Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) schließt die Rückkehr zu einem normalen Schulunterricht vor den Sommerferien definitiv aus. Das sei das Einzige, das derzeit garantiert werden könne. Wir muten den Eltern, Schülern und Lehrkräften mit dem Fernunterricht sehr viel zu. Digitalen Fernunterricht soll es auch nach dem Sommer noch gebenso SPIEGEL Online, ein Interview des Senators mit dem NDR zitierend.1

Ich habe in zwei Beiträgen über Reaktionen zu Homeschooling und Fernunterricht berichtet, aus Eltern- wie aus Lehrkräftesicht. Journalisten, Betriebe und Wirtschaftslenker und medienaffine Lehrkräfte im #twitterlehrerzimmer fordern ein Umdenken in der pädagogischen Arbeit, unter Einbeziehung fernunterrichtlicher Szenarien in einer irgendwann einmal Corona befreiten Zeit.

Darum soll es in diesem Beitrag gehen, um die systemische Einführung von digitaler Didaktik. Die Ausführungen richten sich nicht nur an die Schule, sondern auch an die Bildungsministerien und die kommunalen Sachaufwandsträger. Dazu stelle ich im folgenden Blaupausen (Blueprints) vor sowie einige Vorschläge zu Unterrichtsszenarien, die zum einen die aktuellen Lehrpläne (Curricula) unterstützen, zum anderen reformpädagogischen Überlegungen Rechnung tragen. Doch der Reihe nach.

Es ist wichtig, dass wir nicht ‘back to normal gehen’. Wir müssen genau hinsehen: Was ist nutzbar für die Zukunft, wo müssen wir Verbesserungen machen und was möchten wir nicht mitnehmen, so Jacob Chammon, ehemaliger Schulleiter einer dänischen und einer Berliner  Schule, nun geschäftsführender Vorstand des Forums Bildung Digitalisierung. Er schlägt vor, Erfahrungen und Fortschritte aus der Coronakrise auszuwerten, um zu einem tragbaren Zukunftsmodell zu kommen, verbunden mit einer Richtlinie zur Orientierung und mahnt an, bei aller Innovationslust den Datenschutz nicht aus den Augen zu verlieren wie auch einen offenen und kritischen Blick auf die Chancengleichheit zu werfen: Nicht alle Schüler haben zuhause tragfähiges Internet und geeignete Endgeräte, nur wenige Lehrkräfte haben Arbeitsgeräte zuhause. Wir müssen aufpassen, dass die soziale Schere während der Schulschließungen und in der Zeit danach nicht weiter auseinandergeht.”2

Neuseeland hat übrigens, um gleich den letzten Aspekt aufzugreifen, jedem Kinderhaushalt ein Tablet spendiert. Darüber hinaus hat das Land sehr früh begonnen, nicht zuletzt dank ihres weltbekannten Pädagogen John Hattie, den Unterricht neu zu denken. Weltweit werden pädagogische Modelle entwickelt, mit der Absicht einen sanften Umbau einzuleiten

Digitale Didaktik: Prolog

Die folgenden Entwürfe sind in Bildungskommissionen entstanden und stehen stellvertretend für unterschiedliche Ansätze. Allen gemeinsam ist die Forderung, daraus Schlussfolgerungen für die Arbeit vor Ort zu ziehen. 

VUCA - Welt: volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig

Olaf-Axel Burow leitet seine Vorträge in der Regel mit diesem Bild ein3

und führt aus, dass in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung sich die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen zusehends verändern, während das Organisationsmodell von Schule und schulischem Lernen seit etwa 200 Jahren – zumindest in seiner Grundstruktur – gleich geblieben ist.

Unser Bildungssystem wurde für eine andere Gesellschaft entwickelt. Fließband, für alle zur gleichen Zeit das Gleiche, schwerpunktmäßig nach Fächern sortiert. Im Zeitalter mobilen Lernens, in dem Information und Wissen zeit- und ortsunabhängig vorhanden sind, verliert dieses Schulmodell aber seine Daseinsberechtigung. Man braucht völlig andere Anforderungen an Lehren und Lernen, um die “Generation Selfie” für die Zukunft fit zu machen. Wissenvermittlung reicht nicht mehr.

so Burow in einem Zeitungsbeitrag. Und weiter:

Er skizzierte in seinem Buch sieben Trends, “die die Schule revolutionieren”. Und dazu gehöre zuallererst, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. “Wir müssen herausfinden, was Maschinen besser können und was Menschen. “Zweitens gehe es um die Veränderung der Lehrerrolle (hin zum Lernberater oder Coach). Dazu bedürfe es auch alternativer Raumgestaltungen (“Lernlandschaften”). Weitere Punkte seien Vernetzung, Gesundheitsorientierung, Demokratisierung und Glücksorientierung. “Die Schule der Zukunft ist eine Kulturschule, die analog und digital kreativ verbindet” und die vor allem Lebenskompetenz vermittelt. Denn, so Burow: “Schule ist mehr als Unterricht.”4

 

Dagstuhl - Erklärung

Unter diesem Begriff haben Medienwissenschaftler und Informatiker im Rahmen einer Veranstaltung versucht, „Digitale Bildung“ zu definieren. Die Erklärung weist drei Perspektiven aus5:

Technologische Perspektive: Wie funktioniert das?
Die technologische Perspektive hinterfragt und bewertet die Funktionsweise der Systeme, die die digitale vernetzte Welt ausmachen. Sie gibt Antworten auf die Frage nach den Wirkprinzipien von Systemen, auf Fragen nach deren Erweiterungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Sie erklärt verschiedene Phänomene mit immer wiederkehrenden Konzepten. Dabei werden grundlegende Problemlösestrategien und -methoden vermittelt. Sie schafft damit die technologischen Grundlagen und Hintergrundwissen für die Mitgestaltung der digitalen vernetzten Welt.

Gesellschaftlich-kulturelle Perspektive: Wie wirkt das?
Die gesellschaftlich-kulturelle Perspektive untersucht die Wechselwirkungen der digitalen vernetzten Welt mit Individuen und der Gesellschaft. Sie geht z. B. den Fragen nach: Wie wirken digitale Medien auf Individuen und die Gesellschaft, wie kann man Informationen beurteilen, eigene Standpunkte entwickeln und Einfluss auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen nehmen? Wie können Gesellschaft und Individuen digitale Kultur und Kultivierung mitgestalten?

Anwendungsbezogene Perspektive: Wie nutze ich das?
Die anwendungsbezogene Perspektive fokussiert auf die zielgerichtete Auswahl von Systemen und deren effektive und effiziente Nutzung zur Umsetzung individueller und kooperativer Vorhaben. Sie geht Fragen nach, wie und warum Werkzeuge ausgewählt und genutzt werden. Dies erfordert eine Orientierung hinsichtlich der vorhandenen Möglichkeiten und Funktionsumfänge gängiger Werkzeuge in der jeweiligen Anwendungsdomäne und deren sichere Handhabung.

 

4 K - Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation

Das Modell wurde von einer US-amerikanischen Non-Profit-Organisation entwickelt, in der sich Wirtschaftsvertreter, Bildungsfachleute und am Gesetzgebungsprozess Beteiligte für die Bildung in einem digitalen Kontext einsetzen. Die Organisation hat ein „Framework for 21st Century Learning“ veröffentlicht, welches das 4K-Modell beinhaltet und davon ausgeht, dass diese 4K in Arbeitsumgebungen des 21. Jahrhunderts besonderes Gewicht erhalten. Die Orientierung an den 4K wurde in den USA von vielen Schulen in ihre Leitbilder übernommen, weil diese vier überfachlichen Kompetenzen eine Zielformulierung unabhängig von fachbezogenem Lernen ermöglichen.

In Deutschland ist das Modell durch den PISA-Koordinator Andreas Schleicher bekannt gemacht geworden. Auch er argumentiert von beruflichen Anforderungen aus, die klassische Unterrichtsfächer in den Hintergrund rücken ließen. Schleicher betont, der Umgang mit Wissen habe sich gewandelt: Inhalte würden nicht mehr gespeichert und dann von Lehrkräften an Lernende vermittelt. Vielmehr flössen sie, meint Schleicher, in Strömen unablässiger Kommunikation und Kollaboration. Die Bildungsforscherin Lisa Rosa teilt diese Sicht und benennt drei Argumente, warum das 4K-Modell zum Orientierungspunkt für die Didaktik werden sollte:

  • Immer mehr Arbeiten werden von Maschinen übernommen.
  • Jede neue Arbeit verlangt mehr komplexes Denken, situierte selbstverantwortliche Entscheidungen und Beziehungsfähigkeit.
  • Die zu lösenden gesellschaftlichen Probleme sind so komplex, dass sie nur noch mit kollektiver Intelligenz bearbeitbar sind.

Rosa bettet die 4K in eine umfassende Modellierung des Lernens ein und weist so darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine Lernmethode handelt. Die 4K könnten nicht getrennt werden, sondern beziehen sich stets aufeinander: Es ist keine wirksame Kommunikation ohne Kreativität, Kollaboration und kritisches Denken möglich6.

Aus diesen Modellen sind eine Reihe von Blogbeiträgen und Präsentationen entstanden, die sich mit einer Übertragung auf den Unterricht auseinandergesetzt haben. Stellvertretend:

Quasi als Schlussfolgerung aus all diesen lesenswerten Ausführungen der Schweizer Pädagoge Philippe Wampfler, der digitale Didaktik als ein Lehr- Lernszenario definiert,

  • in der Schülerinnen und Schüler individuell Wissen erwerben können,
  • in dem Lernende sich mit anderen austauschen und zusammenarbeiten können und
  • das »Makerspace« ermöglicht: Im Unterricht entsteht etwas, was einen Nutzen hat.

und sie mit drei Dimensionen digitalen Unterrichts verbindet:  Digitale Lernumgebung, Mehrperspektivität der Fachinhalte, Produkterstellung inkl. Prozessreflexion7

Bevor ich drei Settings vorstelle, eine kurze Vorbemerkung: Es kann niemand – gleichgültig ob in einer öffentlichen oder privaten Schule tätig – zum Einsatz von digitalen Werkzeugen gezwungen werden. Und das ist gut so. Man muss den Einsatz authentisch “rüber bringen”, nur dann profitieren Lehrkraft wie Schülerinnen und Schüler. Darüber hinaus halte ich ein Dienstgerät für Lehrkräfte für angezeigt. Juristisch (siehe auch Schuldatenschutzverordnung) wie den technischen Einsatz (ab)sichernd, wie z. B. Back-up, Update und Installation datenschutzrechtlich frei gegebener Software.

Wie stelle ich mir nun in einer Schule, mit engagierten, innovativen und die obigen Ausführungen zur digitalen Didaktik annehmenden Lehrkräften einen sanften Umbau vor? Dazu drei Szenarien, alle mit viel Potenzial zur Förderung von Eigenverantwortung und selbstständigen Lernen. Immer altersgemäß zu entwickeln, anzupassen und als Ergänzung zum laufenden Unterricht zu sehen.

 

Digitale Didaktik: Drei Beispiele aus der Praxis

Deeper Learning

beschreibt eine Pädagogik, in der Lernende sich tief greifend mit Wissen auseinandersetzen und selbst Wissen generieren, indem sie es sowohl über instruktiv gesteuerte Prozesse der Aneignung als auch über selbstregulierte Prozesse der Ko-Konstruktion und Ko-Kreation verarbeiten.

Maker

sind Anhänger einer Subkultur, die neue Dinge selbst herstellt oder existierende umbaut, und dabei meist aktuelle Technik einsetzt. Die Maker-Bewegung ist eine Technikbezogene Variante der Heimwerker bzw. Do-it-yourself-Kultur mit Bezügen zur Hacker-Kultur.

E-Portfolio

Mit einem E-Portfolio können Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Lern- und Entwicklungsprozesse im gesamten Schulleben, in Praktika etc. dokumentieren, reflektieren und präsentieren. Die digitalen Artefakte eines E-Portfolios können z. B. Blogs, Bilder, Grafiken, Videos … sein.

Digitale Lernumgebung: Prolog

Interessanterweise finden sich in den Veröffentlichungen der Kulturministerkonferenz (KMK) sowie den dort vertretenen Kultusministerien keine Hinweise auf eine Definition des Begriffs „digitale Lernumgebung“. Ich vermute, dass die Vertretungen der Ministerien in etwa Folgendes schreiben würden:

Digitale Lernumgebungen stellen interaktive Systeme dar, die den Lerninhalt, pädagogische Modelle sowie Interaktionen zwischen den Lernenden an die individuellen Bedürfnisse und Präferenzen der Benutzer anpassen und personalisieren.

Stellvertretend für diese Definition seien Softwaresysteme wie z. B. Moodle, lo-net2®, itslearning®, IServ®, HPI Cloud genannt, die unter einer zentralen Oberfläche mehrere aufgabenspezifische Teilprogramme anbieten, mit denen verschiedene Lernszenarien unterstützt werden, u. a.:

  • Dateiablage: Grundsätzlich können sowohl Lehrkräfte wie auch Schülerinnen und Schüler Ordner anlegen und Dateien hoch- und herunterladen.
  • Wiki individualisiert und global, mit unterschiedlichen Schreib- und Leserechten
  • Blog, individualisiert und global, mit unterschiedlichen Schreib- und Leserechten
  • Schwarzes Brett (Forum) mit Schreibrechten für alle Mitglieder der Lerngruppe
  • Chat: Alle Mitglieder der Lerngruppe können chatten.
  • Videoconferencing: Tool, das im Wesentlichen in einem Präsentations- und / oder Schreibtisch- Sharing besteht
  • Umfragen: Tool, das sowohl für Meinungsumfragen als auch für Feedbackgaben genutzt werden kann

Lehrkräfte und Lernende kommunizieren mit diesem passwortgeschützten System über einen gewöhnlichen Webbrowser bzw. eine App. Gemeinsam ist diesen Konzepten, dass trotz einer einheitlichen Gestaltung der Lernumgebung eine auf den Lernenden zugeschnittene, individualisierte und personalisierte Darstellung des Lernmaterials möglich ist. Das gelingt mit Werkzeugen zur Erstellung, Kommunikation und Verwaltung von Lerninhalten sowie zur Koordination von webbasierten Lernangeboten und zur Beurteilung der Lernenden (Feedback-, Umfragetools).

Blaupause Schule

Für eine geeignete Konzeptentwicklung ist dem pädagogischen Personal zunächst einmal die Gelegenheit zu geben, sich auf Gesamtkonferenzebene, oder besser noch bei einem kurzfristig zu organisierenden Pädagogischen Tag über die Erfahrungen der letzten Wochen auszutauschen. Schulleitungen sehen sich möglicherweise gut unterstützt, wenn dieser Prozess extern moderiert wird, z. B. durch Personen aus der systemischen (Organisations)Beratung.

In der pädagogischen Auseinandersetzung bieten sich zwei unterschiedliche Wege an: 

  1. Leitbildarbeit
  2. Entwicklung eines schulinternen Curriculums
1. Leitbildarbeit

Beide Ansätze tragen dem Wunsch Rechnung, in der schulinternen Diskussion Antworten zu finden, wie  eben für das Leben und nicht für die Schule (Noten, Noten, Noten,…) gelernt wird (gemäß non scholae, sed vitae discimus, in Umwandlung eines berühmten Seneca Zitats aus einem Brief an Lucius Annaeus). Es würde den Rahmen eines Magazinbeitrags sprengen, die Strategien im Einzelnen vorzustellen. Stattdessen hier eine Orientierungshilfe:

Leitbild

2. (Kern)Curriculum

Schulinterne Curricula (SC) sorgen für

  • Transparenz nach außen: Schülerinnen und Schüler wie auch Eltern sind über inhaltliche und pädagogische Schwerpunkte informiert.
  • Verbindlichkeit nach innen: Lehrkräfte verständigen sich über spiralcurricular verankerte Lehr- und Lerninhalte, deren Einhaltung den erwünschten Kompetenzaufbau möglich macht.

Zunächst empfehle ich exemplarische Studien des Kerncurriculums des Landes Hessen. Es ist natürlich lange vor der Coronakrise entwickelt worden und bedarf mit Blick auf Fernunterricht auf Ministeriumsebene einer Nacharbeit. Dazu später noch mehr.  Für Schulen bzw. Lehrkräfte dürften die für alle Fächer identischen Leitfäden, Teil A von Interesse sein (der Link führt auf das Beispiel Arbeitslehre). Sie enthalten eine Reihe von Hinweisen, wie sich das Ministerium die Entwicklung eines schulinternen Curriculums vorstellt. Denn das war der Plan: Das Land stellt als Gerüst die Kerncurricula durch Kompetenzbeschreibungen zur Verfügung, die Schule entscheidet über eine Verknüpfung mit den Inhalten. Das Schulgesetz schafft die Voraussetzung, sich ein eigenes schulinternes Curriculum zu basteln. Soweit die Theorie. Die Praxis zeigte sehr schnell, dass die Schulen das Angebot wenig wahrgenommen haben. Vermutlich aus Zeitgründen. Viele Schulen verlassen sich nach wie auf die vom Ministerium freigegebenen Schulbücher (den “heimlichen Lehrplänen der Ministerien”).

Gleichwohl ist die Idee nach wie vor wert, umgesetzt zu werden. Und, mit Blick auf einen digital gestützten Unterricht stellt sich die Frage neu, sowohl für die Schule, wie auch für das Ministerium (s.u.). Hier einige Beispiele schulinterner Curricula:

Das Curriculum der Robert-Bosch Gesamtschule, Hildesheim (Schulpreisträger 2007)

Ich empfehle sehr, als Beispiel das Curriculum zum Fach Deutsch zu studieren, zeigt es für alle Jahrgänge

  • welche Kompetenzen gefördert werden sollen,
  • mit Bezug auf zurückliegende Jahrgänge, woran der aktuelle Inhalt anknüpft, damit eine Anschlussfähigkeit hergestellt und für Nachhaltigkeit gesorgt wird,
  • was der aktuelle Inhalt mit Blick auf Folgejahrgänge vorbereitet,
  • welche Diagnoseinstrumente empfohlen werden, um den individuellen Kompetenzstand zu erheben,
  • welche Formate genutzt werden sollen, um die Schülerinnen und Schüler zu bewerten (Klassenarbeit, Lerntagebuch, Portfolio, Präsentation vor einer Gruppe u. v. m.),
  • welche analogen oder digitalen Methoden zur Inhaltsvermittlung für angemessen gehalten werden und vieles mehr.

 Das Curriculum Fächerübergreifendes Projektlernen Jg. 5-7 der Integrierte Gesamtschule Schaumburg 

Was gefällt mir daran?

Nun, zuallererst die ausführliche Beschreibung der didaktischen Idee. Schülerinnen und Schüler wie auch Eltern sind von Anfang an im Bilde, was die Schule mit diesem Angebot bezweckt. Mit Blick auf meine Ausführungen zur digitalen Didaktik (s. o.) wird dem Wunsch der Lehrkräfte, mit diesem Angebot

  • die Arbeit in leistungsheterogenen Teams zu fördern und jedem Kind die Möglichkeit zu bieten, seinen Fähigkeiten entsprechend zu lernen
  • individuelle Lerngeschwindigkeiten zu berücksichtigen, 
  • interessengeleitete Schwerpunktsetzungen und somit die Individualisierung der Lernwege zu ermöglichen 

besonders unterstützt. Vor allem ein E-Portfolioansatz lässt den Wunsch, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Projektordnern wie auch den Lernprozess mithilfe des Lernplaners zu dokumentieren und durch das Feedback der Projektlehrkräfte zu begleiten, sehr gut umsetzen helfen.

Abschließend noch zwei Ausflüge zu digital gestützten Lernarrangements, die – eine Übernahme vorausgesetzt – ebenfalls in schulinterne Curricula verankern gehören:

Blaupause Ministerien

Wie in der Einleitung von Jacob Chammon formuliert, benötigt die Einführung von digital gestütztem Unterricht Strukturen bzw. Vorgaben. Diesbezügliche Richtlinienkompetenzen liegen im pädagogischen Bereich bei den einzelnen Bildungsministerien. Das Bildungsministerium Neuseeland kann hier als Vorbild dienen8:

  • Jedes Schulkind besitzt einen vorkonfigurierten Laptop.
  • Das Ministerium startet zwei Fernsehkanäle im öffentlichen Bildungs-TV. Lehrkräfte aus dem ganzen Land erteilen montags bis freitags von 9 – 15 Uhr Unterrichtsstunden.
  • Das Ministerium initiiert Projekte, z. B. startete ein Lehrer “Celebrity Maths”, in dem berühmte neuseeländische Sportler Kindern in kleinen Filmclips mathematische Fragen aus ihrer Disziplin stellen, Schulen machen aus den liebsten Lockdown-Rezepten der Kinder digitale Bücher, und im ganzen Land basteln Schüler Zeitkapseln mit Tagebucheinträgen, Artikeln und Supermarktrechnungen, die später an diese außergewöhnliche Zeit erinnern werden.

Sinnvolle und notwendige Unterstützung besteht für mich darin,

  • anzuleiten, wie Schulen sich auf einen Hybridunterricht vorbereiten können, z. B.
    • durch Tipps, was geht bzw. was nicht geht (z. B. Messenger, Videosysteme, …), vgl. etwa das nachahmenswerte Angebot aus Rh.-Pfalz
    • durch Bereitstellung von Fragebögen, die den Schulen eine Evaluation der Corona-Angebote ermöglichen helfen (vgl. etwa “Evaluation und Feedback zu Fernunterricht” des Bundesministeriums Bildung, Wissenschaft und Forschung, Österreich). Die Fragebögen sind in Kooperation mit IQESonline.net entstanden. Der Geschäftsführer bietet einen kostenfreien 4-wöchigen IQES-Probezugang an, um die IQES-Mediathek zum Lernen mit digitalen Medien kennenlernen sowie webbasierte Befragungen zum Fernunterricht durchführen zu können und schreibt dazu: …bitte vermerken Sie beim 3. Schritt „Konto“ im Feld „Ihre Mitteilungen“: „vierwöchiger kostenloser Probe-Account“.
    • durch Ergänzungen in den (Kern)Curricula, etwa durch eine explizite Aufnahme projektorientierten Unterrichtsansätzen, etwa Deeper Learning
  • Unterrichtsangebote entwickeln lassen (siehe oben, Neuseeland)
  • Fortbildungsangebote zu organisieren.

Sinnvolle und notwendige Unterstützung besteht für mich weiterhin darin, dass sich die Kultusministerkonferenz (KMK) einig zeigt: Nur mit Mühe gelang das bei einem einheitlichem Vorgehen bei den Abiturprüfungen. Beim Beginn des Home-Learnings dann war das wieder vergessen: In Sachsen-Anhalt etwa gab es verpflichtende Aufgaben, die bewertet wurden, während Niedersachsen Online-Aufgaben zunächst völlig ins Ermessen der Lehrkräfte stellte. Und auch den Wiederbeginn des Unterrichts regelten die Länder nicht im Gleichklang. Solche Eigenwilligkeiten widersprechen der angeblich bereichernden Vielfalt des Föderalismus. Sie bestärken die Forderung nach einer grundlegenden Reform der KMK, um länderübergreifenden Problemen im Bildungsbereich zukunftssicherer begegnen zu können, so Wolfgang Schimpf Vorsitzender der niedersächsischen Direktorenvereinigung völlig zu Recht in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung.9.

Sinnvolle und notwendige Unterstützung besteht für mich schließlich darin, eine Art Schulen ans Netz reloaded zu organisieren. Ich denke an ein – wie in den 90er Jahren – vom BMBF initiiertes Expertengremium, besetzt aus Lehrkräften aus Aus- und Weiterbildung, aus Eltern- und Schülervertretungen und Firmenvertretern, sofern diese ihre Motivation, damit Lobbyarbeit betreiben zu wollen, unterdrücken können. Seinerzeit gab es zwei Netzwerke (Offenes Deutsches Schulnetz und der Bundesarbeitskreis Netze in Schulen (BAK NiS)). Die Gesellschaft für Informatik (GI) brachte diese beiden Netzwerke sowie die Deutsche Telekom AG zusammen und verantwortete die Studie Schulen an das Netz – Konzeption, Organisation und Durchführung. 15 Monate später wurde auf Initiative des BMBF und der Deutschen Telekom AG der Verein Schulen ans Netz e. V. (SaN) gegründet. Die innerhalb SaN eingerichteten Netzwerke (u. a. Arbeitskreis der die 16 Bundesländer vertretenden Bildungsreferentinnen und -referenten, ein aus Lehrkräften zusammengesetztes Redaktionsteam Lehrer-Online) sorgten durch die länderübergreifenden Absprachen für eine hohe Verbindlichkeit einer bundesweiten Umsetzung. Genau das also, was heute so vermisst wird!

Blaupause Schulträger

Der Schulträger hat einiges zu stemmen: Infrastruktur, inkl. Rollout von Hard- und Software gehörten schon in der Vergangenheit zu den Standardaufgaben. (Noch) eher wenig im Blick sind Dienstgeräte für Lehrkräfte sowie Leihgeräte für Schülerinnen und Schüler. Auch diese Bereitstellungen werden in Zukunft zu den Standardaufgaben der kommunalen Sachaufwandsträger gehören, nicht zuletzt wegen der in einigen Ländern bereits eingeführten Schuldatenschutzverordnung. So heißt es in Mecklenburg – Vorpommern in § 7 (u. a.): Die Nutzung von privaten Datenverarbeitungsanlagen ist grundsätzlich nicht zulässig. Nur in Ausnahmefällen können Schulleitungen die Erlaubnis dazu erteilen – und nur dann, wenn es keine vom Schulträger zur Verfügung gestellte Technik gibt.

Und noch eine weitere Baustelle ist zu bearbeiten: die Einführung einer Kommunikationsplattform. Entweder in einer Dateimanagement-Variante Nextcloud oder in einer Learningmanagement (LMS)- Variante. Der Schulträger wird daran interessiert sein, dass der Aufbau einer akzeptablen technischen Infrastruktur in regionalen Schulnetzwerken diskutiert und verabschiedet wird.  

Florian Emrich (Konrektor einer Grundschule, Medienberater in NRW) in einem Tweet: “Ich hätte ja gerne einen Wahl-o-mat für schulische Lernmanagementsysteme. 10 Fragen beantworten und gewichten und danach eine Anzeige bekommen, welches aktuell verfügbare System am ehesten passend ist.” So oder ähnlich dürfte es aktuell vielen vor Ort Entscheidern gehen, seien es Schulleitungen und/oder Schulträger. Einen wahl-o-mat gibt es nicht, aber zumindest eine Entscheidungshilfe durch eine Zusammenstellung erfolgreicher Implementationen.

Vielleicht hilft auch die Zusammenstellung zweier Medienberater aus NRW:

Am Ende ist dann noch eine Zertifizierung durch den Landesdatenschutzbeauftragten zu empfehlen, damit sich die Schulgemeinde entsprechend geschützt sieht. Für manche Behörden ist das Pflicht.

Schlussbemerkung

Schul- und Unterrichtsentwicklung benötigt Zeit. Referenzrahmen der Länder geben eine erste Orientierung. Jede Schule tickt anders, daher braucht es individuelle Lösungen, professionelle Projekt- und Prozesssteuerung und einen empathischen Umgang mit Widerständen, wie Claus G. Buhren in einem Beitrag für das Deutsche Schulportal hervorhebt:

In der Zone der Turbulenzen, also in der ersten Praxisphase einer Innovation, werden einige mit Begeisterung und Eifer bei der Sache sein, das Projekt gutheißen und die ersten Schwierigkeiten als notwendig und händelbar betrachten. Andere werden – manchmal unabhängig von ihrem aktuellen Beteiligungsgrad – mit Widerstand reagieren und dies alles als Überforderung betrachten. Das ist die zweite entscheidende Phase der Prozesssteuerung, die die Schulleitung im Blick behalten muss, wenn das Projekt nicht scheitern soll. Auch hier gilt es, den Widerstand nicht zu unterdrücken oder gar zu ignorieren, sondern als notwendige Resonanz zu betrachten, die vielleicht sogar wichtige und richtige Aspekte aufwirft, die für die Praxis des Projekts zu bedenken sind. Es geht in diesem Fall um die Akzeptanz von Widerspruch und individueller Überforderung. Diese Überforderung ist äußerst ernst zu nehmen. Manchmal sind es einfache individuelle Lösungen, die an dieser Stelle greifen können.10.

Die Ausführungen zur digitalen Didaktik zeigen mögliche neue (?) Wege auf. Sie aufzugreifen und schulintern zu diskutieren, gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer Schulkonferenz in der nahen Zukunft. Vor allem, weil sich Schülerinnen und Schüler im Umgang mit Homeschooling, wen wundert’s überfordert sehen:

Die wichtigsten Akteure, die Schüler, sind in ungewohntem Ausmaß in ihrer Selbstständigkeit gefordert – und scheitern oft. Zum einen, weil sie – vor allem in den unteren Jahrgängen – damit schlicht überfordert sind. Zum anderen aber, weil der Unterricht ihnen zuvor zu wenig an Eigenverantwortung für den Lernprozess vermittelt hat. (Wolfgang Schimpf, Vorsitzender der niedersächsischen Direktorenvereinigung)11

Lehrkräfte und Schulleitungen werden noch eine längere Zeit zu improvisieren haben. Es ist beeindruckend, wie viele von ihnen zurzeit das eine oder andere Setting ausprobieren, wie auch Schimpf in seinem Artikel bestätigt:

(Sie) sind (als) Vorreiter einer digital basierten Unterrichtskultur im Moment besonders gefragt, wachsen mitunter über sich hinaus, indem sie aufgeschlossenen Kolleginnen und Kollegen die Welt von Chaträumen und Videoportalen eröffnen, die methodischen Möglichkeiten von Kahoot, Trello und ZUMpad aufzeigen und ihre Schulen so einen großen Schritt in Richtung einer sinnvollen Digitalisierung voranbringen. Natürlich würde der größer ausfallen, wenn die versprochenen Ressourcen des Digitalpakts schon zur Verfügung stünden. Aber wenn überhaupt irgendwo, dann hat die Ausnahmesituation hier zweifellos als Katalysator gewirkt. Schulen werden orientierter und mit klarerem Urteil aus der Krise kommen.12

Für diejenigen, die noch am Anfang stehen und/ oder nun vom Ministerium, von der Schulaufsicht in die Pflicht genommen werden, den Schülerinnen und Schülern eine schulische Arbeit auch zu Hause zu ermöglichen, denen seien einige Impulse für das Lernen auf Distanz empfohlen. Sie stammen von Axel Krommer, Philippe Wampfler und Wanda Klee, die im Auftrag des Schulministeriums NRW ein didaktisches Unterstützungs- und Reflexionsangebot für Lehrerinnen und Lehrer konzipiert haben. Das Land Niedersachsen hat ein auf dieser Grundlage erstelltes pdf-Dokument online gestellt.

Es ist unseren Schülerinnen und Schüler zu wünschen, dass sie nach der Pandemie ein Schulleben vorfinden, das sie einerseits in die Klassengemeinschaft zurückfinden lässt, anderseits auf die neuen Herausforderungen in der Berufswelt vorbereitet, gleichgültig ob in Betrieben, in Fachhochschulen oder in Universitäten.

 

Bildnachweise

Titelbild: Christine Fuller @pixabay

Jacob Chammon: Phil Dera / Forum Bildung Digitalisierung

Footnotes

  1. https://www.spiegel.de/panorama/ties-rabe-schulsenator-schliesst-normalen-unterricht-vor-sommerferien-aus-a-e3fd1d1f-f97e-4ca1-ab3b-62f5703b4b2d
  2. https://www.arte.tv/sites/de/story/reportage/coronavirus-das-leben-nach-der-pandemie/#digitalisierung-lernen-und-arbeiten-nach-corona
  3. http://www.sachsen-anhalt.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/P0P%20GTS%2011.9.2017%20Magdeburg%20kurz.pdf
  4. https://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Schule-ist-mehr-als-Unterricht;art598,4239658
  5. http://blog.doebe.li/Blog/DagstuhlDreieck
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/4K-Modell_des_Lernens
  7. https://schulesocialmedia.com/2020/01/31/drei-dimensionen-digitalen-unterrichts/
  8. https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2020-05/homeschooling-neuseeland-deutschland-schule-online-unterricht-probleme
  9. https://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-coronavirus-lehrer-bildung-1.4886140
  10. https://deutsches-schulportal.de/stimmen/was-die-leitung-ueber-change-management-wissen-muss/
  11. https://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-coronavirus-lehrer-bildung-1.4886140
  12. ebda.