Viele Fachschaften denken mit Blick auf temporäre Schulschließungen darüber nach, wie ein Unterricht auch zu Hause stattfinden kann (“Homeschooling”). Tools werden ausprobiert. Videokonferenzen werden abgehalten, Kultusministerien denken über die Einführung von Clouds und Learningmanagementsystemen (LMS) nach. Nur: Wie kann digital gestützter Unterricht und damit Homeschooling gelingen? Wie gestaltet sich ein didaktischer Plan, der niederschwellig genug ist, um alle Lehrkräfte mit ins Boot zu nehmen, auch und gerade diejenigen, die beginnen, sich die digitalen Wege zu erschließen?

Das in allen hessischen Kerncurricula verankerte Prozessmodell wurde mit seiner Einführung durch eine Fortbildungsinitiative begleitet. Auch wenn Werkzeuge aus Digitalien eine eher untergeordnete Rolle spielten, haben sich einige medienaffine Lehrkräfte überlegt, wie diese (analoge) Unterrichtsfolie mit Hilfe digitaler Elemente zu einem kompetenzorientierten und um digitale Elemente erweiterten Lernarrangement genutzt werden kann. Es entstanden eine Reihe von digital gestützten Unterrichtseinheiten. Doch der Reihe nach, hier zunächst eine Einführung in das Modell …

Der Lehr-Lernzyklus besteht aus einer mit fünf Handlungsfeldern ausgewiesenen Spirale und zielt darauf ab, Lehrenden und Lernenden bezogen auf einen an Kompetenzen orientierten Unterricht ein Handlungsgerüst zur Verfügung zu stellen. Neue Medien werden Lerngruppen abhängig hinzugezogen, wenn sie dem individuellen Lernprozess dienlich sind.

 

Prozessmodell plus Werkzeuge aus Digitalien

Das Schaubild stellt, wie die Spirale andeutet, einen Lehr-Lernzyklus dar, der in eine Folge von Lehr-Lernzyklen eingebunden ist, die insgesamt einen langfristigen Kompetenzerwerb ermöglichen sollen. Lehr-Lernzyklen können eine unterschiedliche Dauer haben. Es kann sich zum Beispiel um die Bearbeitung einer Lernaufgabe, um eine fachbezogene Unterrichtseinheit, um ein fächerübergreifendes Projekt oder um die langfristige Entwicklung von Kompetenzen mit wechselndem Inhaltsbezug (etwa beim Aufbau von Argumentationskompetenz) handeln. Im Zentrum des Prozessmodells stehen Lernende und Lehrende, die in fünf Handlungsfeldern aktiv sind und Verantwortung übernehmen. Lernende erwerben Kompetenzen dadurch, dass sie selbst aktiv sind.

 

1. Phase: Lernen vorbereiten und initiieren

Aus Lehrerinnen- und Lehrersicht ist

  • ein Bezug zu Kern- und Schulcurriculum bzw. Lehrplänen herzustellen,
  • die Lernausgangslage zu bestimmen,
  • eine Transparenz der Kompetenzerwartungen herzustellen und
  • eine kognitive Aktivierung sicherzustellen.

Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:

  • Warum ist es wichtig, den Kenntnisstand vor dem Unterricht zu erfassen?
  • Wie können wir Schülerinnen und Schüler mit anregenden Unterrichtseinstiegen besser auf das Lernen vorbereiten?
  • Wie lassen sich Kontrastierungen nutzen, um Unterrichtsinhalte lernwirksamer zu vermitteln?
  • Wie kann mit geistigen Werkzeugen die Übertragung des Gelernten auf neue Situationen unterstützt werden?
  • Welche Aufträge eignen sich zur Vertiefung des Wissens?
  • Wie können wir die Lernenden darin unterstützen, Fehlvorstellungen zu bemerken und zu ersetzen?

Aus Schülerinnen- und Schülersicht: Ich weiß und kann schon etwas. Ich habe eine Vorstellung davon, was wir vorhaben. Ich stelle Fragen und entwickle Ideen.

Hilfreiche Werkzeuge aus Digitalien: Text- und Bildverarbeitungsprogramme, Mindmap, Padlet.

2. Phase: Lernwege eröffnen und gestalten

Aus Lehrerinnen- und Lehrersicht:

  • Situierung
  • Anforderungssituationen (Lernaufgaben)
  • Anknüpfung und Vernetzung
  • Konstruktion und Instruktion
  • Dokumentation der Lernwege

Aus Schülerinnen- und Schülersicht:
Ich arbeite alleine und mit anderen. Ich habe Ziele und erhalte Unterstützung. Ich nutze mein Können und lerne Neues. Ich sammle und zeige Spuren meiner Arbeit.

Hilfreiche Werkzeuge aus Digitalien: Text- und Bildverarbeitungsprogramme, Mindmap, Padlet. Plus: flipped classroom, Lernpfade, Quizzes

3. Phase: Orientierung geben und erhalten

Aus Lehrerinnen- und Lehrersicht:

  • Lernstandsfeststellung (formativ: beurteilend, orientierend, unbewertet)
  • Selbst- und Mitschülereinschätzung
  • Feedback: Lerngespräche
  • Stärkung und Ermutigung

Aus Schülerinnen- und Schülersicht:
Ich weiß, was ich schon kann und woran ich noch arbeiten muss. Ich bekomme Rückmeldung und Beratung. Ich setze mir neue Ziele.

Hilfreiche Werkzeuge aus Digitalien: Text- und Bildverarbeitungsprogramme, Feedbacktools

4. Phase: Kompetenzen stärken und erweitern

Aus Lehrerinnen- und Lehrersicht:

  • Differenzierte Anforderungssituationen: Übung, Vertiefung, Anwendung und Transfer

Aus Schülerinnen- und Schülersicht:
Ich arbeite auf meine Ziele hin und erhalte dabei Unterstützung. Ich nutze mein Wissen und Können – auch in für mich neuen Situationen. Ich erprobe und festige, was ich gelernt habe.

Hilfreiche Werkzeuge aus Digitalien: Digitale Plattform mit Aufgaben- und Lösungsmanagement, Blog, Wiki.

5. Phase: Lernen bilanzieren und reflektieren

Aus Lehrerinnen- und Lehrersicht:

  • Anforderungssituationen (Leistungsaufgaben)
  • Leistungsfeststellung (summativ: bezogen auf Kompetenzniveaus, i. d. R. bewertet)
  • Reflexion
  • Perspektiven

Aus Schülerinnen- und Schülersicht:
Ich weiß, welche Ziele ich erreicht habe und wo ich stehe. Ich halte fest, was ich mir vornehme. Ich bringe meine Vorschläge für die Weiterarbeit ein.

Hilfreiche Werkzeuge aus Digitalien: Blog, Digitale Plattform mit individuellen Förder- und Forderplänen

Aus dem Mathematikunterricht, Sekundarstufe I

Vorgestellt werden die Unterrichtseinheiten zu

  • Zuordnung (Jahrgang 7)
  • Parabel (Jahrgang 8/9)
  • Exponential- und Logarithmusfunktion (Jahrgang 10)

Sie entstanden in einer im Rahmen des Fortbildungsprojekts “Kompetenzorientiertes Unterrichten in Mathematik und Naturwissenschaften” gebildeten Technologie-AG. Dr. Sybille Stachniss-Carp, Patrick Röder und ich haben uns als Lehrwerk auf die Reihe Neue Wege vom Schroedel Verlag verständigt. Die Bücher wiesen die – seinerzeit – am weitesten fortgeschrittene Kompetenzorientierung aus. Freundlicherweise hat der Verlag uns gestattet, die 2010 entstanden “Produkte” online zu stellen.

Ich bin sicher, dass die Beispiele als Anregung für eine erste Auseinandersetzung mit dem Prozessmodell dienen können. Auch die nicht in der Mathematik tätigen Lehrkräfte sollten profitieren können: Die eingesetzten Tools entstammen keiner Raketenwissenschaft, wie die Liste zeigt: Textverarbeitung, Powerpoint, Grafikprogramme, LMS (lo-net2) und natürlich eine CAS-App. Das war es auch schon. Auch, weil uns weitere, heute verfügbare Werkzeuge noch gar nicht zur Verfügung standen. Dazu später noch mehr …

 

Zum Umgang

Die Links

führen zu einer gezippten Datei. Nach dem Entpacken 00start.doc aufrufen. Die Word-Datei ist mit den weiteren Dateien verlinkt. Sie sind ebenfalls in einem Wordformat abgelegt, damit man sie weiter verarbeiten kann, z. B. durch Ergänzungen von Aufgaben und individuellen Erklärtexten und vielem mehr.

Sie benötigen die App geogebra classic 5 (oder 6), um die ggb-Dateien aufrufen zu können.

Überlegungen zum Homeschooling

Im Zentrum des Prozessmodells stehen Lernende und Lehrende, die in fünf Handlungsfeldern aktiv sind und Verantwortung übernehmen. Lernende erwerben Kompetenzen dadurch, dass sie selbst aktiv sind. Sie brauchen dazu die Unterstützung ihrer Lehrerinnen und Lehrer. Eine Idee für einen Homeschooling-Ansatz ist nun: Zwei Pakete schnüren. Das eine (s. o.) für die Lehrkraft, das andere für die Schülerinnen und Schüler. Dabei werden die Lernenden über eine einzige “Leitseite” geführt:

Die Handlungsfelder geben den Schülerinnen und Schüler – sofern geeignet eingeführt – Orientierung, die Links führen sie zu dem Lehr- und Lernangebot. In Videokonferenzen wird man diese Seite als Startpunkt nehmen können. Die Lehrkraft kann individuell steuern, je nach Rückmeldung und Wünschen der Schülerinnen und Schüler. Als Beispiel habe ich das Paket Lernspirale Parabel SuS (13 MB) neu zusammengestellt. Auch hier gilt: Entpacken, 00start.doc aufrufen und los geht’s.

Zusammenfassung

Entscheidend für das Gelingen der Lehr-Lernprozesse ist, dass die Aktivitäten der Lehrenden und Lernenden immer wieder im Dialog aufeinander abgestimmt werden und so ein gegenseitiges Verständnis für das jeweilige Handeln entsteht. Wie die Forschung zeigt, liegt in wechselseitigem Lernen voneinander ein Schlüssel für erfolgreichen Unterricht. Die Handlungsfelder im Prozessbild geben Orientierung für die Gestaltung von Lehr-Lernprozessen. Beispielsweise ist es für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler sehr förderlich, wenn Lehrpersonen regelmäßig Informationen zur Lernentwicklung der Lernenden und Rückmeldungen zur Unterrichtsgestaltung einholen, diese für das weitere Vorgehen nutzen und ihrerseits Feedback an die Lernenden geben. Das Handlungsfeld „Orientierung geben und erhalten“ beschreibt also nicht eine „Etappe“ oder eine „Station“ des Lehr-Lernzyklus, sondern eine grundsätzliche Aufgabe, deren Bewältigung auf der Basis einer entsprechenden Haltung von Lehrenden und Lernenden und der notwendigen Kompetenzen gelingen kann.

Aus Gründen der besseren Übersicht sind in dem Schaubild die Aktivitäten und Verantwortlichkeiten auf anderen Ebenen des Bildungssystems nicht enthalten. Es liegt nahe, dass Lehrende und Lernende angesichts ihrer vielfältigen Aufgaben im Unterricht eine Unterstützung durch Modelle für langfristige Kompetenzentwicklung, geeignete Instrumente für die Feststellung individueller Lernstände und darauf bezogene Materialien zur Förderung individueller Lernentwicklung benötigen. Im Fortbildungsprojekt ist eine Broschüre entstanden, die weitaus umfassender über Konzeption und Umsetzung informiert. Eine klare Leseempfehlung.

Die Materialien sind im Wordformat abgelegt. Damit möchte ich der Weiterentwicklung in Digitalien Rechnung tragen. So ist z.B. denkbar, oncoo, kahoot, h5p und vieles mehr einzusetzen. Sie standen uns damals nicht zur Verfügung, daher sind in den bereit gestellten Beispielen summative und formative Evaluationsansätze analog implementiert. Immerhin stand uns aber mit lo-net2 ein professionelles LMS zur Verfügung. Es wäre schön, wenn man mich über Anpassungen informiert, damit ich sie hier veröffentlichen kann. Insbesondere, wenn ein Moodle Kurs entsteht.

Bildnachweise:

Titelbild: Drabe, M. (2020): Unterrichtsentwicklung. Ein Praxisheft für Lehrkräfte. Schule in der digitalen Welt. Augsburg: Auer-Verlag, S. 50

Didaktik: Drabe, M. (2020): Schulentwicklung und Medienkonzept. Ein Praxisheft für Schulleitungen und Steuergruppen. Schule in der digitalen Welt. Augsburg: Auer-Verlag, S. 45

Danksagung:

Mein Dank gilt den Verlagen, die uns eine Veröffentlichung der Unterrichtseinheiten ermöglicht haben, insbesondere dem Schoedel-Verlag und Texas Instruments. Die föderale Struktur der Schul- und Unterrichtsoraganisation gestaltet die Quellenangabe schwierig, in den vorliegenden Beispielen ist sie Hessen spezifisch. In der Regel ist die Neue Wege-Reihe auch in den anderen Bundesländern erschienen, unterscheiden sich aber möglicherweise in Aufbau und Umsetzung der Themenschwerpunkte.