Wie Kanada, Estland und andere Länder Schule neu denken
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Was internationale Schulsysteme Deutschland über Daten, KI und Reformmut lehren
Der Rückblick auf das Bildungsjahr 2025 zeichnet ein ernüchterndes Bild: Leistungsabfälle in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, wachsende Disparitäten und eine spürbare Demotivation vieler Schülerinnen und Schüler. Nationale und internationale Studien wie PISA 2022, der IQB-Bildungstrend oder die JIM-Studie belegen, dass es sich längst nicht mehr um punktuelle Schwächen handelt, sondern um eine strukturelle Krise des deutschen Bildungssystems .
Zugleich zeigt sich ein paradoxer Befund: Während Kompetenzen sinken, sind digitale Medien und Künstliche Intelligenz im Alltag der Jugendlichen selbstverständlich geworden. KI wird bereits heute für Recherche, Textproduktion und schulische Aufgaben genutzt – häufig ungesteuert, rechtlich unsicher und pädagogisch kaum begleitet. Jugendliche selbst formulieren dabei erstaunlich klar ihre Erwartungen: Sie wünschen sich Orientierung, Transparenz und Unterstützung beim kritischen Umgang mit KI, statt pauschaler Verbote .
Der Text macht deutlich, dass die entscheidende Frage nicht lautet, ob KI Einzug in Schule hält, sondern wie systematisch sie eingebettet wird. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass andere Länder schneller von der Phase der Skepsis in die Phase der Gestaltung übergegangen sind. Estland, die Niederlande, Skandinavien sowie die kanadischen Provinzen Ontario und British Columbia verbinden datengestützte Schulentwicklung, curriculare Reformen und verpflichtende Lehrerfortbildung zu kohärenten Gesamtsystemen. KI wird dort nicht als Zusatz, sondern als Werkzeug für personalisiertes Lernen, Feedback und Kompetenzentwicklung verstanden – flankiert durch klare Regeln und staatliche Infrastruktur .
Besonders auffällig ist dabei ein gemeinsames Strukturmerkmal erfolgreicher Systeme: Professionalisierung findet nicht „on top“, sondern innerhalb der Arbeitszeit statt. Teamzeiten, datenbasierte Schulentwicklung und Fortbildung sind verbindlich eingeplant und ressourcenseitig abgesichert. Deutschland hingegen verharrt vielerorts im Modell des pädagogischen Einzelkämpfers, während Verantwortung, Unsicherheit und Innovationsdruck an Schulen delegiert werden .
Der Rückblick mündet in einen klaren Appell: Bildungsforschung, internationale Evidenz und digitale Technologien sind vorhanden – es fehlt nicht an Erkenntnissen, sondern an konsequenter Umsetzung. Notwendig sind eine Revision der Curricula mit Fokus auf Zukunftskompetenzen, rechtssichere Leitlinien für den KI-Einsatz, nachhaltige Investitionen in Lehrerfortbildung und eine stärkere Nutzung von Daten als Lernhilfe statt als Kontrollinstrument.
Die zentrale These lautet: Bildungssysteme werden nicht besser durch mehr Projekte, sondern durch bessere Strukturen. Wer Lernen evidenzbasiert, professionell und mutig gestalten will, muss bereit sein, Steuerung neu zu denken – und Schule als lernendes System ernst zu nehmen.
Disclaimer:
Ich habe ChatGPT den unten stehenden Text gegeben und ihn um eine Zusammenfassung im Stil der gleichnamigen Rubrik gebeten, wie sie in überregionalen Zeitschriften wie der ZEIT oder der SZ für die Zusammenfassung der ausführlichen und online abrufbaren Artikel verwendet wird.
In diesem Jahr habe ich mich sehr stark mit Fragen der Schulentwicklung auseinandergesetzt. Dabei sind zwei Portfolios entstanden, die sich auch in meinem Rückblick widerspiegeln:
In meinem Rückblick möchte ich darlegen, wie datengestützte Schulentwicklung, der sinnvolle Einsatz von KI im Unterricht und ein reflektierter Umgang mit digitalen Medien zusammenhängen. Zudem möchte ich einen Appell an die bildungspolitische Steuerung richten: Sie sollte die aktuellen Bildungsstudien nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch handeln. Mögliche Anregungen liefern die Erfahrungen anderer Länder weltweit, die sich der Herausforderung heterogener Lerngruppen gestellt und diese lösungsorientiert sowie innovativ angegangen sind, durch:
- Curriculare Reform mit Blick auf die Kultur der Digitalität: Reduktion auf Basisinhalte, fächerverbindende Konzepte, KI-Kompetenzen
- Professionalisierung und Fortbildung: Lehrkräfte befähigen, KI-Potenziale fachspezifisch zu nutzen
- Kontinuierliche, datengestützte Schulentwicklung: Data-Teams, Lernanalysen, Feedback-Loops
Erst durch die Verbindung dieser Ebenen entsteht ein Ökosystem des Lernens, das nicht reaktiv, sondern evidenzbasiert handelt. Dies hat sich bei meinen Recherchen im Ausland bestätigt. Zunächst jedoch folgt eine Zusammenfassung der jüngsten bundesweiten Erhebungen.
