In vielen Schulen hängen/liegen Listen aus, in denen Lehrkräfte ihre Wünsche für das nächste Schuljahr eintragen können. Meiner Ansicht nach eine gute Gelegenheit, sich mit Kolleg*innen zu verbünden und dies im Feld „Bemerkungen“ kenntlich zu machen. Denn: Wie ich anhand einiger Forschungsergebnisse zeigen werde, sorgt eine Zusammenarbeit innerhalb des pädagogischen Personals für Motivation und höhere Zufriedenheit im Berufsleben. Nur: Woher die Zeit dafür nehmen? Dazu die o.g. Listen und gleich mehr …

Aus der Bildungsforschung

In meiner langjährigen eigenen und später beratenden Schulentwicklungspraxis hat sich für mich das Arbeiten in kleineren Teams als das wesentliche Merkmal erfolgreicher schulinterner Unterrichtsarbeit herauskristallisiert. Bisher von mir eher anekdotisch begründet, gibt es nun auch die eine oder andere wissenschaftliche Aussage dazu. Es lohnt sich immer wieder, Ergebnisse aus der Bildungsforschung genauer anzuschauen. Mag sein, dass das manches Mal etwas mühsam ist, weil es mit viel Text verbunden ist. Es gehört nun einmal zum Selbstverständnis einer Wissenschaftlerin, eines Wissenschaftlers, eines Forschungsteams die Schlussfolgerungen sorgfältig zu begründen.

Vom letztgenannten Autor liegt ein Foliensatz vor, der sich gut für eine zusammenfassende Darstellung eignet.

Fortbildungsideen aus der Praxis (I)

In den Studien werden Strategien aufgezeigt, wie man die Zusammenarbeit von Lehrkräften befördern kann. Es gibt zum Beispiel „Fitnessrunden“, „Sternstunden“ und „Dessert-Stunden“:

  • In „Fitnessrunden“ haben Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig zu einem festen Termin über eigene Themen berichtet, die sie kennengelernt haben und über die sie andere Lehrkräfte informieren wollten.
  • Im Konzept der „Sternstunden“ ging es darum, über gelungene Unterrichtsstunden zu berichten. Beides sind keine verordneten Formate, sondern informelle Angebote, die durch Initiative einzelner Personen entstanden sind, aber zur Professionalisierung des gesamten Kollegiums beitragen.
  • Das Fobi-Dessert am Mittag bietet einen Rahmen, in dem Lehrkräfte voneinander lernen und in kurzen Einheiten digitale Unterrichtsideen besprechen und ausprobieren können. Der zeitliche Rahmen ist bewusst inhaltlich und zeitlich überschaubar gehalten. Die Kolleginnen und Kollegen werden bei Durchführung oder Teilnahme an einem FoBi-Dessert ab 14:30 Uhr vom Unterricht freigestellt.[1]https://www.forumbd.de/publikationen/impulspapier-personalentwicklung-und-die-rolle-von-schulleitungen/, S. 8

Oder Peer- Learning

  • mit einer kollegialen Auswertung der #wowdw (Wow der Woche) aus dem Edutwitter
  • im Digi-Büro der Waldschule Hatten
  • begleitet von pädagogischen IT-Beauftragten, wie an dänischen Schulen. Dabei handelt es sich um mehrere Lehrkräfte innerhalb des Kollegiums, die besondere Qualifizierungen im Bereich der Mediendidaktik mitbringen. Im Rahmen von Unterrichtshospitationen und verpflichtenden Workshops gibt die spezialisierte Lehrkraft ihr Wissen an andere Kolleg*innen weiter. Auch bei Fragen in Sachen Unterrichtsgestaltung können sich Kolleg*innen an diese Person wenden.

Fortbildungsideen aus der Praxis (II)

Nun komme ich noch einmal zurück zu der Wunschliste bezüglich eines Einsatzes im nächsten Schuljahr. Zwei Anregungen dazu:

Klassenübergreifendes Arbeiten im Jahrgang 5

Ich habe einmal eine Integrierte Gesamtschule in ihrem Schulentwicklungsprozess begleitet:

Die Schule hat(te) es nicht leicht, denn die Eltern der Stadt wünschen sich vor allem eine Einschulung ins Gymnasium. Diese weiterführende Schule musste sich also etwas einfallen lassen, um Akzeptanz sowohl bei den Schüler*innen als auch bei den Eltern zu finden. Das Kollegium versteht sich als Teamschule. In der Gesamtkonferenz wurde dann ein Pilot beschlossen, der vor allem dazu dienen sollte, den Kindern einen willkommenen Einstieg zu ermöglichen. Gleichzeitig sollte sehr früh damit begonnen werden, die Selbstständigkeit der Lernenden zu fördern. Die Gesamtkonferenz beschloss einen Projektunterricht, dessen Themen sich an den Fachcurricula der Fächer Gesellschaftslehre (GL), Naturwissenschaften (NaWi) und ästhetische Bildung orientieren sollten. Die Lehrkräfte der weiteren Fächer (hier Deutsch und Mathematik) wurden in Abhängigkeit der zu vermittelnden Methoden geeignet eingebunden.[2]Drabe, M. (2022): Das Fortbildungskonzept zur modernen Schule. Schule in der digitalen Welt. Augsburg: Auer.

