Viele Schulleitungen fragen sich, wie sie trotz Lehrkräftemangel einen Transformationsprozess in ihrer Schule anstoßen und gestalten können. Wir befinden uns mitten in einer Kultur der Digitalität, die durch die Integration digitaler Technologien und Denkweisen in verschiedene Lebens- und Arbeitsbereiche gekennzeichnet ist. Das Bildungs- und Schulsystem muss sich den damit verbundenen Herausforderungen stellen. Nicht nur Fragen der Lehr- und Lernkultur, also des klassischen Unterrichts, sind betroffen:

  • Wie können wir die Digitalität in unserer Schule nutzen, um das Lernen zu verbessern und die Schülerinnen und Schüler optimal zu unterstützen?
  • Welche Herausforderungen sehen wir bei der Integration von digitalen Technologien in den Unterricht und wie können wir diese überwinden?
  • Wie können wir eine digitale Lernkultur in der gesamten Schulgemeinde fördern?

Die Schulen müssen die Schülerinnen und Schüler auch dabei unterstützen, ihre beruflichen Interessen, Fähigkeiten und Ziele zu entdecken, damit sie eine fundierte Entscheidung über ihren künftigen Berufsweg treffen können:

  • Welche Fähigkeiten und Stärken besitze ich? Was sind meine besonderen Talente und Fähigkeiten, die ich in meine berufliche Laufbahn einbringen kann?
  • Welche Berufe gibt es? Welche verschiedenen Berufsfelder und Karrieremöglichkeiten stehen mir offen? Welche Berufe passen zu meinen Interessen und Fähigkeiten?
  • Wie kann ich meine Entscheidung reflektieren und anpassen? Wie gehe ich mit Unsicherheiten um und wie kann ich meine Berufswahl kontinuierlich überprüfen und gegebenenfalls anpassen?

Wie kann man sich diesen Fragestellungen annähern? Im Folgenden stelle ich mit Liberating Structures ein Buch vor, das bereits erfolgreiche Adaptionen im Schulentwicklungsbereich erfahren hat, wie die beiden Bilder zeigen:

Die Phasen der klassischen Entscheidungsfindung ...

… helfen bei der Anwendung der dort beschriebenen Methoden. Sie zeichnen sich durch ein strukturiertes und strategisches Vorgehen aus (vgl. Abbildung):

  1. Eine gründliche Analyse der aktuellen Situation ist entscheidend, um die Stärken, Schwächen, Chancen und Herausforderungen zu identifizieren. Dies kann durch Umfragen, Interviews, Datenerfassung und andere Methoden erfolgen.
  2. Basierend auf der Analyse werden Überlegungen zu Zielen und Strategie angestellt. Die Strategie sollte Schritt-für-Schritt-Aktionen, Ressourcenplanung und Zeitrahmen umfassen.
  3. Die strategischen Maßnahmen werden umgesetzt, die Fortschritte überwacht und bei Bedarf angepasst. Die Umsetzung kann iterative Schritte beinhalten und sollte von einer angemessenen Change-Management-Strategie begleitet werden.
  4. Die beteiligten Personen müssen möglicherweise neue Fähigkeiten entwickeln oder Kenntnisse erwerben, um die Veränderungen erfolgreich zu bewältigen. Schulungen und Unterstützung tragen dazu bei, die Beteiligten auf die neuen Anforderungen vorzubereiten.
  5. Der Transformationsprozess sollte regelmäßig evaluiert werden, um sicherzustellen, dass die gesetzten Ziele erreicht werden und um mögliche Hindernisse zu identifizieren. Auf dieser Grundlage können Anpassungen an der Strategie vorgenommen werden.

Ein geeigneter Transformationsprozess ist ein dynamischer und anpassungsfähiger Prozess, der die spezifischen Bedürfnisse und Kontexte der Organisation oder Bildungseinrichtung berücksichtigt. Er bewirkt dann nachhaltige Veränderungen, wenn erzielte Verbesserungen langfristig bestehen bleiben und in die Organisationskultur integriert sind. Die kontinuierliche Reflexion und Lernbereitschaft sind entscheidend, um den Prozess erfolgreich zu gestalten. Jeder der o. g. Punkte erfordert unterschiedliche Methoden, um zum Ziel zu gelangen. Und genau darum geht es bei den Liberating Structures.

 

... Liberating Structures ...