Big Data: IQB Bildungstrend 2024 (2025)
Die Veröffentlichung des IQB-Bildungstrends 2024 im Jahr 2025 [1]https://eduresearch.social/@IQB_media hat deutlich gemacht, wie tiefgreifend die Krise in unserem Bildungssystem inzwischen ist. Nicht nur im sprachlichen Bereich [2]https://www.youtube.com/watch?v=qTxL5ZuMXa8, sondern auch aktuell in Mathematik und den Naturwissenschaften zeigen sich besorgniserregende Rückgänge. Die IQB-Studien dokumentieren einen massiven Kompetenzverlust, der mindestens einem halben Schuljahr Lernzeit entspricht. Erschwerend kommt hinzu, dass über die Hälfte der getesteten Jugendlichen für Mathematik, Chemie und Physik nur ein geringes Interesse angibt. Zudem hat sich ihr Selbstkonzept verschlechtert, wodurch sich auch ihre Lernmotivation verringert hat.
Diese Ergebnisse stehen nicht isoliert. So hat das IQB 2023 für die sprachlichen Fächer Deutsch und Englisch ebenfalls massive Rückgänge bzw. wachsende Disparitäten nachgewiesen. Wir haben es nicht nur mit einem Rückgang von Kompetenzen zu tun, sondern auch mit einem gesellschaftlichen Systemdruck, der bisher immer benachteiligte Gruppen traf und nunmehr ebenfalls im gymnasialen Bereich festgestellt wurde.
Die PISA‑Studie 2022 weist ebenfalls auf einen alarmierenden Leistungsabfall hin: In Deutschland rutschten die Schüler in der in den Bereichen Lesen und Mathematik auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung:
Damit wächst der Bedarf nach Steuerung, auf allen Ebenen: Auf der Makroebene: in den Bildungsministerien, auf der Microebene: Small Data durch schulinterne Befragung und Auswertungen der Lernstandserhebungen (IQB, Vera, Kermit). Durch die Verbindung beider Wissensformen entsteht ein Ökosystem des Lehrens und Lernens, evidenzbasiert und auf angemessene Reaktion auf ide nachgewiesenen Missstände.
Big Data: JIM – Studie 2025
In die anzustellenden Überlegungen möchte ich noch eine zweite Studie einbeziehen: die JIM-Studie 2025.[3]https://mpfs.de/app/uploads/2025/11/JIM_2025_PDF_barrierearm.pdf Sie untersucht das Medienverhalten von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren in Deutschland. Sie bestätigt die vielen anderen Studien dieses Jahres, die zeigen, wie wichtig Smartphones, Social Media und weitere digitale Angebote im Alltag dieser Altersgruppe geworden sind – mit all den Chancen und Problemen, die das mit sich bringt.
Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass künstliche Intelligenz (KI) inzwischen im Alltag der Jugendlichen angekommen ist und auch im schulischen Kontext genutzt wird. Dabei verwenden die Jugendlichen neben ChatGPT auch andere KI-Angebote, wobei die Nutzung vielfältig ist und sich sowohl bei der Recherche als auch bei anderen schulbezogenen Aufgaben zeigt. Es wird deutlich, dass Jugendliche KI als Werkzeug wahrnehmen, das Potenzial hat, sie bei der Bewältigung von Zukunftsfragen zu unterstützen und gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen.
Die Jugendlichen betonen die gemeinsame Verantwortung von Familie, Schule, Medienanbietern und Politik, Kompetenzen im Umgang mit KI zu fördern. Sie wünschen sich Angebote und Bildung, die sie befähigen, KI kritisch zu erkennen, ihre Antworten richtig einzuordnen und Quellen zu prüfen. Dazu gehört auch, dass sie erwarten, im schulischen Kontext mehr Unterstützung und Orientierung im Umgang mit KI zu erhalten, um die Chancen zu nutzen und Risiken zu vermeiden.
