGPT 5.2 mit dem Prompt: Kannst du mir ein Teaserbild für meinen Blogbeitrag im Landscapeformat erstellen (im jpg-Format)?

(im Anschluss an meinen Dialog zur Erstellung des Mini-Curriculums (s.o.))

 

Big Data: Professionelle Zusammenarbeit

Die aktuelle Diskussion um Smartphone-Verbote, Medienkompetenzförderung und Künstliche Intelligenz in der Schule fällt nicht zufällig in eine Phase wachsender Verunsicherung. Sie trifft auf ein Schulsystem, das unter Fachkräftemangel leidet, steigende Anforderungen bewältigen muss und gleichzeitig vor der Frage steht, wie Professionalität unter diesen Bedingungen organisiert werden kann.

Zwei aktuelle Impulse der OECD geben darauf eine bemerkenswert klare Antwort: die TALIS-Studie 2024 und ein dazugehöriges OECD-Webinar zur Teamarbeit von Lehrkräften. [1]https://www.oecd.org/de/events/2026/01/zusammen-stark–die-wirkung-von-teamarbeit-auf-zufriedenheit-der-lehrkrafte-und-lernergebnisse.html

Sie lassen sich in fünf Kernaussagen bündeln:

1. Lehrerberuf: Krise im System, aber hohe Zufriedenheit

  • Öffentlich wirkt der Lehrerberuf in vielen Ländern „in der Krise“, trotzdem sind rund drei Viertel der Lehrkräfte mit ihrem Beruf zufrieden.​
  • Die Bezahlung erklärt diese Zufriedenheit kaum; entscheidend sind Beziehungen zur Schulleitung und zu den Schülerinnen und Schülern.​

2. Teamarbeit als zentraler Hebel

  • Lehrkräfte schätzen Teamarbeit deutlich; sie erhöht Berufszufriedenheit und wirkt der Isolation des „Einzelkämpfers im Klassenraum“ entgegen.​
  • Tiefgehende Zusammenarbeit (gemeinsames Unterrichten, gemeinsames Planen, Mentoring, Coaching) ist international aber eher selten; häufig bleibt es beim informellen Austausch von Material.​

3. Kollektive Wirksamkeit und Leadership

  • Kollektive Lehrerwirksamkeit (Collective Teacher Efficacy) hat laut Hattie eine sehr hohe Effektstärke und gilt als einer der stärksten Einflussfaktoren auf Lernerfolg – besonders für benachteiligte Schüler:innen.​
  • Erfolgreiche Schulen (z.B. Deutsche‑Schulpreis-Schulen, internationale Beispiele) kombinieren transformationsorientierte Schulleitung, systematische Teamarbeit und eine Kultur hoher kollektiver Wirksamkeit.​

4. Strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen

  • In Deutschland ist Teamarbeit oft nicht systematisch in Arbeitszeit und Strukturen eingebettet; rechtliche und dienstrechtliche Fragen (feste Teamzeiten etc.) erzeugen Unsicherheit.​
  • Beispiele aus Österreich, Bremen und Hamburg zeigen: Wo Schulautonomie, Arbeitszeitmodelle und klare Strukturen für Teamzeiten geschaffen werden, gelingt Teamarbeit besser und wird als entlastend erlebt.​

5. Professionalisierung, Ausbildung und KI

  • Es gibt einen wachsenden Disconnect zwischen Lehrerbildung an Hochschulen und den praktischen Anforderungen, besonders bei Themen wie Diversität, sozio-emotionales Lernen und Einsatz von KI.​
  • Fortbildungen zu KI wirken stark: Lehrkräfte, die dazu lernen, setzen KI auch häufiger im Unterricht ein; generell gilt: Wo Lehrkräfte selbst gut lernen, nutzen sie eher innovative Lehrmethoden.​

Ideen

Ich habe in meinen letzten Blogbeiträgen immer wieder das kanadische Bildungssystem als „Systemberater“ ins Spiel gebracht. Im Webinar findet das durch Prof.’in Sliwka eine Verstärkung. So plädiert sie für

  • Teamklassen statt Einzelklassen: Teams (z.B. 3 Lehrerinnen + Förderkräfte) nutzen Daten (digitale Screenings) für flexible Lernbänder und individualisiertes Fördern.​
  • Fächerübergreifende Projekte: In der Oberstufe 5–6 Lehrkräfte entwickeln gemeinsam komplexe Designs.
  • Data Rooms & Precision Teaching: Wöchentliche Team-Analyse von Screening-/Wellbeing-Daten („High Trust & High Precision“ nach Andy Hargreaves). Das Modell ordnet Formen der Kooperation in vier Quadranten ein, basierend darauf, wie stark die soziale Bindung (Vertrauen) und wie präzise die pädagogische Arbeit (Präzision) ausgeprägt sind.
    • High Trust (Hohes Vertrauen): Bezieht sich auf starke, belastbare Beziehungen und eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung. In einem Umfeld mit hohem Vertrauen trauen sich Lehrkräfte, Unsicherheiten zu zeigen und Feedback anzunehmen, ohne Angst vor Verurteilung zu haben.
    • High Precision (Hohe Präzision): Bezieht sich auf die methodische Genauigkeit, die Nutzung von Daten und Evidenz sowie strukturierte Prozesse zur Verbesserung des Unterrichts. Es geht nicht um starre Standardisierung, sondern um die präzise Analyse dessen, was den Lernprozess der Schüler fördert.

In einer Kultur von High Trust & High Precision übernehmen Lehrkräfte kollektive Verantwortung. Sie nutzen präzise Werkzeuge (wie gemeinsame Unterrichtsbeobachtung oder Datenanalysen), sind dabei aber durch ein tiefes professionelles Vertrauen verbunden, das Innovation und kritisches Hinterfragen erst ermöglicht.

Ein weiteres Beispiel ist das japanische Bildungssystem. Alexander Brandt, Lehrer und Redakteur beim Deutschen Schulportal, hat es kürzlich erneut besucht und zeigt sich von seinen Beobachtungen zur Methode „Lesson Study” beeindruckt.

(Hier) plant eine Handvoll Lehrkräfte zusammen eine Unterrichtsstunde zu einer bestimmten Frage. Etwa: Was muss man tun, damit mehr Kinder aktiv mitmachen? Eine Person hält die Stunde, die anderen schauen zu. Anschließend wird diskutiert, nachgebessert, und der Nächste hält die Stunde in einer anderen Klasse. Das hat mich wirklich fasziniert, da setzen sich Lehrkräfte anhand ihres eigenen Unterrichts mit dem neuesten Stand der Fachdidaktik auseinander. In meinem Lehramtsstudium kamen Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung nur am Rande vor. Und im Alltag gibt es keine Zeit, um sich über guten Unterricht auszutauschen, schon gar nicht so intensiv. [2]https://www.sueddeutsche.de/politik/bildung-interview-schule-pisa-studie-vorbilder-finnland-singapur-japan-li.3380111

Folgerungen, Vertiefungen, Praxishinweise

Im begleitenden OECD-Webinar macht Andreas Schleicher deutlich: Wo Eigenständigkeit nicht durch Teamarbeit ergänzt wird, drohen Isolation, Überforderung und zufällige Praxis. Entscheidend für Zufriedenheit und Innovationsfähigkeit seien vielmehr professionelle Beziehungen, eine lernorientierte Schulleitung und strukturierte Zusammenarbeit. Besonders auffällig: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht hängt eng damit zusammen, ob Lehrkräfte selbst gemeinsam lernen und sich professionell fortbilden.

Diese Befunde sind kein abstraktes Organisationswissen. Gerade die aktuellen Debatten machen deutlich, warum diese Fragen jetzt fachlich, pädagogisch und emotional neu gestellt werden müssen:

Medienkompetenzförderung der Lehrkräfte

Medienkompetenz, insbesondere im Kontext von Social Media und KI, ist längst keine individuelle Zusatzqualifikation mehr. Die OECD-Befunde zeigen eindeutig: Lehrkräfte entwickeln höhere Selbstwirksamkeit und berufliche Zufriedenheit dort, wo sie regelmäßig gemeinsam über Unterricht, Lernprozesse und Schülerentwicklung reflektieren. Das gilt in besonderem Maße für neue, komplexe Themen wie Social Media oder KI.

Medienkonzept der Schule

Medienkonzepte als lebende Arbeitsgrundlage des Kollegiums verstehen

Ein schulisches Medienkonzept entfaltet nur dann Wirkung, wenn es im Kollegium getragen, weiterentwickelt und regelmäßig überprüft wird. Unterschiedliche Einzelpraktiken ersetzen kein gemeinsames Verständnis von Regeln, Zielen und pädagogischen Leitlinien, weder beim Umgang mit Smartphones noch bei digitalen Lernformaten. Ob Smartphone-Regeln, digitale Lernformate oder KI-Nutzung: Inkonsistente Einzelentscheidungen erzeugen Unsicherheit bei Schüler:innen, Eltern und Lehrkräften. Die OECD-Daten machen deutlich, dass Wirksamkeit dort entsteht, wo Kollegien gemeinsam Standards entwickeln und regelmäßig überprüfen.

Konsequenz

Ein tragfähiges Medienkonzept

  • wird gemeinsam entwickelt,
  • regelmäßig im Team reflektiert,
  • und an neue Entwicklungen (z. B. KI) angepasst.

Es ist damit Ausdruck kollektiver Professionalität – nicht administrativer Pflichterfüllung.

Zum Weiterlesen / Weiterarbeiten:

  • Orientierung / Rahmen
  • Vertiefung
  • Praxis / Weiterarbeit
    • Vodafone Stiftung: Jugendstudie 2026
      Schulen werden von einer großen Mehrheit der Jugendlichen als zentrale Akteure im Umgang mit Einsamkeit gesehen. Viele wünschen sich dort gezielte Unterstützungsangebote und eine stärkere Thematisierung sozialer und emotionaler Belange.
    • Robert Bosch Stiftung: Schulbarometer 2024
      Burnout- und Stressrisiko von Lehrkräften zeigt sich deutlich erhöht;  mehr als ein Viertel den Schuldienst verlassen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. 
    • Deutscher Schulpreis: Qualitätsbereiche
      Zahlreiche Praxisbeispiele für gemeinsam entwickelte Schulkonzepte. Aspekte der Professionalität werden zudem im Rahmen der Unterrichtsqualität (Lehrkräfte als „professionell Lernbereite“) und der Schulentwicklung bewertet
KI-Nutzung in Schule und Unterricht

KI nicht technisch, sondern professionell-organisational denken

Die zentrale Frage ist nicht: „Was kann KI?“, sondern: „Wie lernen wir damit umzugehen?“ Die OECD-Daten zeigt einen nahezu linearen Zusammenhang: Dort, wo Lehrkräfte selbst an Fortbildungen zu KI teilnehmen und gemeinsam lernen, findet KI-Nutzung im Unterricht statt. Wo dies fehlt, überwiegen Unsicherheit, Ablehnung oder unkoordinierte Nutzung.

Konsequenz
KI-Integration gelingt nur,

  • wenn sie als Teamaufgabe verstanden wird,
  • in bestehende Kooperationsstrukturen eingebettet ist,
  • und von einer lernorientierten Schulleitung unterstützt wird.

KI wird so nicht zur zusätzlichen Belastung, sondern zum Anlass für professionelle Weiterentwicklung.

Zum Weiterlesen / Weiterarbeiten:

Schlussbemerkung

Die großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht durch mehr Einzelengagement lösen – sondern durch anders organisierte Professionalität. Hier hat – ganz aktuell – die Telekom Stiftung die Publikation Arbeitszeit in Schule neu gestalten veröffentlicht. Sie dokumentiert die erste Werkstattphase im Projekt Freiräume(n), stellt die beteiligten Schulen vor und fasst die erzielten Arbeitsergebnisse zusammen.

Medienkompetenzförderung, ein tragfähiges Medienkonzept und der reflektierte Einsatz von KI sind keine Zusatzaufgaben. Sie berühren den Kern schulischer Arbeit und damit die Frage, wie Lehrkräfte gemeinsam lernen, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Vielleicht liegt genau hier die entscheidende Zukunftsfrage für Schule: nicht ob wir uns verändern müssen, sondern wie wir diese Veränderung gemeinsam gestalten.

Dieser Beitrag versteht sich daher nicht als Abschluss, sondern als Einladung:

  • zur professionellen Zusammenarbeit,
  • zur gemeinsamen Reflexion
  • und zur bewussten Weiterentwicklung schulischer Praxis.

Ich hoffe, dass Sie das Poster (s. u.) dabei gut unterstützt. Es wurde mit ChatGPT 5.2 erstellt. Es veranschaulicht den für mich erstaunlichen „Reifeprozess”, den die KI-Unternehmen in Bezug auf die Bereitstellung und Bearbeitung von Bildern durchlaufen haben. Ich habe den einen oder anderen „Fehler” im Layout und in der Rechtschreibung bewusst nicht korrigiert.

stay tuned

References

References
1 https://www.oecd.org/de/events/2026/01/zusammen-stark–die-wirkung-von-teamarbeit-auf-zufriedenheit-der-lehrkrafte-und-lernergebnisse.html
2 https://www.sueddeutsche.de/politik/bildung-interview-schule-pisa-studie-vorbilder-finnland-singapur-japan-li.3380111

Rückblick 2025 (2): Von der Analyse zum Handeln

Das Big Picture 2026+ – ein analytischer Impuls aus der Praxis  

Kurzfassung anzeigen

Schule steht vor einem Wendepunkt.
Nicht, weil es an Technik fehlt, sondern weil digitale, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen das bisherige Verständnis von Lernen, Leistung und Steuerung infrage stellen. Künstliche Intelligenz, wachsende Heterogenität, sinkende Basiskompetenzen und eine Generation von Lernenden, die Beteiligung einfordert, machen deutlich: Ein „Weiter so“ reicht nicht mehr aus.

Der Beitrag zeigt, warum erfolgreiche Bildungssysteme im Ausland nicht auf Einzelmaßnahmen setzen, sondern auf professionelle Verständigungsprozesse, evidenzbasierte Schulentwicklung und verbindliche Zeiträume für Zusammenarbeit. Er analysiert, was das für Curricula, MINT-Fächer, Medienbildung, Maker Education und den Umgang mit KI bedeutet – und warum Unterricht sich stärker auf Verstehen, Prüfen, Strukturieren und Mitgestalten konzentrieren muss.

Im Zentrum steht ein ökosystemischer Blick auf Schule: von bildungspolitischen Rahmenbedingungen über schulische Zusammenarbeit bis hin zu Haltungen von Lehrkräften und der Perspektive der Generation Z. Der Text plädiert für einen Paradigmenwechsel weg von hoffnungsbasierter Reformrhetorik hin zu datengestützter Professionalität, echter Partizipation und einer Lernkultur, die Demokratie, Selbstwirksamkeit und Zukunftskompetenzen stärkt.

Die zentrale Frage lautet nicht, ob Schule digital wird – sondern ob sie lernt, digitale Kultur pädagogisch verantwortlich zu gestalten.

Künstliche Intelligenz verändert Schule nicht schleichend, sondern grundlegend. Der Beitrag zeigt, warum Bildungspolitik, Schulaufsicht und Schulen jetzt einen gemeinsamen Orientierungsrahmen benötigen. Internationale Studien, eigene Praxiserfahrungen und Beispiele aus Ländern wie Kanada machen deutlich: Datengestützte Schul- und Curriculumentwicklung sowie der reflektierte Einsatz von KI sind keine Zukunftsthemen mehr, sondern zentrale Voraussetzungen für Bildungsqualität.

Am Beispiel von Mathematik, Informatik und Maker-Education wird sichtbar, wie leistungsfähig KI-Systeme inzwischen sind – bis hin zur Lösung anspruchsvoller Wettbewerbsaufgaben oder zur automatisierten Softwareentwicklung. Gleichzeitig wird klar: Schule darf sich nicht auf die bloße Nutzung von KI beschränken. Gefragt sind Kompetenzen wie Problemlösen, Begründungsfähigkeit, kritisches Prüfen, Systemdenken und kreative Gestaltung.

Der Beitrag plädiert für ein „Big Picture“ schulischer Entwicklung: Ministerien müssen verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, Schulaufsicht Schulen professionell begleiten, Schulleitungen datenbasierte Entwicklungsprozesse etablieren und Lehrkräfte gezielt qualifiziert werden. Ziel ist ein lernendes Bildungssystem, das junge Menschen befähigt, KI nicht nur zu bedienen, sondern Zukunft verantwortungsvoll mitzugestalten.

Disclaimer:

Ich habe ChatGPT den unten stehenden Text gegeben und ihn um eine Zusammenfassung im Stil der gleichnamigen Rubrik gebeten, wie sie in überregionalen Zeitschriften wie der ZEIT oder der SZ für die Zusammenfassung der ausführlichen und online abrufbaren Artikel verwendet wird.

Die Resonanz auf meine Beiträge – auf meinen Themenseiten, in den sozialen Netzwerken ebenso wie bei Einladungen zu Impulsvorträgen und Fortbildungsreihen – zeigt mir, dass der Wunsch nach Orientierung und handfesten Lösungsansätzen groß ist. Gleichzeitig bleibt der Eindruck bestehen, dass sich an vielen Schulen trotz aller Einsicht wenig grundlegend verändert. Eindrucksvolle Schulpraxis gibt es durchaus, teilweise sogar mit Schulpreisen und vergleichbaren Auszeichnungen gewürdigt. Doch was fehlt, ist ein breitenwirksamer systemischer Ansatz, der Schulen in die Lage versetzt, den tiefgreifenden Herausforderungen der digitalen Kultur gerecht zu werden.

In diesem Jahr habe ich mich daher intensiv mit datengestützter Schul- und Unterrichtsentwicklung beschäftigt. Die aktuellen Studien – vom IQB-Bildungstrend bis zur JIM-Studie – zeigen unmissverständlich, wo Handlungsbedarf besteht. Meine zentrale These lautet: Big Data liefert die Impulse, SMART Data liefert die Antworten. Erst die Kombination aus systemischen Befunden und lokalen Erhebungen – Umfragen, Interviews, Unterrichtsbeobachtungen – ermöglicht passgenaue Schulentwicklung.

Auslandserfahrungen nutzen

Der Blick ins Ausland, mit dem ich mich im ersten Teil dieses Rückblicks beschäftigt habe, zeigt: Erfolgreiche Bildungssysteme setzen auf gemeinsame Verständigungsprozesse, kontinuierliche Professionalisierung und strukturell verankerte Zeitfenster für Schulentwicklung. Dort gelingt Veränderung, weil die Rahmenbedingungen und die Kultur des Miteinanders stimmen. Wenn andere Länder ihre Systeme modernisieren, dann gelingt das nicht durch einzelne Projekte, sondern durch das Zusammenspiel aller Ebenen. Die internationale Evidenz zeigt: Starke Bildungssysteme verbinden fachliche Fundamente mit überfachlichen Kompetenzen, investieren früh in alle Kinder, nutzen Daten als Lernhilfe und qualifizieren Lehrkräfte konsequent weiter. Estland, Kanada, Schweiz und Niederlande zeigen Wege, die Deutschland ohne kulturellen Bruch adaptieren kann, wenn Mut zur Curriculumentwicklung und professionelle Unterstützung der Schulen zusammenkommen.

Im Vergleich dazu zeigt sich in Deutschland eine strukturelle Fragmentierung: Reformen werden häufig projektförmig, zeitlich befristet und ohne ausreichende Abstimmung zwischen Ministerien, Schulaufsicht und Einzelschulen umgesetzt. Zeit für professionelle Verständigung und gemeinsame Entwicklungsarbeit ist dabei systematisch unterrepräsentiert.

Aus der internationalen Analyse lassen sich daher nicht nur Empfehlungen, sondern notwendige strukturelle Konsequenzen ableiten:

  1. Curricula aktualisieren:
    Digitalkompetenz, Data Literacy, KI und Financial Literacy als verbindliche Querschnittsbereiche integrieren.
  2. Frühe Förderung stärken:
    Sprach-, Lese- und MINT-Basiskompetenzen bereits vor Klasse 1 fundieren.
  3. Datenkultur professionalisieren:
    Data Teams, formative Diagnostik, schulinterne Datenauswertung ausbauen.
  4. Lehrkräfte professionalisieren:
    Verpflichtende Fortbildung zu digitaler Didaktik, Diagnostik, fachintegrierter Projektarbeit.
  5. Selektionslogik überdenken:
    Spätere Laufbahnentscheidungen, Pilotprojekte zu De-Streaming prüfen.

Diese Punkte sind keine additive Reformagenda, sondern greifen ineinander. Ihre Wirkung entfalten sie nur, wenn sie systematisch miteinander verzahnt und dauerhaft finanziert werden.

Gleichzeitig wurde mir bei der Analyse deutlich: Es sind nicht fehlende Kompetenzen, die den Wandel bremsen. Viel gravierender ist die sinkende Bereitschaft, gemeinsam tragfähige Lösungen auszuhandeln – verbunden mit fehlenden Zeitressourcen für echte Entwicklungsarbeit. Debatten über Smartphone-Nutzung, KI-Einsatz oder Bewertungspraktiken (vgl. die Diskussionen rund um Hausaufgabenkontrollen bzw. Exen) verhärten sich zunehmend in polarisierenden Lagern. Dabei müsste die leitende Frage für uns eigentlich ganz einfach sein: Wie gestalten wir ein Lernen, das zur digitalen Kultur passt – differenziert, gerecht und zukunftsorientiert?

Die Antwort darauf ist komplex. Sie verlangt Mut zur Veränderung, Offenheit für neue Arbeitsweisen und eine konsequente Ausrichtung auf Kompetenzentwicklung – ohne die Schwächsten zu verlieren und ohne die Stärksten zu unterfordern. Um diese Komplexität greifbar zu machen, skizziere ich ein Big Picture, das sich am ökosystemischen Ansatz von Bronfenbrenner orientiert. Denn Schulentwicklung gelingt nur, wenn Ministerien, Schulaufsicht und Schulleitungen gleichzeitig, koordiniert und zielgerichtet handeln:

  • mit modernen, fächerverbindenden und -übergreifenden Curricula,
  • mit agilen Methoden wie Design Thinking, Working Out Loud (WOL) und Barcamps,
  • mit einer zeitgemäßen und kontinuierlichen Lehrerbildung,
  • und mit der Bereitstellung von Zeitressourcen, die professionelle Entwicklung zwingend braucht.

Gerade diese Verzahnung lässt sich mit dem ökosystemischen Ansatz von Bronfenbrenner präzise beschreiben: Schulentwicklung ist kein isolierter Prozess auf der Ebene einzelner Schulen, sondern das Ergebnis abgestimmten Handelns aller Systemebenen.

Ökosystematische Ansatz nach Bronfenbrenner

 

Urie Bronfenbrenner hat vor knapp 40 Jahren einen Ansatz vorgestellt, der einen differenzierten Blick auf unterschiedliche Entwicklungskontexte ermöglicht. Er unterscheidet verschiedene Realitätsebenen (Mikro-, Meso-, Exo-, Makrosystem). Hier eine kurze Erklärung der Realitätsebenen:

  •  Das Mikrosystem beschreibt unsere unmittelbare persönliche Wirklichkeit und Möglichkeiten. Dazu gehört unsere Familie, unser Selbst- und Weltbild, unsere persönlichen Werte und Einstellungen.
  • Das Mesosystem (‘Nahbereich’) beinhaltet die (face-to-face Gruppenebene) Interaktion mit Menschen, die wir im Alltag antreffen, etwa Kolleginnen und Kollegen sowie Eltern,  Schülerinnen und Schüler im Unterricht.
  • Das Exosystem beschreibt die organisatorische und institutionelle Ebene, etwa die lokale Schulsituation, die Einbettung in die Stadt oder das Dorf, die lokale Situation von Lehrkräften inklusive die Situation der Schulleitung und die Struktur der Schulverwaltung.
  • Zum Makrosystem gehören u.a. das weitere regionale und nationale Umfeld, etwa Schulgesetze und Richtlinien, der Bildungsauftrag, Programme wie der Digitalpakt, sowie kulturelle und gesellschaftliche Werte und Normen.

Bronfenbrenner betont in seinem ökosystemischen Ansatz die Bedeutung des Zusammenspiels von Systemen, in die ein Mensch eingebunden ist und die Relevanz der Übergänge von einem System ins andere. Was genau dahintersteckt, erfährt man in diesem, mit der Legetechnik entwickelten Erklärfilm der pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz.

Eine Reform gelingt nur, wenn alle vier Systeme kohärent auf ein gemeinsames Zielbild hinarbeiten: Ein lernendes Bildungssystem, das Daten, Diagnostik, Kooperation und moderne Didaktik als Grundlage professionellen Handelns versteht. 

Makrosystem: Bildungsausgaben

Bevor über neue Programme, Modellversuche oder digitale Strategien gesprochen wird, braucht das deutsche Bildungssystem vor allem eines: eine ehrliche, strukturelle Erhöhung der Bildungsausgaben. Die aktuelle Lage zeigt deutlich, dass Schulen die gewachsenen Erwartungen nicht mehr schultern können.

VBE Umfrage

In einer vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) veranlassten Umfrage[1]https://www.vbe-bw.de/meldung/schulleitungen-sind-ueberlastet-und-unzufrieden-mit-der-schulpolitik-der-landesregierung/ melden nahezu alle befragten Schulleitungen eine extreme Belastungssituation. Dazu tragen besonders das stetig wachsende Aufgabenspektrum (98 Prozent), die ausufernden Verwaltungsarbeiten (97 Prozent, z. B. Dokumentationspflichten oder die Einhaltung von Datenschutzvorgaben) sowie politische Entscheidungen bei, die den tatsächlichen Schulalltag zu wenig berücksichtigen (97 Prozent). „Die Schulleitungen kämpfen nicht mit einzelnen Engpässen, sondern mit einer strukturellen Überforderung, für die es bis heute keine tragfähigen, dauerhaften Lösungen gibt“, betont VBE-Landesvorsitzender Gerhard Brand.

Gleichzeitig bleibt die Bewältigung der grundlegenden Bildungsaufgaben (Lesen, Schreiben, Rechnen, Medienkompetenzförderung) strukturell unterfinanziert. Frühförderprogramme sind klein, multiprofessionelle Teams fehlen, Förderstunden sind knapp und Lehrkräfte erhalten keine Zeitfenster, um Diagnostik oder gezielte Förderung systematisch vorzubereiten. Ein System, das elementare Kompetenzen stärken will, kann dies nicht nebenbei tun. Ich habe selbst erlebt, wie sehr Schulen zwischen 2007 und 2012 vom hessischen KUMN-Programm profitiert haben. Mit nachweisbaren Verbesserungen im MINT-Bereich. Dies wurde durch Entlastungen der Schulkoordinatorinnen und -koordinatoren sowie durch zusätzliches Fortbildungspersonal, das vor Ort Fortbildungsmodule angeboten hat, ermöglicht.

Länder wie Estland, die Niederlande, Kanada hinterlegen ihre Programmatik mit Investitionen in Personal, Fortbildung und schulnahe Unterstützung. Genau hier braucht es einen Kurswechsel: Wer Unterrichtsqualität verbessern will, muss Ressourcen dorthin lenken, wo sie unmittelbar wirken: in kleinere Lerngruppen, multiprofessionelle Unterstützung, Diagnostikzeit, Fortbildungszeit, Entlastung von Administration und in stabile Förderprogramme für Basiskompetenzen. Solange die Finanzierung nicht dem Aufgabenprofil entspricht, bleiben Reformen gut gemeint, aber wirkarm.