Durch das „Zusammenlegen“ der drei Fächer sind dann tatsächlich die Stunden für die Teamarbeit entstanden. Sicher waren anfangs einige Nachmittagskonferenzen nötig, um alles vorzubereiten. Denn Ziel war es ja, die Schülerinnen und Schüler in ihre Selbstverantwortung zu entlassen. Später jedoch wurde zunehmend diese Unterrichtszeit genutzt, um sich intern abzustimmen und weiterzuentwickeln. Mit dem nützlichen Nebeneffekt, dass das am Projekt beteiligte Team die Zeitressource bekam, über die sie gemeinsam über guten Unterricht nachdenken konnte und zu Verständigungen kamen, das eine oder andere auszuprobieren …..

20%-Regel

Sie knüpft an meine soeben geschilderten Erfahrungen im Jahrgang 5 an. Warum nicht mit einer (mehreren) Kolleg*innen mit einem Hauptfach (Deutsch, Mathematik, Fremdsprache) die Einführung einer 20% Regel vereinbaren?! Verbunden mit der Einführung einer Art Frei-Day: Schülerinnen und Schüler wählen sich ein Thema eigener Wahl aus, über das sie in den nächsten (z. B.) drei Monaten arbeiten wollen. Entweder allein oder mit anderen Schüler*innen. Die Unterrichtszeit wird über die Stundentafel der beteiligten Lehrkräfte gefunden.

Ein Beispiel:

Zwei Kolleg*inne mit je vier Unterrichtsstunden/Woche „verbünden“ sich. In der Regel wird der Unterricht in Hauptfächern in Doppelstunden organisiert (wenn noch nicht, dann ist das eine gute Gelegenheit, es nun zu tun). Die Stundenplanung wird gebeten, die Doppelstunden an einem Wochentag hintereinanderzulegen. Macht vier Stunden für den „Frei-Day“. 14-täglich durchgeführt haben nun die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, sich mit ihrem gewählten Thema zu beschäftigen. Zu Beginn wird SCRUM-ähnlich die bisherige Arbeit bilanziert und der Vormittag strukturiert. Nun können die Lernenden in ihre Selbstständigkeit entlassen werden und die beteiligten Lehrkräfte ziehen sich für eigene Unterrichtsfragestellungen zurück. Ja, genau: Hier kommt sie also, die Zeitscheibe für eine Reflexion über das eigene Tun, in Zusammenarbeit mit einer Kollegin/ mit einem Kollegen. Am Ende des gemeinsamen Vormittags werden die Schüler*innen wieder zusammengezogen und mit ihnen der Tag bilanziert. Verbunden mit einer Verständigung, was sich die Schüler*innen für die nächsten 14 Tage vornehmen. Wie übrigens die beiden Lehrkräfte: Auch sie haben sich zuvor auf eine (Haus)Aufgabe verständigt …

Leitbild-, Schulcurriculum-, Medienkonzeptarbeit

Deutlich umfassender und damit schulweit fallen Zusammenarbeitsprozesse aus, wenn sie (z. B.) über Leitbildarbeit und Schulcurriculumarbeit angelegt sind. Oder über eine umfassende Medienkonzeptarbeit, wie bei dem Schulpreisträger IGS Lengede (2021) https://www.forumbd.de/publikationen/impulspapier-personalentwicklung-und-die-rolle-von-schulleitungen/, S. 25))

