Das neue Schuljahr beginnt. Mit neuen und alten Lerngruppen. Mit bewĂ€hrten und unbekannten, den Unterricht neu belebenden Inhalten und Methoden. Ich werde in loser Folge praxisnahe Ideen aus der Didaktik des MINT-Unterrichts vorstellen. Auch um Anregungen zur Motivation von SchĂŒlerinnen und SchĂŒler zu geben, um ein im folgenden Tweet beschriebenes Desinteresse abbauen zu helfen.
https://twitter.com/notendruck/status/1421427543312379904
Mit einer Empfehlung aus der analogen Welt (aka Buchrezension) starte ich heute die Reihe âMatheunterricht interessant gestaltenâ. Es geht um das Buch DIE WICHTIGSTEN ZAHLEN UND IHRE GESCHICHTEN von Prof. Beutelspacher.
Der C.-H. Verlag bewirbt das Buch so:
Vor mehr als 20000 Jahren aus praktischen GrĂŒnden erfunden, haben Zahlen fĂŒr viele etwas Magisches. Albrecht Beutelspacher erzĂ€hlt die spannendsten Geschichten rund um die wichtigsten Zahlen. Ein Buch, das sich ganz ohne mathematische Vorkenntnisse erschlieĂt und in dem jeder seine Lieblingszahl entdecken wird.
Ăber 30 Prozent aller Zahlen beginnen mit 1, und so steht auch die Zahl, mit der das ZĂ€hlen beginnt, am Ausgangspunkt dieser kurzweiligen Reise durch die Welt der Zahlen. Mit der 2 zerfĂ€llt die Welt in zwei Teile, in der 3 wĂ€chst sie wieder zusammen. Die 4 ist die Zahl der Orientierung, die 5 die Zahl der Natur und mit der 6 kommt endlich Ordnung in die Welt. Die 7 Weisen waren eigentlich 22, und dafĂŒr, dass die Woche ausgerechnet 7 Tage hat, gibt es keine rationalen GrĂŒnde. Die 0 hat lange Zeit gefehlt und war, als sie vor 2000 Jahren in Indien erfunden wurde, lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig. WĂ€re es nach der Französischen Revolution gegangen, hĂ€tte ein Tag heute 10 Stunden mit jeweils 100 Minuten, von denen jede aus 100 Sekunden bestĂŒnde. Die wilde 13 zerstört die perfekte innere Balance der 12 â muss sie aber deshalb gleich UnglĂŒck bringen? Die 5 607 249 ist die gröĂte Zahl, auf die je ein Mensch gezĂ€hlt hat, aber nicht die gröĂte in diesem Buch. Mit der Kreiszahl p betreten wir das Reich der transzendenten, mit der â1 das Reich der negativen Zahlen. Deren scheinbare Paradoxien illustriert vortrefflich der folgende Witz, der sich ebenfalls in diesem wunderbar leichtfĂŒĂig geschriebenen Buch findet: Ein Professor steht vor einem Hörsaal. Er sieht fĂŒnf Studierende den Hörsaal betreten und nach einiger Zeit sechs Studierende herauskommen. Da denkt sich der Prof: âWenn jetzt noch einer reingeht, ist der Hörsaal wieder leer.
Zur Didaktik ...
Lassen Sie mich Ihnen erst einmal den Autor vorstellen. Meinen ersten Kontakt mit dem Hochschulprofessor fĂŒr Geometrie und Diskrete Mathematik bekam ich durch den Artikel im Licht im Zahlendschungel im SPIEGEL (2004). Als hessische Lehrkraft, noch dazu in der NĂ€he GieĂens arbeitend, nutzte ich mehrfach die Gelegenheit, mit meinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern âseinâ Museum zu besuchen. Oder als hessischer Fortbildner sein Angebot zu nutzen, unterrichtende MathematiklehrkrĂ€fte experimentelle Ideen zum MU weiterzugeben, stets verbunden mit einer konkreten Vermittlung seiner vielen Praxismodelle im Museum. Wer seinem didaktischen VerstĂ€ndnis nachspĂŒren möchte, dem empfehle ich:
Beutelspacher hatte noch etwas im Blick: Die BeschĂ€ftigung mit der Angst vor dem MU. Das Buch greift die AnsĂ€tze aus diesem Artikel auf. Man glaubt gar nicht, welche Geschichten sich hinter den Zahlen 1,2,3, … verbergen. Der Autor nimmt die Leserinnen und Leser, ob jung oder alt mit in die zeithistorische Reise von 500 v. Chr. bis heute. Einfach beeindruckend, wie viel Mathematik sich in Geschichte, Musik, Kunst, Geografie u. v. m. wiederfindet. Was die Akzeptanz dieses Buches deutlich erleichtert, ist die Aufteilung in viele, viele kleine HĂ€ppchen. Sehr leicht verdaulich,
weil eben im GroĂen und Ganzen auch von âOtto Normal Verbraucherâ verstĂ€ndlich geschrieben, wie einige Pressestimmen bestĂ€tigen. Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler profitieren darĂŒber hinaus, weil ihnen eine Ahnung vermittelt wird, was sich hinter der Wissenschaft Mathematik so alles verbirgt. Denn Beutelspacher beschreibt PhĂ€nomene, mathematische Modelle (Axiomatik, Geometrie, Analysis) und macht – mit Blick auf digitale Technologien – an geeigneten Stellen darauf aufmerksam, dass erst diese Werkzeuge die âWahrheitâ (aka den Beweis) einiger mathematischen Vermutungen erbracht haben.
... und Methodik I ...
Wir LehrkrÀfte können mehrfach Gewinn aus dem Buch ziehen:
Die Anregungen aus seinen Fortbildungen habe ich z. B. immer gerne bei der EinfĂŒhrung eines im Unterricht zu behandelnden Mathe- Themas genutzt. Meine SchĂŒlerinnen und SchĂŒler haben mir – selten genug – immer dann 100 % Aufmerksamkeit geschenkt, wenn ich kulturhistorische BezĂŒge hergestellt habe, wenn ich mit Experimenten begonnen habe, wenn ich plötzlich mit einem MusikstĂŒck die Unterrichtseinheit begonnen habe, etwa bei der EinfĂŒhrung der Zahl Ï: Ich kam in die Klasse und spielte ihnen einen Titel von Kate Bush vor, verbunden mit der Frage: âWas hat diese Musikerin möglicherweise motiviert, dieses Lied zu kreieren?â
Der Text und – fĂŒr mich – die Musik gibt möglicherweise Auskunft: Die Unendlichkeit der Ziffernfolge… Ich reicherte das Ganze noch an mit historischen Hinweisen, wie eben im Buch von Beutelspacher im gleichnamigen Kapitel beschrieben. Und, ganz aktuell bietet sich zu diesem Thema auch ein Bezug zur Forschung an:
Wer WELT Abonnent ist, kann hier ein Interview mit der Leiter der Schweizer Forschungsgruppe finden. SchĂŒlerinnen und SchĂŒler fallen eine ganze Reihe von Fragen ein. Auch die, wozu das gut sein soll. Und schon war der Advance Organizer, einer meiner bevorzugten Initiierungsmethode fĂŒr die Unterrichtseinheit fertig. Denn darum geht uns LehrkrĂ€ften doch: Zum Nachdenken anregen, SchĂŒlerinnen und SchĂŒler zu motivieren, sich mal selbst auf den Weg zu machen. Ăbrigens bieten sich fĂŒr einen fĂ€cherĂŒbergreifenden Ansatz Querverbindungen zu den FĂ€chern Englisch/ Deutsch (Thema Lyrik) an.
... und Methodik II
Auch bei den vom Autor vorgestellten Beweistechniken können LehrkrĂ€fte profitieren: Ich habe meine SchĂŒlerinnen und SchĂŒler stets âverlorenâ, wenn es um Widerspruchsbeweise, vollstĂ€ndige Induktion und weitere Beweisstrategien ging. Hier ein Beispiel, von dem ich glaube, dass der Begleittext von Beutelspacher möglicherweise ein besseres VerstĂ€ndnis befördern hilft. Es geht um den Widerspruchsbeweis zu ââ2 ist nicht rationalâ. Die Schulbuchvarianten Ă€hneln der Wikipediaversion (siehe unten links), die ich nun der Beutelspacher- Variante gegenĂŒberstelle. Fragen Sie einmal Ihre SchĂŒlerinnen und SchĂŒler, welche der beiden Varianten besser âverstandenâ wird (zur VergröĂerung einfach anklicken). Meine Vermutung, die textlastigere rechte Variante:
Schlussbemerkung
Zusammenfassend kann es fĂŒr dieses kleine handliche BĂ€ndchen nur eine klare Empfehlung geben: FĂŒr unseren Matheunterricht, fĂŒr unsere SchĂŒlerinnen und SchĂŒler, wie auch fĂŒr all die Zeitgenossen, die immer wieder mit dem Spruch âIn Mathe war ich auch immer schlecht.” aufwarten. Wie wĂ€re es mit einer ergĂ€nzenden Aussage, die ich kĂŒrzlich in meinem Bekanntenkreis gehört habe: âHĂ€tte ich dieses Buch gekannt, hĂ€tte ich vielleicht eine Chance gehabt, aus dem Matheunterricht mehr mitzunehmen …”
Und, wer Geschmack gefunden hat: Der DLF hat in einem Podcast mit dem Titel Wie Mathematik unser Leben prĂ€gt zwei spannende SachbĂŒcher vorgestellt. Gerne mal reinhören …
In diesem Sinne
Stay tuned
Bildnachweis:
Titel- bzw. Coverbild: @C. H. Beck- Verlag
Beweistechnik, links: @Wikipedia
Beweistechnik, rechts: @Beutelspacher: Auszug aus vorgestelltem Buch, S. 136

