Schulentwicklung (ii): Professionalisierung

Lehrkräfte verstehen sich als Expertinnen und Experten für das Lehren und Lernen und den Kompetenzerwerb, um die einzelnen Schülerinnen und Schüler bestmöglich individuell zu fordern und zu fördern. Dabei berücksichtigen sie die Heterogenität und Diversität der Schülerinnen und Schüler sowie weitere Themenfelder (zum Beispiel Medienbildung und Digitalisierung). Diesen Ansprüchen werden Lehrkräfte gerecht, indem sie ihre beruflichen Kompetenzen fortwährend pflegen, die Schulentwicklung befördern und die Vielzahl der Fähigkeiten im Kollegium nutzen (zum Beispiel Arbeit in multiprofessionellen Teams) [1]https://lehrkraefteakademie.hessen.de/sites/lehrkraefteakademie.hessen.de/files/Hessischer%20Referenzrahmen%20Schulqualitaet-HRS.pdf, S. 32 . So die einleitende Präambel zum Qualitätsbereich IV „Professionalität der Lehrkräfte“ des Hessischen Referenzrahmens Schulqualität (HRS).

Im Folgenden stelle ich drei Dimensionen vor. Mit der Empfehlung, die dort vorgestellten Anregungen/Beispiele nicht individuell anzugehen und zu bearbeiten, sondern vernetzt. Mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen man gerne zusammenarbeitet…

    Eigene Unterrichtsentwicklung

    Lehrkräfte zeigen Eigenverantwortung zu lebenslangem Lernen und zum kontinuierlichen Ausbau der eigenen Kompetenzen. Ihr Lernen orientiert sich an den gesellschaftlichen Herausforderungen, den erziehungswissenschaftlichen sowie pädagogischen Erkenntnissen und zielt auf die fortlaufende Professionalisierung der eigenen pädagogischen Praxis.[2]ebda., S. 32

    1. Tipp: 

    2. Tipp:

    Ich gebe zu, der folgende Link ist sehr unübersichtlich, dennoch empfehle ich ein Durchscrollen in dieser Edutwitter Aktion „WOW der Woche“ (#wowdw):

     

     

     

    Organisation von Lehr- und Lernprozessen

    Bei der Planung und Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen gehen die Lehrkräfte von den einzelnen Schülerinnen und Schülern aus und berücksichtigen dabei rechtliche Vorgaben, schulinterne Regelungen sowie Kriterien guten Unterrichts. Dabei kommen berufsethische Prinzipien zum Tragen, die von der Mitverantwortung für die individuelle Entwicklung und von der Förderung aller Schülerinnen und Schüler gekennzeichnet sind. Dazu ist es auch notwendig, sich über die Lern- und Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Schülerinnen und Schüler auszutauschen. Um die vorhandenen Expertisen und Ressourcen effektiv zu nutzen, findet eine enge Kooperation des gesamten schulischen Personals statt.[3]ebda., S. 34

    1. Tipp:

    Auseinandersetzung mit Lehr- und Lernkonzepten, z. B.:

    2. Tipp:

    Auseinandersetzung mit Lernraumkonzepten:[4]https://excitingedu.de/wp-content/uploads/2021/12/Magazin-excitingedu_Ausgabe-2-21_ePub.pdf, S. 6ff

     

    Mitgestaltung der Schul- und Unterrichtsentwicklung

    Um der zunehmenden Komplexität bei der Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsauftrags gerecht werden zu können, ohne als einzelne Lehrkraft immer wieder aufs Neue eigene Wege und Lösungen finden zu müssen, nutzen die Lehrkräfte das gemeinsame schulische Engagement. Die Kompetenzen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Schule werden dabei zusammengeführt. Dies betrifft die einzelne Lehrkraft insbesondere durch die selbstverständliche Weitergabe des eigenen Wissens, die kollegiale Zusammenarbeit bei der Ausgestaltung von Vorgaben (zum Beispiel Fachcurricula), die Klärung von Rollen und Verantwortung zwischen Professionen (zum Beispiel zwischen Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften) sowie die Verantwortungsübernahme bei Schulentwicklungsaktivitäten.[5]ebda., S. 37

    1. Tipp: Prüfungskultur

    In Edutwitter wird zurzeit an vielen Stellen über „Schule ohne Noten“ diskutiert. Kürzlich haben sich dazu Heinz Meidinger (Deutscher Lehrerverband) und einer der Protagonisten von pruefungskultur.de, Björn Nölte in einem Streitgespräch online „ausgetauscht“. Ich habe mich einmal vor längerer Zeit mit dem Thema beschäftigt und war überrascht, was bereits vor Pandemiezeiten alles möglich war und ist:

     

    2. Tipp: Unterrichtshospitationen

    Lehrkräfte geben ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Planungen zur gegenseitigen Bereicherung weiter. Sie stärken damit die Verständigung und den Austausch. Gemeinsame Lehrprozessplanungen leisten einen Beitrag zur Sicherung der Unterrichtsqualität und entlasten die einzelnen Lehrkräfte, etwa durch Verabredung einer kollegialen Hospitation.

    Kollegiale Unterrichtshospitationen mit anschließendem Feedback gelten als sehr wirksame Methode, den eigenen Unterricht zu reflektieren und zur Professionalisierung der Lehrkräfte beizutragen. Laut Kempfert & Ludwig[6]Kempfert, G./Ludwig, M.: Kollegiale Unterrichtsbesuche. Besser unterrichten durch Kollegen-Feedback. Beltz Verlag. Weinheim und Basel. 2. Aufl. 2010. S. 24 bringen sie folgende Vorteile:

    • Der Unterricht wird gemeinsam untersucht, erforscht, reflektiert und verbessert.
    • Die Beobachtungsschwerpunkte werden von den Lehrkräften ausgehandelt, sie orientieren sich an pädagogischen Werten.
    • Ein Austausch zwischen Lehrerinnen und Lehrern kommt in Gang, der nicht nur die Qualität ihrer Arbeit verbessern, sondern auch die kollegiale Beziehung vertiefen und den Teamgedanken fördern kann.
    • Beobachtungen sind Grundlage des kollegialen Gesprächs: Es wird nicht nur über Unterricht geredet – wie in der Supervision – sondern das Gespräch orientiert sich an Beobachtungsdaten.
    • Die Lehrperson kann ihre Eigenperspektive mit einer Fremdperspektive vergleichen und bekommt die Chance, blinde Flecken in ihrer Arbeit zu entdecken.
    • Neuerungen werden im Unterricht umgesetzt, systematisch erprobt und reflektiert
      Lehrpersonen entwickeln ihre eigene Professionalität wie auch ihre eigene Didaktik weiter.

    Für ein Selbststudium hier einige Empfehlungen:

      • HOSPITATION UND FEEDBACK, Material zur Anregung von Schulentwicklung vom Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik

      • Reichelt/Wenge: Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben. Das Buch bietet Leitfäden und Checklisten zu unterschiedlichen Unterrichtssituationen an, aus Sicht der Ausbildung (1. und 2. Phase) und Lehrerpraxis (3. Phase). Für einen wirksamen Unterricht sind maßgeblich Tiefenstrukturen in den Blick zu nehmen. Aktuelle Forschungsergebnisse finden sich in:

      • Kognitiv aktivieren. Das Pädagogikheft wartet mit vielen Beispielen aus der Unterrichtspraxis auf. Vieles davon sollte Thema bei einer Unterrichtshospitation sein.

    3. Tipp: Kooperationen mit Universitäten

    Sabine Albert hat in ihrer Beschreibung zur Bedeutung der reflexiven Selbstforschung für die Professionalisierung von Lehrpersonen eine Reihe von „Best Practices“ identifiziert. Sie empfiehlt u. a. eine Vernetzung mit Studierenden, etwa so:[7]https://www.pedocs.de/volltexte/2020/20338/pdf/HiBiFo_2016_4_Albert_Die_Bedeutung_der_reflexiven.pdf

    • An der Carl von Ossietzky Universität wurde die „Teamforschung“ entwickelt. Dabei bilden berufserfahrene Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit Studierenden kleine Teams, um selbstständig den Unterricht zu beforschen. Nach der Formulierung einer Forschungsfrage erfolgt die Datenerhebung und -auswertung sowie ihre Interpretation, um schließlich in Form eines Forschungsberichtes weiterverwendet werden zu können. Dazu zwei Literaturempfehlungen:
    • An der Pädagogischen Hochschule Wien gibt es die Forscherwerkstatt, in der Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Studierenden in den Naturwissenschaften und in Mathematik forschen. Dabei werden fachlich angeleitete Problemstellungen zu Forschungsfragen, welche darauffolgend selbstständig und handlungsaktiv bearbeitet werden. Es kommt so zu einer Einführung in forschende Lernprozesse, in denen eigenständiges Fragenstellen und das Finden von Antworten oberstes Ziel ist.