… ist ein Konzept und eine Sammlung erprobter Meeting- und Workshop-Methoden, die entwickelt wurden, um Zusammenarbeit, Partizipation und Kreativität in Gruppen zu fördern. Sie wurden von Henri Lipmanowicz und Keith McCandless entwickelt und zielen darauf ab, traditionelle, hierarchische und einschränkende Strukturen in Arbeitsumgebungen zu überwinden. Alle Teilnehmer werden ermutigt, sich aktiv an den Interaktionen zu beteiligen. Die Methoden fördern ein integratives Umfeld, in dem jede Stimme gehört wird und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Die Methoden ermöglichen eine offene Diskussion und fördern den Informationsaustausch ohne Hierarchie oder Angst vor negativen Konsequenzen.
Es gibt kein starres Regelwerk, sondern Raum für Kreativität und Variation. Die Methode zielt darauf ab, effektive Ergebnisse und Lösungen für komplexe Herausforderungen zu erzielen. Sie berücksichtigt auch introvertierte Menschen, indem sie verschiedene Wege der Beteiligung anbietet, die nicht nur von extrovertierten Persönlichkeiten dominiert werden. Und: Liberating Structures kann in verschiedenen Kontexten eingesetzt werden, von kleinen Teamsitzungen bis hin zu großen Konferenzen oder Veranstaltungen.

 

Beispiele für Liberating Structures sind „1-2-4-All“, „Open Space Technology“, „Impromptu Networking“, „Shift & Share“ und viele andere. Diese Strukturen sollen eine neue Art des Arbeitens und der Zusammenarbeit fördern, die Menschen in den Mittelpunkt stellt und das volle Potenzial von Gruppen freisetzt.

Welche Voraussetzungen sollten vorliegen, um sie im Rahmen der Schulentwicklung einzusetzen?

Die Verwendung von Liberating Structures im Rahmen der Unterrichts- und Schulentwicklung kann eine effektive Möglichkeit sein, die Partizipation, Zusammenarbeit und Kreativität der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte zu fördern. Damit der Einsatz erfolgreich ist, sollten einige Voraussetzungen gegeben sein:

  • Klare Abgrenzung zum klassischen Moderator, der typischerweise den Fluss und den Inhalt einer Diskussion bestimmt und leitet. Diese Facilitator genannte Rolle gibt ausnahmslos nur den Rahmen für die Interaktion vor, jedoch die Kontrolle über den Inhalt vollständig an die Gruppe ab.
  • Eine offene und vertrauensvolle Kultur, damit sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer frei äußern können.
  • Schülerinnen und Schüler ermutigen, aktiv am Lernprozess teilzunehmen und die Strukturen effektiv zu nutzen.
  • Liberating Structures erfordern eine Offenheit für neue Arbeitsmethoden und ein Abweichen von traditionellen Lehr- und Lernansätzen.
  • Die Schulgemeinschaft sollte bereit sein, neue Wege der Zusammenarbeit zu erkunden.

Was genau zeichnet einen Facilitator aus?

Die Rolle eines Facilitators ist von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, Gruppenprozesse zu leiten, zu moderieren und zu unterstützen. Ein Facilitator ist eine neutrale Person, die darauf abzielt, den reibungslosen Ablauf von Besprechungen, Workshops oder Gruppendiskussionen zu gewährleisten und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Erreichung ihrer Ziele zu unterstützen. Ein Facilitator sollte eine neutrale und unvoreingenommene Haltung gegenüber den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und dem Thema einnehmen. Sie sollten keine persönlichen Interessen oder Meinungen haben, die den Prozess beeinflussen könnten.

Der Facilitator ist dafür verantwortlich, den Prozess zu steuern und sicherzustellen, dass alle geplanten Schritte und Aktivitäten durchgeführt werden. Sie helfen dabei, den Zeitplan einzuhalten und den Fokus auf die Ziele zu lenken. Ein Facilitator ermutigt alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich aktiv zu beteiligen und ihre Ideen, Meinungen und Bedenken einzubringen. Sie schaffen eine inklusive Umgebung, in der jede Stimme gehört wird. Und: Ein Facilitator sollte in der Lage sein, Konflikte zu erkennen und angemessene Strategien einzusetzen, um sie konstruktiv zu lösen.

Facilitatoren halten den Fokus auf die Ziele der Gruppe gerichtet. Sie helfen dabei, klare Ziele zu setzen und sicherzustellen, dass die Diskussionen und Aktivitäten darauf ausgerichtet sind, diese Ziele zu erreichen. Er/ sie ermutigt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, kreative Ideen zu entwickeln und innovative Lösungsansätze zu finden. Am Ende einer Sitzung oder eines Workshops fasst der Facilitator die wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse zusammen. Dies hilft, das gemeinsame Verständnis zu fördern und die nächsten Schritte festzulegen.

Insgesamt zielt die Rolle eines Facilitators darauf ab, eine effektive, inklusive und produktive Gruppenarbeit zu fördern, bei der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aktiv mitwirken und ihre Ziele erreichen können.

