Guter Unterricht

 

Wer dafür sorgt, dass die zehn Merkmale des Katalogs in seinem Unterricht stark ausgeprägt sind, macht guten Unterricht und verhilft dadurch seinen Schülerinnen und Schülern zu dauerhaft hohen Lernerfolgen. (…) Die zehn Merkmale zusammen bilden ein »Qualitätskraftwerk« – sie stützen sich gegenseitig durch zahlreiche Synergieeffekte.1

Hilbert Meyer

Erziehungswissenschaftler

Prof. Meyer beschäftigt sich schon seit langem mit der Frage: “Was ist guter Unterricht?” Die folgende Liste gehört zurecht zum Standardwerk der Lehrkräfteausbildung:

1. Klare Strukturierung des Lehr- und Lernprozesses

Unterricht ist klar strukturiert, wenn ein »roter Faden« für Lehrer und Schüler jederzeit erkennbar ist.

2. Intensive Nutzung der Lernzeit

Die echte Lernzeit ist die vom Schüler tatsächlich aufgewandte Netto- Zeit, in der er an der gestellten Aufgabe arbeitet.

Indikatoren:

  • Die Schüler sind aktiv bei der Sache.
  • Sie lassen sich nicht ablenken.
  • Es entstehen Arbeitsergebnisse, die der AufgabensteIlung genügen.
  • Es gibt nur wenige Disziplinstörungen. Der Lehrer schweift nicht ab.
  • Er stört die Schüler nicht beim Lernen.
3. Stimmigkeit der Ziel-, Inhalts- und Methodenentscheidungen

Zwischen den Zielen, Inhalten und Methoden bestehen Wechselwirkungen. Sie finden immer und nicht nur hin und wieder statt, aber sie sind schwer durch schiere Unterrichtsbeobachtung zu erkennen. Wird Stimmigkeit erreicht, so haben die Lehrerin oder der Beobachter das Gefühl, die Stunde sei »rund« und »aus einem Guss« gewesen. Und zumeist empfinden auch die Schüler(innen)
eine solche Stunde als »cool«, »interessant« oder »geil«.

4. Methodenvielfalt

Methodenvielfalt liegt dann vor, wenn der Reichtum der verfügbaren Inszenierungstechniken, Handlungs- und Verlaufsmuster des
Unterrichts genutzt wird, wenn die Sozialformen variiert und verschiedene Grundformen des Unterrichts (=lehrgangsförmiger Unterricht, Planarbeit, Freiarbeit, Projektarbeit) praktiziert werden

5. Intelligentes Üben

>>Die Übung ist die Wiederholung einer Tätigkeit zu dem Zwecke, dass man diese besser ausführen lerne!« (Lexikon der Pädagogik, 1913). Üben ist somit ein Element des Lernens, das vom Übungswillen getragen, zielstrebig die Automatisierung und Vervollkommnung dieser Abläufe und ihre Kodierung und Speicherung

6. Individuelles Fördern

Individuelles Fördern ist dort gegeben, wo sich der Lehrer emotional dem Schüler zuwendet, wo er Lernstandsdiagnosen für jeden Schüler erstellt und durch innere Differenzierung auf die individuellen Lernbedürfnisse und Interessen der Schüler eingeht. (…) Durch die Förderung lernschwächerer Schüler soll ein Zuwachs an Wissen und Können sowie die Vermittlung basaler Lernstrategien und Methodenkompetenzen erreicht werden. Durch die Förderung leistungsstarker Schüler sollen ihre Lernmotivation erhalten, ihr Spezialwissen ausgebaut und die Routinisierung der Methodenkompetenzen und Lernstrategien gefördert werden.

7. LernförderlIches UnterrichtsklIma

Mit dem Begriff Unterrichtsklima wird die humane Qualität des Lehrer-Schüler-und des Schüler-Schüler-Verhältnisses beschrieben.
Ein lernförderliches Unterrichtsklima ist gekennzeichnet durch:

  • eine gemeinsame Orientierung auf die im Unterricht zu bewältigenden Aufgaben (= eine positive Arbeitshaltung),
  • verantwortungsvollen Umgang mit Personen und Gegenständen,
  • Gerechtigkeit
  • eine zufriedene und fröhliche Grundstimmung,
  • Höflichkeit und Respekt.
8. Sinnstiftende Unterrichtsgespräche

Sinnstiftende Unterrichtsgespräche sind Gespräche, die für den Schüler Sinn machen, indem sie

  • vorhandenes mit neuem Wissen verknüpfen und
  • den Schülern erlauben, eigene Interessen in die Bearbeitung des Themas einzubringen
9. Schüler-Feedback

Schüler-Feedback ist ein methodisch kontrolliertes Verfahren zur Qualitätssicherung im Unterricht durch die regelmäßige Nutzung von Schülerrückmeldungen zum Lernprozess.

Feedback kann und darf keine Einbahnstraße sein: Schüler und Lehrer vereinbaren gemeinsam Fragestellungen und Beurteilungskriterien, Regeln und Methoden, um nützliche Informationen über Lernerfolge, Lernbarrieren und -misserfolge zu sammeln.

10. Klare Leistungserwartungen und -kontrollen

Leistungserwartungen sind verbale und nonverbale Mitteilungen und Vereinbarungen über die Lernziele, die AufgabensteIlung, die Methoden und das Niveau der Zielerreichung.

Leistungskontrollen sind vom Lehrer vorgegebene oder zwischen Lehrer und Schüler(innen) vereinbarte Verfahren der formellen und informellen Beurteilung des individuellen und kollektiven Lernfortschritts.

Weiterführende Literatur

 

Kompetenzorientierter Unterricht

 

Kompetenzorientierter Unterricht ist ein offener und schüleraktiver Unterricht, in dem die Lehrerinnen und Lehrer ihre Unterrichtsplanung, die Durchführung und Auswertung an fachlichen und über- fachlichen Kompetenzstufenmodellen orientieren und in dem die Schülerinnen und Schüler die Chance haben, ihr Wissen und Können systematisch und vernetzt aufzubauen, und in dem sie den Nutzen ihres Wissens und Könnens in realitätsnahen Anwendungssituationen erproben können.

Kompetenzorientierung allein macht noch keinen guten Unterricht!2

Hilbert Meyer

Erziehungswissenschaftler

Mit den PISA Studien (ab 2000) begannen in Deutschland die Arbeiten an den Bildungsstandards. Ab sofort galt: Von der Input-Steuerung (= Lehrpläne schreiben vor, welche Inhalte und Gegenstände im Unterricht zu behandeln sind) zur Outputsteuerung: Nicht Gegenstände und konkrete Inhalte werden festgelegt, sondern langfristig, nachhaltig vorhandene Fähigkeiten, Fertigkeiten, Bereitschaften und Kompetenzen. Inwieweit dafür bestimmte Inhalte notwendig sind, ist schulintern festzulegen. Klieme (Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)) versteht unter Kompetenzen …

… die bei Individuen verfügbaren oder von ihnen erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.3

Grundgedanke ist, dass Schüler an unterschiedlichen Gegenständen und Inhalten vergleichbare Kompetenzen erwerben können. Die in Hessen eingeführten Kerncurricula sollten

  • den Schulen und Lehrkräften eine größere Freiheit bei der Auswahl und Anordnung der Inhalte geben,
  • dadurch den Unterricht besser auf die (z. T. sehr unterschiedlichen) Vorkenntnisse und -erfahrungen der Schüler anpassen können,
  • die Lernergebnisse stärker vereinheitlichen und verbindlicher machen – im Sinne von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften; nicht im Sinne von konkret gelernten „Inhalten“.

Althergebracht sind – so Meyer – z. B. die Erwartungen, dass 4

  • die Schülerinnen und Schüler durch genaue Lernstandsdiagnosen dort abgeholt werden, wo sie stehen
  • jeder einzelne Schüler/jede einzelne Schülerin durch mehr innere Differenzierung individuell gefördert wird
  • die Schülerinnen und Schüler besser selbstgesteuert lernen können (eine uralte Forderung der klassischen Bildungstheorie) und
  • sie kein träges Wissen erwerben, sondern Wissen und Können miteinander zu verknüpfen lernen.

Meyers Arbeitsdefinition zum “Kompetenzorientierten Unterricht” lautet: Kompetenzorientierter Unterricht ist ein offener und schüleraktiver Unterricht, in dem

  1.  die Lehrerinnen und Lehrer auf der Grundlage genauer Lernstandsdiagnosen ein differenzierendes Lernangebot machen,
  2.  die Lehrerinnen und Lehrer ihre Unterrichtsplanung, die Durchführung und Auswertung an fachlichen und über- fachlichen Kompetenzstufenmodellen orientieren,
  3.  die Schülerinnen und Schüler die Chance haben, ihr Wissen und Können systematisch und vernetzt aufzubauen, und
  4.  sie den Nutzen ihres Wissens und Könnens in realitätsnahen Anwendungssituationen erproben können.

Kompetenzorientierung sagt somit viel darüber aus, was herauskommen soll, aber nur wenig darüber, wie der Unterricht gestaltet werden kann. Dazu formuliert nun Meyer sieben Bausteine:

  1. die kognitive Aktivierung der Schüler(innen) durch anspruchsvolle, aber gut abgestimmte Aufgabenstellungen,
  2. die Vernetzung des neu Gelernten mit vorhandenem Wissen und Können,
  3. das intelligente Üben,
  4. die Suche nach geeigneten Anwendungssituationen,
  5. die individuelle Begleitung dieser Prozesse
  6. die Reflexion des Lernfortschritts durch die Schüler(innen), die mit einem Fachbegriff auch als „Metakognition“ bezeichnet wird und
  7. die kompetenzstufenbezogene Kontrolle der Lernergebnisse

und lädt darüber hinaus ein, sich auf die didaktische Schatzsuche zu begeben.5

 

Prüfsteine für neue Medien im Unterricht

 

Die Einführung digitaler Medien in den Schulalltag ist eine Entwicklungsaufgabe, an der sich alle – Schulleiter, Lehrer, Schüler und Eltern – beteiligen müssen. Für die kritische Bewertung des Erfolgs und für die Analyse von Defiziten schlage ich die folgenden zehn Prüfsteine vor: 6
Hilbert Meyer

Erziehungswissenschaftler

Kognitive, emotionale und soziale und Aktivierung

Die emotionale Aktivierung ist beim Thema digitale Medien zumeist einfach. Es macht den meisten Schülerinnen und Schülern viel Spaß, mit den inzwischen sehr anspruchsvoll gestalteten Medien zu arbeiten. Auch die kognitive Aktivierung kann gelingen, wenn es gelungen ist, am Leistungsstand der Schüler orientierte Lernaufgaben kognitiv abzusprechen. Eine gute Lernaufgabe sollte aber auch sozial aktivieren, z.B. durch geschickt angelegte Tandem- oder Kleingruppenarbeit.

Förderung reflexiver Distanz (Medienmündigkeit)

Hilft die Art und Weise, in der der Unterricht gestaltet wird, den Schülerinnen und Schülern, reflexive Distanz zur eigenen Mediennutzung und zu digitalen Medien insgesamt herzustellen? Wird das mediengestützte Lernen durch Metaunterricht (Peer-Tutoring, Feedbackrunden, Bewusstmachen von Lernstrategien usw.) unterstützt?

Stärkung des selbstorganisierten Lernens

Können die Schüler in wachsendem Umfang selbstorganisiert arbeiten und sich eigene Lernwelten und Lernwege erschließen? Funktioniert die Selbstkontrolle des Lernerfolgs? Werden die entstandenen Arbeitsergebnisse klassenöffentlich gemacht, gelobt und wenn nötig, auch kritisiert?

Für die einzelnen Lehrerinnen & Lehrer:

Hilfen bei der Individualisierung des Unterrichts

Helfen die digitalen Medien bei der gezielten Förderung der immer heterogener werdenden Lerngruppen? Hilft dies auch den Leistungsschwächeren? Wird inklusives Unterrichten gestützt? Profitieren die Leistungsstarken?

Die Lehrerin/der Lehrer als Vorbild

Kann die Lehrperson den Schülern einen
selbstbewussten und kreativen Umgang mit digitalen Medien leibhaftig vorleben? Kann sie zeigen, dass und wie sie ethische Spielregeln der Mediennutzung selbst einhält und sich vor Gefahren schützt?

Zumutbarkeit der Arbeitsbelastung

Hält sich die Arbeitsbelastung in Grenzen?
Entspricht der Aufwand für Vorbereitung und Durchführung des Medieneinsatzes
dem Arbeitsertrag?

Im Blick auf das Unterrichtsentwicklung der ganzen Schule:

Ausbalancierung von individualisiertem und gemeinsamem Lernen

Gibt es eine kluge Mischung von individualisiertem, kooperativem und gemeinsamem Unterricht? Orientiert sich das Unterrichtsangebot an der Maxime „Mischwald ist besser als Monokultur“? Oder besteht die Gefahr, in eine Individualisierungsfalle zu tappen?

Stärkung der kollegialen Kooperation
Wird der Medieneinsatz genutzt, um gemeinsam an Entwicklungsvorhaben zu arbeiten und auch die Schüler und die Eltern in die Entwicklungsarbeit einzubinden? Oder dominiert eine kleine Klicke von Nerds und Experten, die sagt, wo es lang zu gehen hat?
Verlässlichkeit der Administration

Die schönsten Medien sind nichts wert, wenn sie nicht verlässlich genau in der Stunde verfügbar sind, in der sie im Unterricht benötigt werden. Deshalb sollte es an jeder Schule einen Administrator geben. Das Geld dafür muss von Kommunalpolitikern und in Zukunft wohl auch aus dem Bundeshaushalt bereitgestellt werden.

Nachhaltigkeit der Nutzung

Bewähren sich die eingesetzten Medien im
Unterrichtsalltag? Werden sie auch dann weiter genutzt, wenn die Initiativgruppe für eine digitale Neuerung nicht mehr aktiv ist?

Footnotes

  1. Meyer, Hilbert: Zehn Merkmale guten Unterrichts. Empirische Befunde und didaktische Ratschläge. Pädagogik 10/03, S. 36 ff, Beltz
  2. https://www.friedrich-verlag.de/fileadmin/redaktion/sekundarstufe/Paedagogik_und_Faecheruebergreifende_Themen/Schulleitung/Lernende_Schule/Leseproben/Lernende_Schule_58_Leseprobe_1.pdf
  3. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.); Eckhard Klieme u.a. (Autor): Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards. Eine Expertise. Berlin 2003, S. 72
  4. ebda.
  5. https://phzh.ch/globalassets/phzh.ch/kompetenzorientierter_unterricht/feindt_a-meyer_h2010.pdf
  6. https://uol.de/fileadmin/user_upload/fachschaften/fslehramt/Hilber_Meyer_Handout_Kreidestaub-OL_Juni-2018.pdf