    Aus meinen Erfahrungen als Schulinspektor und der anschließenden Tätigkeit als Schul(entwicklungs)berater habe ich vielfältige Erfahrungen in Fragen der Freiwilligkeit und Verpflichtung von Maßnahmen gesammelt, z. B. im Umgang mit dem im hessischen Schulgesetz verankerten Notwendigkeit eines MitarbeiterInnen- und Jahresgespräches. Leider waren sie in den seltensten Fällen als geeignetes Instrument einer Professionalisierung anerkannt worden. Norbert Landwehr stellt aus den Erfahrungen seiner Q2E Projekte[8]https://www.q2e.ch/ fest, dass

    • bei der routinemäßigen Erfüllung des Schulgesetzes die Lernabsicht verloren geht: Die Rückmeldungen werden zwar von der Schulleitung vorschriftsgemäß eingeholt und bestenfalls „zur Kenntnis genommen“. Sie werden aber nicht wirklich als Quellen des persönlichen Lernens genutzt. (Das Jahresgespräch) verkommt so zu einem wirkungslosen Ritual, das die ihm ursprünglich zugedachte Funktion verloren hat.
    • der Widerstand gegen institutionelle Zumutungen oder gegen erzwungene Selbstreflexionen die Energie absorbiert, die eigentlich für konstruktive Auseinandersetzungen zur Unterrichtsqualität aufgewendet werden sollte. 

    Aber auch die Freiwilligkeit hat ihre Tücken, so Landwehr weiter: Sie bringt es nämlich mit sich, dass institutionell erwünschte Aktivitäten in Konkurrenz treten zur Möglichkeit der individuellen, bedürfnisorientierten Zeitnutzung. Da für die überwiegende Mehrzahl der Lehrpersonen – zumindest längerfristig – die Attraktivität der freien Zeitnutzung größer ist als diejenige einer institutionell vorgegebenen Kooperationsüberlegung, besteht die Gefahr, dass freiwillige Maßnahmen in relativ kurzer Zeit „versanden“. Hinzu kommt, dass ein wirksames Qualitätsmanagement nicht der individuellen Beliebigkeit überlassen werden darf. Vielmehr besteht vonseiten der (direkten und indirekten) Leistungsempfängerinnen und -empfänger der berechtigte Anspruch, dass die Institution für einen bestimmten Qualitätslevel des Unterrichts besorgt ist – unabhängig von der Interessenlage der betreffenden Lehrpersonen.

     

    Als Lösungsvorschlag für die hier angedeutete Problemstellung wurde in der Schweiz im Rahmen des Q2E-Projektes das sogenannte PUQE-Modell [9]PUQE steht als Abkürzung für „Persönliche, unterrichtsbezogene
    Qualitätsentwicklung“
    entworfen. Der Leitgedanke, der dem Modell zugrunde liegt, lässt sich wie folgt umschreiben: Die institutionelle Verbindlichkeit ist weniger auf das Instrument (hier Jahresgespräch) gerichtet, als vielmehr auf seinen Zweck: nämlich auf die persönliche, unterrichtsbezogene Qualitätsentwicklung.[10]https://www.q2e.ch/wp-content/uploads/sites/162/2020/05/q2e-heft-3-grundlagen-zum-aufbau-einer-feedbackkultur.pdf

    Das Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung (Österreich) hat die Entwicklung von Professionalität im internationalen Kontext betrachtet und folgenden „Domänen“ identifiziert:

    Diese fünf Domänen von Professionalität von LehrerInnen bestimmen das LehrerInnenhandeln im Alltag, und zwar weitgehend unabhängig von Schultyp und Fach. Die entwickelten Domänen bieten Anregungen für die Gestaltung von LehrerInnenbildung, machen wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich und liefern Impulse und inhaltliche Bausteine. Der Fokus wird einerseits auf den zu verändernden organisatorischen Rahmen von LehrerInnenarbeit gelenkt, andererseits werden individuelle Bildungs- und Lernprozesse der Lehrerinnen als entscheidenden Ansatzpunkt gefördert. So werden beide Perspektiven – die Systemebene und die subjektive Ebene – gleichermaßen berücksichtigt. Die entworfenen Domänen machen deutlich, dass eine Weiterentwicklung der Strukturen des Bildungssystems erforderlich sein wird, aber gleichzeitig auch die Person der Lehrerin bzw. des Lehrers aufgefordert ist, in und mit diesen Strukturen als Expertin bzw. als Experte in diesem Sinne „professionell“ umzugehen. Die Verschränkung der beiden Perspektiven ist Voraussetzung für die erfolgreiche Implementierung der entwickelten Domänen – um sie als neue Denkmuster in die Praxis zu bringen. Daraus kann sich ein neues Professionsbewusstsein entfalten und vielfältige Entwicklungsperspektiven können entstehen. [11]https://paedagogik-news.stangl.eu/fuenf-domaenen-der-professionalitaet-von-lehrerinnen

    Die Idee hinter PUQE (in Anwendung auf das EPIK-Modell, vgl Grafik) ist nun, dass sich jede Lehrkraft für einen Zeitraum (z. B. zwei Jahre) eines der Domänen auswählt und sich individuell und/oder kollaborativ damit auseinandersetzt. Qualitätsmerkmale (Evaluation, Dokumentation, …) sind auszuhandeln, individuell und/oder in Zusammenarbeit mit dem Personalrat. 

    Empirisch gesichert ist die Aussage, dass Schulleitungshandeln an lernwirksamen Schulen dann erfolgreich ist, wenn sie sich „… nah dran“ zeigt.  Was heißt das genau? Die folgende Tabelle weist vier Eigenschaften aus[12]https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs35834-019-00243-5:

    Die Haltung der Schulleitung wird immer dann deutlich sichtbar, wenn sie sich im Rahmen des jeweiligen Schulkontexts handlungsleitenden, pädagogischen Grundüberzeugungen verpflichtet fühlt. Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass sie

    • am und zum Kind orientiert sind,
    • bei der Personalauswahl mitentscheidend sind,
    • die Bedürfnisse aller berücksichtigen und
    • sich in der beständigen Weiterentwicklung der Schule widerspiegeln.

    Sie zeigen, wie nah die Schulleitungen am bzw. hinter dem jeweiligen Schulprogramm bzw. den Schulkonzepten stehen, was sie jederzeit selbstbewusst, klar und deutlich vertreten. (…) Die Schulleiter/innen sehen sich auch dafür verantwortlich, die wünschenswerte Qualität der Schule zu gewährleisten. Hierzu gehören Überprüfungen und Diskussionen des pädagogischen Konzepts und dessen Inhalte sowohl intern mit dem Kollegium, Eltern, Schüler/innen und weiteren Personen, die in unterschiedlicher Funktion in der Schule tätig sind, als auch mit externen Expert/innen, die beispielsweise Vorträge oder Workshops bei schulinternen Fortbildungen halten oder wissenschaftliche Untersuchungen durchführen.

     

    In meiner Ausbildungszeit in der Uni gab es keine Seminare zur Überprüfung von Selbstwirksamkeit. Auch nicht in meiner Referendarausbildung. Das Curriculum umfasste in beiden Phasen ausschließlich Frage- und Problemstellungen rund um die Fachdidaktik. Wie hilfreich solche Angebote sein können, zeigen Zitate aus Reflexionen von Studierenden der Pädagogischen Hochschule Wien. Die Reflexionen fanden begleitend zu einem Seminar statt, in dem Übungen zu den Themen Emotionen und Emotionsregulierung, Überzeugungen, Ressourcen und Selbstwirksamkeit durchgeführt wurden. Die Studierenden erhielten dafür einen Leitfaden. Die Impressionen und Rückmeldungen einiger Studierenden zeigen, dass es nicht viel braucht, um in einem mehrwöchigen Seminar zur (Selbst)Professionalisierung von Lehrpersonen Irritationen entstehen zu lassen und Denkprozesse anzuregen:[13]https://www.pedocs.de/volltexte/2020/20338/pdf/HiBiFo_2016_4_Albert_Die_Bedeutung_der_reflexiven.pdf

     

    Aber eigentlich ist das Über-Sich-Selbst-Reflektieren etwas ganz Schönes, denn es ist eine gute Möglichkeit, seine eigene Persönlichkeit weiter zu entwickeln.

     

    Es ist also auch als Lehrerin/Lehrer wichtig, sich manchmal in die Rolle einer Schülerin/eines Schülers zu versetzen, um sie/ihn zu verstehen bzw. ihre/seine Handlungen nachvollziehen zu können.

     

    In der Gruppe war es spannend zu beobachten, wie schwierig es eigentlich ist, seine Überzeugungen so zu formulieren, dass diese von den anderen richtig verstanden werden.

     

    Die Übung hat mir gezeigt, dass man versuchen sollte, die Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und es wichtig ist zu versuchen, die Überzeugungen der anderen nachzuvollziehen, anstatt starr den eigenen Ansichten zu folgen.

     

    Dies bedeutet natürlich, die persönliche Komfortzone zu verlassen. Es bewirkt allerdings bei erfolgreichem Meistern solcher Situationen, dass ich gestärkt herausgehe und mehr Vertrauen in mich und mein Können habe.