IW-Studie

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat die Ausgaben Deutschlands insgesamt und in verschiedenen Bereichen für die Jahre 2001 bis 2023 untersucht. [2]https://www.iwkoeln.de/studien/bjoern-kauder-wo-steht-deutschland-im-vergleich-zu-seinen-nachbarregionen.html Als westeuropäische Vergleichsregionen hat das Institut die Benelux-Länder, Österreich und die Schweiz sowie die nordischen Länder Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island herangezogen, die mit Blick auf ihre wirtschaftliche Entwicklung und kulturelle Prägung Deutschland relativ ähnlich sind. Im Vergleich besonders niedrig und Schlusslicht ist Deutschland im Bildungsbereich mit zuletzt 9,3 Prozent der Gesamtausgaben. Österreich und die Schweiz liegen der Studie zufolge fast 50 Prozent darüber.

 

 

 

Die IW-Studie hat Folgendes deutlich gemacht: Deutschland ist Spitzenreiter bei den Sozialausgaben, aber Schlusslicht bei den Bildungsausgaben. Daraus ergibt sich ein breiter Konsens, dass gezielte Investitionen in Infrastruktur, Personal und Förderprogramme dringend notwendig sind. Dabei geht es nicht nur um mehr Geld, sondern auch um eine strategische Neuausrichtung, damit Bildung nicht länger das Stiefkind öffentlicher Ausgaben bleibt.

ifo-Studie

Abschließend werfen wir noch einen Blick in die jüngste ifo-Studie [3]https://www.ifo.de/publikationen/2025/aufsatz-zeitschrift/volkswirtschaftliche-ertraege-besserer-bildung-projektionen. In dieser Studie wird ein ökonometrisches Modell eingesetzt, mit dem sich die langfristige Wachstumsrate eines Landes durch Bildungsvariablen, insbesondere durch kognitive Kompetenzen aus internationalen Schulleistungsstudien, erklären lässt. Dabei werden Kontrollgrößen wie das Anfangseinkommen oder institutionelle Faktoren berücksichtigt. Ludger Wößmann, der Leiter des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, fordert in Auswertung der vorliegenden Zahlen eine „gemeinsame bildungspolitische Kraftanstrengung“ von Bund, Ländern, Wissenschaft und Schulpraxis, um den Negativtrend zu stoppen und nachhaltige Verbesserungen zu erreichen. Dazu gehören klar priorisierte gemeinsame Ziele, wirksame Veränderungsstrategien und die Nutzung von Erkenntnissen aus Ländern, denen bereits eine Trendwende bei den Schülerleistungen gelungen ist. Eine weitere Forderung ist, die volkswirtschaftliche Bedeutung von Bildung politisch viel stärker zu berücksichtigen, da bessere Kompetenzen langfristig die Produktivität, Innovation und das Wirtschaftswachstum deutlich erhöhen. Andererseits wird gewarnt, dass bei Ausbleiben einer Trendwende in ähnlicher Größenordnung Wirtschaftskraft verloren geht, wie sie im positiven Szenario hinzugewonnen werden könnte. In diesem Kontext zeigt sich ein „sehr starker positiver Zusammenhang“ zwischen Bildungsleistung und Wirtschaftswachstum: „Länder mit höherer Kompetenz ihrer Bevölkerung wachsen langfristig deutlich schneller als Länder mit schwacher Bildungsbasis. Insgesamt kann dieses einfache Modell mehr als drei Viertel der internationalen Unterschiede in den langfristigen volkswirtschaftlichen Wachstumsraten erklären.

Fazit

Die internationale Evidenz und die nationale Datenlage führen zu einer klaren Schlussfolgerung: Bildungsqualität entsteht dort, wo früh investiert, professionell unterstützt und langfristig geplant wird.

Konkret bedeutet das:

  • Früh investieren: bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige Angebote in der frühen Bildung, insbesondere in Sprache und basalen MINT-Kompetenzen.
  • Strukturen stärken: flächendeckender Ausbau qualitativ hochwertiger Ganztagsschulen mit multiprofessionellen Teams.
  • Ungleichheit reduzieren: gezielte Programme für benachteiligte Schülergruppen, verlässlich finanziert statt projektförmig befristet.
  • Professionalisierung ermöglichen: mehr Lehrkräfte, Sozialpädagog:innen und Schulpsycholog:innen, um Unterrichtsentwicklung, Classroom-Management und individuelle Förderung systematisch zu tragen.
  • Zeit schaffen: zusätzliche Fachkräfte sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für Teamarbeit, schulinterne Fortbildung und datenbasierte Entwicklungsprozesse.
  • Qualität wertschätzen: angemessene Vergütung externer Fortbildungsanbieter ist Ausdruck professioneller Anerkennung – der derzeitige Abstand zu anderen Wissens- und Handwerksberufen ist bildungspolitisch nicht haltbar.

Bildung ist die nachhaltigste Wachstumsstrategie – jeder heute investierte Euro sichert den Wohlstand von morgen. Wer diese Investitionen weiterhin verzögert, spart kurzfristig im Haushalt und zahlt langfristig mit Fachkräftemangel, sozialer Spaltung und demokratischer Erosion.

 

Makrosystem: Revision Curriculum

Forderungen aus Sicht der Schülerinnen und Schüler

Schülerin, 13. Klasse, Gesamtschule Waltrop

{„Ich wünsche mir, dass unser Lehrplan ergänzt wird. Ich möchte zum Beispiel lernen, wie man eine Steuererklärung schreibt, damit ich wirklich auf das Leben vorbereitet bin.“

Schüler, 11. Klasse, Berufsschule Einbeck

{„Meine Traumschule motiviert die Schülerinnen und Schüler, mehr Leistung zu zeigen, und geht individuell auf die Lernenden mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen ein.“

Schülerin, 10. Klasse, Moritzburg

{„Viele Dinge ändern sich. Schule sollte sich dem anpassen, damit wir auf das Leben vorbereitet sind.“

Forderungen aus Sicht der Bildungsforschung

Prof. Dr. Birgit Eickelmann, Uni Paderborn

{„Meine Vision für das System Schule ist, dass wir nicht immer nur versuchen, durch Nachbessern des Alten in die Zukunft zu kommen. Wir müssen von der Zukunft aus denken und die Perspektive der Kinder und Jugendlichen miteinbeziehen.“

Prof. Dr. Cordula Artelt (Leibniz-Institut)

{„Eine mündige Auseinandersetzung mit Kl-basierten Produkten, die darauf bezogene Argumentation, Beurteilung und das Hinterfragen der Lösungen sind wichtige Kompetenzen, die moderne Bildung ausmachen werden. Die Vermittlung digitaler Souveränität kann dabei nicht früh genug beginnen.“

brand eins

{„Wer sich über Zeugnisse definiert, hat nichts gelernt. Bildung ist Entwicklung und kein Prüfverfahren.“

Björn Nölte

{„Digitale Bildung heißt für mich Lernen in einer digitalisierten Welt - und nicht Digitalisieren von analoger Schule.“

Diese Stimmen aus Schülerschaft und Bildungsforschung verweisen nicht auf ein Defizit an Einzelinhalten, sondern auf ein strukturelles Problem des bestehenden Schulcurriculums: Es ist zu stark fachlich fragmentiert, zu wenig lebensweltlich vernetzt und zu selten auf nachhaltige Kompetenzentwicklung ausgerichtet.

Aktuelle Studien unterstreichen die Notwendigkeit eines mehrdimensionalen Führungsansatzes. Laut einer Untersuchung des Berliner Forschungsinstituts (FiBS) [4]https://www.cornelsen.de/_Resources/Persistent/e/f/c/4/efc40df2e93c4a89eba02bef2d4bd7326d885822/0001100000220%20FiBS_220329_001_Schuleitungsstudie.pdf sprechen sich 82 % der Schulleitungen in Deutschland für eine grundlegende Reform des Fächerkanons aus. Sie sehen den traditionellen Stundenplan als nicht mehr zeitgemäß an und fordern stattdessen eine stärkere thematische Vernetzung und fächerübergreifenden Unterricht. Über 90 % der befragten Schulleitungen betonen außerdem die Notwendigkeit, Lebenskompetenzen zu vermitteln, um Schülerinnen und Schüler besser auf das Erwachsensein und die Arbeitswelt vorzubereiten.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Reformbereitschaft der Schulleitungen als die Klarheit ihrer Diagnose: Der traditionelle Fächerkanon und der starre Stundenplan werden zunehmend als Hindernisse für zeitgemäße Bildung wahrgenommen – nicht als deren Garant.

Dasselbe – Reformen nämlich – fordern übrigens auch 1000 befragte Eltern im Rahmen einer Forsa-Studie:

 

Vier von fünf Elternteilen finden, dass Schulen nicht ausreichend auf die Bedürfnisse einzelner Kinder eingehen. Fast die Hälfte der Eltern sagt, ihre Kinder hätten Probleme in der Schule. [5]https://www.studienkreis.de/unternehmen/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2025/mehr-investitionen-in-bildung/

Die Übereinstimmung zwischen Schulleitungen, Eltern und Bildungsforschung ist auffällig. Sie alle fordern mehr Individualisierung, Lebensnähe und Unterstützung. Gleichzeitig wächst der Katalog zusätzlicher Aufgaben, den Schule erfüllen soll – ohne dass bestehende Strukturen systematisch hinterfragt oder entlastet werden.

Diese Erwartungen sind inhaltlich gut begründet und gesellschaftlich legitim. Problematisch wird ihre Umsetzung jedoch dort, wo sie additiv in bestehende Curricula integriert werden sollen.

Aktuell werden Schulen in Deutschland mit einer wachsenden Liste „querschnittlicher“ Aufgaben konfrontiert. Zu den zentralen Querschnittsthemen zählen:

  • Medien- und Digitalkompetenz („Bildung in der digitalen Welt“: kompetenter Umgang mit digitalen Medien, Datenschutz, kritische Quellenbewertung, Kreativität mit digitalen Werkzeugen).
  • Finanz- und Verbraucherbildung (Umgang mit Geld, Verträgen, Versicherungen, Konsumentscheidungen, Verschuldungsprävention).
  • Demokratie- und politische Bildung (Beteiligung, Umgang mit Populismus und Desinformation, Menschenrechte, Partizipation, Umgang mit der Wehrpflicht).
  • Gesundheit, Prävention und Erste Hilfe (Erste-Hilfe-Kenntnisse, psychische Gesundheit, Sucht- und Gewaltprävention).
  • Bildung für nachhaltige Entwicklung und Klimabildung (nachhaltiger Konsum, Energie, Umwelt, globale Gerechtigkeit).

So entsteht ein curricularer Dauerstau: Immer neue Querschnittsthemen werden ergänzt, ohne alte Inhalte zu überprüfen, zu bündeln oder zu streichen. Verantwortung wird an Schulen delegiert, ohne ihnen die notwendigen zeitlichen, personellen und strukturellen Spielräume zu eröffnen.

Fazit

Aus den internationalen Erfahrungen und der nationalen Datenlage folgt daher eine unbequeme, aber notwendige Konsequenz: Eine Revision des Schulcurriculums darf nicht bedeuten, immer mehr Inhalte aufzunehmen. Sie muss bedeuten, konsequent zu priorisieren, zu integrieren und zu entschlacken. Lebenskompetenzen, digitale Souveränität und demokratische Bildung lassen sich nicht additiv unterrichten – sie müssen leitend für die Auswahl und Gestaltung der Inhalte werden.

Makrosystem: Medienkompetenzförderung

„Die Schulen sollen die Schülerinnen und Schüler durch die altersangemessene Vermittlung digitalisierungsbezogener Kompetenzen dazu befähigen, ein selbstständiges und mündiges Leben in einer digitalen Welt zu führen.“ So heißt es im Hessischen Schulgesetz (§ 2, Absatz 5). Schülerinnen und Schüler sollen lernen, „auch in der digitalen Welt mit Medien verantwortungsbewusst und sicher umzugehen“. Zudem werden sie befähigt, „zukünftige Anforderungen und Chancen in einer digitalisierten Welt bewältigen und ergreifen zu können“, so im Schulgesetz NRW. In den anderen Bundesländern finden sich vergleichbare Formulierungen zu digitalen Kompetenzen im Bildungsauftrag der Schulen, oft im Kontext der Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ der Kultusministerkonferenz (KMK).

Auffällig ist jedoch, dass diese rechtlich verbindlichen Zielsetzungen häufig auf den „verantwortungsbewussten Umgang“ mit digitalen Medien verweisen, ohne systematisch zu klären, wie Verantwortung pädagogisch aufgebaut, eingeübt und reflektiert werden soll.

Die Föderalismusreform der 2000er Jahre hat in der Bildungslandschaft vieles durcheinandergebracht und manches auch „kaputtgemacht“. In den 1990er Jahren war ich selbst intensiv in Bund-Länder-Projekten wie „Schulen ans Netz“ tätig und konnte miterleben, wie verantwortungsvoll Bildungspolitiker:innen der Länder mit den Herausforderungen im Zusammenhang mit der schulischen Nutzung von Internetanbindungen umgingen. Gemeinsam mit uns entwickelten sie konkrete Lösungen für Schulen. Die Erfahrungen aus dieser Zeit zeigen: Fortschritte in der schulischen Medienbildung entstanden dort, wo Bund, Länder, Wissenschaft und Praxis gemeinsam Ziele definierten, Ressourcen bündelten und Schulen verlässliche Rahmenbedingungen boten. Die heutige Fragmentierung erschwert genau diese Form koordinierten Handelns.

Ich bleibe vorsichtig optimistisch, nicht aus Naivität, sondern weil sich Bildungspolitik der eigenen gesetzlichen Verpflichtung zur systematischen Medienkompetenzförderung nicht dauerhaft entziehen kann. Denn letztlich führt kein Weg an der bildungspolitischen Verpflichtung vorbei, sich systemisch mit Fragen der Medienkompetenzförderung, einschließlich der Nutzung von KI in Schule, Unterricht sowie in Fort- und Weiterbildung, auseinanderzusetzen. Die eigentliche Frage an die Bildungsverantwortlichen der Länder lautet: Wie können wir Medienbildung systematisch im Curriculum verankern und dabei Kooperationen mit öffentlichen Einrichtungen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und der Wirtschaft so gestalten, dass alle Schülerinnen und Schüler einen souveränen, kritischen und kreativen Umgang mit digitalen Medien lernen?

Wir fangen dabei nicht bei Null an, wie die folgende Übersicht zeigt. Schaut dabei auch immer mal wieder ins Ausland, denn dort liegen die Lösungen bereits vor. Gleichzeitig zeigen Evaluationen und Schulrückmeldungen, dass diese vorhandenen Konzepte bislang zu selten verbindlich, kohärent und flächendeckend umgesetzt werden.

  • Medienbildung im Curriculum verankern
    • Ausgangspunkt ist der KMK‑Kompetenzrahmen „Bildung in der digitalen Welt“, der in allen Ländern in Bildungs‑ und Lehrpläne zu integrieren ist und Medienkompetenz als verbindlichen Bestandteil aller Fächer festlegt, fächerverbindend und -übergreifend.
    • Einige Schulen haben begonnen, dies in schuleigenen Medienkonzepten zu konkretisieren: Jahrgangsbezogene Kompetenzziele (inkl. Social Media), Zuordnung zu Fächern, verbindliche Unterrichtsvorhaben und regelmäßige Projektformate ab Sek I.
  • Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen nutzen
    • Studien zu Bildungspartnerschaften zeigen, dass Bibliotheken, kommunale Medienzentren und weitere öffentliche Einrichtungen die schulische Medienbildung inhaltlich und technisch ergänzen, wenn Ziele, Rollen, Ressourcen und Evaluation schriftlich vereinbart sind.
    • Empfohlen werden längerfristige, planvolle Kooperationen statt Einzelaktionen: wiederkehrende Module (z.B. Recherche, Fact‑Checking, Social Media) werden fest im Curriculum verankert und mit Schulprogrammarbeit und Medienentwicklungsplanung abgestimmt.
  • Zivilgesellschaft und Wirtschaft einbinden
    • Forschung zu Bildungspartnerschaften betont den Mehrwert zivilgesellschaftlicher Initiativen, Vereine und Unternehmen: Sie bringen aktuelle Medienpraxis, spezifische Expertise (z.B. Algorithmen, Plattformlogiken, Werbung) und oft zusätzliche Technik oder Fördermittel ein.
    • Für das System werden klare Qualitätskriterien entwickelt und verbindlich festgelegt: Transparenz über Interessen (Werbung vs. Bildung), pädagogische Passung, Einhaltung von Datenschutz und Werbefreiheit im Unterricht sowie gemeinsame Zielvereinbarungen mit der Schule.
  • Systemische Empfehlung an das Bildungssystem
    • Auf Systemebene wird eine verbindliche Verknüpfung von KMK‑Strategie, Landescurricula, schulischen Medienkonzepten und kommunalen Bildungslandschaften angestrebt, damit Medienbildung nicht „on top“, sondern als Querschnittsaufgabe aller Schulen verstanden und finanziert wird.
    • Die Studien regen an, Rahmenprogramme aufzulegen, die Schulen bei der Entwicklung solcher Medienkonzepte unterstützen (z.B. Förderprogramme, Pilotprojekte „Schule in der digitalen Welt“) und Bildungspartnerschaften mit öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren strukturell fördern.
Auf Systemebene ist daher eine verbindliche Verknüpfung von KMK-Strategie, Landescurricula, schulischen Medienkonzepten und kommunalen Bildungslandschaften notwendig, damit Medienbildung nicht additiv („on top“), sondern als strukturprägende Querschnittsaufgabe aller Schulen verstanden, organisiert und finanziert wird. Damit wird dem Schulsystem die klare Aufgabe gestellt, Medienbildung curricular zu sichern und diese Strukturen gezielt durch abgestimmte Partnerschaften zu verstärken – statt Medienkompetenz weiterhin projektartig und punktuell zu behandeln. Ein Bildungssystem, das digitale Medien primär über Regelwerke und Einschränkungen steuert, verfehlt seinen eigenen Anspruch, junge Menschen zu einem selbstständigen und mündigen Handeln in einer digitalen Welt zu befähigen.

Makrosystem: Umgang mit KI

Künstliche Intelligenz ist im Unterricht angekommen – und zwar nicht als Zukunftsvision, sondern als konkrete Realität im Klassenzimmer. KI verändert nicht nur die Fächer Mathematik und Informatik, sondern den Unterricht insgesamt. Im MINT-Bereich schreiben Sprachmodelle Texte, lösen komplexe Aufgaben, erklären Sachverhalte und generieren Programmcode auf einem Niveau, das noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Im Deutschunterricht können Schülerinnen und Schüler mithilfe von KI Texte iterativ verbessern und Stile analysieren. In Fremdsprachen können sie Prompts für authentische Dialoge nutzen und in den Gesellschaftswissenschaften können sie Daten visualisieren oder Szenarien simulieren. Jede Fachdisziplin muss überlegen, wie KI als Werkzeug das Verständnis vertiefen kann, ohne Routine zu ersetzen, eine Chance für motivierteres, zukunftsorientiertes Lernen quer durch das Curriculum. Das ist für die Schule keine kleine methodische Anpassung, sondern eine grundlegende Verschiebung dessen, was Lernen, Lehren und Leistung heute bedeuten.

Dieser Text nähert sich dem Thema aus meiner MINT-Perspektive, d. h. aus den Bereichen Mathematik, Informatik und Maker-Education. Nicht, weil KI nur dort relevant wäre, sondern weil sich gerade in diesen Fächern besonders deutlich zeigt, wie tiefgreifend der Wandel ist. Wenn KI heute mathematische Beweise auf Wettbewerbsniveau formuliert, Programme aus Alltagssprache generiert oder technische Prototypen mitentwickelt, dann stellt das Fragen, die weit über Fachgrenzen hinausreichen: Was bedeutet Verstehen, wenn Produzieren automatisiert wird? Welche Kompetenzen bleiben genuin menschlich? Und wie muss Unterricht gestaltet sein, damit junge Menschen in einer Kultur der Digitalität handlungsfähig bleiben? Auch Nicht-MINT-Fächer wie Deutsch, Fremdsprachen oder Gesellschaftswissenschaften stehen vor der gleichen Herausforderung.

In diesem Abschnitt tauche ich tief in meine praktischen Erfahrungen mit Mathematik, Informatik und Maker-Education ein. Ich stelle altersgerechte Projekte für die Grundschule vor und zeige Anwendungen in der Oberstufe. Meine Beispiele aus den Bereichen Mathematik, Informatik und Maker-Projekte verdeutlichen, was auf andere Fächer bereits zukommt oder dort längst begonnen hat. Es geht nicht darum, Faszination für Technologie um ihrer selbst willen zu erzeugen. Vielmehr sollen sie verdeutlichen, warum die Schule jetzt einen neuen Orientierungsrahmen braucht: einen Unterricht, der KI weder verteufelt noch naiv integriert, sondern sie als Anlass nimmt, um höhere kognitive, kreative und reflexive Kompetenzen systematisch zu fördern.

 

{Hier nochmal zum Mitschreiben die Lage – für alle, die die letzten zwei Jahre unter einem Stein gelebt haben: Jede der folgenden Einzelzutaten der Polykrise hat eine nennenswerte Chance zur Katastrophe. Aber ich sehe keine ernsthafte Umsteuerung in Politik und Gesellschaft.
{KI löst alle textbasierten Aufgaben (einschließlich Formeln und Programmcode) vieler MINT-Bachelormodule praktisch perfekt, egal auf welcher Kompetenzstufe (falls hier jemand an Kompetenzstufen glaubt).
{Pflichtgemäß erklären die Student*innen in der vorgeschriebenen Eigenständigkeitserklärung, KI benutzt zu haben. Was noch als menschlicher Arbeitsanteil in solchen Texten steckt, ist für die*den Lesende*n aber unklar und kaum zu bewerten.
{Student*innen benutzen KI, um Aufgaben zu bearbeiten, ohne tiefer zu verstehen, was in den Lösungen passiert. Das wird teilweise gefährlich, zum Beispiel bei unverstandenen und deswegen subtil fehlerhaften Data-Science- oder KI-Anwendungen in Abschlussarbeiten bei Unternehmen.
{Sinkende Sprachfertigkeiten und schrumpfende Aufmerksamkeitsspannen bauen weiteren Druck in Richtung KI auf.
{Die Motivation wird durch die allgemeine Lage nicht gerade gesteigert: Krieg, Klima, Flucht und Migration, Extremismus, Wirtschaftslage und Überschuldung, Krise des Sozialsystems.

Die Zitate stammen von Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik an der Hochschule Bielefeld sowie ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Computer-Zeitschrift c’t. Nicht nur in den MINT-Fächern muss dringend ein Diskurs stattfinden. Prof. Loviscach zeigt in mehreren Youtube- Videos auf, wie stark sein Arbeitsbereich von den Entwicklungen rund um LLMs betroffen ist. Mit Klausuraufgaben aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Gebäudeautomation, Windenergie, erneuerbare Energie und Elektronik, die von unterschiedlichen LLMs gelöst wurden und die er mit „Magna cum laude” bewertet hat, bestätigt sehr erstaunlichen „Kompetenzen“ der von ihm getesteten LLMs. Indirekt stellt er die Frage, wie sich seine Lehre angesichts dieser rasanten Entwicklung verändern müsse. Übertragen auf die schulische Bildung stellt sich für mich die Frage, welche Basisausbildung in Zukunft erforderlich ist.

Mathematik

Mathematik-Olympiade (IMO)

Anfangs waren die Sprachmodelle nahezu unfähig, selbst die einfachsten Aufgaben aus der Mittelstufe zu lösen. Unter anderem versagten sie häufig bei Größenvergleichen und der Einordnung von Dezimalzahlen. Das hat sich dramatisch verändert (siehe die Aussagen von Prof. Loviscach). Ich will das am Beispiel der Mathematik-Olympiade aufzeigen.

Ich habe die Aufgaben der Internationalen Mathematik-Olympiade durchgesehen und sie aufgrund ihres Niveaus von Algebra bis Zahlentheorie nur den besten Schülerinnen und Schülern empfohlen. Die Aufgaben sind sehr anspruchsvoll und schwer zu lösen. An dem prestigeträchtigen Wettbewerb nehmen weltweit Jugendliche teil, die sich über nationale Wettbewerbe qualifizieren müssen.

Im Jahr 2025 erreichte eine spezialisierte Version von Googles Gemini-Systems bei einer Simulation der IMO-Aufgaben ein Leistungsniveau, das nach den offiziellen Bewertungskriterien einer Goldmedaille entsprochen hätte. Das System bearbeitete die Aufgaben vollständig, legte strukturierte Textbeweise vor und wurde von externen Expertinnen und Experten als korrekt bewertet. Zum Vergleich: Selbst unter hochselektierten menschlichen Teilnehmergruppen ist das Erreichen einer Goldmedaille selten und international stark konzentriert.

Natürlich ist mir bewusst, dass diese Leistung in einem engen Benchmark-Setting erzielt wurde, in dem die KI auf große Mengen ähnlicher Wettbewerbsaufgaben trainiert wurde. Die Herausforderung besteht jedoch darin, mathematische Theorien aufzubauen und dabei eine kreative Auswahl neuer inner- und außermathematischer Problemstellungen zu treffen.

Übertragen auf die schulische Bildung stellt sich mir die Frage, welche Basisausbildung in Zukunft erforderlich ist. Heymann hat bereits 1996 in seiner Habilitationsschrift herausgearbeitet, dass die Vermittlung der sechs Kompetenzen – argumentieren, Probleme lösen, modellieren, Darstellungen verwenden, mit symbolischen, formalen und technischen Elementen der Mathematik umgehen sowie kommunizieren, in Verbindung mit den Inhalten Arithmetik (Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division), Dreisatz, Prozentrechnung und Überschlagsrechnung/Schätzen die Voraussetzungen für eine ausreichende Berufsvorbereitung schafft.  Bemerkenswert ist, dass diese von Heymann formulierten Kompetenzen aus heutiger Sicht nicht durch KI obsolet werden, sondern im Gegenteil: Erst sie ermöglichen es, KI-generierte Ergebnisse kritisch zu prüfen, sinnvoll einzuordnen und produktiv weiterzuentwickeln. Ein Vergleich der Ergebnisse von PISA, IQB-Trend (Big Data) und VERA (Small Data) zeigt, dass gerade in diesen Bereichen in allen Schulen des Sekundarstufenbereichs I enorme Lücken bestehen, die es aufzuholen gilt. Dies kann durch eine Neufassung der Kerncurricula mit einer konsequenten Priorisierung zentraler Inhalte und Kompetenzen, statt einer fortschreitenden Stoffanreicherung erreicht werden. Der Forderung nach mehr Anwendungsorientierung und Nachhaltigkeit gelingt ggfs. durch fächerverbindende Elemente aus dem Bereich Politik/Wirtschaft (Steuerrecht, Kranken-, Rentenversicherung, Geldanlagen) . Darüber hinaus sind Fragestellungen rund um Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung laut den vorliegenden Daten ein vernachlässigtes Thema der Mathematik.

Für den Mathematikunterricht ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag: Einerseits muss der Unterricht systematisch Kompetenzen stärken, die über reine Routineaufgaben hinausgehen, wie beispielsweise Problemlösefähigkeit, Begründungskompetenz, das Vergleichen von Lösungswegen und das kritische Prüfen von Beweisen. Genau in diesen Bereichen zeigen KI-Systeme heute überraschend leistungsfähige, aber nicht verlässliche Performanzen. Andererseits sollte die Schule Lernende gezielt dabei unterstützen, KI-Werkzeuge reflektiert zu nutzen: als Hilfsmittel zum Erklären, zum Generieren von Beispielen oder zum Explorieren alternativer Lösungswege – jedoch immer eingebettet in metakognitive Strategien, Fehlersensibilität und eine klare Trennung zwischen „Verstehen“ und „Produzieren von Lösungen“.