Die IGS Lengede hat sich bereits vor einigen Jahren auf den Weg gemacht hat, die schulische digitale Lern- und Arbeitsumgebung weiterzuentwickeln. Mit dem Fokus auf Digital Literacy und die Verbesserung von Lehr- und Lernprozessen wurden zeitgleich die Schulverwaltung und das schulische Management optimiert. Der digitale Werkzeugkasten wird seit den Schulschließungen 2020 nicht nur für die pädagogische Arbeit, sondern auch für schuladministrative Aufgaben und Austausch genutzt. Vor allem über eine Cloudlösung mit ihren diversen Apps ist die Organisation und das kollaborative Arbeiten der Gremien im geschützten digitalen Raum datenschutzkonform möglich. Die Vermittlung und Entwicklung digitaler Kompetenzen der Lehrkräfte wird immer im Zusammenhang mit der veränderten Unterrichtspraxis gesehen. Die ausführliche Dokumentation für diesen Auswahl- und Implementierungsprozess findet sich hier: Link.
Im schulischen Digitalisierungsmodell wird der Zusammenhang der verschiedenen Handlungsebenen deutlich: Das Lernen erfolgt in enger pädagogischer Begleitung und mit technisch-digitaler Unterstützung. Auf der Ebene der Steuerung findet sich die Prozessgestaltung, welche die Personalentwicklung, Fortbildung und Kooperation der Lehrkräfte beinhaltet. Die Schule hat sich der Aufgabe der Digitalisierung mit einem ganzheitlichen Ansatz gestellt und gute Wege für die Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse gefunden. Im Ergebnis existiert an der IGS Lengede eine integrierte digitale Lern- und Arbeitsumgebung, die über ein zentrales Nutzer:innenmanagement verfügt, das Doppeleingaben erübrigt, mit einem flexiblen Rollenmanagement arbeitet und auch für den Bereich der Personalverwaltung und -entwicklung nutzbar ist. Aus motivationaler Sicht war und ist die Entlastung von Lehrkräften und der Gewinn an Zeit für die pädagogische Arbeit ein zentrales Element des schulischen Konzepts. So ist in den „10 Thesen zur Nutzung digitaler Medien im Unterricht“ der Schule explizit dokumentiert: „(5) […] die Vorbereitungszeit für Lehrkräfte effektiver verläuft; (6) […] die Lehrkraft mehr Zeit für die Lernbegleitung der Schüler hat; (10) […] kollaboratives Arbeiten (Zusammenarbeit) gefördert wird“. Das zentrale Tool der kollaborativen Arbeit auch im Sinne der Personalentwicklung ist das (kommerzielle) Lernmanagementsystem.

Oder, wenn Schulentwicklungsprozesse in Bildungsnetzwerken organisiert sind[3]https://www.forumbd.de/publikationen/impulspapier-personalentwicklung-und-die-rolle-von-schulleitungen/, S. 9:

Durch die Einrichtung der Bildungsnetzwerke fördern die Kommunalen Spitzenverbände und das Ministerium für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen die systematische Zusammenarbeit aller Bildungsakteure vor Ort. Das Grundprinzip auf der Website des Bildungsportals NRW lautet: „Bestehende Zuständigkeiten bleiben bestehen. Verbindliche, auf Konsens ausgerichtete Kommunikations- und Kooperationsstrukturen stärken die staatlichkommunale Verantwortungsgemeinschaft vor Ort.“
Lokale Bildungsbüros ermöglichen den direkten und institutionellen Austausch u. a. von Schulen, Schulträgern und Schulaufsichten. Oftmals ist die Digitalisierung Schwerpunktthema vor Ort, in Einzelfällen wurde eine gemeinsame „Charta Digitalisierung in der Bildung“ aufgelegt (siehe beispielsweise hier).

Methoden

Fehlen noch Methoden und Werkzeuge. Auch dazu gibt es eine Reihe von Publikationen aus der Hochschulszene (Lehrkräfteausbildung), die sich gut für eine Adaption in unsere Schulwelt eignen:

Oder: Via Auswertung von Unterrichtsaufzeichnungen

  • UnterrichtOnline.org der LMU München, das Unterrichtsaufzeichnungen für Forschung und Lehre bereitstellt – mit der Möglichkeit, pro Unterrichtsvideo Zeitmarken und Kommentare zu setzen, zu exportieren und im eigenen Nutzerkonto zu speichern [4]Lehren und Forschen mit Videos in der Lehrkräftebildung, S. 113 ff
  • QUA-LiS NRW Schulentwicklung, auf der Unterrichtsvideos zum Englischunterricht von der zweiten bis fünften Jahrgangsstufe bereitgestellt sind.
  • Die Toolbox Lehrerbildung der TU München beinhaltet videobasierte Lernmodule zur vernetzten Förderung fachlicher, fachdidaktischer und pädagogisch-psychologischer Kompetenzen an Beispielen aus dem MINT-Unterricht  [5]Lehren und Forschen mit Videos in der Lehrkräftebildung, S. 125 ff
  • CLIPSS (CLassroom management In Primary and Secondary Schools) der Universität Duisburg-Essen legt den Schwerpunkt auf inszenierte (staged) Videos zur Klassenführung in der Grund- und weiterführenden Schule.[6]Lehren und Forschen mit Videos in der Lehrkräftebildung, S. 57 ff

 

Zu guter Letzt …

Eine Kollegin hat kürzlich zu einer Abstimmung aufgerufen:

Das Ergebnis ist – zumindest für mich – nicht überraschend und sollte uns Lehrkräfte darüber nachdenken lassen, wie wir unsere in der Bubble gesammelte Expertise in unsere Schule, in unsere Gesamtkonferenz bringen können …

 … Stay tuned

 Titelbild: John Schnobrich @unplash