     

    Ich bin erstaunt, mit welchen einfachen Übungen man ein Stück mehr zu sich selbst finden kann. Manchmal ist es anscheinend ausreichend, seine Gedanken zu Papier zu bringen und unbewusste Dinge offen in der Gruppe zu diskutieren.

     

    Bei Scannen meiner Bookmarkliste sind mir noch eine Reihe weiterer Unterrichtsmaterialien aufgefallen. Ich muss da erst einmal Ordnung reinbringen. Der Folgebeitrag kommt zeitnah …

    … Stay tuned …

    Schulentwicklung (i): Digitalisierung in Schulen

    Die regelmäßigen Leserinnen und Leser meines Blogs sind es ja bereits gewohnt: Ich werbe – wie auch Prof.’in Birgit Eickelmann in deren Publikationen – unermüdlich für professionelle Schulentwicklung. Nicht zuletzt, weil dieser Blog aus meinen drei Praxisbänden entstanden ist mit dem Ziel, Weiter- und Neuentwicklungen bekannt zu machen. So in diesem Beitrag mit der Vorstellung der – das sei schon jetzt gesagt: sehr empfehlenswerten – Filmproduktion Digitalisierung in Schulen. Gleich dazu mehr …

    Jahreswechsel werden zu Recht gerne genutzt, um mit einem Rückblick ins neue Jahr zu starten. Wie werden Schülerinnen und Schüler das zurückliegende Jahr beurteilen? Sehen sie sich ausreichend gefördert und in ihren Interessen berücksichtigt? Oder: Mit welchem Stimmungsbild gehen die Lehrkräfte in das neue Jahr. Nele Hirsch hat unter 900 Twitteruserinnen und -usern eine Umfrage durchgeführt. Und u. a. danach gefragt, welche Kompetenzen die Pädagog*innen im neuen Jahr unbedingt haben bzw. entwickelt haben sollten? Im Folgenden das Ergebnis in einer Wortwolke (bei Klick auf das Bild werden Sie auf Neles Bericht geführt)[1]https://ebildungslabor.de/blog/stimmungsbild/:

    Und schließlich: Wie stellt sich eine professionelle Schulleitung den herausfordernden Aufgaben angesichts der eigenen Arbeitsüberlastung und auch die des pädagogischen Personals (siehe oben).

    Der diesen Artikel einleitende Quote der Bildungsforscherin Prof’in. Birgit Eickelmann gibt die Richtung vor: Die Zukunft der Bildung muss aus der Perspektive der Lernenden betrachtet und gestaltet werden. Nur wie? Und: Wie umgehen mit den in den Eduhashtags zuletzt häufiger anzutreffenden Kommentaren bezüglich eines analogen Roll-Backs?[2]z. B. https://twitter.com/Woe_Real/status/1455472446639910914

      Gute Praxis in Berlin

      In dem folgenden 20-minütigen Film wird mit der Heinz Brandt Schule eine Berliner Schule vorgestellt, die sich auf den Weg gemacht hat, den Unterricht neu zu organisieren. Frau Prof.’in Sliwka (Uni Heidelberg) stellt fünf Bedingungen vor, die Schulen darin unterstützen können, den Unterricht an der heutigen und zukünftigen (Er)Lebenswelt auszurichten.

      1. MEHR ZEIT. Unterricht sollte nicht 45 Minuten dauern, sondern 100  Minuten. Oder die Schule sollte halbe und ganze Projekttage veranstalten.
      2. FLEXIBLE RÄUME. Schulen sollten Klassenzimmer viel flexibler nutzen: Die Klassenzimmertür öffnen, die Korridore der Schule einbeziehen, größere Räume und außerschulische Lernorte nutzen.  
      3. TEAMARBEIT. Lehrer*innen sollten im Team arbeiten. Unterricht zusammen planen und zusammen verantworten, macht den Unterricht besser.
      4. DIGITALE SCHULE. Wir brauchen eine hybride Schule, also eine Mischung aus Lernen vor Ort und digitalen Angeboten.
      5. PRÜFUNGEN VERÄNDERN. Keine Klassenarbeiten mehr, die alle Schüler*innen zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort gemeinsam schreiben. Stattdessen authentischere Formen von Leistung.

      Besonders bemerkenswert: Was immer wieder gefordert wird (6. (?)): Fehler machen ist erlaubt. Der Film zeigt das an zwei Stellen. Sie werden sie sicher bemerken:


       
       

      Gute Praxis in Neumünster

      Ich habe die Schule in meinem Band 2 näher vorgestellt und einleitend geschrieben[3]Drabe, M. (2020): Schulentwicklung und Medienkonzept. Ein Praxisheft für Schulleitungen und Steuergruppen. Schule in der digitalen Welt. Augsburg.Auer-Verlag. S. 88:

      Die jüngere Entwicklungsgeschichte der Freiherr-vom-Stein-Schule aus Schleswig-Holstein weist zunächst einmal gar nichts zum Kontext „Schule in der digitalen Welt“ auf. Das begann erst nach dem Gewinn des Schulpreises 2016. (…) Im Jahr 2007 wurde in Schleswig-Holstein mit der Einführung der Gemeinschaftsschule das Schulgesetz geändert. Die Freiherr-vom-Stein-Schule nutzte diese Änderung als eine Chance, ihre pädagogische Arbeit zu hinterfragen. Die Zeichen dafür waren günstig: Eine neue Schulart musste konzipiert werden, die Politik sorgte für eine Aufbruchsstimmung, die Schulleitung wurde pensioniert und der Neubau des Gebäudes stand an.

      Zunächst begab sich die Schulleitung auf eine bildungstouristische Reise durch Deutschland. Sie wollte sich direkt vor Ort ein Bild von der Wirksamkeit der dort umgesetzten Konzepte machen und mit den Promotoren ins Gespräch kommen. Besonders eindrucksvoll und zunächst begleitend für die Schul- bzw. Unterrichtsentwicklung war die pädagogische Arbeit in der Bodenseeschule.

      Die Schule hat sich nicht auf den Lorbeeren des Schulpreises ausgeruht. Sie hat den mit der Auszeichnung verbundenen Geldpreis u. a. in den Ausbau der Infrastruktur investiert (Glasfaser). Und besonders bemerkenswert, weil nicht selbstverständlich: Der Wechsel der Initiatorin Maike Schubert (@Makijusaca) zur Winterhuder Reformschule  hat offensichtlich zu keinem Bruch geführt, wie der rund 9-minütige Film beweist:

       
       

      Folgerungen: filmisch und dokumentarisch

      Angesichts der vielen eindrucksvollen Umsetzungen: Wie kann man den Prozess triggern bzw. organisieren? Eine filmische Einleitung:

       

       

      Der Film: Digitalisierung in Schulen befasst sich mit den sich aufdrängenden Fragen: Was braucht es als Schule, um sich auf den Weg zu machen? Wo bleibt dabei die Pädagogik? Wie gelingt es, die klassische Didaktik mit digitalen Medien anzureichern?  Dr. Sarah Henkelmann vom Netzwerk Digitale Bildung, Prof. Dr. Stefan Aufenanger von der Universität Mainz und Prof. Dr. Rudolf Kammerl von der Universität Erlangen-Nürnberg geben nicht nur qualifizierte Antworten, sondern auch viele hilfreiche Tipps und Anregungen. Sie machen damit Mut, die Digitalisierung anzugehen und erfolgreich umzusetzen. Der Film ist in vier Kapiteln strukturiert:

      • Kapitel 1: Konzeption
        • Aufenanger verweist zunächst auf die Führungsrolle der Schulleitung, ohne die nichts ginge. „Sie muss nicht selbst aktiv sein, das kann auch ein Projektteam/ eine Steuergruppe. Sie muss aber hinter dem Projekt stehen.“  Er sieht drei wesentliche Elemente, die es in Beziehung zueinander zu bringen gilt:
          1. Einführung digitaler Medien (also die vom Schulträger bereitgestellte Technik und Infrastruktur),
          2. Pädagogisches Konzept: Klären, ob das (alte) Konzept noch in die Zeit passt. Wie kann man digitale Medien integrieren? Nicht Pädagogik vor Medien, sondern: Pädagogik mit Medien
          3. Organisationsstrukturen: Wie können wir alle mitnehmen? Fortbildung organisieren.
        • Diese Elemente müssen in einer Balance stehen, müssen aufeinander abgestimmt sein, so Aufenangers Plädoyer. Die weiteren Ausführungen befassen sich mit
      • Kapitel 2: Qualifizierung der Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler
      • Kapitel 3: Technische Ausstattung (Endgeräte, WLAN, Bandbreiten, …) und schließt im
      • Kapitel 4 mit Überlegungen zu pädagogische Aspekten.
        • Hier sieht Aufenanger das pädagogische Personal aufgefordert, eine zeitgemäße Bildung mit einem Blick auf die Zukunft zu entwickeln und verbindet seine Überlegungen u. a. mit der Einbindung neuer und externer Lernorte, mit einer Auflösung der Fächerorientierung und: Schülerinnen und Schüler müssen lernen, wie sie Medien nutzen können. Zeitmanagement, Organisation des Dateihandling kann man nicht voraussetzen, so ein Ergebnis aus (seinen) Forschungsvorhaben.

      Dabei wird im Film immer wieder auf einen Wegweiser des Netzwerk Digitale Bildung verwiesen. Er nutzt die Erfahrungen vieler Protagonisten, die sich erfolgreich auf den Weg in die die Digitalisierung der Schulen gemacht haben und stellt dabei eine Datei zur Verfügung, die den Prozess anleiten und begleiten hilft.

       

      Schlussbemerkungen

        Apropos Wegweiser. Es gibt eine Reihe weiterer online angebotener Unterstützungsangebote. So auf meiner Themenseite mit umfangreichem und länderspezifischem Material. Hilfreich darüber hinaus eine Webseite des Forum Bildung Digitalisierung mit einem „Fahrplan“ einer professionellen Prozessbegleitung.

        Ich wünsche Ihnen nun einen guten Start ins Jahr 2022, verbunden mit der Hoffnung, dass die Frusterfahrungen aus der Pandemiezeit nicht dazu führen, sich wieder die alten analogen Zeiten zurückzuwünschen, sondern – im Gegenteil – die Ausstattungsinitiativen pädagogisch genutzt werden. Ich hoffe weiterhin, dass darüber hinaus die Bildungsbehörden mehr inhaltliche und damit gestalterische Verantwortung übernehmen. Ich werde in den nächsten Wochen immer mal wieder Themen zur Weiterentwicklung von Schule aufgreifen und über gute Praxis berichten.

        Alles Gute, viel Erfolg und natürlich: Bleiben Sie gesund!

        Stay tuned …

         

        Bildnachweis: https://twitter.com/ForumBilDig/status/1459165913287172099/photo/1

        2022: Tumisu @Pixabay

         

        References

        References
        1 https://ebildungslabor.de/blog/stimmungsbild/
        2 z. B. https://twitter.com/Woe_Real/status/1455472446639910914
        3 Drabe, M. (2020): Schulentwicklung und Medienkonzept. Ein Praxisheft für Schulleitungen und Steuergruppen. Schule in der digitalen Welt. Augsburg.Auer-Verlag. S. 88

        1000 Seiten über „Lernen mit digitalen Medien“

        In den sozialen Netzwerken wurde ich auf ein Buch aufmerksam, dessen beiden Herausgeber mir wohlbekannt sind: Gerold Brägger als Geschäftsführer von IQESonline.net und Hans Günther Rolff als Gründer des Institut für Schulentwicklungsforschung der TU-Dortmund. Meine erste Assoziation zum Titel „Handbuch Lernen mit digitalen Medien“: Wow, zwei Experten auf dem Weg, uns das Lernen mit digitalen Medien zu erläutern. Denn, ein Handbuch (griechisch ἐγχειρίδιον encheiridion‚ „etwas, das man in der Hand hält“) ist in der Literatur eine geordnete Zusammenstellung eines Ausschnitts des menschlichen Wissens und kann als Nachschlagewerk dienen1.

        Mein nächster Blick in das Inhaltsverzeichnis gibt eine erste Antwort, wie sie diesem Anspruch gerecht werden wollen: mit der Einladung an viele Who’s Whos der Medienexpert*innen des deutschsprachigen Raums, sich an diesem Buchprojekt zu beteiligen. Beeindruckend die Autor*innenliste! Der Beltz-Verlag bewirbt das Buch so:

        Digitale Medien eröffnen Chancen für den binnendifferenzierten Unterricht und eine neue Lernkultur, bergen bei einem unkritischen Einsatz aber auch Risiken. Inwiefern können sie personalisiertes und kooperatives Lernen sowie einen lernwirksamen Unterricht mit heterogenen Gruppen fördern?
        Dieses Handbuch bietet auf dem aktuellen Stand der Praxis und der wissenschaftlichen Forschung konkrete Impulse für die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Dabei gehen die Autor_innen insbesondere auf die Merkmale eines kompetenzorientierten Unterrichts ein und untersuchen, inwiefern sich der Einsatz digitaler Medien speziell für dieses pädagogische Konzept anbietet. Andere Beiträge befassen sich mit Lernplattformen, Learning Analytics sowie mit Unterrichtskonzepten, die einen hybriden, das heißt gemischten Einsatz digitaler und analoger Lernsettings vorsehen. Das Handbuch schließt mit einem Überblick zu digitalen Medien im Unterricht, gibt dazu didaktische Empfehlungen und bringt Ideen für die Praxis.

         

        Vorbemerkungen

        Wichtig für das Gesamtverständnis des hier vorgestellten Buchs ist das Kapitel 1 (dazu gleich mehr) und der Arbeitshintergrund des Schweizer Erziehungswissenschaftlers Gerold Brägger: Er verantwortet die beiden Plattformen IQES-Online und  IQES Lernkompass. Während man sich IQES-Online als eine Bibliothek mit Fachtexten und Materialien für die Unterrichtspraxis und einem Evaluationscenter vorstellen kann, wird mit dem IQES-Lernkompass den Lehrkräften eine Arbeits- und Lernplattform zur Verfügung gestellt, die ein kompetenzorientiertes Unterrichten und Beurteilen ermöglichen soll. Erreicht wird das mit einer personalisierten Lernumgebung, die

        • Lernprozesse nachvollziehbar und lernwirksam beurteilt,
        • die lernwirksames Feedback und Schüler*innenselbstbeurteilung ermöglicht, dabei
        • Kompetenzen sichtbar macht und
        • Zusammenarbeit effizient und effektiv gestaltet.

        Ziel der Plattform: Nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung und Förderung von Medien- und IT-Kompetenzen im Verbund mit fachlichem Lernen, so die Aussagen aus einem Dossier des Bildungsraums Nordwestschweiz2.

        IQES-Online kenne ich aus meinen eigenen (ehemaligen) Arbeitszusammenhängen und kann die Plattform ohne jeden Vorbehalt empfehlen. Zur Arbeit mit dem Lernkompass liegen keine eigenen Erfahrungswerte vor. Mir sind keine externen Evaluationen bekannt. Die Plattform selbst weist (noch) keine Referenzen aus. Somit bleibt es jeder Schule erst einmal selbst überlassen, eigene Erfahrungen zu sammeln. Ich denke aber, es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch hier belastbare Ergebnisse im Umgang mit der Plattform bekannt gemacht werden.

         

        Das Handbuch

        Fast 1000 Seiten. Fast zwei Kilogramm Gewicht. Kaum zu handeln. Gut, dass eine E-Book Variante „inside“ angeboten wird. Nach einer Registrierung erhält man einen Link. Die personalisierte PDF-Datei kann von allen gängigen PDF- Readern geladen werden.

        Das Buch durchzieht einen roten Faden: Nicht die Lehrkraft steht im Mittelpunkt der Überlegungen, Aussagen, Analysen der Autor*innen, sondern die Adressaten der Unterrichtsangebote: die Schülerinnen und Schüler. Das beginnt gleich im ersten Teil. Es wird ein Akzent auf die digitale (Er)Lebenswelt der Jugendlichen mit Schlussfolgerungen auf die pädagogische Arbeit in den Schulen gesetzt. Hieraus entwickeln sich dann die weiteren Überlegungen zu einer damit korrespondierenden Unterrichts- und Schulentwicklung. Ungewöhnlich, aber das Selbstverständnis des pädagogischen Ansatzes und damit das Gesamtverständnis dieser Veröffentlichung eher befördernd: Die beiden Herausgeber Gerold Brägger und Hans Günter Rolff bringen sich sowohl im ersten Teil wie auch in weiteren Beiträgen als Mitautoren ein.

        Bei so vielen Beiträgen verbietet sich eine individuelle Würdigung. Daher gleich zusammenfassend:

        Die Beteiligung der Medienexpert*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind ein Gewinn für das Buch. Die Publikation bildet den aktuellen Forschungsstand ab. Die Beiträge sind mit einer Fülle von Literaturhinweisen ausgestattet, die eine intensivere Auseinandersetzung ermöglichen. Die Praxisbeträge unterstützen die theoretischen Einführungen exemplarisch, nicht vollständig. Manchen Überlegungen hätte ich einen höheren Konkretisierungsgrad gewünscht.

        Das Buch wird dann dem Anspruch der o. g. Wikipedia Kennzeichnung eines Nachschlagewerks gerecht, wenn es sachlich wie fachlich wenig Angriffsfläche bietet. Da scheinen Zweifel angebracht, wie ein kürzlich von Joachim Paul in Heise online veröffentlichter Beitrag Schule Digital: Lernplattformen und die zu geringen Bandbreiten der Politik zeigt. In der Tat sorgt eine fehlende Trennschärfe der IT-Begriffe Cloud, LMS und MDM für viel Interpretationsspielraum in der politischen Diskussion. Das lässt sich ja in einer späteren und überarbeiteten Auflage „heilen“. Schwieriger wird es jedoch, wenn sich zwischen Buchlegung und Veröffentlichung pädagogische Einschätzungen ändern, wie der Kommentar von einem der Autor*innen, Heiko Pöllert andeutet:

        Für welche Zielgruppe eignet sich die Veröffentlichung?

        Ganz sicher für die Ausbildner*innen der Lehrkräfte, erste wie zweite Phase: Das Handbuch kann in der universitären und unterrichtsvorbereitenden Ausbildung genutzt werden, sei es in der Vorlesung, sei es in den Seminaren, sei es durch einen Praxisauftrag bei den schulpraktischen Übungen bzw. Unterrichtsbesuchen. Fort- und Weiterbildungen initiierende pädagogische Einrichtungen und Medienzentren sowie an den Bildungspakt umsetzende Schulträger erhalten über die Abhandlungen einen Einblick in relevante Fragestellungen der mediepädagogischen Arbeit weitere Orientierungsmöglichkeiten.

        Und, last but not least werden innovative Schulleitungen, Steuergruppen und Lehrkräften angesprochen, die mehr über

        • Persönlichkeitsentwicklungen der Jugendlichen unter digitalen Bedingungen,
        • die Entwicklung einer kompetenzorientierten und mediengestützten Lernkultur sowie
        • personalisiertes Lernen und Learning Analytics

        erfahren bzw. terminologisch einordnen wollen.

        Was man von den Ausführungen nicht erwarten sollte: eine unmittelbare, individuelle wie schulweite Umsetzung. Die Konzepte, Ideen spannen einen so großen Bogen um mediendidaktische Fragestellungen, die man erst einmal im Team, in der Schulgemeinde aufdröseln, durchdringen und diskutieren muss. Das gilt sowohl für ein kompetenzorientiertes Unterrichtsverständnis, den damit verbundenen Freiheitsgraden an Lehrende wie Lernende und nicht zuletzt für den Einsatz von Werkzeugen zu Learning Analytics. Apropos:

        Vermutlich wird bei einigen Leser*innen der Wunsch entstehen, die beiden Schweizer Plattformen näher kennenlernen zu wollen. Das geht kurzfristig durch ein Testzugang (ein Monat). Mittel- und längerfristig gibt es u. U. die beiden folgenden Wege: der eine – bei Lernmittelfreiheit der Länder – mittels einer Finanzierung durch das schuleigene Budget. Der andere durch eine Lizenzierung durch das Land/ den Schulträger: Es gibt viele länderspezifische und kommunale Modelle, die bereits erfolgreich „laufen“. Wer bettermarks, edkimo, it’s tearning, iServ und Co. finanzieren kann, kann auch eine der IQES- Plattformen ermöglichen.

        Bildnachweis: @Beltz mit freundlicher Genehmigung der Presseabteilung

        Digitale Transformation: Agenda 2025

        Am Anfang eines jeden Jahres gehen einem viele Gedanken durch den Kopf, auch mit Rückblick auf das Jahr 2020. Was treibt mich hier besonders um? Vor allem der in den sozialen Medien deutlich sichtbare Graben zwischen denen, die hybride Settings mit neuen Aufgabenkulturen befürworten und denen, den es gar nicht schnell genug gehen kann, wieder zur gewohnten Gutenbergumgebung zurückzukommen.

        Ich sehe es ähnlich wie Claudia Schwemmers:

        Wie können wir den Abstand zwischen den medienaffinnen und den (noch) nicht so entwickelten Lehrkräften eines Kollegiums verkleinern? Dazu drei Vorschläge: Der erste richtet sich an die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte, die erste Erfahrungen gesammelt haben und Anregungen suchen, der zweite an die Kultusbehörden und der dritte an die Schulgemeinde bzw. Steuergruppe einer Schule.

         

        Masterplan Lehrende

        Lehr- Lernkonzept

        Wie kann digital gestützter Unterricht und damit auch hybrider Unterricht (Wechselunterricht) gelingen? Wie gestaltet sich ein didaktischer Plan, der niederschwellig genug ist, um alle Lehrkräfte mit ins Boot zu nehmen, auch und gerade diejenigen, die beginnen, sich die digitalen Wege zu erschließen? Ich habe dazu anlässlich des ersten Lockdowns einige Vorschläge gemacht, die natürlich auch für aktuelle Schulschließungen genutzt werden können: 

        Dieses von jeder Lehrkraft individuell umsetzbare Unterrichtssetting hat als Ziel, vor allem heterogene Lerngruppen geeignet zu unterstützen. Prozessmodell und digitale Medien haben mehr mit der Organisation des Lehr- und Lernprozesses, weniger mit der inhaltlichen Gestaltung des Unterrichts zu tun. Sie haben auch nichts mit den aktuellen Herausforderungen bezüglich der Medienkompetenzförderung unserer Schülerinnen und Schüler zu tun. Darum soll es nun gehen.

        Fokus: Arbeitsmarkt der Zukunft

         

        Schulentwicklung kann nur gelingen, wenn man ein Ziel kennt. Stefan Voß (Landesinstitut für Schulentwicklung, Stuttgart) beschreibt zur Abbildung von Nadine Emmerling (Kultusministerium Baden-Württemberg)

         

        die folgenden Dimensionen1:

        Wenn man die allgegenwärtige Digitalisierung und das Bildungswesen miteinander in Bezug setzt, sind folgende Aspekte wichtig:

        • Die Digitalisierung ist so eng und selbstverständlich mit unserem Alltag verbunden (von der Onlinerecherche über den Fahrkartenautomaten bis zum Intranet der Kultusverwaltung), dass schon von einer digitalen Transformation gesprochen werden kann.
        • Dabei kommt der Schule die Aufgabe zu, junge Menschen dabei zu unterstützen, angesichts der rasanten und tief greifenden Veränderungsprozesse im beruflichen, im sozialen und im politischen Kontext diese Welt aktiv zu gestalten. (…) Die jungen Menschen nutzen digitale Medien schon vielfach für ihr Lernen – mal zielgerichtet, mal weniger; mal lernförderlich, mal weniger; mal im Wissen um rechtliche Rahmenbedingungen (z. B. den Datenschutz, das Urheberrecht, den Jugendmedienschutz), mal ohne dieses Wissen. (…)
        • Vor allem die Schule ist der Ort, an dem Lernende in didaktisch aufbereiteten Kontexten digitale Medien sinnvoll und qualitätsorientiert einsetzen lernen können.

         

         

        Worauf kommt es in den kommenden Jahren an? Was erwartet unsere Schulabgängerinnen und -abgänger möglicherweise in naher Zukunft? Viola Schenz gibt in der Süddeutschen Zeitung einen Überblick.

         

         

         

         

        Zusammengefasst zählt kritisches Denken, Problemlösefähigkeiten, selbstbestimmtes Lernen, Resilienz und Flexibilität zu den wichtigsten Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft. Auf der anderen Seite konstatiert Bildungsministerin Karliczek2:

        In den vergangenen Jahrzehnten haben wir die Kinder immer weiter spezialisiert. Durch die Umwälzungen der digitalen Welt kann aber niemand mehr sagen, was in Zukunft richtig sein wird. Daher müssen wir das Gegenteil von Spezialisierung tun. Wir brauchen eine große Grundlagenbildung, um Kinder zu befähigen, Dinge einzuschätzen und zu vernetzen.

        Wie können wir Schülerinnen und Schüler auf die Berufswelt vorbereiten? Was können wir tun, um einen Transfer von der Gutenberg(=Buch)- zur Turing(=Digitale Revolution)- Galaxie zu ermöglichen? Nun, zum einen mit Änderungen bzw. Anpassungen der Lehrpläne in den Bundesländern und zum anderen mit einer schulindividuellen Auseinandersetzung vor Ort, in der Schule. Fangen wir mit den Kultusministerien an:
         

        Masterplan Ministerien

         Kompetenzen und deren mögliche inhaltliche Verknüpfung werden in Lehrplänen/ Kerncurricula beschrieben und sind verbindlich. In einigen Bundesländern können die Schulen eigene schulinterne Curricula entwickeln und von der Schulaufsicht genehmigen lassen.

        Kultusbehörden nehmen immer dann Revisionen der Curricula zum Anlass, wenn Defizite sichtbar werden, die sich so schnell nicht mehr zukleistern lassen. Zuletzt war das nach Bekanntgabe der ersten PISA- Ergebnisse kurz nach der Jahrtausendwende der Fall. Bezüglich der KMK- Aussagen zur „Strategie Bildung in der digitalen Welt“ sehe ich dringenden Handlungsbedarf. Schaut man sich die zugehörige „Übersetzung“ bzw. Rahmung an, wird schnell klar, dass Schulen sich völlig überfordert sehen müssen, eine schulinterne Implementation dieser Vorlage selbst vornehmen zu wollen. Sie gelingen nach meiner Überzeugung nur, wenn das Kultusministerium hier seiner Verantwortung gerecht wird und sich dabei um – Stichworte: Apps & Tools, LMS, Datenschutz – die Umsetzung kümmert. Dazu zähle ich auch die Ausstattung und Auslieferung der Dienstgeräte für Lehrkräfte.