Big Data: Telekom Trendmonitor
Der Trendmonitor KI in der Bildung der Telekom-Stiftung[4]https://www.telekom-stiftung.de/sites/default/files/files/media/publications/trendmonitor-ki-in-der-bildung-25.pdf (versucht) einen Zukunftsblick auf das dynamisch wachsende Feld, in dem sich alle Akteur:innen – Schüler:innen, Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulträger, politische Entscheidungsträger – zurechtfinden müssen. Dieser erste Trendmonitor bietet ihnen dazu die notwendige Orientierungs-, Bewertungs- und Entscheidungsbasis.
Als wesentliche Ergebnisse werden genannt:
- Der Einsatz von KI-Agentensystemen an Schulen zeichnet sich als ein technologischer Trend ab. Diese komplexen Systeme werden das Lehren, Lernen und Prüfen in Zukunft weitaus umfassender begleiten und unterstützen können.
- KI kann das Lernen für Kinder und Jugendliche personalisierter und individualisierter gestalten – insbesondere mit Technologien wie Intelligenten Tutoringsystemen oder KI-Agentensystemen. Darin könnte eine große Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit liegen.
- Schulen brauchen Gestaltungsspielräume, um KI-Anwendungen auszuprobieren, für sich weiterzuentwickeln und damit experimentieren zu können.
- Die für den Trendmonitor befragten Expertinnen und Experten äußern häufig die Befürchtung, dass Schüler:innen durch die Nutzung der neuen technologischen Möglichkeiten Fertigkeiten wie das Schreiben längerer Texte verlieren (Deskilling).
Es folgen nun Zitate aus der Studie. Anschließend werden einige Interviewaussagen aus dem Trendmonitor sowie Reaktionen darauf aus den sozialen Medien präsentiert. Ich habe sie gemäß dem Ökologie-Ansatz Bronfenbrenners zugeordnet.
… aus Sicht der Schule …
… aus Sicht der Schulträger …
… aus Sicht der Bildungspolitik …
… aus Sicht der Bildungsforschung …
Forderung einer Revision des Curriculums
Seit den Ergebnissen von PISA 2022 und dem IQB-Bildungstrend ist die Diskussion um die Qualität der schulischen Bildung in Deutschland neu entflammt. Viele Akteure sind sich einig: Das gegenwärtige Modell steht unter Druck. Gestiegene Heterogenität, Kompetenzrückgänge in den Bereichen MINT und Lesen, Lehrkräftemangel und eine nur zögerlich voranschreitende Digitalisierung verstärken sich gegenseitig. Während über einen notwendigen Wandel diskutiert wird, lohnt sich ein Blick auf Länder, die seit Jahren stabil im oberen Leistungsdrittel internationaler Vergleichsstudien rangieren und gleichzeitig gesellschaftliche Teilhabe, Chancengerechtigkeit und digitale Modernisierung erfolgreich miteinander verbinden.
Besonders interessant für Deutschland sind jene Systeme, die kulturell und strukturell anschlussfähig sind, also weder als „asiatisches Drillmodell“ abgetan werden können, noch als „politisches Labor“ gelten. In den folgenden Abschnitten liegt der Fokus deshalb auf vier Bildungsräumen, die für die deutsche Debatte besonders relevant sind: Estland, Niederlande, Skandinavien und Schweiz.
Estland rangiert seit Jahren an der Spitze der europäischen PISA-Ergebnisse. Das Land zeigt, dass erfolgreiche Bildungsentwicklung nicht allein eine Frage der Ressourcen ist, sondern der strategischen Prioritäten. Die folgenden Leitlinien prägen Estlands Erfolg:
- Es wird eine starke Leistungsorientierung betont: mit einem hohen Stellenwert schulischer Leistung in den Familien, sehr disziplinierter Lernatmosphäre und sichtbare öffentlicher Würdigung der Jahrgangsbesten (Medaillenwand, starke Betonung von Rankings).
- Digitale Infrastruktur und Medienbildung als Grundrecht: Digitales Lernen wurde bereits in den 1990er-Jahren strukturell verankert. Heute ist Medienbildung kein zusätzliches Fach, sondern eine curriculare Querschnittsanforderung. Die Schulen verfügen über ein flächendeckendes, staatlich bereitgestelltes Lernmanagementsystem, in dem alle Schulbücher, Lern- und Leistungsdaten landesweit digital verfügbar sind; dazu kommt das klar definierte Berufsbild der „Educational Technologists“ als systematische Unterstützungs- und Entwicklungsrolle an Schulen.
- Gemeinsames Lernen und Struktur: In Estland wird gemeinsames Lernen bis Klasse 9 praktiziert, mit frühen, anspruchsvollen wissenschaftspropädeutischen Anforderungen kombiniert (z.B. Posterpräsentationen auf quasi universitärem Niveau bereits in Klasse 10/11) und einer insgesamt „härteren“ Leistungs- und Disziplinkultur. (s.o.)
- Frühkindliche Förderung als gleichheitsstiftender Faktor: Schon ab dem Vorschulalter werden Sprachförderung, mathematisches Denken und erste digitale Kompetenzen aufgebaut. Der Übergang in die Primarstufe ist nicht scharf, sondern ein gleitender Lernprozess.
- Lehrkräfte als forschende Praktiker: Fortbildung ist verpflichtend, Diagnosekompetenz und evidenzbasierte Unterrichtsentwicklung gehören zur professionellen Identität. Schulen arbeiten systematisch mit Leistungsdaten, Lernerträgen und Schülerfeedback.
Die Niederlande verfolgen seit Jahrzehnten eine evidenzbasierte Bildungspolitik, die einen starken Fokus auf Diagnostik und individuelle Förderung legt. Der Schwerpunkt liegt auf frühkindlicher Bildung, Sprach- und Leseförderung sind systematisch eingerichtet. Mithilfe von Diagnostik wird Förderbedarf früh erkannt, noch bevor sich Lernlücken verfestigen. Die Niederlande sind geprägt von einer starken MINT-Kultur: Viele Schulen pflegen Partnerschaften mit Hochschulen, Makerspaces, Coding-Initiativen, Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen. Eine Kultur des formativen Assessments sorgt für eine Loslösung von einer nahezu vollständigen Abschlussorientierung: Daten sollen der Lernentwicklung dienen. Ich bin im Rahmen meines Themenschwerpunkts „Datengestützte Schulentwicklung“ im ersten Teil der Reihe darauf eingegangen.
Skandinavien gilt oft als Vorbild für unser Schulsystem. Es zeichnet sich durch einen starken Fokus auf Chancengleichheit, individuelle Förderung und soziale Aspekte aus. Die Schulen sind häufig Ganztagsschulen mit viel Fachpersonal, zum Beispiel Psychologen und Sozialarbeiter. Es findet weniger frühe Selektion statt und Noten werden oft erst später vergeben. Der Fokus liegt auf Teamarbeit, demokratischer Bildung und kritischem Denken. Die Schulpflicht besteht in der Regel bis zur 9. Klasse, anschließend gibt es flexible weiterführende Schulangebote. Die Integration von Digital Literacy wird in diesen Ländern zwar aktuell diskutiert, allerdings mit Schwerpunkt in der Primarstufe.
Ähnlich wie in Deutschland verfügt die Schweiz über eine föderale Struktur mit kantonaler Verantwortung in einem nationalen Bildungsrahmen. Dieser sorgt für inhaltliche Stabilität. Eine besondere Herausforderung ist die Mehrsprachigkeit: Je nach Sprachregion werden die vier Amtssprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch als Unterrichtssprachen verwendet. Zusätzlich wird fast überall Englisch als erste oder zweite Fremdsprache unterrichtet und oft auch eine weitere Landessprache als Wahlfach. Viele MINT-Kompetenzen werden praxisnah vermittelt. Dadurch werden soziale Selektionsrisiken reduziert. Die Professionalisierungsstrukturen sind gut ausgebaut, Praxisphasen sind verbindlich und die Kooperationen zwischen Forschung und Schule sind eng. Anfang des Jahres habe ich meine ehemaligen Kollegen besucht und dies hier dokumentiert. Der Besuch zeigt, dass föderale Systeme funktionieren können, wenn sie kohärente Kompetenzprofile, Lehrkräfteentwicklung und berufliche Bildung zusammendenken.
British Columbia - Ontario (Kanada)
Ich hätte Kanada auch in den vorherigen Abschnitt aufnehmen können. Es nimmt jedoch aus zweierlei Gründen eine Ausnahmeposition ein. Zum einen konnte ich Mitte der 1990er-Jahre durch meine Forschungsarbeiten in den Regionen British Columbia und Ontario konkrete Praxiserfahrungen sammeln. Deshalb interessierte mich besonders, wie sich die Bildungspolitik dort weiterentwickelt hat. Zum anderen sind die beiden Regionen kulturell sowie hinsichtlich der Anzahl von Schulen mit deutschen Bundesländern vergleichbar. Hinsichtlich der Innovationsbereitschaft jedoch nicht, wie sich nun zeigen wird …
Bevor ich darauf eingehe, zunächst einige allegemeine Informationen über das Bildungssystem Kanadas.[5]https://www.highschoolcanada.de/high-school-kanada-programm/das-kanadische-schulsystem/ Im kanadischen Schulsystem gibt es keine unterschiedlichen Schularten wie Gesamtschule, Hauptschule, Realschule oder Gymnasium, sondern nur die Primary School und die Secondary School. Kinder beginnen mit der Vorschule und besuchen anschließend zwölf Jahre lang die Grund- und weiterführende Schule. Diese sind in der Regel als Ganztagsschulen mit umfangreichen Freizeit- und Förderangeboten organisiert. In Kanada sind sowohl Englisch als auch Französisch Landessprachen, jedoch ist Englisch die Hauptunterrichtssprache. In den Regionen Quebec und Montreal wird Französisch als Landessprache gepflegt und unterrichtet. Im 12. Schuljahr legen die Schüler ein provinzweit geltendes Standard-Examen ab, das ihre Abschlussnote bestimmt und ihnen den Zugang zu einer kanadischen oder internationalen Universität oder Berufsfachschule garantiert. Darüber hinaus bieten einige Schulen auch das „International Baccalaureate“-Programm (IB) oder „Advanced Placement“-Kurse (AP) an.
Die Curriculumentwicklung in Kanada ist dezentral organisiert und erfolgt auf Provinz- und Territorialebene, das heißt, jedes der zehn Provinzen und die drei Territorien haben eigene Bildungsministerien, die die Lehrpläne bestimmen und regelmäßig überarbeiten. Es gibt also keinen nationalen Lehrplan und keine Bundesaufsicht, sondern die Ministerien der Provinzen und Territorien setzen Standards, bestimmen Inhalte und steuern die Weiterentwicklung. Die Entwicklung neuer Curricula erfolgt in iterativen Zyklen, typischerweise etwa alle neun Jahre. Die Überarbeitung geschieht in breiter Abstimmung mit Lehrkräften, Eltern, Expertengruppen, der Wirtschaft und weiteren Stakeholdern, zum Beispiel durch öffentliche Konsultationen oder Expertenrunden. Schulaufsichtsbehörden und lokale Schulboards setzen die Lehrpläne um und können inhaltliche Anpassungen empfehlen.[6]https://ncee.org/canada/, https://www.schulaufsicht.de/beitrag/datengestuetzte-schulentwicklung-in-kanada/
Wie unterscheiden sich die Bildungssysteme von Ontarios und British Columbias?
Ontario
Bereits während meiner Hospitation Mitte der 1990er Jahre zeichnete sich das K-12-Curriculum in Ontario durch Kompetenzorientierung aus und bot ab Klasse 7 (Sekundarstufe I) viele Wahlmöglichkeiten. Das aktuelle Curriculum, das 2020 verabschiedet wurde, verbindet klassische Fachlichkeit mit verbindlich formulierten überfachlichen Kompetenzen. Die Schlüsselkompetenzen (wie z. B. die 4K der OECD) sind verbindlich in das Curriculum integriert. Im Fach Mathematik gelingt dies durch eine Verknüpfung der klassischen Inhaltsfelder (Zahlen, Algebra, Geometrie, Daten/Stochastik, Messen) mit explizit ausgeführten Elementen aus Social-Emotional Learning (SEL), Financial Literacy, Data-/AI-Bezügen und Coding. Ontario baut somit auf Dualität: Fachliche Kompetenz bildet das Fundament, überfachliche Kompetenz die Architektur des Denkens. Dies zeigt sich in der Oberstufe (Jahrgangsstufen 10–12) im von Kanada besonders geförderten Programm „Specialist High Skills Majors“ (SHSM). Es ermöglicht Oberstufenschülern, sich auf einen bestimmten Bereich zu konzentrieren, beispielsweise Architektur, Medien, Gesundheit, IT, Umwelt oder Wirtschaft. Es besteht aus einer Kombination aus Fachunterricht, Praktika, Zertifikaten und Projektarbeit. Das Programm hilft den Schülern, ihre Ausbildung anzupassen, spezielle Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, zertifizierte Abschlüsse zu erlangen und sich auf berufliche Ziele vorzubereiten.
Den deutschen Bildungsbehörden empfehle ich, die folgenden beiden Eigenschaften der Curriculumentwicklung einem intensiveren Studium zu unterziehen:
- die Einbettung von sogenanntem „Lebensbezug“ und
- den Implementierungsprozess selbst.
ad 1.:
Financial Literacy ist kein Nebenthema, sondern als fester Bestandteil des Mathematikcurriculums auf der Primar- und Sekundarstufe integriert. Dadurch werden Prozentrechnen, Zinsen, Budgetplanung, Kreditkosten usw. systematisch behandelt. Das schafft einen klaren Alltagsbezug.
Data Literacy ermöglicht den Umgang mit realen Datensätzen, deren Visualisierung und kritische Interpretation. Beispielsweise werden Befragungsdaten und statistische Auswertungen aus der eigenen Lebenswelt bereitgestellt. Dadurch wird Statistik nicht abstrakt, sondern anwendungsorientiert.
Coding-/Computational-Thinking-Aufgaben (z. B. Simulationen, Datenvisualisierung) werden früh eingeführt. Reale Fragestellungen im (z. B.) Natur- und Technikkontext werden häufig durch Modellierungen hinterfragt. So wird Mathematik als Werkzeug eingesetzt.
Ad 2.:
| Jahr | Maßnahme | Inhalt / Schwerpunkt | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 2020 | Einführung neues Curriculum für Grades 1–8 | Fokus auf Problemlösen, Alltagsbezug, Coding, Financial Literacy – Stärkung von Mathematical Confidence und Mental Math |
Radikale Neuausrichtung, ersetzt alte Curricula |
| 2021 | Neues Curriculum für Grade 9 (MTH1W) | Abschaffung der Trennung „Applied“ vs. „Academic“ – Einheitlicher Kurs mit Fokus auf Problemlösen, Modellieren, Coding |
Mehr Chancengleichheit, weniger frühe Selektion |
| 2022 | Implementierungsphase | Lehrerfortbildungen, Materialien, digitale Ressourcen – Fokus auf Unterstützung bei Coding & Financial Literacy |
Sicherstellung der Umsetzung |
| 2023 | Revision & Updates | Stärkung von Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben, Mathematik – zusätzliche Ressourcen: 2.000 neue Lehrkräfte, Literacy-Strategie, 700 Mio. CAD mehr Budget |
Keine komplette Neufassung, sondern gezielte Ergänzungen zur Stabilisierung |
British Columbia
British Columbia (BC) zählte bereits während meiner Hospitationszeit zu den international innovativsten Beispielen für moderne Curricula. Schon damals konnte ich mich von der erfolgreichen Umsetzung informatischer und mediendidaktischer Elemente im laufenden Unterricht überzeugen. BC zeigt heute, wie ein modernes Curriculum funktionieren kann: durch radikale Reduktion von Inhalten, durch Lebensweltintegration und durch konsequente digitale Bildung. Das Curriculum basiert auf drei Ebenen:
- „Big Ideas“ – Was sollten Lernende verstehen?
- Große konzeptionelle Zusammenhänge statt Stofflisten.
Beispiele im Fach Mathematik:
- Große konzeptionelle Zusammenhänge statt Stofflisten.
„Mathematics helps us represent and make sense of the world.“
„Exploring and analysing data enables us to make predictions.“
- „Curricular Competencies“ – Was sollten Lernende tun können?
Dies ist vergleichbar mit den 4K der OECD (kritisches Denken, Kreativität, Zusammenarbeit, Kommunikation).
Beispiele:
-
- mathematisch modellieren,
- strategisches Denken entwickeln,
- argumentieren und begründen,
- digitale Tools zur Problemlösung einsetzen.
- „Content“ – Was sollten Lernende kennen?
Konkrete Inhalte, aber nur als Werkzeug, nicht als Selbstzweck. Die Reihenfolge ist explizit: Understanding → Doing → Knowing, nicht umgekehrt.
Auch hier möchte ich zwei Merkmale hervorheben, die diese Region auszeichnen:
-
- Umsetzung der 4K: Das deutsche Curriculum listet Kompetenzen meist deklarativ, BC hingegen operationell.
- Deeper Learning: In dieser Ausprägung ist es in Deutschland noch nicht ansatzweise so systemisch verankert.
Ad 1.):
BC benennt vier sogenannte Kompetenzcluster:
- Reasoning and Analyzing
-
- Vermutungen aufstellen
- Strategien wählen
- Zusammenhänge erkennen
- Understanding and Solving
-
- strukturierte Problemlösung
- Vergleich von Lösungswegen
- Communicating and Representing
-
- Argumentation
- mathematische Sprache
- Visualisierung
- Connecting and Reflecting
-
- Metakognition
- Transfer
- Reflexion von Strategien
Diese Kompetenzen zu fördern sind verpflichtende Unterrichtsteile.
ad 2.):
Der Kern des BC-Modells orientiert sich am Deeper-Learning-Modell:
- Mastery of core academic content
Dieses Modell priorisiert die tatsächliche Beherrschung und das tiefe Verständnis von Kerninhalten und Fertigkeiten über das bloße Durcharbeiten oder Bestehen von Prüfungen. Lernende werden regelmäßig bewertet, formativ wie summativ, um sicherzustellen, dass sie mindestens 75% Verständnis des Lernstoffs erreichen, bevor sie zu neuen Konzepten übergehen. Schüler, die dieses Verständnisniveau nicht erreichen, erhalten gezielte Unterstützung durch Tutorials, die auf ihre individuellen Lernbedürfnisse abgestimmt sind. Dieses Vorgehen fördert nachhaltiges Lernen und Kompetenzaufbau, statt nur kurzfristige Wissensaneignung. Es wird als wichtiger Faktor für langfristigen schulischen und beruflichen Erfolg betrachtet und ist integraler Bestandteil der Bildungssystemgestaltung in British Columbia.
- Critical Thinking & Problem Solving
beschreibt die Fähigkeit, Informationen und Erfahrungen kritisch zu bewerten, verschiedene Perspektiven und Alternativen zu erkennen, fundierte Urteile zu fällen sowie Strategien zur Problemlösung gezielt einzusetzen. Es geht um das Nachdenken über das Denken selbst und die Anwendung dieser Fähigkeiten in vielfältigen Kontexten.
- Collaboration
umfasst die Fähigkeit, effektiv mit anderen zusammenzuarbeiten, unterschiedliche Rollen einzunehmen, respektvoll zu kommunizieren und gemeinsame Ziele zu erreichen.
- Effective Communication
bedeutet, Ideen, Gefühle und Informationen klar, präzise und angepasst an den Kontext auszudrücken sowie aktiv zuzuhören und Rückmeldungen zu geben.
- Self-directed learning
beschreibt die Fähigkeit der Lernenden, ihre eigene Lernmotivation zu erkennen, Lernziele zu setzen, Lernstrategien zu planen und umzusetzen sowie den eigenen Lernfortschritt zu reflektieren und anzupassen.
- Academic Mindset
umfasst eine positive Einstellung zu Lernen und Leistung, einschließlich Selbstvertrauen, Ausdauer, Verantwortungsbewusstsein und der Überzeugung, dass Anstrengung zum Erfolg führt.
„Deeper learning“ ist demnach ein Lernkonzept, bei dem es darum geht, nicht nur Fakten auswendig zu lernen, sondern ein tiefes Verständnis und eine nachhaltige Beherrschung wesentlicher Inhalte und Kompetenzen zu entwickeln. Deeper learning umfasst die Fähigkeit, Kerninhalte zu meistern, kritisch zu denken, Probleme zu lösen, effektiv zu kommunizieren, selbstgesteuert zu lernen und eine positive akademische Haltung einzunehmen. Dieser Ansatz beruht auf einem “Know-Do-Understand“-Modell, das Wissen (Know), Anwendung (Do) und Verständnis (Understand) kombiniert, um Lernen konzeptbasiert und kompetenzorientiert zu gestalten. Deeper learning wird als aktives, authentisches und transferierbares Lernen verstanden, das Schüler befähigt, ihr Wissen auf neue Situationen anzuwenden und lebenslange Lernfähigkeiten zu entwickeln. Dieses Lernen erfolgt besser durch aktives Tun und problemorientierte Aufgaben statt durch bloßes passives Zuhören oder Lesen. Das führt zu:
- projektorientiertem Lernen
- Inquiry-based learning („Student questions drive learning“)
- Reflexionsaufgaben in jedem Thema
- formative Assessment-Kultur
Zeitmodelle
In dem Podcast „Woran hakt die KI-Revolution in den Schulen?” stellen die beiden Hosts zunächst einmal fest, dass die Kultusministerien viel Offenheit für die neue Technologie signalisieren. Dann stellen sie jedoch fest, dass die Praxis in vielen Lehrer- und Klassenzimmern anders aussieht, und stellen sich die Frage: Woran liegt das?
Ihre Analysen zeigen, dass ein Problem darin besteht, dass den Lehrkräften keine Zeitfenster zur Verfügung gestellt werden, um sich fortzubilden. Die Ministerien erwarteten, dass sie dies in ihrer Freizeit erledigen würden. Die Lehrer argumentieren jedoch, dass sie sich in ihrer frei verfügbaren Zeit um den konkreten Unterricht kümmern müssten. Sie hätten schlicht keine Zeit, sich mit anderen Kollegen zu treffen, um Schulentwicklung zu betreiben bzw. sich gemeinsam fortzubilden.
Anschließend habe ich mich gefragt: Wie lösen das die Ministerien in anderen Ländern (Skandinavien, Niederlande, Schweiz, Estland, Kanada) eigentlich?
- Finnland verfügt über fest integrierte Kooperations- und Entwicklungszeit
Lehrkräfte haben wöchentlich 2–3 Stunden Arbeitszeit, die verbindlich für kollegiale Zusammenarbeit und Schulentwicklung vorgesehen ist.
Fortbildungen finden im Dienst, nicht in der Freizeit statt; Schulen erhalten Vertretungsressourcen.
Pädagogische Freiheit wird kombiniert mit der Erwartung, dass professionelles Lernen ein regulärer Teil der Arbeitszeit ist.
Prinzip: „Professional time is work time.“ - Dänemark besitzt ein Arbeitszeitmodell (37-Stunden-Woche inklusive Fortbildung). Lehrer haben eine klar regulierte Wochenarbeitszeit, die sämtliche pädagogischen Tätigkeiten enthält. Schulentwicklung, Teamsitzungen und Fortbildung sind als reguläre Arbeitszeit explizit eingeplant. Schulen entscheiden selbst, wie sie diese Zeit verteilen (z. B. ein langer Kooperationsnachmittag pro Woche).
- Norwegen hat eine sogenannte mehrtägige Tage „Planleggingsdager“ etabliert. Jedes Schuljahr beginnt mit mehreren Planungstagen, die komplett für Teamarbeit und Schulentwicklung reserviert sind. Fortbildungen finden ebenfalls im Schuljahr statt; Ministerium und Kommunen stellen Ressourcen zur Verfügung.
- Niederlande stellt Schulen mit „Werkdrukgelden“ zweckgebundene staatliche Finanzmittel zur Verfügung, die dazu dienen, Zeit für Teamarbeit und Fortbildung „einzukaufen“ (Vertretungsstunden, externe Coaches, Entlastung). Lehrkräfte werden vom Unterricht freigestellt, um z. B. Lehrerteams zu etablieren. Schulen dürfen Zeitbudgets eigenständig einsetzen (z. B. 1–2 Stunden pro Woche pro Team, Release-Days). Die OECD lobt die Niederlande übrigens explizit für die „kollektive Lehrerfort- und -weiterbildung“ im Zeitbudget.
- Schweiz setzt verbindliche Teamzeiten für Qualitätsentwicklung. An vielen Kantonen sind wöchentliche Teamsitzungen verpflichtender Bestandteil des Arbeitszeitmodells. Fortbildungen gelten als Arbeitszeit, oft mit klaren Jahresbudgets (z. B. 5–10 Tage). Schulen, die an kantonalen oder regionalen Schulentwicklungsprogrammen teilnehmen, erhalten zusätzliche Entlastungsstunden.
- Estland hat verpflichtende Fort- und Weiterbildung im Schulgesetz verankert (mind. 3–5 Tage pro Jahr). Diese Zeiten müssen im Rahmen der Arbeitszeit ermöglicht werden. Sie sehen sich dem Prinzip: „You cannot ask teachers to innovate on top of full-time teaching.“ verpflichtet. Nationale Programme wie „Digital Accelerator“ oder die „Stiftung Innove“ finanzieren Stellvertretung und Entlastung, wenn Schulen Teamfortbildungen benötigen.
- Kanada zeichnet sich in ihren Provinzen mit hochstrukturierten Zeitmodellen aus. So Ontario mit den sog. Professional Activity Days (Seven PA Days) für schulinterne Fortbildung, Curriculumarbeit, datengestützte Schulentwicklungs sowie kollaborative Unterrichtsplanung. Zusätzlich haben die Schulen Ontarios „Release Time“, um Teams an datenbasierten Projekten arbeiten zu lassen. British Columbia agiert ähnlich: mit mindestens fünf „Professional Development Days“. Sie werden genutzt, um lokale Learning Communities aufzubauen. Fortbildung ist stark lehrkraftgesteuert und durch Zeit und Ressourcen gestützt. So sorgen viele Distrikte (z. B. Vancouver, Surrey, Kelowna) für zusätzliche Zeitfenster für wöchentliche Teamzeiten sowie für die „Collaboration Days“.
Zusammengefasst unterscheidet diese Länder von Deutschland:
| Topics | Erfolgreiche Länder | Deutschland |
|---|---|---|
| Zeit für Fortbildung | fest im Arbeitszeitmodell verankert | meist in der Freizeit erwartet |
| Teamzeiten | wöchentlich / jährlich eingeplant | oft nur freiwillig oder informell |
| Curricular verankertes Professionslernen | klar priorisiert | kaum systemisch vorhanden |
| Entlastungs- und Vertretungsmittel | strukturell vorhanden | projektbezogen, selten nachhaltig |
| Verbindlichkeit | klare Vorgaben der Bildungsministerien | abhängig von Schulleitung / Schulamtsstrukturen |
| Mindset | professionelle Lerngemeinschaften sind Standard | „Einzelkämpfer“orientierung dominiert |
Zusammenfassung des internationalen Ländervergleichs
Wie andere Bildungssysteme auf KI und Sprachmodelle reagieren – und was Deutschland daraus lernen kann
2025 war das Jahr, in dem generative KI endgültig im Schulalltag angekommen ist. