Leitbild

Das Leitbild ist ein Ausweis des eigenen Selbstverständnisses und enthält Aussagen über die allgemeinen pädagogischen Ziele der Schule. Es ist ein Leistungsversprechen gegenüber den Schülerinnen und Schülern, deren Eltern und gegenüber den weiterführenden bzw. abnehmenden Einrichtungen. Das Leitbild ist ein Maßstab zur Bewertung des Verhaltens der Schulleitung und aller Beschäftigten. Mit Hilfe eines Leitbilds kann eine Organisation zielorientiert geführt und verändert werden.1
Prof. Rainer Zech

Geschäftsführer, ArtSet Forschung Bildung Beratung GmbH

Bemängelt werden häufig zurecht zu allgemeine Grundsätze – „Wir denken vom Kind aus und stellen es in den Mittelpunkt unseres pädagogischen Handelns” und denen keine sichtbaren Handlungskonsequenzen im Schulalltag zugeordnet sind. Im Prozess der Leitbildentwicklung sind nicht nur partizipative Verfahren entscheidend, sondern auch das Mitdenken von Umsetzungsstrategien. Und wer aktiv in die Konzeptarbeit und Planung einbezogen wird, fühlt sich ernst genommen — und identifiziert sich persönlich stärker mit der neuen Praxis.

Warum brauchen Schulen Leitbilder?

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Das pädagogische Personal befindet sich in vielen Fällen in einer Umbruchsituation: Es findet eine starke Verjüngung des Lehrkörpers statt. Darüber hinaus bringen die Lehrkräfte bzgl. Medienumsetzungen unterschiedliche Erfahrungen ein.  Mit dem Leitbild kann die Arbeit eines Kollegiums eine ganzheitliche, stimmige Ausrichtung bekommen. Das Leitbild

  • hat somit eine Orientierungsfunktion, da mit ihm angestrebte Ziele, aber auch Wege zur Umsetzung beschrieben werden. Gerade für neue Lehrkräfte, die sich an der Schule bewerben oder ihren Dienst antreten, kann dies sehr hilfreich sein,
  • sorgt für ein Zusammengehörigkeitsgefühl und stärkt letztendlich das berühmte „Wir-Gefühl“ in einer Schule (Corporate Identity),
  • hat eine Steuerungsfunktion, weil zum einen schulinterne Entscheidungen gut aufeinander abzustimmen sind und zum anderen ein strategisches Instrument zur Prioritätensetzung sein,  womit dann auch das Schulprogramm kritisch reflektiert und weiterentwickelt werden kann und hat eine
  • Identifikationsfunktion, da ein inspirierendes Leitbild die Identifikation der Lehrkräfte mit den Zielen und dem Selbstverständnis der eigenen Schule verbessern kann. Diese Identifikation dürfte umso stärker sein, wenn bei der Leitbildentwicklung mit partizipativen Verfahren der Organisationsentwicklung gearbeitet wurde – im Sinne von „Betroffene zu Beteiligten zu machen“, wie weiter unten in diesem Band vorgeschlagen.2

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Auch wenn – wie eben gezeigt – die interne Wirkung eines Leitbildes sehr wichtig ist, sollte die Außenwirkung damit keineswegs unterschätzt werden. Hier sind die folgenden zwei Bereiche besonders zu nennen

  • Legitimationsfunktion: Schulen stellen nach wie vor eine der größten sozialen Organisationen dar, in die entsprechende Finanzmittel fließen: Mit der Legitimationsfunktion wird in diesem Zusammenhang das schulische Handeln nach außen (Betriebe, Schulaufsicht, Lokalpolitik, Öffentlichkeit) vermittelt und gerechtfertigt.
  • Informationsfunktion: Das Leitbild sollte ein wichtiger Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit der Schule und der damit verbundenen Information von Eltern und anderen interessierten Gruppen sein. In dieser Lesart kann mit dem Leitbild – sicherlich auch im Zusammenhang mit anderen Werbemitteln wie der Homepage, Elterninformationsabenden und Flyern – bei interessierten Eltern für die Schule geworben werden.3

Im Sinne der Reflexionsfunktion eines Leitbildes sollte nach der Formulierung des Leitbildes das Schulprogramm daraufhin überprüft werden, inwieweit es den Ansprüchen des Leitbildes entspricht. Dies kann dann naheliegend dazu führen, dass die Inhalte des bisherigen Schulprogrammes neu gewichtet werden: Themen, die bisher hohe Priorität hatten, können weniger wichtig werden; neue Inhalte können an deren Stelle rücken und mehr Platz bekommen. Und genau darum geht es nun im nächsten Abschnitt…

Literaturhinweise

Ann-Catrin Blüggel, Sonja Schmidt: Leitbildentwicklung einer Schule im digitalen Zeitalter
Das “Lernen lernen” in einer digitalen komplexen Welt gleicht einer Expedition: Wir müssen bereit sein, andere Wege zu beschreiten. Die Anforderungen des 21. Jahrhunderts bringen uns unweigerlich dahin, dass jede Schule ein aktuelles Leitbild braucht, um Lehr-, Lern-, Raum- oder Medienkonzepte inklusiv und ganzheitlich abzuleiten.

Sandra Schumacher:  Schulentwicklung: Schule – ein lebendiges Wesen

Es muss nicht immer alles digital angelegt sein…Sandra Schumacher ist Montessori- Schulleiterin und reflektiert ihre Rolle in einem Blog. Im o.g. Beitrag nutzt sie das Bild/ die Metapher eines Baums, um Schulentwicklung greifbarer werden zu lassen: Sie setzt damit eine Idee aus Schweden fort, die in der Jahrtausendwende in Schweden unter “Kunskapens Tränds” bekannt geworden ist und in Deutschland über einige Anhänger verfügt: Baum der Erkenntnis

Sketchnote zum Thema Coaching im Schulentwicklungsprozess

Vom Leitbild zum Schulprogramm

 

Wer das Ziel kennt, kann entscheiden;

wer entscheidet, findet Ruhe; wer Ruhe findet, ist sicher;

wer sicher ist, kann überlegen; wer überlegt, kann verbessern

Konfuzius (551-479 v. Chr.)

Philosoph

Theorie

Ganzheitliche Schulentwicklung (mit Fokus auf Schülerlernen) verfolgt das Anliegen, Bedürfnisse und Ressourcen der jeweiligen Schule zu berücksichtigen und Innovationen zu fördern. Anzustreben ist die Entwicklung der Einzelschule zur „Lernenden Schule“, die fähig ist zur Selbstorganisation, Selbstreflexion und Selbststeuerung. Viele Schulgesetze sehen in der Erstellung eines Schulprogramms eine wichtige Voraussetzung, um einerseits dem Erziehungs- und Bildungsauftrag gerecht zu werden und andererseits, um ein ganzheitliches Qualitätsmanagementsystem zu etablieren. Im Hessischen Schulgesetz heißt es z. B. (u.a.):

In Verwirklichung ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags entwickeln die Schulen ihr eigenes pädagogisches Konzept und planen und gestalten den Unterricht und seine Organisation selbstständig. Die einzelne Schule legt die besonderen Ziele und Schwerpunkte ihrer Arbeit in einem Schulprogramm fest. (…) Die Schulleiterin oder der Schulleiter ist (…) verpflichtet,

  • für die Entwicklung, Fortschreibung und Umsetzung des Schulprogramms sowie für die interne Evaluation zu sorgen, (…)
  • für die Zusammenarbeit der Lehrerinnen und Lehrer insbesondere zur Gewährleistung des fächerverbindenden und fachübergreifenden Lernens sowie der pädagogischen Ziele des Schulprogramms zu sorgen.

Weiter heißt es:

Durch ein Schulprogramm gestaltet die Schule den Rahmen, in dem sie ihre pädagogische Verantwortung für die eigene Entwicklung und die Qualität ihrer pädagogischen Arbeit wahrnimmt. (…) Im Schulprogramm sind Aussagen zum Beratungsbedarf, zur Organisationsentwicklung und zur Personalentwicklung der Schule zu machen. Teil des Schulprogramms ist ein Fortbildungsplan, der den Fortbildungsbedarf der Lehrkräfte erfasst. Die Schule kann unter Nutzung der unterrichtsorganisatorischen und inhaltlichen Gestaltungsräume ihre Schwerpunkte setzen, sich so ein eigenes pädagogisches Profil geben und, insbesondere unter Berücksichtigung der Bedürfnisse ihres Umfeldes, besondere Aufgaben wählen. (…) Sie überprüft regelmäßig in geeigneter Form die angemessene Umsetzung des Programms und die Qualität ihrer Arbeit (interne Evaluation). Das Programm ist fortzuschreiben, und zwar insbesondere dann, wenn sich die Rahmenbedingungen für seine Umsetzung verändert haben oder die Schule ihre pädagogischen Ziele neu bestimmen will. Über das Programm und seine Fortschreibung beschließt die Schulkonferenz auf der Grundlage eines Vorschlags der Gesamtkonferenz.

Praxis

Die Arbeit am und mit dem Schulprogramm wird von den Schulen unterschiedlich “gelebt”. In der Regel weisen die Schulprogramme die schulischen Angebote aus (Beschreibung des IST-Zustands). Sehr selten finden sich im Schulprogramm Beschreibungen, woran die Schule im Rahmen ihrer Weiterentwicklung steht bzw. arbeitet (Beschreibung des SOLL-Zustands).

Die Arbeit am und mit dem Schulprogramm bedeutet für das Kollegium eine lohnende Chance zur Beteiligung an Entwicklungen und Problemlösungen, die auch dazu führen wird, die eigene Arbeit effizienter und erfolgreicher zu gestalten. Für die Schulleitung ist das Schulprogramm ein Steuerungsinstrument zur weiteren Entwicklung der Schule – es schafft allgemein akzeptierte Verbindlichkeiten, es legt Verantwortlichkeiten fest und sichert die Kooperation von Lehrern, Schülern, Eltern und weiteren Partnern.

Das Schulprogramm ist ein Arbeitsprogramm mittlerer Reichweite und als Instrument der Schulentwicklung gleichsam das Regiebuch. Bei der Entwicklung haben sich folgende Schritte bewährt:

  1. Steuergruppe bilden
  2. Interne Bestandsaufnahme (Selbstevaluation)
  3. Datenbewertung
  4. Leitbild entwickeln und Leitsätze formulieren
  5. Unterrichts- und Schulentwicklung: Entwicklungsschwerpunkte finden und Ziele setzen
  6. Innere und äußere Steuerung von Entwicklungsprozessen:
    • Prioritäten festlegen
    • Maßnahmen zur Umsetzung der Ziele planen
    • Umsetzung in Angriff nehmen, dabei ggfs. Beratung und Fortbildung in Anspruch nehmen
  7. Evaluation vornehmen
  8. Schulprogramm fortschreiben
Tipps & Literaturhinweise

Ein vorbildliches Schulprogramm, weil

  • einleitend kurz und knapp das Profil der Schule sowie die Kooperationspartner der Schule und deren Unterstützungsangebote vorgestellt werden,
  • zu den Leitsätzen eine Bestandsaufnahme bzw. Operationalisierungen angeboten werden und zukünftige Planungsmaßnahmen beschrieben werden und
  • ein Arbeitsprogramm mit Bezug zu den Leitsätzen die aktuellen Maßnahmen und Ansprechgruppen ausweist

Vortrag einer Schulleiterin auf der re:publica 2019 

Sie leitet eine Reformschule, die auf eine fast 90-jährige Geschichte zurückblickt und sich nunauf den Weg in die digitale Welt befindet. Die Schulleiterin Maike Schubert beschreibt in ihrem Vortrag, wie sie diesen Prozess anschiebt und wie aus ihrer Sicht gute Schule in der digitalen Welt aussehen sollte.

 

Berichtsreihe Schulprogramm und Evaluation. Mit Handreichungen zu Schulprogramm, schulinterner Evaluation und Praxisbeispielen aus verschiedenen Schulformen. Stammt aus einer Projektreihe des HKM, HIBS, HiLF aus den Jahren 1996-2011. Die mehr als 1000 Seiten weisen auf eine außergewöhnliche Dokumentationssystematik hin: Man kann mit Hilfe dieses Dokuments den Projektverlauf, das Auf und Ab während der Projektzeit, die  hohe Bereitschaft der Projektbeteiligten, den schulischen Prozess transparent und konstruktiv gut ablesen. Jede Schulform kommt zu Wort, somit eine Fundgrube für jeden, der sich für professionelle Schulentwicklungsarbeit interessiert zeigt.

Schulentwicklung gestalten mit Entwicklungsplan

Entwicklungspläne (EP) sind ein zentrales Element von SQA – Schulqualität Allgemeinbildung. Sie sind zugleich Planungsinstrumente und Belege für Qualitätsentwicklung/Qualitätssicherung im Sinne der Rechenschaftslegung. Jährlich fortgeschrieben, nehmen sie jeweils eine Perspektive von mehreren Jahren in den Blick und konkretisieren Ziele, Maßnahmen und Indikatoren für das folgende Schuljahr. Entwicklungspläne sind auf allen Ebenen vorwiegend analytisch, ziel- und ergebnisorientiert. Schlankheit und Wirksamkeit der Entwicklungspläne sind oberstes Gebot.

Footnotes

  1. http://www.qualitaets-portal.de/wp-content/uploads/Leitbildentwicklung_in_Schulen-01.pdf
  2. Philipp. Elmar: Leitbildentwicklung auf den Punkt gebracht, Debus Pädagogik, 2017.
  3. Philipp. Elmar: Leitbildentwicklung auf den Punkt gebracht, Debus Pädagogik, 2017.