Schlussbemerkung

    Wer sich näher mit den Ideen und Methoden beschäftigen möchte, dem empfehle ich das gleichnamige Buch von Daniel Steinhöfer. Der Verlag stellt das Buch u. a. so vor:

    Dieses Buch liefert dir das Handwerkszeug, zielführende und effiziente Entscheidungsfindungen in deinem Umfeld zu ermöglichen. Der Autor will dich befähigen, mit Liberating Structures aus den gewohnten, lähmenden und unproduktiven Verhaltensmustern auszubrechen sowie wertschätzende und effektive Interaktionen bei deinen alltäglichen Entscheidungsprozessen und darüber hinaus zu entfachen.

    Es ist vor allem ein Buch für die Praxis! Du wirst das Konzept Liberating Structures nicht nur theoretisch kennenlernen, sondern gezielt und erfolgreich einsetzen. Keine faden Meetingtipps, sondern fundierte, durchdachte, erprobte und funktionierende Methoden, die dich befähigen, sie in deinem Alltag und Kontext erfolgreich einzusetzen.

    An wen wendet sich dieses Buch?

    An alle, die die richtigen Entscheidungen richtig finden wollen.

    An alle, die zielführender und wertschätzender miteinander umgehen, arbeiten und gemeinsam gestalten wollen.

    An alle, die mehr über Liberating Structures erfahren wollen. Du wirst einen Einblick in die Hintergründe des Konzepts bekommen und verstehen, warum Liberating Structures so gut funktionieren.

    An Liberating Structures-Novizen: Dieses Buch dient dir als Einstieg in die Welt von Liberating Structures, sodass du sie bei deinen Entscheidungsfindungen und darüber hinaus problemlos einsetzen kannst.

    An Liberating Structures-Fortgeschrittene: Dieses Buch hilft dir, die passenden Liberating Structures zielführend in der Praxis einzusetzen. Du wirst einige Variationen über das Standardrepertoire von Liberating Structures hinaus anwenden lernen.

    An Teamverantwortliche, Projektleiter, Product Owner, Coaches, Organisationsentwickler, Entscheider, Betroffene – eigentlich jede/r in einem Unternehmen.

    Gratian Riter (s. o.) schreibt zu seinen Erfahrungen:

    Liberating Structures sind seit zweieinhalb Jahren auf meinem Radar. Einer unserer Schulleiter hat sie so nebenbei erwähnt und meine Neugierde war geweckt. Ich habe mich dann näher damit beschäftigt und irgendwann angefangen, im Unterricht selbst mit verschiedenen Mikrostrukturen zu experimentieren. Der Podcast “Lord of the Strings” von Tim Katereit hat mir dann schließlich geholfen, das Thema immer besser zu verstehen. Irgendwann haben wir diese Mikrostrukturen auch in den Schulleitungssitzungen eingesetzt. So konnten die Schulleitungen selbst erleben, wie es ist, beteiligt zu sein, partizipativ zu arbeiten. Und von da an war klar, wir müssen an die Quelle. Also haben wir Daniel eingeladen und er hat einen wunderbaren Workshop mit uns gemacht.

    Der bestand aus einer Einführung und dann ging es praktisch sofort los: Impromptu Networking, 1-2-4-All, 15% Solutions, 9 Whys, Appreciative Interviews. Insbesondere durch die Debriefings nach jeder Methode wurde sofort deutlich, wo sie in den Schulen direkt weiter genutzt werden können. Feedback eines Schulleiters:

    dass sie sehr gut zu den Herausforderungen des Schulalltags passen und auch gut und niederschwellig eingesetzt werden können. Sowohl auf Schüler- als auch auf Lehrerebene. Ich bin wirklich mit dem Gefühl nach Hause gefahren, dass das die Schule ein gutes Stück weiterbringen wird.

    … Stay tuned …

     P.S.

    Eine weitere Empfehlung: Tim Kantereit hat diese Methodik in einer Podcastreihe vorgestellt und besprochen.

    Update (3.2.24):

    (…) Besonderes Merkmal eines solchen Tages ist die hohe Aktivierung der Teilnehmenden auf der Basis der Methoden von Liberating Structures. Liberating Structures sind Mikrostrukturen, die das Vertrauen im Umgang miteinander stärken, echte Partizipation fördern und so bestenfalls eine hohe Identifikation mit dem Transformationsprozess der Schule schaffen. Gar kein so geringer Anspruch also. 

     In diesem Beitrag soll es um ein Instrument gehen, welches ich entwickelt habe, um zum Ende eines solchen Tages Ideen, Projekte und Prozesse besser strukturieren und vor allem priorisieren zu können. 

    Bildnachweis: Ausschnitt des Buchcovers