         

        Präambel: Schule in der digitalen Welt

         

        Was erwarte ich von einer Bildungsbehörde? Nun, zunächst einmal zu beschreiben, was sie unter „Kultur der Digitalität“  versteht. Ich habe im Rahmen meines Adventskalenders einige Ausführungen vorgestellt. Ich favorisiere die Dagstuhlerklärung, vor allem, weil sich hier interdisziplinär relevante Fachschaften (Medienpädagogik, Informatik und Wirtschaft), repräsentiert durch exzellente Expertise zusammengefunden haben, um sich auf folgende Forderungen zu verständigen3:

         

        1. Bildung in der digitalen vernetzten Welt (kurz: Digitale Bildung) muss aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive in den Blick genommen werden.
        2. Es muss ein eigenständiger Lernbereich eingerichtet werden, in dem die Aneignung der grundlegenden Konzepte und Kompetenzen für die Orientierung in der digitalen vernetzten Welt ermöglicht wird.
        3. Daneben ist es Aufgabe aller Fächer, fachliche Bezüge zur Digitalen Bildung zu integrieren.
        4. Digitale Bildung im eigenständigen Lernbereich sowie innerhalb der anderen Fächer muss kontinuierlich über alle Schulstufen für alle Schülerinnen und Schüler im Sinne eines Spiralcurriculums erfolgen.
        5. Eine entsprechend fundierte Lehrerbildung in den Bezugswissenschaften Informatik und Medienbildung ist hierfür unerlässlich.

        Dies bedeutet:

        Ein eigenständiges Studienangebot im Lehramtsstudium, das Inhalte aus der Informatik und aus der Medienbildung gleichermaßen umfasst, muss eingerichtet werden.

        Die Fachdidaktiken aller Fächer und die Bildungswissenschaften müssen sich der Herausforderung stellen und Forschung und Konzepte für Digitale Bildung weiterentwickeln.

        Umfassende Fort und Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive müssen kurzfristig eingerichtet werden.

         

         

        Lehrpläne, Kerncurricula

        Weiterhin wünsche ich mir neben einer Begriff- und Inhaltsklärung eine den Medienkompetenzrahmen aufgreifende Anpassung der Lehrpläne/ Kerncurricula mit (u. a.)

        • mehr interdisziplinären Ansätzen: Analysiert man die Berufsvorhersagen (s. o.), so fällt auf, dass (hoch)qualifizierte Kompetenzen in verschiedenen und teilweise sehr unterschiedlichen Fachdisziplinen erwartet werden. Das Bildungssystem Schule kann hier Unterstützung bieten, z. B. durch Erweiterung der guten hessischen Erfahrungen aus der Zusammenlegung von Biologie, Chemie und Physik als NaWi-Unterricht in den Jahrgängen 5/6. Und/ oder – wie in Baden-Württemberg – durch das Angebot eines Profilfachs NW-T  (Naturwissenschaft, Technik) ab dem Jahrgang 8.
        • der expliziten Aufnahme projektorientierter Unterrichtsansätze, etwa Deeper Learning. Dabei ist eine Rechtsgrundlage für neue Prüfungsformate zu schaffen.
        • die Einführung des Faches Informatik in den Schulen (siehe auch die Empfehlung der Gesellschaft für Informatik zu den Kompetenzen für informatische Bildung im Primarbereich). Erste Entwicklungen in dieser Richtung sind in NRW im Projekt Informatik an Grundschulen zu beobachten.
        • Schulen mehr individuelle, curriculare (Gestaltungs)Spielräume geben, auch wegen der großen Systemunterschiede vor Ort.

         

        Aus-, Fort und Weiterbildung

        Hier sind m. E. sinnvolle Ergänzungen:

        • Aufnahme informatische Themen in den Curricula der Lehrkräfteausbildung
        • Entwicklung bzw. Bereitstellung von (OER-)Lehrmaterialien. Vielleicht lohnt ein Blick nach Neuseeland:
          • Das Ministerium initiiert Projekte, z. B. startete ein Lehrer “Celebrity Maths”, in dem berühmte neuseeländische Sportler Kindern in kleinen Filmclips mathematische Fragen aus ihrer Disziplin stellen, Schulen machen aus den liebsten Lockdown-Rezepten der Kinder digitale Bücher, und im ganzen Land basteln Schüler Zeitkapseln mit Tagebucheinträgen, Artikeln und Supermarktrechnungen, die später an diese außergewöhnliche Zeit erinnern werden.
          • Das Ministerium unterhält zwei Fernsehkanäle im öffentlichen Bildungs-TV. Hier ist denkbar, dass man mit WDRBR und weiteren Unternehmen (Bildungsverlage, Sofatutor, fobizz) in Kontakt tritt, um zu geeigneten Vereinbarungen zu kommen. 
        • Fortbildungsangebote organisieren. Dabei Apps und Tools DSGVO konform vorgeben. Das sorgt bei Schul- und Lehrkäftewechsel für schnelle Anschlussfähigkeit und mindert einen Wildwuchs, lokal, regional und überregional.

        Folgewirkung

        Solche Überlegungen berücksichtigen viele Einlassungen der Schule und ihrer Lehrkräfte:

         

        • Schule benötigt kein Medienkonzept mehr im Sinne von „Das wollen wir inhaltlich tun“. Die technische Umsetzung ist Aufgabe des Schulträgers.
        • Schule muss sich nicht mehr darum kümmern, ob die eine oder andere Lösung datenschutzkompatibel ist. Das wird von der Behörde geklärt, insbesondere dann, wenn die Kultusministerien Lernmanagementsysteme (LMS) bereit stellen und deren Nutzung curricular verankern. Wenn dazu noch Einwilligungserklärungen der Eltern und volljährigen Schülerinnen und Schüler vorliegen müssen, dann sind die entsprechenden Formulare bereitzustellen.
        • Dienstgeräte der Lehrkräfte sind so auszustatten, dass sie Apps und Tools vorhalten, die bei der unterrichtlichen Umsetzung des Curriculums notwendig sind. Natürlich erfüllen diese Geräte die Forderungen an Datenschutzkonformität und ermöglichen ein single sign on Verfahren. Wünschenswert ist sicher, dass die Lehrkräfte Freiheiten eingeräumt erhalten, die Dienstgeräte mit eigenen Apps zu ergänzen. Gleichwohl ist das ein schwieriges Unterfangen.

        Masterplan Schule

        Für eine geeignete Konzeptentwicklung ist dem pädagogischen Personal zunächst einmal die Gelegenheit zu geben, sich auf Gesamtkonferenzebene, oder – besser noch – sich bei dem nächsten Pädagogischen Tag über die Erfahrungen der Pandemiewochen auszutauschen. Schulleitungen sehen sich möglicherweise gut unterstützt, wenn dieser Prozess extern moderiert wird, z. B. durch Personen aus der systemischen (Organisations)Beratung.

        In der pädagogischen Auseinandersetzung bietet sich anschließend die Leitbildarbeit an. Es würde den Rahmen eines Magazinbeitrags sprengen, die Strategien im Einzelnen vorzustellen. Stattdessen hier eine Orientierungshilfe:

         

        Leitbild

         

        Schlussbemerkung

        Dieser Leitbildansatz trägt dem Wunsch Rechnung, in der schulinternen Diskussion Antworten zu finden, wie  eben für das Leben und nicht für die Schule (Noten, Noten, Noten,…) gelernt wird (gemäß non scholae, sed vitae discimus, in Umwandlung eines berühmten Senecazitats aus einem Brief an Lucius Annaeus). Eine Anregung mag der folgende Tweet sein, der die Gutenberg- und Turing- Galaxie gut zusammenbringen kann:

         

        Sicher ist es sinnvoll, sich ggfs. externe Expertise einzuholen. In Hessen – wie vermutlich in vielen Bundesländern – sind entsprechende Beratungsstellen eingerichtet. Darüber hinaus sind örtliche bzw. regionale Medienzentren geeignete Anlaufstellen. Der Bildungsserver hat dafür eine Informationsseite eingerichtet.

        Ich wünsche Ihnen nun einen guten Start ins Jahr 2021, verbunden mit der Hoffnung, dass die Frusterfahrungen aus der Pandemiezeit nicht dazu führen, sich wieder die alten analogen Zeiten zurückzuwünschen, sondern – im Gegenteil – die Ausstattungsinitiativen pädagogisch genutzt werden. Ich hoffe weiterhin, dass darüber hinaus die Bildungsbehörden mehr inhaltliche und damit gestalterische Verantwortung übernehmen.

         

         

        Alles Gute dazu, viel Erfolg und natürlich: Bleiben Sie gesund!

        Stay tuned …

         

        Update 12.01.2021: Schulreformen – Das kann bleiben , lesenswerter und die Ausführungen bestätigender Beitrag der SZ.

         

        Bildnachweis:

        Titelbild: Gerd Altmann @pixabay

        Sketchnote: Nadine Emmerling (Kultusministerium Baden-Württemberg)

        2021: Tumisu @pixabay

         

         

        DigCompEdu – KMK – 4K

        Die dritte Woche im Projekt uni@schule. Heute geht es um das Kerngeschäft. Um den Erwerb digitaler Kompetenzen. Wie gestaltet sich der Bildungsauftrag? Welche digitalen Kompetenzen sind zu vermitteln? Über welche Kompetenzen müssen Lehrkräfte verfügen, um dem Auftrag gerecht zu werden? In der Freitagsrunde (Reflexionsphase) wird abschließend die Frage gestellt: Umsetzung digitaler Unterricht in drei Schritten. Meine Überlegungen am Ende des Beitrags.

        Rückblick

        Mit einem sogenannten Onboarding Prozess wurden die Teilnehmer:innen (TN) in die bereitgestellten Werkzeuge Canvas (LMS), Pronto (Messenger/ Chat) und Wonder (Videochat) eingeführt. Das wurde auf zwei Wegen bewerkstelligt:

        • Die formale Einführung in die Technik.
        • Die “Inbetriebnahme” mit einem konkreten inhaltlichen Auftrag, hier: Auseinandersetzung mit dem ökosystemischen Modell von Bronfenbrenner.

        Beeindruckt haben mich Forenbeiträge und Rückmeldungen der TN gleichermaßen. Die Seminarleiterin warb in den Briefings und in den Reflexionsphasen immer wieder darum, sich auf eine inhaltliche Auseinandersetzung einzulassen. “Motivation” war sicher auch das Bewertungsschema: Sowohl der Lernprozess wird bewertet, wie auch das Lernprodukt (Analyse bzw. Auswertungen der Rückmeldungen zum eigenen Beitrag).

        Ich halte dieses Vorgehen auch gut auf den schulischen Unterricht übertragbar. Ich habe in diesem Zusammenhang gute Erfahrungen mit einem kooperativ (Lehrkraft – Schülerinnen und Schüler) erstellten Kriterienkatalog gemacht. Das sorgt für eine hohe Akzeptanz unter den Lernenden und (in der Regel) wenig Diskussionen bei der späteren Punktzumessung. Aber nun wieder zurück zum eigentlichen Thema dieser Woche:

         

        Bildungsauftrag und digitale Kompetenzen

        Bevor ich auf die einzelnen Kompotenzmodelle eingehe, zunächst ein Hintergrundbericht eines Schülers, der über sein Bewerbungsverfahren berichtet: 

         

        Auch wenn die Anforderungsprofile unterschiedlich sein mögen, sind die Tipps des Schülers für viele Bewerbungen übertragbar. Und, so mein Plädoyer: Schule muss wahrnehmen, wie sich die berufliche Welt verändert hat, wie wichtig es ist, Schülerinnen und Schüler – auch mit Blick auf zukünftige Berufe – medienkompetent zu machen. Dazu später noch mehr …

        Zunächst: Wie digital kompetent bin ich als Lehrender eigentlich? Eine Beantwortung ist nicht ohne Referenzrahmen möglich, hier DigCompEdu. Das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) beschreibt die Ziele des DigCompEdu wie folgt1:

        Der digitale europäische Kompetenzrahmen für Lehrkräfte soll dazu dienen, dass Lehrende ihren Kompetenzstand im digitalen Bereich ermitteln und so ihren persönlichen Weiterbildungsbedarf ermitteln können. Außerdem gibt er darüber Aufschluss, welche digitalen Kompetenzen an die Bürger von morgen weitergegeben werden müssen. (…) Dass sich auch Lehrkräfte in einer immer digitaler werdenden Welt an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen, sollte selbstverständlich sein. Doch handelt es sich bei den meisten der zu erwerbenden Kompetenzen nicht nur um eine neue Methodik, sondern auch das traditionelle Lehrerbild selbst wird dadurch durchaus infrage gestellt. Dies stellt für nicht wenige Lehrkräfte eine erste Hürde dar, die es zu überwinden gilt. Erst wenn sie überwunden ist und Neugier auf das Neue und eine Bereitschaft, sich darauf einzulassen, vorhanden ist, kann der Lernprozess beginnen. Um dieses Stadium zu erreichen, ist es zwingend notwendig, dass man sich der Tatsache bewusst wird, dass es um eine zeitgemäße Bildung für die nächste Generation und die Zukunft der Gesellschaft geht und man sich der Veränderung der Gesellschaft nicht verweigern kann.

        Und wie bereits im Rückblick beschrieben, werden die TN auch dieses Mal eingeladen, über ihren Selbsttest zu reflektieren:

        • Wie ging Euer Selbsttest aus und wie kommentiert ihr ihn?
        • Wir können digitale Kompetenzen für Lehrende und Lernende in der Praxis erworben werden?
        • Wie können Bildungsauftrag und digitale Kompetenzen vermittelt werden?
        • Was denkt ihr (kritisch) zu den digitalen Rahmenmodellen?

        Mit der letzten Frage ist ein Selbststudium in weitere Rahmenmodelle KMK Strategie ‘Bildung in der digitalen Welt’Dagstuhl- Dreieck, P21 – 4K und TPACK verbunden. Viele Beiträge setzen sich vor allem mit der Adressierung an Schülerinnen und Schüler auseinander. Die am Freitag durchgeführte Priorisierung zeigt folgendes, nicht ganz überraschendes Ergebnis (Klick auf Diagramm vergrößert):

         

        Qualitativ wird in den Diskussionen ergänzt:

        Das Modell der KMK umfasst eine Vielzahl von Aspekten, die jedoch nicht an jeder Schule realisierbar sind (technische Ausstattung, persönliche Kompetenzen etc.). Zusätzlich liegt ein Schwerpunkt nicht auf den einzelnen Kompetenzen, sondern auf der Vernetzung verschiedener. Diese sind im Schulalltag umsetzbar, allerdings sind die verschiedenen Ebenen von den eigenen Interessen, Fähigkeiten und Fertigkeiten geprägt. Nur wenn ein Selbstverständnis zu diesen vorherrscht, können reflexive Vorgänge und neue Prozesse stattfinden.

        Das Modell 4K hilft, die Bildung mit anderen Augen wahrzunehmen. In diesem Modell werden Kommunikation, Kollaboration, kreatives Denken und kritisches Denken als sehr wichtig erachtet. Traditionelle Bildungsansätze rücken in den Hintergrund. Mit diesem Modell könnte ein „modernes“ Lernen mit digitalen Kompetenzen und der Vorbereitung aufs spätere Berufsleben umgesetzt werden.

        Streng genommen hätte das 4K- Modell gar nicht aufgenommen werden dürfen, da es sich nicht um ein Referenzmodell handelt. Gleichwohl lässt es sich mit Blick auf Fachunterricht wie auch themenorientierten Unterricht (etwa in Projektwochen) gut einbinden. Dazu gleich mehr, denn nun – wie angekündigt – zur

         

        Umsetzung digitaler Unterricht 

        Bildungsauftrag/ KMK- Strategie: Leitbild für eine Schule 2030

        Der Bildungsauftrag einer Schule wird in der Regel im Schulgesetz verankert, so auch in Niedersachsen im § 2 des entsprechenden Gesetzes. Eine Lehramt Studierende hat sich gefragt, inwieweit die KMK Kompetenzen in der Beschreibung des Niedersächsischen Schulgesetzes aufgehen. Und siehe da: Die sechs KMK Kompetenzen lassen sich den Spiegelpunkten des § 2 zuordnen. Sie schreibt abschließend: Alle Aspekte (KMK- Kompetenzen) sind wichtig für den (Teil)Bildungsauftrag „sich im Berufsleben behaupten und das soziale Leben verantwortlich mitgestalten.

        Das ist für mich der Ansatzpunkt für einen Blick nach vorn, für eine geeignete Begleitung einer Schülerin, eines Schülers bei ihrer/ seiner Vorbereitung auf das Berufsleben.

        Der PISA-Koordinator Andreas Schleicher hat in Deutschland das Modell 4 K – Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation ins Spiel gebracht. Auch er argumentiert von beruflichen Anforderungen aus, die klassische Unterrichtsfächer in den Hintergrund rücken ließen. Schleicher betont, der Umgang mit Wissen habe sich gewandelt: Inhalte würden nicht mehr gespeichert und dann von Lehrkräften an Lernende vermittelt. Vielmehr flössen sie, meint Schleicher, in Strömen unablässiger Kommunikation und Kollaboration. Die Bildungsforscherin Lisa Rosa teilt diese Sicht und benennt drei Argumente, warum das 4K-Modell zum Orientierungspunkt für die Didaktik werden sollte2:

        • Immer mehr Arbeiten werden von Maschinen übernommen.
        • Jede neue Arbeit verlangt mehr komplexes Denken, situierte selbstverantwortliche Entscheidungen und Beziehungsfähigkeit.
        • Die zu lösenden gesellschaftlichen Probleme sind so komplex, dass sie nur noch mit kollektiver Intelligenz bearbeitbar sind.

        Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, das Netzwerk Schule- Wirtschaft in Bayern kennenzulernen. Mich hat beeindruckt, wie sehr dieses Netzwerk daran interessiert ist, die Angebote zur Berufsorientierung neu zu denken. In den Vorgesprächen wurde deutlich, wie vernetzt sich die Arbeitsbereiche innerhalb der Betriebe und Unternehmen zeigen. Die zukünftigen Berufe erwarten von den Bewerberinnen und Bewerbern zunehmend (u. a.)

        • Kritisches Denken, induktives Denken
        • Lösung komplexer Probleme
        • Aktives Zuhören
        • Soziale Auffassungsgabe
        • Programmierung

        Und, ganz großes Thema im beruflichen Bereich und in den Universitäten: Bereitschaft und Kompetenz, in interdisziplinären Gruppen zu arbeiten. Da treffen nicht selten Produktentwicklung, Kommunikation, Juristik (Datenschutz, Urheberrecht, Markenschutz), Ethik und einige weiterer Abteilungen zusammen, um an den Fragestellungen zu arbeiten. Und, so ein Universitätsprofessor der Medizin einmal zu mir: Es wäre schön, wenn die zukünftigen Studierenden eine gewisse 4K- Kompetenz mitbrächten.

        Warum also nicht Netzwerke wie Schule- Wirtschaft, Universitätsvertretungen einladen und in Gesamt- und Schulkonferenzen zukünftige Berufsbilder vorstellen und beschreiben lassen? Ich bin sicher, dass damit Denkprozesse für eine Erweiterung des Schulangebots in Gang gesetzt werden und in eine beginnende Arbeit an einem Leitbild Schule 2030 münden. Mit diesen ergänzenden Inputs gelingt es den Gremien darüber hinaus, Kompetenzmodelle mit Inhalten zu versehen. Ein häufig vorgetragener Vorwurf an die oben vorgestellten Referenzenrahmen KMK, TPACK und Dagstuhl- Dreieck. 

        Über ein schulweites DigCompEdu zum Fortbildungsplan

        Eigentlich selbstverständlich und doch kaum vorhanden: adäquate, d.h. dem Kenntnisstand der Lehrkräfte anpassbare Fortbildungsangebote. Hier ist mein Vorschlag:

        • Test-Code via Kontaktadresse besorgen und an die Lehrkräfte verteilen. Sie bitten, an der Befragung teilzunehmen und von den freien Antwortmöglichkeiten (Textboxen) ausgiebig Gebrauch zu machen.
        • Mit örtlichen/ regionalen Medienzentrum oder anderen staatlichen Institutionen (z. B. Schulberatung, s. u.) die Rückmeldungen auswerten und einen ersten Vorschlag für eine schulinterne Fortbildungsmaßnahme entwickeln. Ressourcen sicherstellen.
        • In Gesamtkonferenz vorstellen, ggfs. modifizieren und verabschieden lassen.
        • Durchführung zeitnah sicherstellen.
        • Evaluation nicht vergessen.
        4K: Unterrichtsangebot erweitern um Projektwochen

        Einige Schulen sammeln zurzeit beste Erfahrungen mit fächerübergreifenden Unterrichtsansätzen. Drei Ideen will ich hier mit Links vorstellen:

        Schlussbemerkung

        Die drei Vorschläge sind nicht voneinander abhängig. Im Gegenteil: Meine bisherigen Beobachtungen im Umgang mit den normativen Vorgaben der KMK (Kultusministerien) sind ernüchternd, gleichwohl plausibel: An vielen Schulen wird fachcurricular überlegt, wo die digitalen Medien “ihren” Platz einnehmen können, mit der Gefahr einer Toolifizierung des Unterrichts. Meine drei Ansätze sollen neue Wege im Umgang mit diesen Herausforderungen aufzeigen. Sie erfordern langen Atem, Überzeugungsarbeit und Unterstützung von außen. Manche lokale/ regionale Institutionen bieten eine Unterstützung der Schulen in deren Leitbild/ Schulprogrammarbeit an. Ich selbst war eine Zeit lang an einer dieser Beratungsstellen beschäftigt. Meine Erfahrungen habe ich in einer gleichnamigen Themenseite zusammengefasst.

        Darüber hinaus empfehle ich für weitergehende Überlegungen bezüglich einer Verankerung von berufsorientierten Ansätzen die Kontaktaufnahme mit dem regionalen Schule- Wirtschaft Netzwerk.

        Schließlich rege ich an, die Ideen, Konzepte im P D C A Zyklus zu implementieren. Jeder neue schulprogrammatische Ansatz gehört überprüft. Darüber hinaus halte ich eine externe Evaluation für sinnvoll, nicht zuletzt, weil sie dazu beiträgt, das Selbstbild der Schule (Schulleitung, Steuergruppe, weitere Gremien) mit einer Rückmeldung von außen abzugleichen.

        So viel zu dieser Woche. Nächste Woche geht es um multimediale Gestaltungsprinzipien, mit Konkretisierungen und Praxisüberlegungen zum Unterricht …

        … Stay tuned …

        Bildnachweis: @ec.europa.eu/jrc/en/digcompedu

        Blended Learning – Ein Leitfaden

        Tim Kantereit, Lehrer und Seminarleiter (Ausbilder von angehenden Lehrkräften) aus Bremen, hatte nach Ausbruch der Pandemie die Idee, einen Leitfaden zu entwickeln, der den Präsenzunterricht in der Schule in Kombination mit online gestützten Lehr- und Lernkonzepten beschreibt (sogenannte blended learning Ansätze).

        So reifte in mir die Idee, dazu ein Buch zu schreiben. (…) Seit März ist das Netz und Twitter voll von großartigen Ideen, wie man auf Distanz Unterricht gestalten kann, wie sich Videokonferenzen methodisch gestalten lassen oder welche Tools sich für welche Zwecke anbieten. Ich wollte daher diese Multiperspektivität im Buch abbilden, (eingebracht von) Personen, die in einzelnen Bereichen der Leitwerte eine viel größere Expertise haben als ich. (…)

        Ich sammelte zunächst Fragen und Eindrücke zur Situation „Corona und Schule“ über eine MentimeterUmfrage:

         

        Diese Fragen sollten als Impulse dienen, die einzelnen Kapitel inhaltlich auszufüllen. Es fanden sich 33 bemerkenswerte Persönlichkeiten aus dem #twitterlehrerzimmer und #fl_seminar auf Twitter und im #Instalehrerzimmer, die sich als Autorinnen und Autoren für dieses Gemeinschaftswerk zusammengeschlossen haben.

        (…) Das Buch ist nicht linear aufgebaut. Du kannst also im Inhaltsverzeichnis und/oder im Buch stöbern und die für dich interessanten Artikel lesen. Manchmal gibt es zu einem Thema mehrere Artikel, die die unterschiedlichen Möglichkeiten aufzeigen. Wie es für digitale Arbeit typisch ist, findest auch immer wieder Verlinkungen und Beiträge digitaler Art, wie z. B. Videos, Blogs und Podcasts. Es gibt auch Downloadmaterial, das du für deinen Unterricht nutzen kannst. Das Buch ist also ein Ausgangspunkt, die digitale Welt zu ergründen und eine Einladung sich in bestimmte Themen vertieft einzuarbeiten.

        Als Ausbildungs- und Seminarleiter hatte er eher die angehenden Lehrkräfte im Blick. Durch die von ihm dann gewählte Autorinnen- und Autorensuche ist nun eine Handreichung für alle entstanden, also auch für ausgebildete Lehrkräfte, Schulleitung, Elternteil, Studentinnen  und Studenten.

        Ich selbst habe mich mit dem Beitrag „4.2 Hybrides Lernen – Blended Learning: Blaupausen an diesem Leitfaden beteiligt. Das vorgestellte Modell hat Eingang in sämtliche Kerncurricula des Landes Hessen gefunden und hat sich – zumindest analog – vielfach und in unterschiedlichen Umsetzungen bewährt. Meine Ausführungen beschäftigen sich vornehmlich mit der Adaption im blended learning Setting. Wie Tim hoffe auch ich, dass mein Input zum Nachdenken und vor allem Tun anregt.

        Das eBook liegt in einer Windows-Variante und in einer Apple-Variante vor und steht als OER Material (CC-BY-SA 4.0) zur Verfügung. Darüber hinaus wird zurzeit eine Printversion vorbereitet.

         

         

        Mit diesem Blogbeitrag verabschiede auch ich mich in die Sommerferien. Ich wünsche allen Bildungs- und Schulengagierten zunächst einmal Entspannung, Entspannung und noch einmal: Entspannung.

         

        Das Schuljahr 2020/21 wird – so ist zu befürchten – so beginnen, wie das letzte geendet hat. Der oben vorgestellte Leitfaden möge die Wiederaufnahme erleichtern helfen.

         

        Titelbild: Little Girl taking online classes, verändert mit Effects Art. URL: https://www.canva.com/media/MAD865IKO8A

        Sommerferien: Ulrike Mai @pixabay