Schulen können darüber hinaus KI-Tools wie adaptive Systeme einsetzen, um Basiskompetenzen zu diagnostizieren und zu fördern, während höhere Fähigkeiten menschlich vertieft werden. Dies vermittelt ein mathematisches Verständnis, das KI-Ergebnisse prüfbar macht und Kreativität über Routine hinaus fördert.

Fazit

Die rasante Entwicklung KI-gestützter Systeme zwingt das Bildungssystem zu einer unbequemen Erkenntnis: Ein Mathematikunterricht, der primär auf das fehlerfreie Ausführen standardisierter Verfahren zielt, bildet nicht mehr für die Zukunft aus, sondern für eine Vergangenheit, in der Rechen- und Symbolmanipulation noch exklusiv menschliche Domänen waren. Wenn selbst hochkomplexe algebraische und zahlentheoretische Probleme durch KI-Systeme bearbeitet werden können, dann verschiebt sich der Bildungsauftrag zwangsläufig weg von der Produktion korrekter Lösungen, hin zur Beurteilung, Begründung, Kontextualisierung und Weiterentwicklung mathematischer Ideen.

Diese Verschiebung ist keine pädagogische Modeerscheinung, sondern eine systemische Notwendigkeit. Wer an überfrachteten Curricula, ritualisierten Übungsformaten und einer trügerischen Gleichsetzung von Rechnen und Verstehen festhält, riskiert nicht nur weitere Leistungsrückgänge, sondern auch den Verlust der gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit mathematischer Bildung. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht darin, KI aus dem Mathematikunterricht fernzuhalten, sondern ihn so weiterzuentwickeln, dass Schülerinnen und Schüler mathematische Kompetenz als etwas erleben, das über das hinausgeht, was Maschinen zuverlässig leisten können.

 

Informatik

Das Jahr 2025 markierte einen Durchbruch beim KI-gestützten Programmieren (Code Vibing): Tools wie Cursor, Windsurf und Claude Code generieren in vielen Fällen lauffähigen, syntaktisch korrekten und funktional überzeugenden Code aus einer natürlichen Sprachbeschreibung. Sie haben sich als extrem leistungsfähig erwiesen. Sie nehmen uns Softwareentwicklerinnen und -entwicklern mühsame Routineaufgaben wie Syntax, Boilerplate-Code oder Standardalgorithmen ab und ermöglichen es, komplexe Funktionalitäten in Sekunden zu prototypisieren. Dadurch wird die Produktivität in der Softwareentwicklung massiv gesteigert (was ich aus eigener Erfahrung mehrfach bestätigt habe). Diese modernen LLMs übertreffen hierbei oft die schulischen Curricularvorgaben bei der korrekten Implementierung bekannter Algorithmen (z. B. Sortierverfahren, Datenstrukturen, API-Integrationen). Sie verstehen Kontext, generieren kommentierten Code in mehreren Sprachen und passen sich Stilrichtlinien an. Diese Fähigkeiten werden durch das Training auf Milliarden Codezeilen aus Open-Source-Repositories erreicht.

Der Fokus auf KI-gestütztes Programmieren ist dabei kein Zufall, sondern spiegelt die schulische Realität wider: In der Sekundarstufe I bildet Programmieren – häufig in Form von HTML, Java oder einfacher Anwendungsentwicklung – faktisch den Kern des Informatikunterrichts. Andere informatische Inhaltsbereiche sind zwar curricular vorgesehen, treten im Unterrichtsalltag jedoch häufig in den Hintergrund oder werden nur punktuell behandelt.

Trotz dieser Leistungsfähigkeit bleibt KI-gestütztes Programmieren primär auf statistisch gelernte Muster, Wahrscheinlichkeiten und Korrelationen gestützt – nicht auf ein semantisches oder intentionelles Verständnis von Problemdomänen. Die Modelle glänzen bei reproduzierbaren Lösungen, scheitern jedoch häufig bei neuartigen Anforderungen, Edge Cases (Probleme oder Szenarien, die nur unter extremen Bedingungen oder an den äußeren Grenzen der Betriebsparameter auftreten), Sicherheitslücken oder der Architektur großer Systeme. Häufige Kritikpunkte sind Halluzinationen (falscher Code), mangelnde Generalisierbarkeit auf unbekannte Probleme und der Verlust von Verständnis, wenn Lernende Code nur kopieren, statt ihn selbst zu konstruieren. Zudem birgt die Abhängigkeit ethische Risiken, beispielsweise im Hinblick auf geistiges Eigentum (das Training erfolgt auf fremdem Code) und die Undurchsichtigkeit von Black-Box-Entscheidungen.

Was heißt das konkret für Lehrpläne?

Zentrale informatische Konzepte wie Abstraktion, Algorithmik, Datenmodellierung, Kontrollstrukturen und Komplexitätsbetrachtungen verlieren durch KI nicht an Bedeutung, sondern gewinnen an Relevanz: Nur wer diese Grundlagen beherrscht, kann KI-generierten Code sinnvoll beurteilen, anpassen oder verwerfen. Ein zukunftsfähiger Informatikunterricht verschiebt den Schwerpunkt von der reinen Codeproduktion hin zu vier übergeordneten Kompetenzdimensionen. Gerade weil Programmieren in der Schule oft als Stellvertreter für „Informatik insgesamt“ fungiert, müssen die zugrunde liegenden Kompetenzziele klarer gefasst und vom reinen Codieren entkoppelt werden.

  • Struktur- und Architekturkompetenz (Systemdesign, Modularisierung, Schnittstellen, Skalierbarkeit, Wartbarkeit: KI generiert Code, aber keine tragfähige Systemarchitektur)
  • Prüfen, Testen, Verifizieren (Debugging, Unit-Tests, Code Reviews, Sicherheitsanalysen: KI liefert Vorschläge, Verantwortung bleibt menschlich)
  • Interaktion mit KI-Systemen (Prompt Literacy mit  präzisen Problemformulierung, Iteration, Fehlerdiagnose;  neue Form informatischer Kommunikation)
  • Reflexion, Ethik und Recht (Bias, IP-Fragen, Abhängigkeiten, Black-Box-Probleme; gesellschaftliche Verantwortung informatischer Systeme)

Diese Verschiebung ist auch deshalb notwendig, weil zwischen den formal breit angelegten Lehrplänen und der tatsächlichen Unterrichtspraxis eine erhebliche Lücke besteht. Solange Programmieren das dominierende Einstiegstor in die Informatik bleibt, entscheidet sich hier, ob Lernende Informatik als kreatives, gestaltendes Fach erleben – oder als syntaktisch-technische Hürde.

Ein besonders deutliches Warnsignal ist die Entwicklung in der gymnasialen Oberstufe. Obwohl der Informatikunterricht in den Jahrgängen 12 und 13 erst dort systematisch über das reine Programmieren hinausgeht und weiterführende Fragestellungen zu Algorithmen, Daten, Systemen und gesellschaftlichen Implikationen behandelt, erreicht dieses Angebot nur noch eine sehr kleine und stark selektive Lerngruppe.

Grundkurse kommen häufig nur mit wenigen – überwiegend männlichen – Schülern zustande, Leistungskurse sind selten und vielfach nur schulübergreifend organisierbar. Diese Entwicklung ist kein Randphänomen, sondern verweist auf ein strukturelles Problem: Ein zu früher und zu enger Fokus auf Programmieren in der Sekundarstufe I wirkt für viele Lernende eher abschreckend als motivierend und verhindert den Zugang zu den eigentlichen Denkweisen der Informatik.

Ein zukunftsfähiger Informatikunterricht muss daher früher breiter werden – nicht später. Wenn algorithmisches Denken, Modellierung, Systemverständnis und gesellschaftliche Reflexion erst dann sichtbar werden, wenn ein Großteil der Lernenden das Fach bereits abgewählt hat, greift Bildungspolitik zu kurz.

Fazit

Die rasante Entwicklung KI-gestützter Programmierwerkzeuge stellt den Informatikunterricht vor eine vergleichbare Zäsur wie einst der Taschenrechner für die Mathematik. Ein Unterricht, der sich primär an der manuellen Implementierung bekannter Algorithmen orientiert, verfehlt zunehmend seinen Bildungsauftrag. Wenn KI-Systeme in Sekunden funktionsfähigen Code erzeugen können, dann liegt der Mehrwert schulischer Informatikbildung im Verstehen, Strukturieren, Bewerten und verantwortlichen Einsetzen digitaler Systeme. Dies erfordert eine curriculare Neujustierung: weg von einer Überbetonung syntaktischer Details, hin zu algorithmischem Denken, Systemarchitektur, Qualitätsbewertung und ethischer Reflexion. Informatikunterricht wird damit nicht einfacher, sondern anspruchsvoller – und zugleich relevanter für eine digital geprägte Gesellschaft.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob KI im Informatikunterricht erlaubt sein sollte, sondern ob die Schule Lernende dazu befähigt, KI-generierten Code kompetent zu prüfen, weiterzuentwickeln und bei Bedarf bewusst zu verwerfen. Nur so bleibt der Informatikunterricht für eine breite Schülerschaft attraktiv und anschlussfähig.

Maker-Education

In einer Zeit, in der KI-Systeme zunehmend kognitive Routinetätigkeiten übernehmen, gewinnt Maker Education eine neue bildungstheoretische Bedeutung: Sie verschiebt Lernen vom reinen Problemlösen hin zum Problemerkennen, vom Konsumieren vorgefertigter Lösungen hin zur aktiven Gestaltung materieller und digitaler Artefakte.

Bei der Maker-Education werden Tüfteln und Technologien wie 3D-Drucker, Robotik oder Programmierung zu motivierenden Projekten verbunden, die die Selbstwirksamkeit von Schülerinnen und Schülern stärken. Maker-Projekte sind ideal für den MINT-Unterricht, da sie altersgerecht Motivation und Kompetenzen fördern. Meist werden einfache Materialien wie Karton, Kleber, Mikrocontroller (z. B. Calliope mini, Arduino) oder Apps benötigt. In der Grundschule stehen beim Bürstenroboter- und Stromprojekte oder beim Bau einer Murmelbahn das spielerische Tüfteln mit Fokus auf Motorik, Experimentieren und ersten Konzepten im Vordergrund. In der Sekundarstufe kommen Programmierung und Prototyping hinzu, beispielsweise in Form von Challenges und Beispielprojekte. In der Oberstufe können schließlich komplexere Projekte in Angriff genommen werden, beispielsweise die Entwicklung eines Spiels mit Smartphone und Raspberry Pi sowie die Herstellung von Wearables.

Zentral ist dabei nicht die eingesetzte Technologie, sondern die zugrunde liegenden Kompetenzen: iteratives Arbeiten, Hypothesenbildung, Fehlersuche, das Aushalten von Nicht-Gelingen sowie die Reflexion über Funktion, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Wirkung eigener Produkte.

Maker-Projekte fördern fächerübergreifendes Lernen, Soft Skills (wie Kollaboration und kritisches Denken) sowie digitale Kompetenzen, ohne das Kerncurriculum zu überladen. Initiativen wie „Make & MINT“ zeigen, wie sich dies nahtlos in Schulen integrieren lässt. Empirische Studien zeigen, dass handlungsorientierte Maker-Ansätze insbesondere bei leistungsschwächeren und bislang wenig MINT-affinen Lernenden Motivation, Durchhaltevermögen und konzeptuelles Verständnis deutlich steigern, also genau dort ansetzen, wo klassische Unterrichtsformate zunehmend an ihre Grenzen stoßen.

Trotz ihres Potenzials wird Maker Education in Deutschland bislang überwiegend projektförmig, befristet oder von besonders engagierten Einzelpersonen getragen. Eine systematische curriculare Verankerung fehlt ebenso wie eine verlässliche Ausstattung, feste Zeitbudgets oder verbindliche Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte. Damit reproduziert das Bildungssystem bestehende Ungleichheiten: Während einzelne Schulen gut ausgestattete Makerspaces betreiben, bleiben anderen lediglich punktuelle Bastelaktionen. Gerade in einer Zeit, in der praktische Problemlösefähigkeit, technisches Systemverständnis und kreative Gestaltungskompetenz an Bedeutung gewinnen, ist diese Abhängigkeit vom Engagement Einzelner bildungspolitisch nicht mehr zu rechtfertigen. Maker Education darf daher nicht länger als „AG-Format“ oder freiwillige Ergänzung verstanden werden, sondern muss als integraler Bestandteil einer zeitgemäßen MINT-Bildung strukturell abgesichert werden – mit verbindlichen Zeitfenstern, curricularen Anknüpfungspunkten und nachhaltiger Ausstattung.

Fazit

Maker Education ist kein Selbstzweck: Ihr didaktischer Mehrwert entsteht nur dann, wenn sie gezielt auf zentrale Kompetenzen ausgerichtet ist und systematisch in Unterrichtsstrukturen eingebettet wird. Projekte sind altersgerecht zu konzipieren. Der Fokus liegt auf dem Lernprozess statt auf der Technik.

Auf MINT bezugnehmend fordert Nina Smidt, Geschäftsführende Vorständin und Sprecherin des Vorstands der Siemens Stiftung, einen Paradigmenwechsel im MINT-Unterricht: weg vom Auswendiglernen von Formeln hin zu praxisnahen, kreativen Problemlösungen.[6]https://www.zeit.de/2025/52/mint-faecher-schule-unterricht-bildung-mangel-mint-plus Dieser Paradigmenwechsel gewinnt zusätzliche Dringlichkeit vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung KI-gestützter Systeme, die kognitive Routinetätigkeiten zunehmend automatisieren und damit klassische schulische Übungsformate infrage stellen.

Smidt plädiert für den „MINT-plus“-Ansatz, der klassische MINT-Fächer um gesellschaftliche, kulturelle und ethische Perspektiven erweitert. Wissen soll in reale Kontexte eingebettet werden, um Neugier und nachhaltiges Lernen zu fördern. Der MINT-plus-Ansatz greift damit genau jene Entwicklungen auf, die sich aktuell in Mathematik, Informatik und Maker Education abzeichnen: weg von isolierten Fachinhalten, hin zu vernetztem Denken, praktischer Anwendung, Reflexion und verantwortlicher Gestaltung technologischer Lösungen.

Es geht dabei nicht allein um die oft bemühte Forderung nach der Ausbildung zukünftiger Fachkräfte, sondern um die Befähigung von Menschen, Zukunft aktiv mitzugestalten. Damit das gelingt, muss Bildung wieder als gemeinsame, aber klar verantwortete Aufgabe verstanden werden – von Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. MINT darf dabei nicht als exklusives Fachgebiet für wenige gelten, sondern muss als offener Lernraum für alle gestaltet werden, die neugierig bleiben wollen.

Bezüglich KI liegt seit Kurzem der Entwurf für ein KI-Literacy-Framework der EU und der OECD vor. Jan Schwamm (@blueprintedu.bsky.org) hat die folgende Definition aus der Publikation so übersetzt:

 

Bernhard Gmeiner beschreibt in seinem Blogbeitrag „Die KI ist da: Was jetzt?“ den gegenwärtigen Schulalltag als einen Balanceakt zwischen Faszination und Überforderung.[7]https://www.derstandard.at/story/3100000291170/die-ki-ist-da-was-jetzt# KI ist längst Realität, so seine zentrale Botschaft – entscheidend sei nicht mehr, ob, sondern wie sie in Schule und Unterricht eingesetzt wird. Er schildert die Spannbreite zwischen sinnvollem Lernen mit Tools wie Fellofish oder Brisk Teaching und der Gefahr, Denkprozesse an Maschinen auszulagern. Die pädagogische Haltung sei dabei der Schlüssel: Lehrkräfte müssen den Wandel gestalten, statt ihn zu verbieten oder zu ignorieren.

Die darauf folgende Diskussion mit über hundert Kommentaren zeigt, wie stark das Thema polarisiert – aber auch, dass viele Lehrkräfte und Eltern weiter sind als die bildungspolitischen Rahmenbedingungen. Einigkeit herrscht darüber, dass es verbindliche Leitlinien, datenschutzkonforme Plattformen und gezielte Fortbildungen braucht. Lehrpersonen fühlen sich vom Ministerium allein gelassen, fordern Materialien, rechtliche Klarheit und eine Reform der Prüfungsformate.

Zwischen Zustimmung und Sorge ziehen sich zwei Grundhaltungen durch die Debatte: Einerseits der Wunsch, KI als Werkzeug zu begreifen – vergleichbar mit Taschenrechner oder Textverarbeitung –, andererseits die Befürchtung, dass Schülerinnen und Schüler durch frühe Nutzung kritisches Denken und Eigenständigkeit verlieren könnten. Besonders umstritten bleibt die Frage, ab welchem Alter KI sinnvoll eingesetzt werden darf.

Trotz aller Differenzen überwiegt ein gemeinsamer Tenor: KI ist ein Weckruf für das Bildungssystem. Sie zwingt das deutsche Bildungssystem, über Prüfungen, Medienkompetenz und Lernkultur neu nachzudenken. Wenn Lehrkräfte, Lernende und Eltern gemeinsam einen reflektierten Umgang entwickeln, kann KI nicht zur Bedrohung, sondern zum Katalysator für eine lernende Schule werden.

Bereits vor der Freischaltung der Sprachmodelle gab es zahlreiche Aufrufe, angesichts der durch die Studien aufgezeigten Defizite das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.

Exosystem: Kooperation

Die Schulentwicklung ist kein isolierter Prozess innerhalb der Schule, sondern wird maßgeblich durch das Zusammenwirken verschiedener externer Akteure geprägt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese Zusammenarbeit häufig fragmentiert, projektförmig oder von kurzfristigen Förderlogiken geprägt ist. Genau hier entscheidet sich, ob Schulentwicklung nachhaltig wirkt oder in Einzelinitiativen verpufft.

Eine erfolgreiche strategische Schulentwicklung erfordert daher eine Verzahnung mit Schulträgern, der Schulaufsicht sowie Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft. Schulträger tragen dabei nicht nur Verantwortung für Gebäude und Ausstattung, sondern zunehmend für die Gestaltung von Lernarchitekturen, die pädagogische Konzepte ermöglichen oder verhindern. Eine zukunftsorientierte Schulentwicklung gelingt nur, wenn bauliche Maßnahmen, digitale Ausstattung und finanzielle Ressourcen im Einklang mit pädagogischen Konzepten geplant und umgesetzt werden. Ein proaktiver Dialog zwischen Schulleitung und Schulträger ist daher essenziell, um innovative Lernräume zu gestalten und schulische Entwicklungsprozesse nachhaltig zu unterstützen. Die Schulaufsicht spielt eine zentrale Rolle als strategischer Begleiter schulischer Innovationsprozesse. Voraussetzung dafür ist eine klare Rollenverständigung: Schulaufsicht wirkt dort besonders wirksam, wo sie Kontrolle, Beratung und Entwicklungsbegleitung transparent austariert und Schulen als professionelle Akteure ernst nimmt. Durch gezielte Beratung, Coaching und die Förderung von Vernetzungsstrukturen kann sie Schulen dabei unterstützen, datenbasierte Schulentwicklungsstrategien zu etablieren und innovative Ansätze systematisch weiterzuentwickeln. Die Schaffung von Schulclustern und Lernnetzwerken ermöglicht es Schulen, voneinander zu lernen und gemeinsam an der Qualitätsentwicklung zu arbeiten. Wirtschaft und Gesellschaft wiederum bieten wertvolle Impulse für die Schulentwicklung, insbesondere im Bereich der Berufsorientierung, der Nutzung externer Lernorte und der Förderung praxisnaher Bildungsangebote. Damit solche Kooperationen pädagogisch wirksam und legitim bleiben, bedarf es klarer Qualitätskriterien, Transparenz über Interessenlagen sowie einer konsequenten Ausrichtung an schulischen Bildungszielen. Kooperationen mit Unternehmen, Hochschulen und weiteren Akteuren eröffnen Schülerinnen und Schülern reale Einblicke in die Arbeitswelt und ermöglichen eine anwendungsorientierte Erweiterung schulischer Lernprozesse. Eine systematische Einbindung dieser externen Partner trägt dazu bei, Schule stärker mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu verzahnen und zukunftsrelevante Kompetenzen gezielt zu fördern.

Die folgenden Beispiele und Materialien verdeutlichen, wie unterschiedlich Exosysteme wirksam werden können; als Ermöglichungsstruktur, als Bremsklotz oder als Katalysator schulischer Entwicklung. Sie zeigen erfolgreiche Modelle, aber auch implizit, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit externe Unterstützung tatsächlich zur Qualitätsentwicklung beiträgt.

Schulträger

Das folgende Angebot eines Schulteams aus Hatten zeigt exemplarisch, wie schulische Digital- und Medienentwicklung professionalisiert und arbeitsteilig organisiert werden kann – jenseits von Einzelinitiativen und persönlichem Engagement Einzelner. Auffällig ist dabei weniger die technische Ausstattung als die klare Rollenverteilung: Fortbildung, Inklusion, Lizenzmanagement, Systemadministration, Maker Education, KI, Social Media und Schulentwicklung sind nicht zufällig verteilt, sondern bewusst zugeordnet. Genau diese Struktur fehlt vielen Schulen – nicht aus Mangel an Motivation, sondern aus Mangel an systemischer Unterstützung.

 

 

 

Dieses Tableau ist sicherlich nicht für jede Schule realisierbar. Warum also nicht Kooperationsverbünde von Schulen innerhalb einer Region bilden? Warum nicht die in den Regionen etablierten Medienzentren nutzen? Ein mit diesem Beratungs- und Unterstützungskonzept ausgestattetes Medienzentrum wäre damit kein klassischer Geräteverleih oder Fortbildungsanbieter, sondern eine serviceorientierte Unterstützungsstruktur für die Schulentwicklung mit Beratung, Qualifizierung, technischer Betreuung und konzeptioneller Begleitung. Das Medienzentrum in Friedberg (Hessen) zeigt, dass solche Strukturen politisch umsetzbar sind. Durch eine klare Aufgabenverteilung zwischen Schulträger und Land sowie ein paritätisches Finanzierungsmodell wurde Verantwortung gebündelt statt delegiert. Genau solche Modelle könnten regional skaliert werden.

Das Beispiel aus Hatten macht deutlich, dass digitale Schulentwicklung selten an fehlender Technik, sondern an fehlenden Strukturen scheitert. Regionale Medienzentren könnten hier ansetzen und Schulen ein professionelles Rückgrat bieten, die den digitalen Wandel nicht improvisieren, sondern aktiv gestalten wollen.

 

Schulaufsicht

Bleiben wir in meinem langjährigen Arbeitsumfeld, dem Land Hessen. Das Kultusministerium hat dort Dienstleistungsstrukturen entwickelt, die sich ebenfalls als Modell für andere Regionen eignen könnten. Diese Strukturen sind konzeptionell gut ausgebaut. Ihre Wirksamkeit hängt jedoch entscheidend davon ab, wie klar Rollen definiert, wie verbindlich Prozesse gestaltet und wie gut Unterstützungsangebote in den schulischen Alltag integriert werden.

Die Schulentwicklungsberaterinnen und -berater der Hessischen Lehrkräfteakademie unterstützen Schulen bei ihrer Qualitätsentwicklung. Im Mittelpunkt der Beratungstätigkeit stehen dabei die jeweiligen Erfordernisse der einzelnen Schule. Durch die Zusammenarbeit der Schulentwicklungsberaterinnen und -berater mit der Leitung pädagogische Unterstützung und den Fachberaterinnen und -beratern der Staatlichen Schulämter kann die Schulentwicklungsberatung mit der Unterrichtsentwicklung kombiniert werden. Ziel ist es, eine nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung zu befördern.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Schulentwicklungsberatung besonders dort Wirkung entfaltet, wo sie langfristig angelegt, datenbasiert rückgebunden und mit klaren Entwicklungszielen der Schule verknüpft ist, weniger als punktuelle Intervention, sondern mehr als Prozessbegleitung.

Gerade im Kontext wachsender psychischer Belastungen, digitaler Dauerpräsenz und zunehmender Heterogenität gewinnt die schulpsychologische Arbeit an systemischer Bedeutung, im Rahmen einer Krisenintervention, sowie als präventiver Bestandteil schulischer Qualitätsentwicklung.

Kooperationsverbünde entfalten ihr Potenzial insbesondere dort, wo sie nicht nur Verwaltung effizienter machen, sondern Lernen ermöglichen: durch geteilte Expertise, gemeinsame Reflexion und abgestimmte Entwicklungsstrategien. Mit der Bildung von Kooperationsverbünden der Staatlichen Schulämter werden in Hessen mehrere Teilziele verfolgt. Im Mittelpunkt steht die Qualitätsverbesserung der schulischen Arbeit durch die Bildung fachlicher Arbeitsverbünde, die eine bessere Nutzung von Ressourcen, eine mögliche Bündelung von Aufgaben sowie eine Optimierung der Leistungsbereiche Unterstützung, Schulaufsicht, Service und interne Leistungen ermöglichen. Weitere Schwerpunkte liegen in der Organisation gemeinsamer Lern- und Qualifizierungsverbünde sowie in der Sicherung eines kontinuierlichen Erfahrungs- und Beratungsaustauschs zwischen den beteiligten Partnern. Übergeordnetes Ziel der Kooperationsverbünde ist es, fachliche Expertisen zu verknüpfen, regionale und amtsübergreifende Perspektiven miteinander zu verzahnen und die Zusammenarbeit auf fachlicher und organisatorischer Ebene nachhaltig zu intensivieren.

Dass Baden-Württemberg vergleichbare Strukturen explizit unter dem Begriff „Datengestützte Qualitätsentwicklung an Schulen” bündelt, macht deutlich: Schulaufsicht entwickelt sich bundesweit von einer primär kontrollierenden Instanz zu einer strategischen Unterstützungsstruktur. 

Die Beispiele aus Hessen zeigen, dass leistungsfähige Unterstützungsstrukturen bereits existieren. Die zentrale Frage ist weniger ihr Ausbau als ihre konsequente Nutzung, Verzahnung und Verbindlichkeit – damit Schulaufsicht nicht als Bremse, sondern als Ermöglichungsinstanz für professionelle Schulentwicklung wirkt.

Wirtschaft und Gesellschaft

Durch Kooperationen mit Unternehmen, Hochschulen und weiteren Akteuren erhalten Schülerinnen und Schüler reale Einblicke in die Arbeitswelt und können ihre schulischen Lernprozesse anwendungsorientiert erweitern. Entscheidend ist dabei nicht die Anzahl externer Angebote, sondern ihre pädagogische Qualität, curriculare Einbettung und nachhaltige Verankerung im Schulprogramm. Eine systematische Einbindung dieser externen Partner trägt dazu bei, Schule stärker mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu verzahnen und zukunftsrelevante Kompetenzen gezielt zu fördern. Kürzlich hat David Ger, Department Director – AI Solution, in einem meiner Blogs einen Workshop vorgestellt, den er einem Informatik-Leistungskurs anbietet. [8]https://schule-in-der-digitalen-welt.de/ki-in-der-schule-7-wenn-ki-plotzlich-im-klassenzimmer-sitzt/ In diesem Workshop wird schwerpunktmäßig über KI, IT-Berufe und die Zukunft der Arbeit gesprochen. Seine wiederkehrende Beobachtung:

  • Viele Schüler:innen haben Angst, dass KI ihre späteren Jobs ersetzt.
  • Gleichzeitig unterschätzen sie, welche Kompetenzen sie benötigen, um souverän mit KI arbeiten zu können.

Gerade diese Diskrepanz zeigt den Mehrwert externer Expertise: Sie konfrontiert schulische Vorstellungen mit realen Anforderungen der Arbeitswelt – ohne dabei pädagogische Verantwortung zu ersetzen.

David Ger nennt in seinem Beitrag Gelingensbedingungen einer erfolgreichen Kooperation zwischen Wirtschaft und Schule. Ich will sie systemsich verallgemeinern:Damit Kooperationen mit Wirtschaft und Gesellschaft schulische Bildungsziele unterstützen, braucht es Qualitätskriterien, verbindliche Leitplanken, etwa

  • klare curriculare Anbindung und pädagogische Zielsetzung
  • Transparenz über Interessen und Rollen der Partner
  • Werbefreiheit und Datenschutz
  • langfristige Kooperationen statt punktueller Events
  • systematische Evaluation der Wirkung

Kooperationen mit Wirtschaft und Gesellschaft entfalten ihr Potenzial dann, wenn sie Schule nicht überformen, sondern erweitern: als Resonanzraum für reale Fragen, als Korrektiv für Fehlannahmen und als Brücke zwischen schulischem Lernen und gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Weitere Praxisbeispiele

Auch im Bereich der MINT-Bildung gewinnen Kooperationen zwischen Schulen, Hochschulen und Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Initiativen, die den Austausch zwischen Bildungseinrichtungen und Wirtschaft fördern, tragen dazu bei, das Interesse an technischen und naturwissenschaftlichen Themen frühzeitig zu wecken und praxisnahe Lernwege zu eröffnen. Solche Kooperationen dienen nicht allein der Nachwuchsgewinnung, sondern leisten einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, zur realistischen Berufsorientierung und zur Stärkung von Selbstwirksamkeit – auch jenseits klassischer MINT-Karrieren. Wie der aktuelle ZEIT-Gastbeitrag „MINT braucht Plus“ betont, entstehen durch solche Partnerschaften nicht nur innovative Lernformate, sondern auch neue Zugänge zu Zukunftsfeldern wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – Themen, die für die schulische Bildung von morgen entscheidend sind.

Der Beitrag der Deutschen Telekom Stiftung zeigt, wie stark MINT-Initiativen von Kooperationen zwischen Schulen, Hochschulen und Unternehmen profitieren und wie solche Programme Bildungsbiografien nachhaltig prägen können. Die Junior-Ingenieur-Akademie verknüpft regulären Unterricht mit praxisnahen Lernorten, ermöglicht vertiefte Einblicke in Studien- und Berufsfelder und stärkt so die Studien- und Berufsorientierung gerade im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Aus der individuellen Erfolgsgeschichte wird deutlich, dass solche Angebote nicht nur Talente sichtbar machen, sondern Schülerinnen und Schülern auch Zutrauen in eigene MINT-Fähigkeiten geben und damit langfristig zur Gewinnung von Fachkräften und zukünftigen MINT-Lehrkräften beitragen. Vor diesem Hintergrund sind Kooperationen im MINT-Bereich ein zentraler Baustein einer zeitgemäßen Schulentwicklung, die junge Menschen auf eine von Technik, Digitalisierung und Innovation geprägte Arbeitswelt vorbereitet.

In Bezug auf Angebotsstruktur und Umsetzung sind diese beiden Regionen vorbildlich:

In Freiburg gibt es eine große Vielfalt an außerschulischen Lernorten. Diese Internet-Plattform zeigt zahlreiche Angebote zu den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Naturwissenschaft auf einen Blick, die hier abrufbar sind. Als internetgestütztes Projekt wird WIZZN kontinuierlich wachsen und sich weiter entwickeln.

WIZZN richtet sich sowohl an Jugendliche als auch an Lehrer*innen, die nach Anregungen suchen, wie sie ihren Schulunterricht zum Beispiel mit Exkursionen, Ausflügen und Projekttagen ergänzen und bereichern können. Mit der Suchfunktion lassen sich die passenden Angebote zum Beispiel nach Thema, Zielgruppe, SDG oder Leitperspektive filtern.

Dieses Portal enthält einige virtuelle Orte wie die Multimedia-Dokumentation „Leichen im Keller“ der Forschungsstelle für Kolonialgeschichte. Es gibt verteilte Orte – wie die Stolpersteine – oder Sammlungen von Orten auf interaktiven Karten, für die organisierte Unterstützung von Schülerprojekten angeboten wird, wie den „Geschichtomat“ mit Erinnerungsorten der jüdischen Geschichte in Hamburg.

Wir bieten keinen vollständigen Katalog, sondern eine Auswahl. Die Kriterien waren nicht in erster Linie das Vorliegen von Programmen für Schülerinnen und Schüler, sondern vor allem gesellschaftliche Relevanz des Ortes und Komplexität des Gegenstands, Vielfalt der Lernmöglichkeiten oder Neuartigkeit. Nicht aufgenommen wurden Orte für Geografie und Biologie, sofern sie keinen gesellschaftlichen Aspekt der Ökologie- und Umwelterziehung, sondern vor allem geophysikalische bzw. biologische Themen enthalten.

Solche Lernorte erweitern Schule nicht nur räumlich, sondern epistemisch: Sie ermöglichen Perspektivwechsel, multiperspektivisches Lernen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Komplexität.

Vernetzung der Lehrkräfte, regional wie überregional

Stellen wir uns vor, niemand im Kollegium würde jemals jemandem von seinen Ideen erzählen. Jede Unterrichtsidee müsste allein entwickelt, jedes Problem allein gelöst und jede Unsicherheit allein ausgehalten werden. Genau das Gegenteil passiert jedoch, sobald sich Lehrkräfte bewusst vernetzen. Unterrichtsideen wandern von Schule zu Schule, es entsteht Entlastung und Innovation wird zu etwas, das man nicht mehr „zusätzlich“, sondern gemeinsam trägt. Besonders wirksam ist der Moment, in dem Lehrkräfte merken: „Mit meinen Fragen bin ich nicht allein.“ In regionalen und überregionalen Runden entstehen genau diese Momente – ob im persönlichen Treffen, im Online-Austausch oder in kleinen thematischen Gruppen. Oft bleibt von solchen Begegnungen weniger die Folie, sondern vielmehr das Gefühl: „Ich habe wieder Lust, etwas auszuprobieren – und weiß, an wen ich mich wenden kann.“

Im Sinne des Mesosystems nach Bronfenbrenner wird hier deutlich: Schulentwicklung entsteht dort, wo Beziehungen zwischen Professionellen tragfähig werden, über Klassen-, Schul- und Regionsgrenzen hinweg. Entscheidend war dabei weniger der Austausch an sich als die strukturierte Rahmung: klare Fragestellungen, kontinuierliche Treffen und die bewusste Übertragung der Ergebnisse in den schulischen Alltag.

In einem kürzlich erschienenen Blogbeitrag habe ich einige Vernetzungprojektevorgestellt, die zudem wissenschaftlich begleitet wurden. Sie zielten darauf ab, die Entwicklung konkreter Lösungen für schulische Problemlagen in schulübergreifenden Netzwerken zu fördern und die Ergebnisse in den schulischen Alltag zu übertragen. Nachweislich profitierten Lehrkräfte von regionaler und überregionaler Vernetzung – durch neue Ideen, soziale Unterstützung und gesteigerte Innovationskraft. Schulen wiederum gewannen an Qualität und Zukunftsfähigkeit. Der Schlüssel lag darin, Vernetzung als selbstverständlichen Bestandteil professioneller Arbeit zu verankern und durch konkrete Beispiele sowie niedrigschwellige Angebote Motivation zu schaffen.

Ein Beispiel gelungener Vernetzung ist zweifelsohne die Plattform Twillo , die Eva Bilbrack (TU Dresden) eine echte 🤝 Sharing-Kultur anbietet, auf der

  • Wissen geteilt wird, 
  • Synergien entstehen und
  • alle von den Erfahrungen der anderen profitieren.

Plattformen wie Twillo stehen exemplarisch für einen Kulturwandel: weg von individueller Materialhortung hin zu einer professionellen Sharing-Kultur, in der Offenheit, Nachnutzbarkeit und kollektives Lernen selbstverständlich werden.

Der von Susanne Posselt beschriebene Schulbesuch über mehr Ländergrenzen hinweg zeigt eindrücklich, was professionelle Vernetzung heute leisten kann: räumliche Distanz verliert an Bedeutung, während Neugier, Offenheit und schulindividuelle Gestaltungsräume sichtbar werden. Dass selbst erfahrene Bildungsakteure dabei neue Impulse gewinnen, unterstreicht, wie lernwirksam solche Einblicke sind:

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Damit solche Netzwerke nicht vom Engagement Einzelner abhängen, braucht es Zeitbudgets, institutionelle Anerkennung und Unterstützung durch Schulaufsicht und Schulträger. Vernetzung ist kein Luxus für besonders engagierte Lehrkräfte, sondern ein zentraler Baustein professioneller Schulentwicklung. Dort, wo sie ermöglicht, wertgeschätzt und strukturell verankert wird, entsteht genau das, was Schulen heute brauchen: kollektive Lernfähigkeit.

Mesosystem: Schulkultur

Eine nachhaltige Schulentwicklung gelingt nicht durch Einzelmaßnahmen oder isolierte Entscheidungen, sondern durch eine enge Zusammenarbeit innerhalb des Kollegiums. Teamarbeit muss gezielt gefördert und in den Schulalltag integriert werden, um langfristig Wirksamkeit zu entfalten. Neben strukturellen Anpassungen ist eine Kultur der gemeinsamen Verantwortung entscheidend. Teamarbeit entfaltet jedoch nur dann Wirkung, wenn sie nicht allein auf individuelle Bereitschaft setzt, sondern strukturell abgesichert ist: durch verbindliche Zeitfenster, klare Rollen, abgestimmte Zielsetzungen und eine aktive Steuerung durch Schulleitung.

Die heutigen gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen sind durch tiefgreifende Veränderungen gekennzeichnet. Das Akronym VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) beschreibt eine Welt, in der Unsicherheiten zunehmen, langfristige Planungen herausfordernder werden und Organisationen flexibler auf neue Gegebenheiten reagieren müssen. Schulen stehen in diesem dynamischen Umfeld vor der Aufgabe, Stabilität zu gewährleisten und gleichzeitig Wandel aktiv zu gestalten. Schulen stehen damit nicht nur vor der Aufgabe, Stabilität zu gewährleisten, sondern vor allem darin, ihre eigene Lernfähigkeit als Organisation zu entwickeln.

Ein systematischer Weg, um diesen Herausforderungen zu begegnen, ist die Leitbildarbeit. Sie bietet die Möglichkeit, die Identität einer Schule zu schärfen, gemeinsame Werte zu definieren und damit eine resiliente Basis für strategische Entscheidungen zu schaffen. Leitbildarbeit ist dabei kein Selbstzweck und kein einmaliger Workshop. Sie wird erst dann wirksam, wenn sie konkrete Konsequenzen für Unterrichtsentwicklung, Fortbildungsplanung, Ressourceneinsatz und schulische Entscheidungsprozesse hat. Ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einem belastbaren Leitbild ist eine strukturierte Bestandsaufnahme. Eine schulinterne Evaluation, die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern einbezieht, kann ein realistisches Bild der aktuellen „Befindlichkeiten“ zeichnen. Dabei geht es nicht um subjektive Stimmungen allein, sondern um systematisch erhobene Wahrnehmungen, die Hinweise auf strukturelle Stärken, Belastungen und Entwicklungsbedarfe geben. Die aus den Evaluationen gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen eine differenzierte Einordnung in kurzfristige und langfristige Handlungsfelder:

  1. Sofort umsetzbare Maßnahmen
    • Verbesserung von Kommunikationswegen zwischen Lehrkräften und Schüler:innen
    • Transparente Information über laufende Schulentwicklungsprozesse
    • Einrichtung eines Feedback-Systems zur schnellen Rückmeldung aus der Schulgemeinschaft
    • Optimierung von Stundenplanstrukturen zur Schaffung von Teamzeit für Lehrkräfte
  2. Langfristige Entwicklungsprozesse
    • Entwicklung und Implementierung eines schulischen Leitbilds
    • Stärkung der digitalen Schulentwicklung und nachhaltige Integration von Technologien
    • Aufbau einer datenbasierten Schulentwicklungsstrategie
    • Verankerung von Teamarbeit als strukturelles Prinzip der Schulorganisation

In meiner Einführung zur datengestützten Schulentwicklung habe ich das Konzept der >Data Team Intervention< vorgestellt. Dabei handelt es sich um einen strukturierten Prozess, in dem ein Team aus Lehrkräften, Schulleitung und ggf. weiteren Beteiligten gezielt daran arbeitet, schulische Herausforderungen mit Hilfe von Daten zu analysieren und zu lösen. Der Ansatz verbindet die systematische Nutzung von Daten mit der professionellen Weiterentwicklung der beteiligten Lehrkräfte. Data Teams sind damit kein Zusatzprojekt, sondern ein zentrales Instrument schulischer Führung, das professionelle Zusammenarbeit, datenbasierte Entscheidungen und kollektive Verantwortungsübernahme verbindet. Prof. Selter hat das kürzlich in einem Interview so dargestellt: [9]https://www.campus-schulmanagement.de/magazin/rechnen-im-team-gemeinsam-mathematiklernen-muss-staerker-betont-werden-christoph-selter

Ein vielfach empirisch belegter Schlüssel zum Erfolg liegt in der Arbeit in Schulnetzwerken: Drei bis fünf Lehrkräfte einer Schule – das sogenannte Schulteam – treffen sich regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen, um voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu inspirieren. Diese Netzwerke brechen das “Einzelkämpfertum” auf, das in Deutschland leider immer noch vorherrscht.

Die empirische Evidenz spricht dafür, schulische Netzwerkarbeit nicht dem Zufall oder individuellem Engagement zu überlassen, sondern sie als festen Bestandteil professioneller Schulentwicklung verbindlich zu verankern. Wo Schulen diese Formen der Zusammenarbeit systematisch etablieren, entsteht Entwicklungskraft. Wo sie fehlen, bleiben Reformen auf dem Papier.

Mikrosystem: Mindset pädagogisches Personal

Prof. Sliwka, Heidelberg

{„Damit der digitale Transformationsprozess in der Bildung gelingen kann, gilt es, die Lernprozesse der Schüler*innen und zugleich die der Lehrkräfte zu verändern.“

Prof. Tulowitzki, FH Nordwestschweiz

{„Es braucht das richtige Mindset: Technische Ressourcen, Infrastruktur und Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien sind Grundvoraussetzungen, damit Schulen den digitalen Wandel sinnvoll begleiten können. “

brand eins

{„Der Erfolg der digitalen Transformation hängt nicht vom Einsatz neuer Technologien ab. Entscheidend ist, dass wir willens und in der Lage sind, die Welt mit diesen Werkzeugen neu zu denken.“

In der heutigen Bildungslandschaft spielt das Mindset von Lehrkräften und Schulleitungen eine zentrale Rolle. Gemäß Bronfenbrenners Konzept des Mikrosystems bildet die unmittelbare, persönliche Wirklichkeit, bestehend aus direkten Interaktionen und Beziehungen den Grundbaustein für die individuelle Entwicklung von Schülerinnen und Schülern. Im schulischen Kontext bedeutet dies, dass nicht nur der Unterrichtsstoff, sondern vor allem auch das zwischenmenschliche Miteinander, die pädagogischen Haltungen und die Führungskultur maßgeblichen Einfluss auf das Selbst- und Weltbild junger Menschen haben.

Dabei darf das Mindset pädagogischen Personals nicht als individuelle Haltung isoliert betrachtet werden. Offenheit, Innovationsbereitschaft und konstruktiver Umgang mit Fehlern entstehen dort, wo Lehrkräfte in professionellen Strukturen arbeiten, die Orientierung geben, Zusammenarbeit ermöglichen und Sicherheit im pädagogischen Handeln schaffen. Es bestimmt, wie Herausforderungen angegangen werden, wie offen für neue Ideen und Innovationen das pädagogische Umfeld ist und wie Fehler und Misserfolge verarbeitet werden. Eine offene und konstruktive Haltung trägt dazu bei, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Schülerinnen und Schüler sich sicher fühlen, Fragen zu stellen und Risiken einzugehen. Dies fördert nicht nur den Lernerfolg, sondern stärkt auch das Selbstvertrauen und die Motivation der Lernenden. Wer Fehler als Lernchancen begreift, kann die Fehlerkultur in der Schule nachhaltig verändern. Dies fördert nicht nur die persönliche Entwicklung, sondern ermutigt auch Schüler, aus ihren Erfahrungen zu lernen, anstatt sich vor Misserfolgen zu fürchten. Eine solche Fehlerkultur wirkt sich unmittelbar auf Unterrichts- und Bewertungspraxis aus: Lernprozesse werden transparenter, formative Rückmeldungen gewinnen an Bedeutung, und Leistung wird stärker als Entwicklung verstanden – nicht als Momentaufnahme.

Die Einstellung von Schulleitung und Lehrkräften wirkt sich unmittelbar auf die gesamte Schulkultur aus. Ein offene Haltung beinhaltet, dass man bereit ist, konstruktive Kritik anzunehmen und daraus zu lernen. Feedback ist dabei ein wesentliches Instrument, um Selbstreflexion zu fördern, blinde Flecken zu erkennen und kontinuierlich an der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung zu arbeiten. Feedback entfaltet seine Wirkung jedoch nur dann, wenn es strukturiert, regelmäßig und zielbezogen erfolgt. Im schulischen Kontext unterstützen regelmäßige Feedbackprozesse nicht nur die individuelle Entwicklung von Lehrkräften und Schulleitungen, sondern tragen auch zur Schaffung einer Kultur der Offenheit und des Vertrauens bei. Dies ermöglicht es, Herausforderungen frühzeitig zu erkennen, innovative Ideen zu fördern und letztlich eine positive Lern- und Arbeitsatmosphäre zu etablieren. Es braucht klare Formate (etwa kollegiale Hospitationen, Feedbackschleifen im Team oder Rückmeldungen aus der Schülerschaft), die nicht kontrollieren, sondern professionelles Lernen ermöglichen.

Lehrkräfte ermöglichen, Lerninhalte, -formen und -tempi individuell an Schüler/-innen anzupassen. Das in Hessen erfolgreich eingeführte und in den Kerncurricula verankerte Prozessmodell zeigt einen möglichen Weg auf. Der Lehr-Lernzyklus besteht aus einer mit fünf Handlungsfeldern ausgewiesenen  Spirale und zielt darauf ab, Lehrenden und Lernenden bezogen auf einen an Kompetenzen orientierten Unterricht ein Handlungsgerüst zur Verfügung zu stellen. Neue Medien werden Lerngruppen abhängig hinzugezogen, wenn sie dem individuellen Lernprozess dienlich sind. Lehr-Lernzyklen können eine unterschiedliche Dauer haben. Es kann sich zum Beispiel um die Bearbeitung einer Lernaufgabe, um eine fachbezogene Unterrichtseinheit, um ein fächerübergreifendes Projekt oder um die langfristige Entwicklung von Kompetenzen mit wechselndem Inhaltsbezug (etwa beim Aufbau von Argumentationskompetenz) handeln. Im Zentrum des Prozessmodells stehen Lernende und Lehrende, die in fünf Handlungsfeldern aktiv sind und Verantwortung übernehmen. Das Prozessmodell unterstützt damit nicht nur individualisiertes Lernen, sondern entlastet Lehrkräfte im professionellen Handeln: Es bietet Orientierung in komplexen Lernsituationen und stärkt die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, ohne pädagogische Beliebigkeit zu erzeugen.

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformationsprozesse und der zunehmenden Automatisierung kognitiver Routinen gewinnt der „Deeper Learning“Ansatz an Bedeutung. Die Förderung der sog. 4K-Skills (Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration) werden in den drei Lernphasen ermöglicht:

  1. Schüler/-innen wenden Fachwissen an, 
  2. arbeiten kreativ und problemlösend und
  3. erbringen eine „authentische Leistung“, beispielsweise eine Präsentation, eine Ausstellung oder eine Aufführung.

Damit wird deutlich: Die Förderung der 4K-Skills ist keine Zusatzaufgabe, sondern integraler Bestandteil zeitgemäßer Unterrichtsentwicklung.

Die Haltung pädagogischen Personals ist damit kein „weicher Faktor“, sondern ein zentraler Wirkmechanismus schulischer Qualität – sie entscheidet darüber, ob Reformen im Klassenzimmer ankommen oder an der Türschwelle scheitern.

Mikrosystem: Mindset Generation Z

Schülerin, 9. Klasse, Offene Schule Waldau

{„Für mich ist es am wichtigsten, dass Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, selbst die Schule zu gestalten. Das sollten nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer machen.“

Schüler, 11. Klasse, Gymnasium Essen

{„Für mich bedeutet guter Unterricht eine häufige Einbindung der Schülerinnen und Schüler sowie ihre Möglichkeit, den Unterricht mitzugestalten.“

Schülerin, 4. Klasse, Grundschule Bonn

{„Bei uns teilen die Kinder ihre Ideen den Klassensprechern mit, damit die das dann ins Kinderparlament weitergeben. Dort werden Vorschläge besprochen und abgestimmt.“

Wenn Schule zur digitalen und gesellschaftlichen Gegenwart passen soll, müssen die Lernenden selbst konsequent einbezogen werden. Niemand erlebt Unterricht, Regeln und Lernprozesse unmittelbarer als sie – und niemand kann besser sagen, was funktioniert und was nicht. Lehrkräfte und Schulleitungen gewinnen enorm, wenn sie Schülerperspektiven aktiv einbinden, denn

  • Schülerinnen und Schüler wissen sehr genau, was ihre Lernprozesse fördert, was sie überfordert oder was sie schlicht nicht anspricht. Ob Unterrichtsstrukturen, digitale Werkzeuge, Lernsettings oder Feedbackformen, ihre Rückmeldungen führen oft zu direkten qualitativen Verbesserungen. Studien zur Schülerpartizipation zeigen: Wer im Unterricht mitreden darf, lernt nachhaltiger, motivierter und selbstständiger.
  • Beteiligung stärkt demokratische Grundhaltung: In einer Zeit, in der öffentliche Debatten polarisiert sind, wird Schule zur letzten verlässlichen Institution, in der junge Menschen den konstruktiven Streit lernen können. Fragen wie die Rentenreform, Wehrpflicht, KI im Alltag oder der Umgang mit Fake News sind längst Teil ihrer Lebenswelt. Wer sie bei solchen Themen ernst nimmt, stärkt nicht nur Sachkompetenz, sondern vermittelt etwas viel Wichtigeres: Demokratie funktioniert nur, wenn man zuhört, abwägt und mitgestaltet.
  • Regeln wirken nur, wenn sie mit den Betroffenen entwickelt werden: Ob Smartphone-Regeln, Nutzung von Sprachmodellen, Hausaufgabenkultur oder Lernzeiten, Schulen erleben immer wieder, dass top-down beschlossene Regeln kaum Akzeptanz finden. Wenn Schülerinnen und Schüler dagegen an der Entwicklung beteiligt sind, sei es über Klassensprecher, Schülerparlamente, Fokusgruppen oder regelmäßige Dialogformate, entstehen Regeln, die realistisch, nachvollziehbar und von der Mehrheit getragen werden. Partizipation bedeutet dabei nicht, dass Schülerinnen und Schüler alles entscheiden. Sie bedeutet, Entscheidungsprozesse transparent zu machen, Mitsprache ernsthaft zu ermöglichen und Verantwortung altersangemessen zu teilen.
  • Partizipation ist ein Schutzfaktor:  Viele Jugendliche erleben Unsicherheiten: Leistungsdruck, digitale Reizüberflutung, Zukunftsängste. Wer ihnen echte Mitsprache einräumt, vermittelt: Du wirst gesehen. Deine Meinung zählt. Deine Themen sind legitim. Diese Haltung stärkt Bindung, senkt Konflikte und fördert ein gesundes Schulklima. Gerade in einer Zeit wachsender psychischer Belastungen ist Beteiligung kein pädagogisches Zusatzangebot, sondern ein präventives Element schulischer Verantwortung.
  • Schule gewinnt Orientierung, die keine Studie liefern kann. Big Data liefert Trends, SMART Data liefert lokale Hinweise, und: Die authentischsten Daten kommen von den Lernenden selbst. Sie wissen, wie Unterricht heute wirkt, wo es stockt, welche Tools funktionieren, wo sie Unterstützung brauchen und welche Themen sie wirklich bewegen. Ihre Perspektiven sind nicht „nice to have“, sondern eine notwendige Ressource für jede Form von Schulentwicklung.

Wenn wir die Schule für die junge Generation gestalten wollen, dann müssen wir sie gemeinsam mit dieser Generation gestalten. So entsteht ein Raum, in dem Beziehungen, Dialog und echte Beteiligung die Grundlage für Lernen bilden.

Anlässlich einer Keynote in diesem Jahr habe ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu eingeladen, sich mithilfe eines Generationsverlaufs einen Eindruck davon zu verschaffen, wie unterschiedlich die Mindsets des pädagogischen Personals und der Lernenden möglicherweise sind. Die folgende tabellarische Darstellung vergleicht die sozialen Interaktionsmöglichkeiten der Generationen Boomer, Gen Y/Millennials und Gen Z. Im spezifischen Kontext der Generationenforschung/Soziologie dient sie der Analyse von Generationenmerkmalen im Wandel, in diesem Fall von Kommunikationsstilen und Technologienutzung.

Anleitung zur Verwendung der folgenden Bilder: Starten Sie mit Ihrer eigenen Generation und vollziehen Sie den Weg bis zur Generation Z nach. Fragen Sie sich dabei jeweils: Welche Schlüsse ziehe ich daraus für meine Arbeit?

Der Generationsvergleich dient dabei nicht der Typisierung einzelner Personen, sondern als Reflexionshilfe für veränderte Kommunikations-, Lern- und Beteiligungsbedürfnisse.

Zur Generationenanalyse passt auch dieser bemerkenswerten Mentalitätswandel innerhalb der Generation Z: Immer mehr junge Menschen interessieren sich wieder für sogenannte „ehrliche“ Berufe – also Tätigkeiten im Handwerk und in der Industrie – anstatt klassische Bürojobs anzustreben. Eine LinkedIn-Umfrage zeigt, dass 59 % der 18- bis 28-Jährigen sich eher für handwerkliche oder industrielle Berufe entscheiden würden. Gründe sind vor allem Jobsicherheit, Sinnstiftung und Abgrenzung von KI-bedingter Unsicherheit. Über die Hälfte der Gen Z sorgt sich, dass KI ihre Berufschancen verändert, und passt ihre Entscheidungen entsprechend an. Büro- und Wissensberufe gelten dabei als stärker gefährdet als praktische Berufe. Das Ansehen praktischer Berufe hat laut Umfrage in den letzten fünf Jahren deutlich zugenommen. Gen Z verbindet Handwerksberufe zunehmend mit Teamarbeit und Kreativität, nicht mehr nur mit körperlicher Arbeit. Trotz finanzieller Nachteile und sozialer Vorurteile erlebt das Handwerk eine Renaissance unter jungen Menschen – befeuert durch Sinnsuche, Sicherheitsbedürfnis und den Wunsch nach realer Wirksamkeit in einer von KI geprägten Arbeitswelt. Für Schule bedeutet dieser Mentalitätswandel: Praxisnähe, reale Produkte, sichtbare Wirksamkeit und projektorientiertes Arbeiten gewinnen weiter an Bedeutung – nicht nur in der Berufsorientierung, sondern auch im allgemeinbildenden Unterricht.

Die bisherigen Betrachtungen spielten sich auf der Meta-Ebene ab. Praxisnahe Hinweise finden sich in den folgenden aktuellen Beispielen von Schülererwartungen:

Ein Jahr war Quentin Gärtner Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und Stimme für mehr als 11 Millionen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Auch nach dem Ende seiner Amtszeit setzt er sich dafür ein, dass junge Menschen mehr in politische Entscheidungen einbezogen werden.

Die Schülerin Amy Kirchhoff betont vor allem, dass Jugendliche systematisch zu wenig gehört und an Entscheidungen beteiligt werden, obwohl Politik und Schule ihr Leben massiv betreffen. Gleichzeitig beschreibt sie ihre Generation als engagiert, demokratisch orientiert und keineswegs ideenlos, wünscht sich aber mehr echte Mitbestimmung und bessere politische Bildung.

  • Die Einbindung von Haftbefehls Musik und Lebensgeschichte in den Unterricht wird kontrovers diskutiert, da Schüler die Relevanz für ihre Lebenswelt und die Auseinandersetzung mit Themen wie Identität und sozialen Problemen sehen, während Ministerien und Lehrerverbände Bedenken bezüglich der expliziten Inhalte (Drogen, Gewalt) und des Bildungsauftrags haben, obwohl die Lehrpläne Schulen grundsätzlich pädagogischen Freiraum zur Behandlung relevanter Jugendkultur geben. Eine feste Aufnahme in den offiziellen Lehrplan wird von Ministerien abgelehnt, aber die individuelle Einbindung durch Lehrkräfte ist möglich und wird von vielen als Chance gesehen, relevante Themen der Jugendkultur aufzugreifen, sofern eine sorgfältige didaktische Vorbereitung und Sensibilität für die Inhalte gewährleistet sind. Die Einbindung von Jugendkultur bedeutet dabei keine unkritische Übernahme, sondern eine didaktisch reflektierte Auseinandersetzung mit Sprache, Rollenbildern, sozialen Konflikten und Identitätsfragen. Quellen zum Thema: 

Wenn Schule junge Menschen ernst nimmt, gewinnt sie nicht nur Akzeptanz, sondern Erkenntnis. Beteiligung ist kein pädagogisches Risiko – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Schule in einer digitalen, pluralen Gesellschaft handlungsfähig bleibt.

Schlussbemerkung

Wir stehen am Beginn des Jahres 2026. Mein Blick zurück zeigt mir: Die digitale Transformation unserer Schulen ist nie allein eine Frage der Technik, sondern immer eine Frage der Kultur. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass wir die Generation Z in ihrer „Kultur der Digitalität“ nur dann angemessen begleiten können, wenn wir unsere Steuerungsmechanismen grundlegend professionalisieren. Es reicht nicht mehr aus, Lehrpläne lediglich zu digitalisieren oder KI als additives Werkzeug zu betrachten. Wir stehen vor der Aufgabe, ein Bildungsökosystem zu schaffen, das agil, evidenzbasiert und konsequent schülerzentriert agiert. Der Schlüssel liegt in einem Paradigmenwechsel, den uns Bildungssysteme wie sie in Teilen Kanadas bereits erfolgreich vorgelebt werden: Wir müssen uns von einer „hoffnungsbasierten“ Schulentwicklung verabschieden – dem Glauben, dass gut gemeinte Maßnahmen schon irgendwie wirken werden – und hin zu einer datengestützten Professionalität gelangen. Daten sind keine bürokratische Last, sondern das Fundament für Bildungsgerechtigkeit. Sie ermöglichen es uns, nicht nur zu vermuten, was unsere Schülerinnen und Schüler brauchen, sondern es zu wissen und in der „Zone der nächsten Entwicklung“ wirksam zu handeln, also dort, wo Lernende mit gezielter Unterstützung den nächsten Kompetenzschritt bewältigen können.

Schulentwicklung ist ein gesteuerter, evidenzorientierter und partizipativer Prozess innerhalb einer Schule, dessen Fortschritte sich datengestützt abbilden lassen und in dessen Mittelpunkt die Unterrichtsqualität in einer salutogenen Umgebung steht (Jan Haurand, Schulleiter NRW). Evidenzbasierte Praxis heißt, wissenschaftliche Erkenntnisse mit professioneller Expertise und den Bedingungen der eigenen Lerngruppe zu verbinden. (Clearing House, TU München).

Dieses „Big Picture“ ist eine Einladung an alle Stakeholder, von den Ministerien über die Schulaufsicht und Schulleitungen bis hin zu den Schulträgern und der Wirtschaft, ihre Rollen neu zu definieren. In einem Bildungsökosystem, in dem Mikro-, Meso- und Makroebene aufeinander abgestimmt wirken. Lassen Sie uns die silosartigen Strukturen aufbrechen und gemeinsam Verantwortung übernehmen: für ein Curriculum, das Fächergrenzen überwindet, für eine KI, die individuelles Lernen demokratisiert, indem sie adaptive Unterstützung ermöglicht, nicht indem sie pädagogische Verantwortung ersetzt. Und für eine Führungskultur, die Fehler als Chance und Daten als Kompass begreift. Professionalisierte Steuerung bedeutet dabei nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Transparenz, Verlässlichkeit und gemeinsame Verantwortung.

Die Frage ist nicht, ob wir uns diesen Paradigmenwechsel leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, weiter darauf zu verzichten. Schule wird dann zukunftsfähig, wenn sie nicht schneller, sondern klüger lernt – über sich selbst, über ihre Schülerinnen und Schüler und über die Wirkung ihres Handelns.

Bildnachweis:

Titelbild

Rick Payne and team / Better Images of AI / Ai is… Banner / CC-BY 4.0

GenZ: ChatGPT 5.2 mit dem Prompt: Erstelle eine hochwertige, realistische Illustration im Editorial-Stil: Zwei Jugendliche (w/m) stehen im Zentrum des Bildes und blickt nach vorne. Die linke Bildhälfte zeigt eine klassische Schulumgebung (Tafel, Schulbank, Papier, Kreide), die rechte Bildhälfte eine abstrahierte digitale Welt mit Datenströmen, KI-Netzwerken, Diagrammen und Codefragmenten. Der Übergang zwischen analoger und digitaler Welt ist fließend. Ruhige, ernste Atmosphäre, keine Science-Fiction-Optik. Farbkonzept: warme Töne links, kühle Töne rechts. Stil: Editorial, hochwertig, geeignet für überregionale Bildungs- und Gesellschaftsmedien. Kein Text im Bild.

Updates

Der achte Band der Herausgeberreihe „Dortmunder Symposium der Empirischen Bildungsforschung“ widmet sich dem Thema, welche Kompetenzen für die zukünftige Gesellschaft relevant sind und wie es Schule gelingen kann, diese zu vermitteln. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels und der zunehmenden Bedeutung von Digitalität und Künstlicher Intelligenz für zukünftiges gesellschaftliches Zusammenleben adressiert dieser Band aktuelle zentrale Fragen der Bildungsforschung. Die Beiträge dieses Buches beleuchten diese Frage einerseits aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen der Empirischen Bildungsforschung und stellen zum anderen aktuelle Forschungsbefunde zu ausgewählten Zukunftskompetenzen dar. Die sich daraus ergebenden Implikationen für die Schule von heute werden in den Beiträgen beleuchtet und diskutiert.

Rückblick 2025 (1): Von Daten zur Analyse

Wie Kanada, Estland und andere Länder Schule neu denken

Kurzfassung anzeigen

Was internationale Schulsysteme Deutschland über Daten, KI und Reformmut lehren

Der Rückblick auf das Bildungsjahr 2025 zeichnet ein ernüchterndes Bild: Leistungsabfälle in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, wachsende Disparitäten und eine spürbare Demotivation vieler Schülerinnen und Schüler. Nationale und internationale Studien wie PISA 2022, der IQB-Bildungstrend oder die JIM-Studie belegen, dass es sich längst nicht mehr um punktuelle Schwächen handelt, sondern um eine strukturelle Krise des deutschen Bildungssystems .

Zugleich zeigt sich ein paradoxer Befund: Während Kompetenzen sinken, sind digitale Medien und Künstliche Intelligenz im Alltag der Jugendlichen selbstverständlich geworden. KI wird bereits heute für Recherche, Textproduktion und schulische Aufgaben genutzt – häufig ungesteuert, rechtlich unsicher und pädagogisch kaum begleitet. Jugendliche selbst formulieren dabei erstaunlich klar ihre Erwartungen: Sie wünschen sich Orientierung, Transparenz und Unterstützung beim kritischen Umgang mit KI, statt pauschaler Verbote .

Der Text macht deutlich, dass die entscheidende Frage nicht lautet, ob KI Einzug in Schule hält, sondern wie systematisch sie eingebettet wird. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass andere Länder schneller von der Phase der Skepsis in die Phase der Gestaltung übergegangen sind. Estland, die Niederlande, Skandinavien sowie die kanadischen Provinzen Ontario und British Columbia verbinden datengestützte Schulentwicklung, curriculare Reformen und verpflichtende Lehrerfortbildung zu kohärenten Gesamtsystemen. KI wird dort nicht als Zusatz, sondern als Werkzeug für personalisiertes Lernen, Feedback und Kompetenzentwicklung verstanden – flankiert durch klare Regeln und staatliche Infrastruktur .

Besonders auffällig ist dabei ein gemeinsames Strukturmerkmal erfolgreicher Systeme: Professionalisierung findet nicht „on top“, sondern innerhalb der Arbeitszeit statt. Teamzeiten, datenbasierte Schulentwicklung und Fortbildung sind verbindlich eingeplant und ressourcenseitig abgesichert. Deutschland hingegen verharrt vielerorts im Modell des pädagogischen Einzelkämpfers, während Verantwortung, Unsicherheit und Innovationsdruck an Schulen delegiert werden .

Der Rückblick mündet in einen klaren Appell: Bildungsforschung, internationale Evidenz und digitale Technologien sind vorhanden – es fehlt nicht an Erkenntnissen, sondern an konsequenter Umsetzung. Notwendig sind eine Revision der Curricula mit Fokus auf Zukunftskompetenzen, rechtssichere Leitlinien für den KI-Einsatz, nachhaltige Investitionen in Lehrerfortbildung und eine stärkere Nutzung von Daten als Lernhilfe statt als Kontrollinstrument.

Die zentrale These lautet: Bildungssysteme werden nicht besser durch mehr Projekte, sondern durch bessere Strukturen. Wer Lernen evidenzbasiert, professionell und mutig gestalten will, muss bereit sein, Steuerung neu zu denken – und Schule als lernendes System ernst zu nehmen.

Disclaimer:

Ich habe ChatGPT den unten stehenden Text gegeben und ihn um eine Zusammenfassung im Stil der gleichnamigen Rubrik gebeten, wie sie in überregionalen Zeitschriften wie der ZEIT oder der SZ für die Zusammenfassung der ausführlichen und online abrufbaren Artikel verwendet wird.

In diesem Jahr habe ich mich sehr stark mit Fragen der Schulentwicklung auseinandergesetzt. Dabei sind zwei Portfolios entstanden, die sich auch in meinem Rückblick widerspiegeln:

In meinem Rückblick möchte ich darlegen, wie datengestützte Schulentwicklung, der sinnvolle Einsatz von KI im Unterricht und ein reflektierter Umgang mit digitalen Medien zusammenhängen. Zudem möchte ich einen Appell an die bildungspolitische Steuerung richten: Sie sollte die aktuellen Bildungsstudien nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch handeln. Mögliche Anregungen liefern die Erfahrungen anderer Länder weltweit, die sich der Herausforderung heterogener Lerngruppen gestellt und diese lösungsorientiert sowie innovativ angegangen sind, durch:

  • Curriculare Reform mit Blick auf die Kultur der Digitalität: Reduktion auf Basisinhalte, fächerverbindende Konzepte, KI-Kompetenzen
  • Professionalisierung und Fortbildung: Lehrkräfte befähigen, KI-Potenziale fachspezifisch zu nutzen
  • Kontinuierliche, datengestützte Schulentwicklung: Data-Teams, Lernanalysen, Feedback-Loops

Erst durch die Verbindung dieser Ebenen entsteht ein Ökosystem des Lernens, das nicht reaktiv, sondern evidenzbasiert handelt. Dies hat sich bei meinen Recherchen im Ausland bestätigt. Zunächst jedoch folgt eine Zusammenfassung der jüngsten bundesweiten Erhebungen.

Big Data: IQB Bildungstrend 2024 (2025)

Die Veröffentlichung des IQB-Bildungstrends 2024 im Jahr 2025 [1]https://eduresearch.social/@IQB_media hat deutlich gemacht, wie tiefgreifend die Krise in unserem Bildungssystem inzwischen ist. Nicht nur im sprachlichen Bereich [2]https://www.youtube.com/watch?v=qTxL5ZuMXa8, sondern auch aktuell in Mathematik und den Naturwissenschaften zeigen sich besorgniserregende Rückgänge. Die IQB-Studien dokumentieren einen massiven Kompetenzverlust, der mindestens einem halben Schuljahr Lernzeit entspricht. Erschwerend kommt hinzu, dass über die Hälfte der getesteten Jugendlichen für Mathematik, Chemie und Physik nur ein geringes Interesse angibt. Zudem hat sich ihr Selbstkonzept verschlechtert, wodurch sich auch ihre Lernmotivation verringert hat.

Wie interessiert sind Neuntklässler*innen in Mathematik und den Naturwissenschaften? Und wie schätzen sie ihre eigenen Fähigkeiten ein?

Welche Rolle spiel Geschlecht im Bildungserfolg?

 

 

Welche Rolle spielt soziale Herkunft im Bildungserfolg?

 

Welche Rolle spielt Zuwanderungshintergrund im Bildungserfolg?

 

 

Wie zufrieden sind Neuntklässler mit ihrer Schule?

Fühlen sich Neuntklässler sozial eingebunden?

Welcher Anteil der Neuntklässler berichtet von emotionalen Problemen? Wie viele fühlen sich unaufmerksam, wie viele sozial eingebunden?

 

Diese Ergebnisse stehen nicht isoliert. So hat das IQB 2023 für die sprachlichen Fächer Deutsch und Englisch ebenfalls massive Rückgänge bzw. wachsende Disparitäten nachgewiesen. Wir haben es nicht nur mit einem Rückgang von Kompetenzen zu tun, sondern auch mit einem gesellschaftlichen Systemdruck, der bisher immer benachteiligte Gruppen traf und nunmehr ebenfalls im gymnasialen Bereich festgestellt wurde.

 

IQB Bericht Ergebnisse

 

Die PISA‑Studie 2022 weist ebenfalls auf einen alarmierenden Leistungsabfall hin: In Deutschland rutschten die Schüler in der  in den Bereichen Lesen und Mathematik auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung:

Damit wächst der Bedarf nach Steuerung, auf allen Ebenen: Auf der Makroebene: in den Bildungsministerien, auf der Microebene: Small Data durch schulinterne Befragung und Auswertungen der Lernstandserhebungen (IQB, Vera, Kermit). Durch die Verbindung beider Wissensformen entsteht ein Ökosystem des Lehrens und Lernens, evidenzbasiert und auf angemessene Reaktion auf ide nachgewiesenen Missstände.

 

Big Data: JIM – Studie 2025

In die anzustellenden Überlegungen möchte ich noch eine zweite Studie einbeziehen: die JIM-Studie 2025.[3]https://mpfs.de/app/uploads/2025/11/JIM_2025_PDF_barrierearm.pdf Sie untersucht das Medienverhalten von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren in Deutschland. Sie bestätigt die vielen anderen Studien dieses Jahres, die zeigen, wie wichtig Smartphones, Social Media und weitere digitale Angebote im Alltag dieser Altersgruppe geworden sind – mit all den Chancen und Problemen, die das mit sich bringt.

Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass künstliche Intelligenz (KI) inzwischen im Alltag der Jugendlichen angekommen ist und auch im schulischen Kontext genutzt wird. Dabei verwenden die Jugendlichen neben ChatGPT auch andere KI-Angebote, wobei die Nutzung vielfältig ist und sich sowohl bei der Recherche als auch bei anderen schulbezogenen Aufgaben zeigt. Es wird deutlich, dass Jugendliche KI als Werkzeug wahrnehmen, das Potenzial hat, sie bei der Bewältigung von Zukunftsfragen zu unterstützen und gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen.

Die Jugendlichen betonen die gemeinsame Verantwortung von Familie, Schule, Medienanbietern und Politik, Kompetenzen im Umgang mit KI zu fördern. Sie wünschen sich Angebote und Bildung, die sie befähigen, KI kritisch zu erkennen, ihre Antworten richtig einzuordnen und Quellen zu prüfen. Dazu gehört auch, dass sie erwarten, im schulischen Kontext mehr Unterstützung und Orientierung im Umgang mit KI zu erhalten, um die Chancen zu nutzen und Risiken zu vermeiden.

Big Data: Telekom Trendmonitor

Der Trendmonitor KI in der Bildung der Telekom-Stiftung[4]https://www.telekom-stiftung.de/sites/default/files/files/media/publications/trendmonitor-ki-in-der-bildung-25.pdf (versucht) einen Zukunftsblick auf das dynamisch wachsende Feld, in dem sich alle Akteur:innen – Schüler:innen, Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulträger, politische Entscheidungsträger – zurechtfinden müssen. Dieser erste Trendmonitor bietet ihnen dazu die notwendige Orientierungs-, Bewertungs- und Entscheidungsbasis.

Als wesentliche Ergebnisse werden genannt:

  1. Der Einsatz von KI-Agentensystemen an Schulen zeichnet sich als ein technologischer Trend ab. Diese komplexen Systeme werden das Lehren, Lernen und Prüfen in Zukunft weitaus umfassender begleiten und unterstützen können.
  2. KI kann das Lernen für Kinder und Jugendliche personalisierter und individualisierter gestalten – insbesondere mit Technologien wie Intelligenten Tutoringsystemen oder KI-Agentensystemen. Darin könnte eine große Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit liegen.
  3. Schulen brauchen Gestaltungsspielräume, um KI-Anwendungen auszuprobieren, für sich weiterzuentwickeln und damit experimentieren zu können.
  4. Die für den Trendmonitor befragten Expertinnen und Experten äußern häufig die Befürchtung, dass Schüler:innen durch die Nutzung der neuen technologischen Möglichkeiten Fertigkeiten wie das Schreiben längerer Texte verlieren (Deskilling).

Es folgen nun Zitate aus der Studie. Anschließend werden einige Interviewaussagen aus dem Trendmonitor sowie Reaktionen darauf aus den sozialen Medien präsentiert. Ich habe sie gemäß dem Ökologie-Ansatz Bronfenbrenners zugeordnet.

{Kompetenzförderung bei Lehrkräften sowie KI-Lösungen aus der EU – im Einklang mit der KI-Verordnung – sind aktuell, aber auch in Zukunft die wichtigsten Herausforderungen.{
{Risiken werden in erster Linie bei textgenerierenden Systemen gesehen: Es bestehe die Gefahr, ungeprüfte, verzerrte oder diskriminierende Lerninhalte zu verbreiten sowie Lehrkräfte bei der Unterscheidung KI- und menschlich erstellter Leistungen zu überfordern.{
{In Deutschland bedeutet KI in der Schule aktuell vor allem Experimentieren mit ChatGPT und Co. Für die kommenden Jahre wird eine deutliche Zunahme aller und insbesondere bildungsspezifischer KI-Anwendungen erwartet.{
{Mittlerweile sind viele KI-Anwendungen fächerübergreifend. Angebote für Mathematik und Spracherwerb überwiegen aber nach wie vor.{
{KI-Angebote richten sich gleichermaßen an Lehrkräfte und Schüler:innen, während sie erneut kaum für die Verwaltung bereitgestellt werden.{
{KI wird in Schulen vor allem in Form von text- und bildgenerierender KI eingesetzt, aber auch als wissensbasierte intelligente Tutoringsysteme.{
{Seit 2021 hat sich das KI-Angebot für schulische Zwecke in Deutschland etwa verdreifacht. US-Anwendungen dominieren nach wie vor das für Deutschland relevante Angebotsfeld.{

… aus Sicht der Schule …

Thorsten, Lehrer

{„Möchte ich nicht mehr missen: LLMs (umgspr. KI), Sprachtranskripte (umgspr. Diktatsoftware), Podcasts (Audio + Transkript). Erleichert beruflich so viel, lässt Zeit einsparen und gewinnen für Dinge im Job, die mehr Zeit brauchen. Mehr Zeit für Menschlichkeit durch Maschinen. Das ist gut so!“ Quelle

N.N., Lehrer

{„Einige experimentieren sehr viel mit Chatbots. Die Referendare machen das zum großen Teil schon intensiv … Wir Lehrer sind da ganz stark Einzelkämpfer, was das Nutzen von KI angeht. Auch der Austausch ist sehr begrenzt. Die Kollegen sind da zurückhaltend. Aber man weiß es, dass Schüler KI nutzen, um zu schummeln.“ Quelle

Erik, Schulleiter

{„Es ist Sonntagabend und es kommen wieder Elternmails, zunehmend mit fettgedruckten Passagen und ungewöhnlichen Bindestrichen, gerne mit obskuren Rechtsverweisen und knallharten Forderungen (...) Das wird dann gelegentlich zu einem regelrechten KI Ping-Pong. Wird Zeit, dass das die KI-Agenten übernehmen...“ Quelle

… aus Sicht der Schulträger …

{„Schulleitungen müssen rechtlich dafür geradestehen. Bisher konnten weder Schulleitung noch Ministerium sagen, was man nutzen darf, sondern nur, was man nicht nutzen darf. Da wäre ein Gütesiegel sehr gut. Diese Scheu davor, nicht zu wissen, womit man rechtlich ok arbeiten kann, ist sehr hinderlich.“ Quelle
{„Die LLMs sind sehr gut geworden. Es kommt auf das gute Prompting an. Ich muss heute kaum noch ein Wort ändern vom KI-generierten Text. Das ist eine riesige Erleichterung. Das Kontrollieren kostet mich nichts.“ Quelle
{„Ich weiß von einer Schule, in der die Kolleginnen und Kollegen KI für Projektentwicklungen und Ideenfindung zum Beispiel Spiele, aber auch für die Dokumentation nutzen. Ihre Schüler:innen erstellen mit Sprachassistenten zweisprachige Bücher und bebildern sie mit KI.“ Quelle

… aus Sicht der Bildungspolitik …

Ayla Celik, NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

{„Schulleitungen brauchen Freiräume für Führung, pädagogische Entwicklung und Schulqualität – keine weiteren Projekte, die zusätzliche Einarbeitung erfordern.“ Quelle

Ayla Celik, NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

{„KI ersetze keine Menschen, Entlastungsstunden oder verlässliche Strukturen.“ Quelle

Ayla Celik, NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

{„Der Ansatz, Schulleitungen künftig auch mit Künstlicher Intelligenz bei Verwaltungsaufgaben zu entlasten, ist grundsätzlich richtig – doch er darf nicht darüber hinwegtäuschen, wo die Ursachen der Überlastung wirklich liegen.“ Quelle

Armin Himmelrath (DER SPIEGEL)

{„Die Glorifizierung analoger Abiturklausuren ist ein Irrweg zu Lasten der Schülerinnen und Schüler. Gut, dass in NRW in Zukunft künstliche Intelligenz in einzelnen Abiturprüfungen eingesetzt werden kann.“ Quelle

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Österreich)

{„Die Frage der Überprüfung von Leistungen im Schulbereich verändert sich gerade grundlegend. Es wird weniger das Faktenwissen abgefragt, sondern Kompetenzen bewertet. Das ist das, was man in einer heutigen Gesellschaft braucht: Kreativität, Kritik- und Kooperationsfähigkeit.“ Quelle

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Österreich)

{„Wir sehen einen großen Wandel – immer mehr Lehrkräfte verwenden KI für die eigene Unterrichtsvorbereitung.“ Quelle

Schulministerin Feller (NRW)

{„Künstliche Intelligenz kann und soll Schulleiterinnen und Schulleitern den Alltag erleichtern, damit sie mehr Zeit für ihre Kernaufgaben haben.“ Quelle

… aus Sicht der Bildungsforschung …

Uni Passau

{„Das Sprachmodell GPT von OpenAI zeigt eine zu menschlichen Prüferinnen und Prüfern ähnliche Leistung beim Einordnen von Freitextantworten. (...) Die Forschenden plädieren dafür, Prüfungsaufgaben weiterhin eng von Menschen begleiten zu lassen. Als kritische Zweitprüferin sei KI aber durchaus geeignet.“ „Wenn das KI-Modell eine Rangfolge der Textantworten nach Korrektheit und Vollständigkeit erstellen sollte - im Sinne von: die beste, zweitbeste oder schlechteste Antwort -, erreichte GPT eine vergleichbare Leistung zu menschlichen Prüferinnen und Prüfern.“ „Bei der Bewertung der Textantworten nach einem Punktesystem schnitt das KI-Modell qualitativ etwas schlechter ab. Tendenziell bewertete GPT großzügiger als die Menschen, zum Teil um fast eine ganze Note.“ Quelle

N.N., KI-Forscherin

{„Nach IGLU können 1/3 der Kinder nach der Grundschule nicht hinreichend lesen – wo sind die Anwendungen, die das angehen? Es wird Zeit, dass die von PISA zu IGLU ja nun wirklich explizit und klar aufgezeigten Defizite adressiert werden.“ Quelle

N.N., Bildungswissenschaftlerin

{„MINT-Fächer werden eigentlich immer als erste genannt, wenn es um Potenziale für den KI-Einsatz geht. Das ist schon überraschend, dass das die Expert:innen nicht so sehr sehen.“ „Heute fehlt bei den Lehrkräften die Basis in der Aus- und Fortbildung, um die Systeme für den eigenen Fachunterricht systematisch einzuführen. In fünf Jahren gibt es da mehr und auch mehr tutorielle Anwendungen.“ „Was wichtig ist, damit man KI-Generiertes beurteilen kann: Man braucht ein Verständnis für die unterschiedlichen Funktionsweisen der Technologiearten. Daher muss man als Lehrkraft verstehen, wie das LLM arbeitet. Und wenn man das kann, dann kann man auch entsprechend mit KI arbeiten. Zum Beispiel im Rahmen der Vorbereitung aufs Abitur KI zur Textoptimierung nutzen, indem das Formulieren von guten Prompts erlernt wird.“ „Jetzt wirkt das Thema Datenschutz noch sehr hemmend. Wo landen die Daten, wie werden sie verarbeitet? Da sind Lehrkräfte lieber vorsichtig, warten, dass aufseiten der Landesministerien was bereitgestellt wird.“ Quelle

Erika Galea, Uni Oxford

{„Die Schüler:innen von heute beginnen, mit Maschinen zu denken – sie gewinnen an Schnelligkeit und Geschicklichkeit bei der Verarbeitung von Ideen, verlieren aber manchmal die Tiefe, die durch Pausen, Hinterfragen und unabhängiges Denken entsteht.“ „Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, die Technologie zu beherrschen, sondern die Tiefe des menschlichen Denkens in einem Zeitalter der synthetischen Kognition und künstlichen Intelligenz zu bewahren.“ Quelle Zur Studie

Prof. Dr. Niels Pinkwart

{„KI bringt eine tiefgreifende Transformation. So wie Computertechnologie wird auch KI in der Zukunft einfach überall sein, auch in der Bildung. Sie wird sich so sehr in unser Leben integrieren, immer mehr zum Alltagsbestandteil werden, dass es eigentlich nicht mehr möglich sein wird, zu unterscheiden: „Verwende ich jetzt gerade KI oder nicht?“ In der Bildung sind wir da im Moment aber noch überhaupt nicht.“ Quelle

Prof. Dr. Doris Weßels

{„In der Bildung nehmen wir KI noch wie einen Fremdkörper wahr. Und wir sehen einen Digital Divide, der sich durchs Lehrer:innenkollegium zieht, durch die Klassen, die Elternhäuser.“ Quelle

Forderung einer Revision des Curriculums

Seit den Ergebnissen von PISA 2022 und dem IQB-Bildungstrend ist die Diskussion um die Qualität der schulischen Bildung in Deutschland neu entflammt. Viele Akteure sind sich einig: Das gegenwärtige Modell steht unter Druck. Gestiegene Heterogenität, Kompetenzrückgänge in den Bereichen MINT und Lesen, Lehrkräftemangel und eine nur zögerlich voranschreitende Digitalisierung verstärken sich gegenseitig. Während über einen notwendigen Wandel diskutiert wird, lohnt sich ein Blick auf Länder, die seit Jahren stabil im oberen Leistungsdrittel internationaler Vergleichsstudien rangieren und gleichzeitig gesellschaftliche Teilhabe, Chancengerechtigkeit und digitale Modernisierung erfolgreich miteinander verbinden.

Besonders interessant für Deutschland sind jene Systeme, die kulturell und strukturell anschlussfähig sind, also weder als „asiatisches Drillmodell“ abgetan werden können, noch als „politisches Labor“ gelten. In den folgenden Abschnitten liegt der Fokus deshalb auf vier Bildungsräumen, die für die deutsche Debatte besonders relevant sind: Estland, Niederlande, Skandinavien und Schweiz.

Estland rangiert seit Jahren an der Spitze der europäischen PISA-Ergebnisse. Das Land zeigt, dass erfolgreiche Bildungsentwicklung nicht allein eine Frage der Ressourcen ist, sondern der strategischen Prioritäten. Die folgenden Leitlinien prägen Estlands Erfolg:

  • Es wird eine starke Leistungsorientierung betont: mit einem hohen Stellenwert schulischer Leistung in den Familien, sehr disziplinierter Lernatmosphäre und sichtbare öffentlicher Würdigung der Jahrgangsbesten (Medaillenwand, starke Betonung von Rankings).
  • Digitale Infrastruktur und Medienbildung als Grundrecht: Digitales Lernen wurde bereits in den 1990er-Jahren strukturell verankert. Heute ist Medienbildung kein zusätzliches Fach, sondern eine curriculare Querschnittsanforderung. Die Schulen verfügen über ein flächendeckendes, staatlich bereitgestelltes Lernmanagementsystem, in dem alle Schulbücher, Lern- und Leistungsdaten landesweit digital verfügbar sind; dazu kommt das klar definierte Berufsbild der „Educational Technologists“ als systematische Unterstützungs- und Entwicklungsrolle an Schulen.
  • Gemeinsames Lernen und Struktur: In Estland wird gemeinsames Lernen bis Klasse 9 praktiziert, mit frühen, anspruchsvollen wissenschaftspropädeutischen Anforderungen kombiniert (z.B. Posterpräsentationen auf quasi universitärem Niveau bereits in Klasse 10/11) und einer insgesamt „härteren“ Leistungs- und Disziplinkultur. (s.o.)
  • Frühkindliche Förderung als gleichheitsstiftender Faktor: Schon ab dem Vorschulalter werden Sprachförderung, mathematisches Denken und erste digitale Kompetenzen aufgebaut. Der Übergang in die Primarstufe ist nicht scharf, sondern ein gleitender Lernprozess.
  • Lehrkräfte als forschende Praktiker: Fortbildung ist verpflichtend, Diagnosekompetenz und evidenzbasierte Unterrichtsentwicklung gehören zur professionellen Identität. Schulen arbeiten systematisch mit Leistungsdaten, Lernerträgen und Schülerfeedback.

Die Niederlande verfolgen seit Jahrzehnten eine evidenzbasierte Bildungspolitik, die einen starken Fokus auf Diagnostik und individuelle Förderung legt. Der Schwerpunkt liegt auf frühkindlicher Bildung, Sprach- und Leseförderung sind systematisch eingerichtet. Mithilfe von Diagnostik wird Förderbedarf früh erkannt, noch bevor sich Lernlücken verfestigen. Die Niederlande sind geprägt von einer starken MINT-Kultur: Viele Schulen pflegen Partnerschaften mit Hochschulen, Makerspaces, Coding-Initiativen, Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen. Eine Kultur des formativen Assessments sorgt für eine Loslösung von einer nahezu vollständigen Abschlussorientierung: Daten sollen der Lernentwicklung dienen. Ich bin im Rahmen meines Themenschwerpunkts „Datengestützte Schulentwicklung“ im ersten Teil der Reihe darauf eingegangen.

Skandinavien gilt oft als Vorbild für unser Schulsystem. Es zeichnet sich durch einen starken Fokus auf Chancengleichheit, individuelle Förderung und soziale Aspekte aus. Die Schulen sind häufig Ganztagsschulen mit viel Fachpersonal, zum Beispiel Psychologen und Sozialarbeiter. Es findet weniger frühe Selektion statt und Noten werden oft erst später vergeben. Der Fokus liegt auf Teamarbeit, demokratischer Bildung und kritischem Denken. Die Schulpflicht besteht in der Regel bis zur 9. Klasse, anschließend gibt es flexible weiterführende Schulangebote. Die Integration von Digital Literacy wird in diesen Ländern zwar aktuell diskutiert, allerdings mit Schwerpunkt in der Primarstufe.

Ähnlich wie in Deutschland verfügt die Schweiz über eine föderale Struktur mit kantonaler Verantwortung in einem nationalen Bildungsrahmen. Dieser sorgt für inhaltliche Stabilität. Eine besondere Herausforderung ist die Mehrsprachigkeit: Je nach Sprachregion werden die vier Amtssprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch als Unterrichtssprachen verwendet. Zusätzlich wird fast überall Englisch als erste oder zweite Fremdsprache unterrichtet und oft auch eine weitere Landessprache als Wahlfach. Viele MINT-Kompetenzen werden praxisnah vermittelt. Dadurch werden soziale Selektionsrisiken reduziert. Die Professionalisierungsstrukturen sind gut ausgebaut, Praxisphasen sind verbindlich und die Kooperationen zwischen Forschung und Schule sind eng. Anfang des Jahres habe ich meine ehemaligen Kollegen besucht und dies hier dokumentiert. Der Besuch zeigt, dass föderale Systeme funktionieren können, wenn sie kohärente Kompetenzprofile, Lehrkräfteentwicklung und berufliche Bildung zusammendenken.

British Columbia - Ontario (Kanada)

Ich hätte Kanada auch in den vorherigen Abschnitt aufnehmen können. Es nimmt jedoch aus zweierlei Gründen eine Ausnahmeposition ein. Zum einen konnte ich Mitte der 1990er-Jahre durch meine Forschungsarbeiten in den Regionen British Columbia und Ontario konkrete Praxiserfahrungen sammeln. Deshalb interessierte mich besonders, wie sich die Bildungspolitik dort weiterentwickelt hat. Zum anderen sind die beiden Regionen kulturell sowie hinsichtlich der Anzahl von Schulen mit deutschen Bundesländern vergleichbar. Hinsichtlich der Innovationsbereitschaft jedoch nicht, wie sich nun zeigen wird …

Bevor ich darauf eingehe, zunächst einige allegemeine Informationen über das Bildungssystem Kanadas.[5]https://www.highschoolcanada.de/high-school-kanada-programm/das-kanadische-schulsystem/ Im kanadischen Schulsystem gibt es keine unterschiedlichen Schularten wie Gesamtschule, Hauptschule, Realschule oder Gymnasium, sondern nur die Primary School und die Secondary School. Kinder beginnen mit der Vorschule und besuchen anschließend zwölf Jahre lang die Grund- und weiterführende Schule. Diese sind in der Regel als Ganztagsschulen mit umfangreichen Freizeit- und Förderangeboten organisiert. In Kanada sind sowohl Englisch als auch Französisch Landessprachen, jedoch ist Englisch die Hauptunterrichtssprache. In den Regionen Quebec und Montreal wird Französisch als Landessprache gepflegt und unterrichtet. Im 12. Schuljahr legen die Schüler ein provinzweit geltendes Standard-Examen ab, das ihre Abschlussnote bestimmt und ihnen den Zugang zu einer kanadischen oder internationalen Universität oder Berufsfachschule garantiert. Darüber hinaus bieten einige Schulen auch das „International Baccalaureate“-Programm (IB) oder „Advanced Placement“-Kurse (AP) an.

Die Curriculumentwicklung in Kanada ist dezentral organisiert und erfolgt auf Provinz- und Territorialebene, das heißt, jedes der zehn Provinzen und die drei Territorien haben eigene Bildungsministerien, die die Lehrpläne bestimmen und regelmäßig überarbeiten. Es gibt also keinen nationalen Lehrplan und keine Bundesaufsicht, sondern die Ministerien der Provinzen und Territorien setzen Standards, bestimmen Inhalte und steuern die Weiterentwicklung. Die Entwicklung neuer Curricula erfolgt in iterativen Zyklen, typischerweise etwa alle neun Jahre. Die Überarbeitung geschieht in breiter Abstimmung mit Lehrkräften, Eltern, Expertengruppen, der Wirtschaft und weiteren Stakeholdern, zum Beispiel durch öffentliche Konsultationen oder Expertenrunden. Schulaufsichtsbehörden und lokale Schulboards setzen die Lehrpläne um und können inhaltliche Anpassungen empfehlen.[6]https://ncee.org/canada/, https://www.schulaufsicht.de/beitrag/datengestuetzte-schulentwicklung-in-kanada/

Wie unterscheiden sich die Bildungssysteme von Ontarios und British Columbias?

Ontario

Bereits während meiner Hospitation Mitte der 1990er Jahre zeichnete sich das K-12-Curriculum in Ontario durch Kompetenzorientierung aus und bot ab Klasse 7 (Sekundarstufe I) viele Wahlmöglichkeiten. Das aktuelle Curriculum, das 2020 verabschiedet wurde, verbindet klassische Fachlichkeit mit verbindlich formulierten überfachlichen Kompetenzen. Die Schlüsselkompetenzen (wie z. B. die 4K der OECD) sind verbindlich in das Curriculum integriert. Im Fach Mathematik gelingt dies durch eine Verknüpfung der klassischen Inhaltsfelder (Zahlen, Algebra, Geometrie, Daten/Stochastik, Messen) mit explizit ausgeführten Elementen aus Social-Emotional Learning (SEL), Financial Literacy, Data-/AI-Bezügen und Coding. Ontario baut somit auf Dualität: Fachliche Kompetenz bildet das Fundament, überfachliche Kompetenz die Architektur des Denkens. Dies zeigt sich in der Oberstufe (Jahrgangsstufen 10–12) im von Kanada besonders geförderten Programm „Specialist High Skills Majors“ (SHSM). Es ermöglicht Oberstufenschülern, sich auf einen bestimmten Bereich zu konzentrieren, beispielsweise Architektur, Medien, Gesundheit, IT, Umwelt oder Wirtschaft. Es besteht aus einer Kombination aus Fachunterricht, Praktika, Zertifikaten und Projektarbeit. Das Programm hilft den Schülern, ihre Ausbildung anzupassen, spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, zertifizierte Abschlüsse zu erlangen und sich auf berufliche Ziele vorzubereiten.

Den deutschen Bildungsbehörden empfehle ich, die folgenden beiden Eigenschaften der Curriculumentwicklung einem intensiveren Studium zu unterziehen:

  1. die Einbettung von sogenanntem „Lebensbezug“ und
  2. den Implementierungsprozess selbst.

ad 1.:

Financial Literacy ist kein Nebenthema, sondern als fester Bestandteil des Mathematikcurriculums auf der Primar- und Sekundarstufe integriert. Dadurch werden Prozentrechnen, Zinsen, Budgetplanung, Kreditkosten usw. systematisch behandelt. Das schafft einen klaren Alltagsbezug.

Data Literacy ermöglicht den Umgang mit realen Datensätzen, deren Visualisierung und kritische Interpretation. Beispielsweise werden Befragungsdaten und statistische Auswertungen aus der eigenen Lebenswelt bereitgestellt. Dadurch wird Statistik nicht abstrakt, sondern anwendungsorientiert.

Coding-/Computational-Thinking-Aufgaben (z. B. Simulationen, Datenvisualisierung) werden früh eingeführt. Reale Fragestellungen im (z. B.) Natur- und Technikkontext werden häufig durch Modellierungen hinterfragt. So wird Mathematik als Werkzeug eingesetzt.

Ad 2.: 

Jahr Maßnahme Inhalt / Schwerpunkt Bedeutung
2020 Einführung neues Curriculum für Grades 1–8 Fokus auf Problemlösen, Alltagsbezug, Coding, Financial Literacy – Stärkung von
Mathematical Confidence und Mental Math
Radikale Neuausrichtung, ersetzt alte Curricula
2021 Neues Curriculum für Grade 9 (MTH1W) Abschaffung der Trennung „Applied“ vs. „Academic“ – Einheitlicher Kurs mit Fokus auf
Problemlösen, Modellieren, Coding
Mehr Chancengleichheit, weniger frühe Selektion
2022 Implementierungsphase Lehrerfortbildungen, Materialien, digitale Ressourcen – Fokus auf
Unterstützung bei Coding & Financial Literacy
Sicherstellung der Umsetzung
2023 Revision & Updates Stärkung von Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben, Mathematik – zusätzliche Ressourcen:
2.000 neue Lehrkräfte, Literacy-Strategie, 700 Mio. CAD mehr Budget
Keine komplette Neufassung, sondern gezielte Ergänzungen zur Stabilisierung
British Columbia

British Columbia (BC) zählte bereits während meiner Hospitationszeit zu den international innovativsten Beispielen für moderne Curricula. Schon damals konnte ich mich von der erfolgreichen Umsetzung informatischer und mediendidaktischer Elemente im laufenden Unterricht überzeugen. BC zeigt heute, wie ein modernes Curriculum funktionieren kann: durch radikale Reduktion von Inhalten, durch Lebensweltintegration und durch konsequente digitale Bildung. Das Curriculum basiert auf drei Ebenen:

  • „Big Ideas“ – Was sollten Lernende verstehen?
    • Große konzeptionelle Zusammenhänge statt Stofflisten.
      Beispiele im Fach Mathematik:

„Mathematics helps us represent and make sense of the world.“

„Exploring and analysing data enables us to make predictions.“

  • „Curricular Competencies“ – Was sollten Lernende tun können?

Dies ist vergleichbar mit den 4K der OECD (kritisches Denken, Kreativität, Zusammenarbeit, Kommunikation).
Beispiele:

    • mathematisch modellieren,
    • strategisches Denken entwickeln,
    • argumentieren und begründen,
    • digitale Tools zur Problemlösung einsetzen.

 

  • „Content“ – Was sollten Lernende kennen?

Konkrete Inhalte, aber nur als Werkzeug, nicht als Selbstzweck. Die Reihenfolge ist explizit: Understanding → Doing → Knowing, nicht umgekehrt.

Auch hier möchte ich zwei Merkmale hervorheben, die diese Region auszeichnen:

    1. Umsetzung der 4K: Das deutsche Curriculum listet Kompetenzen meist deklarativ, BC hingegen operationell.
    2. Deeper Learning: In dieser Ausprägung ist es in Deutschland noch nicht ansatzweise so systemisch verankert.

Ad 1.):

    BC benennt vier sogenannte Kompetenzcluster:

    1. Reasoning and Analyzing
      • Vermutungen aufstellen
      • Strategien wählen
      • Zusammenhänge erkennen
    1. Understanding and Solving
      • strukturierte Problemlösung
      • Vergleich von Lösungswegen
    1. Communicating and Representing
      • Argumentation
      • mathematische Sprache
      • Visualisierung
    1. Connecting and Reflecting
      • Metakognition
      • Transfer
      • Reflexion von Strategien

    Diese Kompetenzen zu fördern sind verpflichtende Unterrichtsteile.

    ad 2.):

    Der Kern des BC-Modells orientiert sich am Deeper-Learning-Modell:

    • Mastery of core academic content

    Dieses Modell priorisiert die tatsächliche Beherrschung und das tiefe Verständnis von Kerninhalten und Fertigkeiten über das bloße Durcharbeiten oder Bestehen von Prüfungen. Lernende werden regelmäßig bewertet, formativ wie summativ, um sicherzustellen, dass sie mindestens 75% Verständnis des Lernstoffs erreichen, bevor sie zu neuen Konzepten übergehen. Schüler, die dieses Verständnisniveau nicht erreichen, erhalten gezielte Unterstützung durch Tutorials, die auf ihre individuellen Lernbedürfnisse abgestimmt sind. Dieses Vorgehen fördert nachhaltiges Lernen und Kompetenzaufbau, statt nur kurzfristige Wissensaneignung. Es wird als wichtiger Faktor für langfristigen schulischen und beruflichen Erfolg betrachtet und ist integraler Bestandteil der Bildungssystemgestaltung in British Columbia.

    • Critical Thinking & Problem Solving

    beschreibt die Fähigkeit, Informationen und Erfahrungen kritisch zu bewerten, verschiedene Perspektiven und Alternativen zu erkennen, fundierte Urteile zu fällen sowie Strategien zur Problemlösung gezielt einzusetzen. Es geht um das Nachdenken über das Denken selbst und die Anwendung dieser Fähigkeiten in vielfältigen Kontexten.

    • Collaboration

    umfasst die Fähigkeit, effektiv mit anderen zusammenzuarbeiten, unterschiedliche Rollen einzunehmen, respektvoll zu kommunizieren und gemeinsame Ziele zu erreichen.

    • Effective Communication

    bedeutet, Ideen, Gefühle und Informationen klar, präzise und angepasst an den Kontext auszudrücken sowie aktiv zuzuhören und Rückmeldungen zu geben.

    • Self-directed learning

    beschreibt die Fähigkeit der Lernenden, ihre eigene Lernmotivation zu erkennen, Lernziele zu setzen, Lernstrategien zu planen und umzusetzen sowie den eigenen Lernfortschritt zu reflektieren und anzupassen.

    • Academic Mindset

    umfasst eine positive Einstellung zu Lernen und Leistung, einschließlich Selbstvertrauen, Ausdauer, Verantwortungsbewusstsein und der Überzeugung, dass Anstrengung zum Erfolg führt.

    „Deeper learning“ ist demnach ein Lernkonzept, bei dem es darum geht, nicht nur Fakten auswendig zu lernen, sondern ein tiefes Verständnis und eine nachhaltige Beherrschung wesentlicher Inhalte und Kompetenzen zu entwickeln. Deeper learning umfasst die Fähigkeit, Kerninhalte zu meistern, kritisch zu denken, Probleme zu lösen, effektiv zu kommunizieren, selbstgesteuert zu lernen und eine positive akademische Haltung einzunehmen. Dieser Ansatz beruht auf einem “Know-Do-Understand“-Modell, das Wissen (Know), Anwendung (Do) und Verständnis (Understand) kombiniert, um Lernen konzeptbasiert und kompetenzorientiert zu gestalten. Deeper learning wird als aktives, authentisches und transferierbares Lernen verstanden, das Schüler befähigt, ihr Wissen auf neue Situationen anzuwenden und lebenslange Lernfähigkeiten zu entwickeln. Dieses Lernen erfolgt besser durch aktives Tun und problemorientierte Aufgaben statt durch bloßes passives Zuhören oder Lesen. Das führt zu:

    • projektorientiertem Lernen
    • Inquiry-based learning („Student questions drive learning“)
    • Reflexionsaufgaben in jedem Thema
    • formative Assessment-Kultur

    Zeitmodelle

    In dem Podcast „Woran hakt die KI-Revolution in den Schulen?” stellen die beiden Hosts zunächst einmal fest, dass die Kultusministerien viel Offenheit für die neue Technologie signalisieren. Dann stellen sie jedoch fest, dass die Praxis in vielen Lehrer- und Klassenzimmern anders aussieht, und stellen sich die Frage: Woran liegt das?

    Ihre Analysen zeigen, dass ein Problem darin besteht, dass den Lehrkräften keine Zeitfenster zur Verfügung gestellt werden, um sich fortzubilden. Die Ministerien erwarteten, dass sie dies in ihrer Freizeit erledigen würden. Die Lehrer argumentieren jedoch, dass sie sich in ihrer frei verfügbaren Zeit um den konkreten Unterricht kümmern müssten. Sie hätten schlicht keine Zeit, sich mit anderen Kollegen zu treffen, um Schulentwicklung zu betreiben bzw. sich gemeinsam fortzubilden.

    Anschließend habe ich mich gefragt: Wie lösen das die Ministerien in anderen Ländern (Skandinavien, Niederlande, Schweiz, Estland, Kanada) eigentlich?

    • Finnland verfügt über fest integrierte Kooperations- und Entwicklungszeit
      Lehrkräfte haben wöchentlich 2–3 Stunden Arbeitszeit, die verbindlich für kollegiale Zusammenarbeit und Schulentwicklung vorgesehen ist.
      Fortbildungen finden im Dienst, nicht in der Freizeit statt; Schulen erhalten Vertretungsressourcen.
      Pädagogische Freiheit wird kombiniert mit der Erwartung, dass professionelles Lernen ein regulärer Teil der Arbeitszeit ist.
      Prinzip: „Professional time is work time.“
    • Dänemark besitzt ein Arbeitszeitmodell (37-Stunden-Woche inklusive Fortbildung). Lehrer haben eine klar regulierte Wochenarbeitszeit, die sämtliche pädagogischen Tätigkeiten enthält. Schulentwicklung, Teamsitzungen und Fortbildung sind als reguläre Arbeitszeit explizit eingeplant. Schulen entscheiden selbst, wie sie diese Zeit verteilen (z. B. ein langer Kooperationsnachmittag pro Woche).
    • Norwegen hat eine sogenannte mehrtägige Tage „Planleggingsdager“ etabliert. Jedes Schuljahr beginnt mit mehreren Planungstagen, die komplett für Teamarbeit und Schulentwicklung reserviert sind. Fortbildungen finden ebenfalls im Schuljahr statt; Ministerium und Kommunen stellen Ressourcen zur Verfügung.
    • Niederlande stellt Schulen mit „Werkdrukgelden“ zweckgebundene staatliche Finanzmittel zur Verfügung, die dazu dienen, Zeit für Teamarbeit und Fortbildung „einzukaufen“ (Vertretungsstunden, externe Coaches, Entlastung). Lehrkräfte werden vom Unterricht freigestellt, um z. B. Lehrerteams zu etablieren. Schulen dürfen Zeitbudgets eigenständig einsetzen (z. B. 1–2 Stunden pro Woche pro Team, Release-Days). Die OECD lobt die Niederlande übrigens explizit für die „kollektive Lehrerfort- und -weiterbildung“ im Zeitbudget.
    • Schweiz setzt verbindliche Teamzeiten für Qualitätsentwicklung. An vielen Kantonen sind wöchentliche Teamsitzungen verpflichtender Bestandteil des Arbeitszeitmodells. Fortbildungen gelten als Arbeitszeit, oft mit klaren Jahresbudgets (z. B. 5–10 Tage). Schulen, die an kantonalen oder regionalen Schulentwicklungsprogrammen teilnehmen, erhalten zusätzliche Entlastungsstunden.
    • Estland hat verpflichtende Fort- und Weiterbildung im Schulgesetz verankert (mind. 3–5 Tage pro Jahr). Diese Zeiten müssen im Rahmen der Arbeitszeit ermöglicht werden. Sie sehen sich dem Prinzip: „You cannot ask teachers to innovate on top of full-time teaching.“ verpflichtet. Nationale Programme wie „Digital Accelerator“ oder die „Stiftung Innove“ finanzieren Stellvertretung und Entlastung, wenn Schulen Teamfortbildungen benötigen.
    • Kanada zeichnet sich in ihren Provinzen mit hochstrukturierten Zeitmodellen aus.  So Ontario mit den sog. Professional Activity Days (Seven PA Days) für schulinterne Fortbildung,  Curriculumarbeit, datengestützte Schulentwicklungs sowie kollaborative Unterrichtsplanung. Zusätzlich haben die Schulen Ontarios „Release Time“, um Teams an datenbasierten Projekten arbeiten zu lassen. British Columbia agiert ähnlich: mit mindestens fünf „Professional Development Days“. Sie werden genutzt, um lokale Learning Communities aufzubauen. Fortbildung ist stark lehrkraftgesteuert und durch Zeit und Ressourcen gestützt. So sorgen viele Distrikte (z. B. Vancouver, Surrey, Kelowna) für zusätzliche Zeitfenster für wöchentliche Teamzeiten sowie für die „Collaboration Days“.

    Zusammengefasst unterscheidet diese Länder von Deutschland: 

    Topics Erfolgreiche Länder Deutschland
    Zeit für Fortbildung fest im Arbeitszeitmodell verankert meist in der Freizeit erwartet
    Teamzeiten wöchentlich / jährlich eingeplant oft nur freiwillig oder informell
    Curricular verankertes Professionslernen klar priorisiert kaum systemisch vorhanden
    Entlastungs- und Vertretungsmittel strukturell vorhanden projektbezogen, selten nachhaltig
    Verbindlichkeit klare Vorgaben der Bildungsministerien abhängig von Schulleitung / Schulamtsstrukturen
    Mindset professionelle Lerngemeinschaften sind Standard „Einzelkämpfer“orientierung dominiert

    Zusammenfassung des internationalen Ländervergleichs

    Wie andere Bildungssysteme auf KI und Sprachmodelle reagieren – und was Deutschland daraus lernen kann

    2025 war das Jahr, in dem generative KI endgültig im Schulalltag angekommen ist. Während Deutschland noch um Zuständigkeiten, Datenschutzfragen und die richtige Balance zwischen Chancen und Risiken ringt, haben andere Staaten längst begonnen, das Potenzial von Large Language Models (LLMs) systematisch in die Weiterentwicklung ihrer Schulsysteme einzubetten. Ein Blick nach Skandinavien, in die Niederlande, nach Estland sowie nach British Columbia und Ontario zeigt bemerkenswerte Muster – und eröffnet Perspektiven für eine notwendige Neujustierung deutscher Bildungspolitik.

    1. Von Skepsis zu Systematik

    In fast allen untersuchten Ländern war die erste Reaktion auf KI im Unterricht von Verunsicherung geprägt: Wie umgehen mit Plagiaten? Was bedeutet es für Prüfungen? Wie verändert KI das Lernen? Doch anders als in Deutschland blieb es nicht bei problemorientierten Debatten. Die Systeme entwickelten innerhalb weniger Monate konkrete Richtlinien, Fortbildungsangebote und curriculare Verankerungen.

    Dänemark, Norwegen und Schweden formulierten zunächst nationale oder institutionelle Empfehlungen, wie LLMs verantwortungsvoll eingesetzt werden können. Die Richtung ist klar: KI soll nicht verdrängt, sondern pädagogisch gerahmt werden. Norwegen geht sogar so weit, eigene datenschutzkonforme KI-Tools staatlich bereitzustellen. Schweden wiederum fordert Schulen aktiv auf, eigene KI-Konzepte zu entwickeln – ein pragmatischer Ansatz, der lokalen Gestaltungsspielraum mit klaren Leitplanken verbindet.

    Im Sekundarbereich Finnlands werden vor allem im MINT-Bereich Videokonferenzen mit Schülerinnen und Schülern in dünn besiedelten Gebieten durchgeführt, um ihnen ein vergleichbares Angebot wie in städtischen Bereichen zu machen. Ansonsten sind dort Laptops, Tablets und E-Portfolios gängiges Handwerkszeug, das nicht als eigenes Prestigeprojekt sichtbar wird. Zudem wird dort das nationale System „Itslearning“ benutzt, um Lernprozesse zu dokumentieren und mit den Eltern zu besprechen.

    1. Die pragmatische Stärke der Niederlande

    Die Niederlande verfolgen einen besonders praxisorientierten Weg. Über Kennisnet – eine unabhängige, staatlich unterstützte Organisation – erhalten Schulen Leitfäden, Risikoanalysen, Tool-Checks und Workshops, die unmittelbar anwendbar sind. Das niederländische Prinzip lautet: „Helft Schulen, gute Entscheidungen zu treffen – nicht durch Verbote, sondern durch Informationsvorsprung.“ Statt abstrakte Debatten zu führen, setzt man auf Aufklärung:

    • Welche Aufgaben dürfen mit KI bearbeitet werden?
    • Welche Beurteilungskriterien gelten?
    • Wie wird Transparenz sichergestellt?
    • Wie verändert KI die Rolle der Lehrkraft?

    Dadurch entsteht ein professioneller Umgang mit KI, der Schulen befähigt, statt sie zu verunsichern.

    1. Estland: Der europäische Vorreiter

    Estland ist das einzige europäische Land, das eine nationale KI-Strategie explizit für das Bildungssystem formuliert hat – inklusive der Kooperation mit einem globalen Anbieter für eine sichere KI-Schullösung. Das Ziel: „AI for everyone“ – von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung.

    Der estnische Ansatz ist bemerkenswert:

    • KI wird als Werkzeug der Chancengerechtigkeit verstanden.
    • Lehrkräfte erhalten standardisierte Fortbildungsmodule.
    • Schulen arbeiten mit Schutzmechanismen auf Landesebene, statt jede Datenschutzfrage einzeln lösen zu müssen.
    • KI dient der Förderung von Mehrsprachigkeit, Kommunikation, Problemlösen und Datenkompetenz – also jenen Zukunftskompetenzen, die auch die OECD betont.

    Estland zeigt damit, wie ein kleines Land durch klare Prioritäten und systemische Steuerung eine Vorbildrolle übernehmen kann.

    1. Kanada – zwei Modelle, ein gemeinsamer Trend

    British Columbia (BC): Die curricular innovativste Region Nordamerikas

    BC gilt bereits seit Jahren als internationaler Benchmark für kompetenzorientierte Curricula („Big Ideas“). Diese Offenheit zeigt sich nun auch im Umgang mit KI.

    BC integriert KI nicht als Zusatzthema, sondern als Bestandteil von

    • Digital Literacy,
    • Critical Thinking,
    • Communication Skills,
    • und komplexen Projektaufgaben.

    Das Ministerium stellt umfangreiche Materialien bereit:
    Guidelines, Schulungsmodule, Lesson Ideas, Risikoabwägungen und Elterninformationen. Schulen erhalten alles, was sie benötigen, um einen konstruktiven und zugleich sicheren Umgang mit LLMs zu entwickeln. KI wird damit Teil eines modernen, fächerübergreifenden Ansatzes – nicht ein Störfaktor im Unterricht.

    Ontario: Governance und Professionalität

    Ontario verfolgt eher einen Governance-orientierten Weg. Auf Provinz- und Distriktebene entstehen

    • umfassende AI-Policies,
    • Privacy-Checklisten,
    • Responsible-AI-Leitlinien,
    • sowie Fortbildungsangebote für Lehrkräfte.

    Während BC stärker curricular-inhaltlich ansetzt, sorgt Ontario dafür, dass Schulen LLMs verantwortungsvoll und rechtssicher einsetzen können. In Kombination ergänzen sich beide Modelle perfekt: Pädagogisch mutig – und zugleich datenschutzrechtlich professionell.

    Was alle erfolgreichen Modelle gemeinsam haben

    Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen lassen sich fünf Muster erkennen:

    • Klare Regeln statt Verbote.
      Kein Land setzt auf generelle KI-Verbote. Stattdessen schaffen alle Systeme verständliche, leicht umsetzbare Regeln für Lehrkräfte und Lernende.
    • Lehrerfortbildung ist zentral.
      Niemand erwartet, dass Lehrkräfte „von allein“ KI sinnvoll einsetzen. Überall gibt es Workshops, Mikro-Fortbildungen, Leitfäden und professionelles Begleitmaterial.
    • KI wird curricular verankert – nicht als Zusatzfach, sondern integriert.
      Vor allem BC, Estland und die Niederlande zeigen: KI passt perfekt zu den OECD-4K-Kompetenzen.
    • Datenschutz wird systemisch gelöst, nicht der Einzelschule überlassen.
      Das entlastet Schulen und schafft Rechtssicherheit.
    • Neue Aufgaben- und Prüfungsformate.
      Statt zu verhindern, dass Schüler KI nutzen, lernen sie reflektiert damit umzugehen – mit Fokus auf Prozessbewertung, Argumentation und Kritikfähigkeit.

    Fazit

    Die internationale Evidenz ist eindeutig: Starke Bildungssysteme verbinden solides fachliches Grundlagenwissen mit überfachlichen Kompetenzen, investieren früh und kontinuierlich in alle Kinder, nutzen Daten als Lernhilfe – nicht als Kontrollinstrument und qualifizieren Lehrkräfte systematisch weiter. Länder wie Ontario, British Columbia, Estland, die Niederlande oder die Schweiz zeigen, dass dieser Weg ohne kulturellen Bruch gangbar ist, wenn Curriculumentwicklung konsequent mit professioneller Unterstützung der Schulen verzahnt wird.

    Für den deutschen Kontext lassen sich daraus vier zentrale Handlungsaufträge ableiten:

    • Curricularer Einstieg über fächerübergreifende Zukunftskompetenzen
      (u. a. Datenkompetenz, Medienbildung, Projektlernen), statt weiterer Inhaltsverdichtung.

    • Klare landesweite Leitlinien zum Einsatz von KI,
      um die derzeitige Unsicherheit auf Ebene der Schulleitungen und Kollegien zu beenden.

    • Massive Investitionen in kontinuierliche Lehrerfortbildung,
      wie sie in Ontario oder den Niederlanden selbstverständlich sind.

    • Konsequente Nutzung bildungswissenschaftlicher Ergebnisse als Steuerungswissen
      für Schul- und Unterrichtsentwicklung.

    Gerade letzteres bleibt bislang häufig ungenutzt. Zu oft wird Bildungsforschung entweder als abstrakt oder als normative Vorgabe wahrgenommen. Dabei liegt ihr eigentlicher Wert woanders:

    • nicht als Handlungsanweisung, sondern als Impuls zur gemeinsamen Reflexion
      („Was bedeutet z. B. wirksames Feedback konkret in unserer Schule, in unserem Fach?“),

    • als Spiegel, um Routinen zu hinterfragen, ohne Bewährtes vorschnell zu verwerfen,

    • als Gesprächsanlass in kollegialen Fortbildungen und auf pädagogischen Tagen
      („Was hat bei uns funktioniert – und was nicht?“).

    Evidenzbasierte Praxis bedeutet nicht, Forschung zu übernehmen, sondern sie mit professioneller Expertise und den Bedingungen der eigenen Schule zu verbinden. Ambivalenz ist dabei erlaubt. Skepsis auch. Ablehnung hingegen blockiert Lernprozesse. Neugier bleibt der entscheidende Motor:
    Was können wir – trotz aller berechtigten Kritik – aus der Forschung für unsere Praxis gewinnen?

    In meinem zweiten Beitrag schlage ich den Bogen von der Analyse zum Handeln. Unter dem Titel „Von der Analyse zum Handeln: Das Big Picture 2026+“ verdichte ich die hier vorgestellten Befunde, internationalen Erfahrungen und Gelingensbedingungen zu einem ökosystemischen Gesamtbild, mit Empfehlungen für Bildungspolitik, Schulaufsicht, Schulleitungen und Schulen.

    Das war’s für dieses Jahr 2025 – es gibt noch viel zu tun. Vor allem mit Blick auf die oben genannten Studien und Bewertungen bzw. Kommentare der Bildungsjournalisten frage ich mich immer wieder: Woran liegt es, dass wir kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem haben? In diesem Beitrag habe ich einige Gedanken und Erfahrungen aus dem Ausland zusammengetragen. Ich hoffe, Sie können davon profitieren.

    Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, wünsche ich mit dem folgenden Lied, einer Weihnachtskomposition, die mit einem Google-AI-Tool erstellt wurde, frohe Weihnachten.

    Alles Gute für die bevorstehende Weihnachts- und Neujahrszeit!

     

    Experimentieren Sie ruhig ein wenig mit den vier Lautsprechern …

     … stay tuned …

    Bildnachweis:

    Anton Grabolle / Better Images of AI / Classification Cupboard / CC-BY 4.0

    KI in der Schule (5): Fortbildung – Methodik

    In den letzten Wochen habe ich mich insbesondere mit dem Umgang mit KI-Sprachmodellen auseinandergesetzt und dafür geworben, ergebnisoffen in die Diskussion einzusteigen. Prof.’in Birte Platow hat in diesem Zusammenhang in einem Interview die bildungspolitischen Ziele kurz und prägnant so zusammengefasst:[1]https://www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2025/08/11/ki-macht-schule-interview-mit-prof-birte-platow/

    Der schulische Umgang mit Künstlicher Intelligenz lässt sich in drei Dimensionen denken – bildlich wie drei konzentrische Kreise.

    • Im Innersten ist der kleinste Kreis: KI als Instrument. Hier geht es um den praktischen Einsatz – etwa durch Sprachmodelle, tutorielle Systeme oder Apps.
    • Der nächstgrößere Kreis ist für mich die materielle Ebene: Hier wird KI selbst zum Unterrichtsgegenstand. Das ist in jedem Unterrichtsfach möglich. Der Mathematikunterricht könnte beispielsweise zeigen, auf welchen mathematischen Grundlagen KI beruht. Der Religionsunterricht könnte die Frage beleuchten, welches Menschenbild hinter einer KI steckt. Der Deutschunterricht könnte sich damit auseinandersetzen, wie sich Sprache verändert, wenn wir Texte nicht mehr selbst schreiben.
    • Die dritte Dimension ist in meiner Wahrnehmung im schulischen Alltag am wenigsten im Blick. Sie sollte es aber sein – bei Menschen, die Schule entwickeln, in der Politik und ganz konkret vor Ort – bei Schulleitungen. Denn die dritte Dimension ist die systemische Ebene: Wie verändert sich mit KI das Lernen? Wie verändert sich die Idee von Bildung? Wie verändert sich die Idee vom Menschen? Was kommt da an weiteren Eindrücken aus der Gesellschaft, wo KI ja im Moment auch eine alles durchdringende Technologie ist?

    In meinem letzten Beitrag habe ich für eine (regionale) Vernetzung und Zusammenarbeit des pädagogischen (Fach-)Personals geworben. Mit den im Ausland (Japan, Kanada) erfolgreichen Methoden „Lesson Study” und „Spirals of Inquiry” habe ich vorgestellt, wie sich die eigene Unterrichtspraxis reflektieren lässt. Diese Methoden wurden vor Jahrzehenten entwickelt und sind natürlich unabhängig von der Einführung von Sprachmodellen im Unterricht entstanden.

    In diesem Beitrag geht es um Methoden, die eine individuell orientierte Fort- und Weiterbildung ermöglichen oder erleichtern. Sie ergeben sich aus einem mit dem pädagogischen Personal abgestimmten Fortbildungsplan. Daher widmen sich meine ersten Überlegungen zunächst der Erstellung dieses Plans.

    Fortbildungskonzept: Erste Überlegungen

    Fromman wurde zum Ende des SWK Talks [2]https://www.youtube.com/watch?v=iUxlmUxa1Jc gefragt, welche Forderungen er an ein Fortbildungskonzept hat. Im Wesentlichen schlägt er die Einführung in ein LLM vor. Zunächst allgemein, anschließend mit fachspezifischen Bezügen. In Abhängigkeit von der Schulform schließen sich dann praktische Experimente im Umgang mit den Werkzeugen der Künstlichen Intelligenz und deren Auswüchsen (Deepfakes, Fake News und vielem mehr) an. Von der KMK wie auch der Bildungsforschung wünscht er sich in naher Zukunft ein kohärentes Fortbildungscurriculum.

    Wie wird die Fortbildung geplant?

    • Im Kollegium wird der Fortbildungsbedarf erhoben (schulische Entwicklungsvorhaben, fachliche Aktualisierung, neue fächerübergreifende Kompetenzen, persönlicher Fortbildungsbedarf).
    • Es wird in einem Abstimmungsprozess entschieden, welcher Stellenwert den
      einzelnen Vorhaben zukommen soll. Entsprechende thematische und zeitliche Priorisierungen werden vorgenommen.
    • Passende Fortbildungsangebote werden gesucht und organisiert.

    und woran zeigt sich eine angemessene Berücksichtigung der unterschiedlichen Fortbildungsbereiche? [3]ebda.

    • Es liegt ein Fortbildungsplan vor, der die Grundlage für Entscheidungen ist.
    • Er lässt Prioritäten erkennen, die auf die Schwerpunkte des Schulprogrammsverweisen.
    • Schulspezifisch relevante Handlungsfelder sind berücksichtigt.

    In meinem ersten Beitrag habe ich im Rahmen der datengestützten Schulentwicklung ein Verfahren vorgestellt, mit dem sich der Einsatz von Sprachmodellen im Unterricht vorbereiten lässt. Doch wie lässt sich der Nutzen gemeinsamer LLM-Fortbildungen für Lehrkräfte messen?

    Bildungsforschung

    Ko-Kognition

    In seiner fünften Folge setzt sich der Podcast „Kompass KI“ mit der MIT-Studie über die Nutzung generativer KI im Bildungskontext auseinander.[4]https://www.podcast.de/episode/694488905/folge-5-verdummung-durch-ki Zur Erinnerung: In der Studie wird untersucht, wie sich die Nutzung von KI-Tools wie ChatGPT auf die kognitiven Prozesse beim Schreiben von Essays auswirkt. Dazu wurden drei Gruppen von Studierenden beobachtet: eine mit ausschließlicher KI-Nutzung, eine mit klassischen Suchmaschinen und eine ohne Hilfsmittel. Die Hirnaktivität wurde mittels EEG gemessen. Die Ergebnisse zeigen, dass bei ausschließlicher KI-Nutzung die kognitive Aktivität (z. B. Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Gedächtnisabruf) deutlich reduziert ist. Die Forschenden interpretieren dies als „kognitives Offloading“, also die Auslagerung von Denkprozessen an die KI. Die Studie liefert jedoch keine Hinweise auf langfristige kognitive Schäden oder „Verdummung“ durch KI. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Ergebnisse nicht überinterpretiert werden dürfen und keine Aussagen über langfristige Effekte oder strukturelle Veränderungen im Gehirn zulassen.

    Kritisch gesehen wird die mediale Rezeption der Studie: Die Ergebnisse wurden oft als Beleg für eine angebliche kognitive Verblödung durch KI interpretiert, obwohl die Studie selbst keine solchen Schlussfolgerungen zieht. Dabei werden die methodischen Limitationen (kleine Stichprobe, spezifische Population, kurze Beobachtungsdauer) häufig ignoriert. Die Podcast-Moderatoren betonen, dass KI-Tools Denkprozesse verbessern können, wenn sie erst nach eigener kognitiver Auseinandersetzung eingesetzt werden. Eine unreflektierte und zu frühe Nutzung kann jedoch tiefes und nachhaltiges Lernen untergraben.

    In eine ähnliche Richtung zielt ein Beitrag von Ulf Ehlers, dem wissenschaftlichen Direktor von NextEducation. [5]https://www.linkedin.com/pulse/von-der-nutzung-zur-ko-kognition-warum-ki-neue-ist-ulf-daniel-vrmwe/ Er fordert, dass KI nicht nur als Werkzeug zur Informationsbeschaffung, sondern als aktiven kognitiven Partner zu verstehen, der Lernprozesse verändert und neue Methoden der Zusammenarbeit ermöglicht. Der Beitrag bezieht sich auf die Hochschullehre, lässt sich aber auch auf das Schulsystem übertragen: Lernende und Lehrkräfte nutzen KI, um Ideen zu entwickeln, Aufgaben zu reflektieren und gemeinsam Wissen zu konstruieren. Dies fördert einen kooperativen, dialogischen Zugang zu Wissen anstelle einer reinen Konsumhaltung. Laut Ehlers müsse die Nutzung von KI immer einhergehen mit der Vermittlung von Future Skills: metaanalytisches Urteilsvermögen, kritische Bewertung und die Fähigkeit, algorithmische Entscheidungen zu hinterfragen. Konkret:

    • KI als Werkzeug im Sinne von „Ko-Kognition“: Schülerinnen und Schüler erstellen gemeinsam mit KI eine Mindmap, entwerfen Erklärtexte oder reflektieren unter Anleitung die Antworten der KI.
    • KI-gestützte Projekte fördern: Schülerinnen und Schüler entwickeln gemeinsam mit KI kreative Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme oder naturwissenschaftliche Fragestellungen.
    • Es werden „KI-Labors“ im Unterricht geschaffen, in denen Arbeitsgruppen KI-Ergebnisse verifizieren, verbessern und kritisch diskutieren.

    Der Ansatz kann durch fächerübergreifende und -verbindende Projekte sowie gezielte Aufgaben zur Diskussion von Chancen und Risiken von KI vertieft werden. Ein Beispiel hierfür ist die (Über)Prüfung von KI-generierten Daten. Der Fokus sollte auf einer bewussten Auseinandersetzung und partizipativen Nutzung liegen, anstatt KI nur anzuwenden – so wird sie zum „Mit-Denker“ und Mitgestalter im Lernprozess.

    Vier-Ebenen-Modell

    Lipowsky und Rzejak empfehlen ein Vier-Ebenen-Modell, um eine umfassende Bewertung der Wirkung zu ermöglichen. Dieses Modell ist allgemein gehalten und bezieht sich nicht auf bestimmte Fortbildungsinhalte: [6]https://madipedia.de/wiki/Wirksamkeit_von_Lehrerfortbildungen

    1. Zufriedenheit und Akzeptanz: Erfassung der Einschätzung der Lehrkräfte zur Nützlichkeit und Relevanz der Fortbildung, zum Beispiel durch Feedbackbögen, Umfragen oder kurze Interviews nach Abschluss der Einheit.
    2. Kompetenzzuwachs: Erhebung des wahrgenommenen oder messbaren Kompetenzgewinns, üblicherweise per Vorher-Nachher-Befragung zu Wissen, Fähigkeiten und Selbstwirksamkeit im Umgang mit LLM-Tools im Unterricht.
    3. Transfer in den Unterricht: Beobachtung oder Befragung, inwiefern Fortbildungsinhalte den Unterricht und das pädagogische Handeln tatsächlich beeinflussen und ob neue Methoden oder Tools regelmäßig genutzt werden.
    4. Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler: Optional und langfristiger ist eine Analyse, ob gezielte Fortbildungen zu einer messbaren Verbesserung von Lernerfolgen oder zur aktiven Nutzung von LLM-Angeboten durch Schüler*innen führen.

    Für eine gelungene Schulentwicklung ist darüber hinaus die Dokumentation von Veränderungen auf Organisationsebene wünschenswert, etwa in Form von Anregungen zu Innovation, Verbesserung der Zusammenarbeit oder Entwicklung einer gemeinsamen Haltung. Als konkrete Instrumente und Methoden bieten sich hierfür an:

    • Feedbackbögen (analog/digital) unmittelbar nach der Fortbildung
    • Online-Selbstchecks zur Kompetenzentwicklung
    • Hospitationen und Reflexionsgespräche mit Kolleginnen und Kollegen
    • Dokumentation der konkreten Anwendungen im Unterricht (z. B. Projektberichte)
    • Entwicklung und Vergleich von Schulentwicklungszielen vor und nach der Fortbildungsreihe

    Dadurch wird deutlich, welche Faktoren eine Fortbildung tatsächlich wirksam machen und wie kontinuierliche Verbesserungen zielgerichtet umgesetzt werden können.

    4A-Modell

    Prof. Weßels plädiert für eine verbindliche Auseinandersetzung mit dem Thema, auch im Rahmen der schulischen Ausbildung, und empfiehlt zunächst die Umsetzung von 4A.

      • Aufklären: Fortbildungsveranstaltung organisieren oder besuchen
      • Ausprobieren: Allein und/oder mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Fachbereich
      • Akzeptieren: Wer denkt: „Auch dieser Kelch geht an mir vorüber“, dem sei gesagt: Dieser definitiv nicht. Die bisherigen Entwicklungen sind unumkehrbar und werden sich rasant fortsetzen.
      • Aktiv: Das eigene Erleben, das Mitdiskutieren, das Einflussnehmen auf die Entwicklungen sorgen für eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema.

    In ihren Präsentationen wird immer wieder deutlich, dass eine Validierung der Ergebnisse erst durch den persönlichen Austausch ermöglicht wird.

    Im Folgenden stelle ich zwei Methoden vor, die sich dafür eignen: die Doppeldeckermethode und das Barcamp.

    Doppeldeckermethode

    Die Doppeldeckermethode ist kein einzelnes Verfahren in der Fortbildung von Lehrkräften, sondern ein übergeordnetes pädagogisches Prinzip, bei dem Lehr- und Lernprozesse doppelt stattfinden. Das bedeutet konkret, dass im Kurs genau das passiert, worum es inhaltlich geht: Die Lehrkräfte erleben und reflektieren die Lerninhalte sowohl theoretisch als auch praktisch und in ihrem eigenen Handeln. So werden theoretische Inhalte im Rahmen der Fortbildung ganz konkret gelehrt, erlebt und verknüpft. Dadurch entsteht ein „doppelter Blick“ auf die Inhalte aus der Perspektive der Lehrenden und Lernenden zugleich.

    Das Prinzip zielt darauf ab, dass Lehrkräfte das Wissen und Handeln, das sie weitergeben, selbst authentisch vorleben. Es begünstigt die Reflexion der eigenen Handlungen und unterstützt den nachhaltigen Kompetenzaufbau mit dem Ziel, den Inhalt weiterzuvermitteln. In der Praxis bedeutet dies oft einen Wechsel zwischen dem Darstellen von Wissen und dem gleichzeitigen Erleben dessen im Unterrichtsgeschehen, gefolgt von gemeinsamer Reflexion.

     

    Ich möchte das einmal skizzieren. So ist es nach einer datengestützten Erhebung im Kollegium entstanden. Das vereinbarte Ziel lautet, dass die Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler dazu anregen möchten, über den Einsatz von Sprachmodellen im Unterricht nachzudenken. Zunächst fachspezifisch. Mit dem/der Fortbildungsbeauftragten haben wir uns dieses Modul überlegt:

    1. Einstieg und Sensibilisierung
      Einführung ins Thema „LLMs und KI-Tools“ im Rahmen der Fachkonferenz.
      Offener Austausch über Vorerfahrungen, Erwartungen und mögliche Bedenken gegenüber KI und LLMs.
      Didaktischer Doppeldecker: Lehrkräfte erleben selbst, wie glaubwürdig KI-Fehler wirken, und reflektieren zugleich, wie Schülerinnen und Schüler solche Situationen einschätzen könnten.
    2. Eigene Erfahrung sammeln (Lehrerebene)
      Praktisches Ausprobieren ausgewählter KI-Tools durch die Lehrkräfte. Jede/r erstellt z.B. einen Text, lässt ihn von einem LLM verbessern/generieren und achtet bewusst auf Reaktionen, Verzerrungen, Authentizität und mögliche Fehlerquellen.
      Diskussion: Was hat mich überrascht? Wo lagen Stärken und Schwächen? Wo war Anpassungsbedarf?
      Didaktischer Doppeldecker:Lehrkräfte erforschen aktiv die Fehlermechanismen und entwickeln parallel didaktische Schutzstrategien (kritisches Prüfen, Quellenbewusstsein).
    3. Reflexion und Ableitung für die Unterrichtsgestaltung
      Gemeinsame Reflexion: Welche Erfahrungen sind für die Schülerperspektive relevant?
      Sammlung von Ideen, wie Transfer für Schüler aussehen könnte: Welche Aufgaben eignen sich? Wie viel Anleitung brauchen die Schüler? Wo sind Reflexionsphasen nötig?
      Meta-Reflexion:Wie können Schülerinnen und Schüler lernen, KI als Hilfsmittel und nicht als Wahrheitsquelle zu begreifen?
    4. Planung zur Umsetzung auf Schülerebene
      Entwicklung von Unterrichtskonzepten, die analog zur eigenen Lehrerfahrung gestaltet werden (z.B. “Erst ausprobieren, dann reflektieren”).
      Auswahl geeigneter Aufgabenstellungen, die Schüler genauso wie die Lehrkräfte anregen, die Funktionen und Grenzen der Tools selbst zu erleben.
      Überlegungen zu begleitenden Reflexionsformaten (z.B. Feedbackrunde, Lerntagebuch), vgl. Ergebnis aus Barcamp @Edunautica)
      Fehler-Portfolio, in dem Schülerinnen und Schüler eigene KI-Erfahrungen dokumentieren („Was war richtig, was falsch?“).
    5. Austausch und Weiterentwicklung
      Präsentation und Diskussion der Konzeptentwürfe in der Fachkonferenz: Was spricht dafür, was sind potenzielle Stolpersteine?
      Gemeinsame Weiterentwicklung und Abstimmung im Team.
      Dokumentation der Konzepte und geplanter Reflexionsmethoden für die weitere schulweite Verbreitung und Evaluation.
    6. Implementierung im Unterricht und Evaluation
      Durchführung der erarbeiteten Unterrichtsmodule in der Praxis.
      Sammlung von Rückmeldungen aus Unterricht und von den Schülerinnen und Schülern.
      Nachbereitendes Treffen in der Fachkonferenz zur Anpassung und Verbesserung der Konzepte nach den ersten Erfahrungen.

    Diese Struktur stellt sicher, dass das pädagogische Personal auf Grundlage der eigenen Auseinandersetzung mit KI-Tools tragfähige, reflektierte und authentische Lernsettings für Schülerinnen und Schüler entwickeln. In diesen Settings werden die Chancen und Risiken von LLMs erfahrbar gemacht.

    Ergänzung:
    Im aktuellen KI-Podcast von BR24 wurde das Thema „Wann macht KI Fehler – und wann wir?“ mit den folgenden Schwerpunkten behandelt:

    • Die vier Arten von KI-Fehlern (ab 3:20)
    • Wie verhindere ich KI-Fehler? (ab 16:00)

    behandelt. Dieser Podcast kann gut als Begleitmaterial dienen, oder? Hier könnte er beispielsweise dazu dienen, einen schulweiten „KI-Kompetenzrahmen“ um den Baustein Fehleranalyse und Quellenkritik zu ergänzen.

    Welche weiteren Fortbildungsformate bieten sich (noch) an? Bei vergleichbaren Fragestellungen wird sehr häufig das folgende Format genutzt:

    Barcamp

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    Die Dokumente stehen als PDF bzw. Indesign-Datei und als bearbeitbares Dokument in Google Drive zur Verfügung. In Google Drive kann über den Menupunkt „Datei“ eine Kopie angelegt oder eine docx- oder odt-Version heruntergeladen geladen werden.

      Teil einer typischen Einführung in die Methode Barcamp sind Regeln für die Ausgestaltung des Formats. Diese Regeln haben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Fassungen für solche Richtlinien, die sich in einzelnen Punkten unterscheiden. Es gibt weder ein offizielles Regelwerk, noch eine „Barcamp-Polizei“, die vor Ort die Einhaltung bewacht. Im Folgenden ist unsere Version „10 Goldene Regeln“ vorgestellt,
      die sich in unserer Praxis gut bewährt haben. 

      Ein Barcamp geht von morgens bis abends, jede Session dauert 45 Minuten, und alle Sessions müssen zu Beginn vorgestellt werden. Oder? Es geht auch anders. Es ist gerade eine große Stärke des Barcamp-Formats, dass es flexibel angepasst werden kann. Wir zeigen die wichtigsten Stellschrauben für Barcamps und Online-Barcamps. Dazu gibt es Tabellen mit Muster-Zeitstrukturen zum Download.

      Einsatzszenarien

      Weitere Formate

      Als ergänzende Möglichkeiten für eine Lehrkräfte- und Schulleitungenfort- und weiterbildung bieten sich an (in Kurzform):

      • Spezialisierte Online-Kurse und Workshops
        Plattformen mit Kursen speziell für Bildungskontexte (z.B. Basics zu KI, KI-Tools im Unterricht, KI-Ethik).
        Oft auch hybride Formate mit Präsenzworkshops.
        Beispiele: Fortbildungen über Landesinstitute
      • Netzwerke und Social Media
        Aktive Nutzung von Instagram, LinkedIn, BlueLZ, FediLZ und anderen Netzwerken zum informellen Lernen.
        Folgen von Accounts und Gruppen, die Best Practices, neue Tools und niedrigschwellige Anwendungen vorstellen.
        Besonders beliebt: Tipps zu Tools wie Copilot, MidJourney etc., oft mit kurzen, leicht umsetzbaren Tutorials.
      • Peer-to-Peer-Lernen
        Austausch in Kollegien, Makerspaces, mit Schüler*innen (vom „Learning by Doing“ profitieren).
        Experten (aus Schule, Hochschule, Start-ups) im Gespräch befragen, um praktische und alltagstaugliche Anwendungsideen zu bekommen.
      • Experimente und Projekte im Unterricht
        Eigene, praktischen Erfahrungen mit KI-Tools sammeln – gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern
        Zum Beispiel: KI-basierte Chats mit literarischen Figuren, kreative Aufgaben, mit Bildern oder Musik-Generatoren arbeiten.
      • Fachliteratur und Studien
        Lesestoff: Bücher, Studien („Big Data“), Blogbeiträge, Fachartikel und aktuelle Berichte.
        Für die Vertiefung: Audiobooks und Podcasts, die praxisnah Einblick geben und Diskurse vertiefen.
      • Podcasts und Audiomedien
        Regelmäßige Podcast-Folgen mit Experteninterviews, praxisnahen Tipps und Erfahrungsberichten sowie ethischen und gesellschaftlichen Fragestellungen.
      • Interdisziplinäre Kurse und Projekte
        Teilnahme an Kursen, die didaktische und technologische Expertise kombinieren
        Fokus auf den Transfer von Technik in die Unterrichtspraxis.
      • Selbstgesteuertes Lernen
        Offene Haltung: Tägliches Ausprobieren, Testen neuer Features, konsequente Recherche zu aktuellen KI-Entwicklungen und Trends.
      • Ethische und reflexive Diskursforen
        Beteiligung an digitalen oder analogen Diskussionsrunden über gesellschaftliche, ethische und medienpädagogische Herausforderungen rund um KI.

      Eine Kombination aus formellen und informellen Lernformaten führt zu dem größten Lernerfolg. Besonders niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeiten (Social Media, Podcasts, Austausch mit Schülerinnen und Schülern, Experimente) können Berührungsängste abbauen, während vertiefende Fortbildungen und Fachdiskurse nachhaltiges Wissen und Reflexion fördern. Es lohnt sich, ein persönliches Fortbildungskonzept zu entwickeln, das kontinuierliches Lernen, Praxisbezug und kritische Reflexion umfasst. Und: Wenn man die eigenen Fortbildungswege innerhalb des Kollegiums teilt und gemeinsam entdeckt, ermöglicht das einen Kompetenzgewinn und mehr Sicherheit rund um KI in der Schule.

      Schlussbemerkung

      In meinem Band 4 habe ich eine anlässlich der Einführung des Kerncurriculums in Hessen entwickelte Fortbildungsinitiative aufgegriffen und fortgeschrieben. Die inhaltliche Ausrichtung meiner Fortbildungsmodule orientiert sich an Merkmalen der Tiefenstruktur von Unterricht, greift relevante Kernpraktiken von Lehrkräften auf und stellt Methoden vor, die der Digitalität gerecht werden. Abschließend führe ich in unterschiedliche Mindsets zum fächerübergreifenden Projektunterricht ein. Diese regen zu einer Zusammenarbeit sowohl unter den Lehrkräften als auch unter den Schülerinnen und Schülern an. Der Praxisband soll vor allem denen Unterstützung bieten, die eine Übersicht über mögliche Fragestellungen rund um eine moderne Schule in der digitalen Welt haben wollen. Stichworte sind hier: Constructive Alignment, Prüfungskultur, Design Thinking, Deeper Learning und vieles mehr.

      Das Buch ist während der Corona-Zeit entstanden, also vor der aktuellen KI-Entwicklung. Und doch lassen sich die Inhalte gut übertragen. Wichtig ist dabei eine reflexive, transparente und partizipative Praxis, die gesellschaftliche, pädagogische und technische Perspektiven integriert. Wenn Schulleitungen und Kollegien die Einführung von KI-Tools als lernendes System gestalten, kann aus anfänglicher Skepsis konstruktive Gestaltungskompetenz entstehen. Dies ist ein entscheidender Schritt, um den Bildungsauftrag im digitalen Zeitalter zu erfüllen.

      Der nächste Beitrag stellt eine Reihe von Materialien vor, die im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen entstanden sind.

      … Stay tuned …

      Bildnachweis:

      Photo by Headway on Unsplash

      KI in der Schule (4): Fortbildung – Vernetzung

      Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz stellt Schulen weltweit vor neue Herausforderungen – und Chancen. Länder wie Finnland und Estland zeigen eindrucksvoll, wie gezielte Fortbildungsinitiativen und kollegiale Netzwerke Lehrkräfte befähigen, KI nicht nur zu verstehen, sondern auch verantwortungsvoll und kreativ im Unterricht einzusetzen. In Finnland etwa vernetzen sich Lehrkräfte über Hochschulprojekte und offene Lernplattformen wie „Elements of AI“, um gemeinsam Materialien zu entwickeln und ethische Fragen zu diskutieren. Estland setzt auf regionale Kompetenzzentren, in denen Lehrkräfte praxisnah geschult und langfristig begleitet werden.

      Durch Teamarbeit entstehen effizientere und passgenauere Unterrichtskonzepte, die auf den vielfältigen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler sowie den jeweiligen Fächeranforderungen basieren. Der kollektive Austausch erhöht die Motivation, neue Technologien aktiv zu nutzen, weil Lehrkräfte sich gegenseitig ermutigen und bei Herausforderungen unterstützen können. Kooperative Fortbildungen und kollegiale Fallberatungen wirken hierbei besonders motivierend. Gemeinsames Reflektieren ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit dem Einsatz von KI im Unterricht und fördert innovative Ideen.

      Dieser Artikel plädiert für eine stärkere regionale Vernetzung von Lehrkräften als Motor für digital gestützte Schulentwicklung. Denn die Zukunft der Bildung wird nicht allein durch Technologie gestaltet – sondern durch Menschen, die bereit sind, voneinander zu lernen.

      Bildungsforschung

      SiNUS-Projekt

      Es ist lange her, dass ich am SINUS-Projekt beteiligt war. Zur Erinnerung: SiNUS (Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts) war ein Modellversuchsprogramm für die Sekundarstufe I im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Es wurde infolge der Third International Mathematics and Science Study (TIMSS) 1994/96 von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) initiiert. Ziel des Programms war es, die Effizienz des Unterrichts zu steigern. Mit einigen hundert Lehrerinnen und Lehrern wurde das bundesweite Fortbildungsprogramm gestartet, das leider 2007 wieder beendet wurde.[1]SINUS (Bildung) – Wikipedia Der Abschlussbericht [2]Wayback Machine betont die Bedeutung von konkreten Unterrichtsvorhaben, die Lehrkräfte gemeinsam entwickeln und reflektieren. Darüber hinaus hebt der Bericht die Wirksamkeit von Lehrerkooperationen hervor. Diese habe eine nachhaltige Veränderung der Unterrichtspraxis gefördert und schulübergreifende Arbeitsgruppen sowie regionale Fortbildungsstrukturen ermöglicht. Durch die systematische, auch wissenschaftliche Begleitung durch Landeskoordinatoren und die länderübergreifende Materialentwicklung gelang ein bundesweiter Transfer.

      Ich war selbst Teil der „SiNUS-Bewegung“. In dieser langjährigen eigenen und später beratenden Schulentwicklungspraxis hat sich für mich die Arbeit in kleinen Teams als das wesentliche Merkmal erfolgreicher schulinterner Unterrichtsarbeit herauskristallisiert. Im Einzelnen:

      • Ich kann im Kollegium Wissen und Erfahrungen austauschen und davon lernen. Dies kann dazu beitragen, die Qualität des Unterrichts zu verbessern und den Schülerinnen und Schülern ein breiteres Spektrum an Lernmöglichkeiten zu bieten.
      • Ich kann Ressourcen wie Unterrichtsmaterialien und Technologien austauschen und dazu beitragen, dass diese besser bekannt und effektiver genutzt werden.
      • Zusammenarbeit hilft bei der Unterrichtsplanung: Es können Unterrichtspläne entwickelt werden, die aufeinander abgestimmt sind und unterschiedliche Lernstile und Interessen berücksichtigen.
      • Zusammenarbeit kann helfen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu ermutigen. Dies kann dazu beitragen, Stress und Burnout zu reduzieren und das Wohlbefinden der Lehrkräfte zu verbessern. Eine Methode, die ich mehrfach als erfolgreich erlebt habe, ist die kollegiale Fallberatung.
      • Zusammenarbeit kann dazu beitragen, Lehr- und Lernkonzepte zu reflektieren, um besser auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingehen zu können und ihnen die bestmöglichen Lernmöglichkeiten zu bieten.

      Wenn sich Lehrkräfte lokal zusammenschließen, Erfahrungen teilen und gemeinsam neue Lernwege erproben, entsteht ein dynamisches Lernökosystem, das weit über einzelne Fortbildungstage hinauswirkt. In den letzten Jahren wurden nur wenige vergleichbare SiNUS-Projekte initiiert, über die ich im Folgenden berichte: [3]https://www.digitalstadt-darmstadt.de/projekte/modellschulen/, https://www.unser-bad-driburg.de/news/news-aus-der-region/pm-bezirksregierung-barcamp-in-detmold, https://quamath.de/

       

      LuPe², Darmstädter Modellschulen und QuaMath

      Was zeichnet die Projekte LuPe², Darmstädter Modellschulen und QuaMath aus? Zwar unterscheiden sich das Projekt LuPe² und das Programm QuaMath in ihrer fachlichen Ausrichtung – LuPe² ist schulformübergreifend und thematisch breit gefächert, QuaMath fokussiert sich auf den Mathematikunterricht –, sie teilen jedoch bemerkenswerte konzeptionelle Gemeinsamkeiten. Zunächst sind sie alle wissenschaftlich begleitet, wie auch das Darmstädter Projekt. Sie alle setzen auf gemeinsame Vernetzungsprinzipien. Lehrkräfte gestalten aktiv mit, es finden sich kollaborative Formate mit zentral organisiertem Austausch, Peer-Feedback und Reflexion. Mit der Transferorientierung sollen die gewonnenen Erkenntnisse über die beteiligten Schulen hinaus wirken.

      Der persönliche Austausch schafft eine soziale Dynamik, die individuelle Lernangebote meist nicht bieten können. Dabei entstehen spontane Ideen und direkte Rückmeldungen, wodurch sich ein Zugehörigkeitsgefühl zum Kollegium entwickelt. Dies fördert die Akzeptanz und den nachhaltigen Einsatz von digitalen Medien erheblich.

      Insgesamt zeigt die Evidenz, dass eine kollegiale Vernetzung auch im Kontext von KI die Kompetenzen der Lehrkräfte deutlich verbessert, die Innovationskraft stärkt und das schulische Lernen insgesamt bereichert. Das gemeinsame Lernen schafft eine Kultur des kontinuierlichen Austauschs, die für die nachhaltige Integration von KI im Bildungswesen essenziell ist.

      Kollegiale Evaluation von Unterricht

      Ein lernendes Schulsystem lebt von der Zusammenarbeit. Gerade in Zeiten steigender Anforderungen und wachsender Heterogenität in den Klassenzimmern wird deutlich: Die Qualität des Unterrichts steigt, wenn Lehrkräfte nicht isoliert arbeiten, sondern gemeinsam reflektieren und ihre Praxis weiterentwickeln. Kooperative Professionalität bedeutet, den Blick für das große Ganze zu schärfen und die Stärken eines Teams zu nutzen, um Schülerinnen und Schüler gezielt zu fördern.

      Doch wie lässt sich eine solche Kultur der Zusammenarbeit konkret gestalten? Die Antwort liegt in der Nutzung effektiver Instrumente, die Lehrkräfte dabei unterstützen, die Perspektive der Lernenden einzunehmen und gemeinsam an Unterrichts- und Schulentwicklung zu arbeiten. Lesson Study, Spirals of Inquiry, Unterrichtshospitationen und Rating-Konferenzen sind nur einige Beispiele für Ansätze, die eine datenbasierte, dialogorientierte und mehrperspektivische Arbeit fördern.

      Im Folgenden zeige ich, wie diese Methoden dazu beitragen können, die individuelle und kollektive Wirksamkeit von Lehrkräften zu stärken, neue Handlungsmuster zu etablieren und die Qualität von Unterricht und Lernprozessen nachhaltig zu verbessern. Dabei geht es um mehr als die technische Anwendung einzelner Werkzeuge: Es geht darum, gemeinsam eine neue, zukunftsgerichtete Schul(system)kultur zu schaffen, die alle Beteiligten – Lehrkräfte, Lernende und Führungskräfte – aktiv einbindet.

      Lesson Study

      Lesson Study stammt ursprünglich aus Japan und ist dort seit über einem Jahrhundert fest im Schulsystem verankert. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden Forschende aus aller Welt auf die Methode und ihr Potenzial aufmerksam. Dies ist vor allem auf die Ergebnisse der ersten TIMSS-Studie (Trends in International Mathematics and Science Study, 1995) zurückzuführen, in denen japanische Schülerinnen und Schüler im Fach Mathematik überdurchschnittlich gut abschnitten. Diese Ergebnisse wurden unter anderem auf eine kontinuierliche und gemeinsame Unterrichtsentwicklung zurückgeführt, die in Japan üblich ist.

      Lesson Study ist eine Form der kooperativen Unterrichtsentwicklung, bei der ein Team aus ca. drei bis sechs Lehrpersonen vier zentrale Phasen durchläuft. Damit lebt Lesson Study vom kollegialen Austausch und der Kooperation von Lehrpersonen und bietet so einen Rahmen für die gemeinsame Bewältigung von Herausforderungen und die stetige Weiterentwicklung der eigenen Praxis. Besonders dann, wenn Lesson Study nachhaltig in die Strukturen des Schulalltags integriert wird, kann ein Kollegium durch Lesson Study langfristige Ziele der Schulentwicklung gemeinsam verfolgen und im Unterricht umsetzen.

      Drei Links dazu:

      Bericht über einen konkreten Einsatz in einem gleichnamigen Projekt:

      Unterricht weiterzuentwickeln gelingt am besten gemeinsam, auf der Basis konkreter Beobachtungen von Lernprozessen. Genau hier setzt Lesson Study an. Als Teilnehmer eines Lesson-Study-Projekts in Bayern durfte ich gemeinsam mit drei Kollegen aus dem Fach BwR (Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen) diesen Ansatz praktisch erproben. Im Mittelpunkt stand eine Hospitation zum Stundenthema Umsatzsteuer bzw. Prozentrechnung, bei der wir den Einsatz digitaler Tools, konkret H5P, systematisch untersucht haben. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse waren überraschend tiefgehend und gewinnbringend.

      Spirals of Inquiry

      „Spirals of Inquiry” ist ein innovativer Ansatz zur Verbesserung des Lernens und Lehrens in Schulen. Entwickelt von den Forscherinnen Judy Halbert und Linda Kaser, basiert es auf einem zyklischen Prozess, der Lehrer dazu ermutigt, sich mit den Herausforderungen ihrer Schüler auseinanderzusetzen und darauf basierend Maßnahmen zu ergreifen. Die Methode stellt das Lernen und die Bedürfnisse der Schüler in den Mittelpunkt, die Lehrkräfte arbeiten gemeinsam und teilen ihre Erkenntnisse.

      Der Prozess umfasst sechs Hauptschritte:[4]The spiral of inquiry / Evidence-based leadership / Pedagogy and assessment / Home – Educational Leaders

      1. Scanning: Beobachtung und Analyse der aktuellen Situation der Lernenden.
      2. Focusing: Identifizierung der Bereiche, in denen gezielte Maßnahmen den größten Unterschied machen können.
      3. Developing a Hunch: Entwicklung von Hypothesen darüber, wie die aktuelle Situation entstanden ist und wie sie verbessert werden kann.
      4. New Learning: Erlernen neuer Methoden und Ansätze, die auf die identifizierten Bedürfnisse der Lernenden abgestimmt sind.
      5. Taking Action: Umsetzung der neuen Ansätze im Unterricht.
      6. Checking: Überprüfung, ob die ergriffenen Maßnahmen den gewünschten Unterschied gemacht haben, und gegebenenfalls erneutes Durchlaufen des Zyklus

      Entscheidungen basieren auf systematischen Beobachtungen und Erhebungen. Die Phasen werden wiederholt, um kontinuierliche Verbesserung sicherzustellen. Die Spiralen lassen sich an unterschiedliche Kontexte und Schulen anpassen. „Spirals of Inquiry“ ist ein vornehmlich in Kanada eingesetztes wirkungsvolles Instrument, um datenbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung zu fördern. Es verbindet Reflexion, Innovation und gezielte Praxis, um nachhaltige Verbesserungen im Bildungssystem zu erreichen. 

      Ratingkonferenz

      Die Ratingkonferenz ist ein datengestütztes Evaluationsverfahren, bei welchem die qualitativen und quantitativen Aspekte der Evaluation und deren Vorzüge miteinander verbunden werden. Das Verfahren basiert im Wesentlichen auf zwei sich ergänzenden Prozesselementen:

      • der individuellen Einschätzung (dem «Rating») von vorgegebenen Aussagen zum jeweiligen Evaluationsthema / -gegenstand (quantitatives/geschlossenes Element),
      • der unmittelbar anschließenden, gemeinsam mit den Befragten vorgenommenen Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten (qualitatives/offenes Element).

      Die Aussagen (Items), die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Ratingkonferenz zur individuellen Einschätzung vorgelegt werden, bilden die Basis des Verfahrens: Hier entstehen die Daten, auf die im Verlauf des diskursiven Auseinander-setzungsprozesses Bezug genommen wird. Ein idealer Umfang liegt bei etwa einem Dutzend Items. Auf keinen Fall sollte das Ratinginstrument mehr als zwanzig Items umfassen, denn zu viele Items bringen die Gefahr einer zu oberflächlichen qualitativen Interpretation mit sich. Die Items sollten so ausgewählt beziehungsweise formuliert sein, dass sie die wichtigsten Aspekte ansprechen, zu denen die Erfahrungen und Meinungen der Schülerinnen und Schüler gefragt sind. Für die Formulierung der Items sind grundsätzlich dieselben Hinweise zu beachten, die für die Gestaltung von  Fragebogen gelten: Es braucht einfache, gut verständliche, präzise, neutrale (nicht suggestive) und eindimensionale Formulierungen. Für die Einschätzung der Items sollte eine mindestens vierstufige Skala vorgegeben werden – beispielsweise mit der folgenden Abstufung: 1 = trifft nicht zu; 2 = trifft teilweise zu; 3 = trifft überwiegend zu; 4 = trifft vollständig zu-

      Entnommen aus:
      Lehrevaluation als Anstoss zur Unterrichtsentwicklung, der Beitrag von Norbert Landwehr

      Aus meiner Berufspraxis hier ein Beispiel aus einer externen Evaluation zum Ganztagsangebot einer Schule. Unter anderem wurde die Ratingkonferenz als Methode gewählt, um qualitativ mit Eltern und Lehrkräften ins Gespräch zu kommen. Hier die beiden Ablaufprogramme:

      Unterrichtshospitation

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      In der Lehrerfort­bildung geht es ja oft darum, die alten Muster zu verändern. Zeit­gemäße Pädagogik ist ganz anders, als es die Lehr­kräfte noch vor 30 Jahren gelernt haben. Wie gelingt es, die erfahrenen Lehr­kräfte dafür zu öffnen? Prof.’in Stern (ETH Zürich):[5]https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/forschung-warum-erwachsene-beim-lernen-auf-die-bremse-treten/

      Jeder, der in der Lehrer­fortbildung gearbeitet hat, kennt diese zwei Sätze: „Das mach ich doch schon lange so“ und „Mit meiner Klasse geht das nicht“. Die erfahrenen Lehr­kräfte wollen in der Regel an ihrem erprobten Modell festhalten. Das ist eine ziemlich normale Reaktion. Ein Umdenken erreicht man meist dann, wenn ein Kollege oder eine Kollegin in der eigenen Klasse vormacht, dass ein anderer Unterricht tatsächlich besser funktioniert. Wenn man sich den Unterricht vor Ort genau ansieht und dann ganz konkret aufzeigt, wo man zum Beispiel Aufgaben­stellungen optimieren kann, dann nehmen das auch die erfahrenen Lehrkräfte gern an. Das passiert in der Schweiz viel über Unterrichtsbeobachtung. Ich selbst sitze als Mitglied einer Schul­kommission oft in der Klasse und schaue mir die Kinder genau an. Ich würde mir nicht zutrauen, besser zu unterrichten. Die Expertise dafür liegt klar bei der Lehr­kraft. Aber ich kann die einzelnen Kinder besser im Blick haben. Anschließend kann ich der Lehrerin oder dem Lehrer zurück­melden, welche Aufgaben­stellung gut funktioniert oder bei welchem Kind man vielleicht eine veränderte Aufgaben­stellung ausprobieren sollte. Wichtig ist es, den Verständnis­prozess bei den Kindern immer wieder zu überprüfen und den Unterricht anzupassen.

      Lehrkräfte geben ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Planungen zur gegenseitigen Bereicherung weiter. Sie stärken damit die Verständigung und den Austausch. Gemeinsame Lehrprozessplanungen leisten einen Beitrag zur Sicherung der Unterrichtsqualität und entlasten die einzelnen Lehrkräfte, etwa durch Verabredung einer kollegialen Hospitation.

      Kollegiale Unterrichtshospitationen mit anschließendem Feedback gelten als sehr wirksame Methode, den eigenen Unterricht zu reflektieren und zur Professionalisierung der Lehrkräfte beizutragen. Laut Kempfert & Ludwig bringen sie folgende Vorteile:[6]Kempfert, G./Ludwig, M.: Kollegiale Unterrichtsbesuche. Besser unterrichten durch Kollegen-Feedback. Beltz Verlag. Weinheim und Basel. 2. Aufl. 2010. S. 24

      • Der Unterricht wird gemeinsam untersucht, erforscht, reflektiert und verbessert.
      • Die Beobachtungsschwerpunkte werden von den Lehrkräften ausgehandelt, sie orientieren sich an pädagogischen Werten.
      • Ein Austausch zwischen Lehrerinnen und Lehrern kommt in Gang, der nicht nur die Qualität ihrer Arbeit verbessern, sondern auch die kollegiale Beziehung vertiefen und den Teamgedanken fördern kann.
      • Beobachtungen sind Grundlage des kollegialen Gesprächs: Es wird nicht nur über Unterricht geredet – wie in der Supervision – sondern das Gespräch orientiert sich an Beobachtungsdaten.
      • Die Lehrperson kann ihre Eigenperspektive mit einer Fremdperspektive vergleichen und bekommt die Chance, blinde Flecken in ihrer Arbeit zu entdecken.
      • Neuerungen werden im Unterricht umgesetzt, systematisch erprobt und reflektiert
        Lehrpersonen entwickeln ihre eigene Professionalität wie auch ihre eigene Didaktik weiter.

      Für ein Selbststudium hier einige Empfehlungen:

      • HOSPITATION UND FEEDBACK, Material zur Anregung von Schulentwicklung vom Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik
      • Reichelt/Wenge: Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben. Das Buch bietet Leitfäden und Checklisten zu unterschiedlichen Unterrichtssituationen an, aus Sicht der Ausbildung (1. und 2. Phase) und Lehrerpraxis (3. Phase). Für einen wirksamen Unterricht sind maßgeblich Tiefenstrukturen in den Blick zu nehmen. Aktuelle Forschungsergebnisse finden sich in:
      • Kognitiv aktivieren. Das Pädagogikheft wartet mit vielen Beispielen aus der Unterrichtspraxis auf. Vieles davon sollte Thema bei einer Unterrichtshospitation sein.
      • Eine Taskcard, die gegenseitige Besuche der Kolleg*innen untereinander vorbereiten hilft (von Margarete Giessmann, @margaretegiessmann@bildung.social)

      Und hier noch ein Gastbeitrag von Prof. G. Buhren: Gute Schule dank positiver Feedbackkultur

      Sollte die Schulleitung im Unterricht des Kollegiums hospitieren? Ja! Denn von einer positiven Feedbackkultur zwischen Leitung und Kollegium profitieren alle. Dafür ist Transparenz nötig – und Gegenseitigkeit.

      Schlussbemerkung

      “Spirals of Inquiry” als auch “Lesson Study” sind Ansätze zur Verbesserung des Unterrichts durch kollaborative und reflektierende Praktiken. Sie unterscheiden sich in ihrem Fokus und ihrer Methodik. Beide Ansätze fördern die Zusammenarbeit und das professionelle Wachstum von Lehrkräften, “Spirals of Inquiry” legt mehr Wert auf einen kontinuierlichen, datengetriebenen Verbesserungsprozess,  “Lesson Study” konzentriert sich stärker auf die detaillierte Analyse einzelner Unterrichtsstunden.[7]https://content-select.com/de/portal/media/view/624be842-efcc-4739-9f93-2554b0dd2d03 Ratingkonferenzen wie auch Unterrichtshospitationen eignen sich sowohl für einen individuellen wie kooperativen Einsatz. 

      Abschließend folgen noch diese beiden Artikel, die ebenfalls für eine Zusammenarbeit auf Schulebene werben.

      Lehrkräfte sehen sich immer komplexer werdenden Aufgaben gegenüber und sind gleichzeitig einer strukturellen Vereinzelung ausgesetzt. Doch niemand kann im Alleingang die schulischen Herausforderungen unserer Zeit stemmen oder Innovationen nachhaltig umsetzen. Teamstrukturen können in Schulen eine dynamische Lernumgebung schaffen, die allen am Schulleben Beteiligten zugutekommt.

      Nicht nur dieser Artikel ist zu empfehlen. Er war nur (leider) der einzige im OpenAccess-Format.

      In diesem Blogbeitrag möchten wir eine Lanze brechen für die ko-konstruktive Planung von Unterricht: Sie ergibt mehr als die Summe ihrer Teile und bereichert im besten Fall die Lernenden (und uns), weil sie zu mehr Unterrichtsqualität führt. Mit diesen Gedanken haben wir uns vor einigen Jahren auf den Weg gemacht, im Rahmen der Lehrkräfteausbildung Unterrichtshospitationen im Co-Planning-Verfahren zu bestreiten. Wie wir das machen (oder gemacht haben in Iris’ Fall), davon berichten wir hier.

      Im nächsten Artikel stelle ich weitere Fortbildungsformate vor, die zur Zusammenarbeit einladen und die gesamte Schulentwicklung fördern.

      … Stay tuned …

      Bildnachweis:

      Image by Jamillah Knowles & Reset.Tech Australia / © https://au.reset.tech/ / Better Images of AI / Detail from Connected People / CC-BY 4.0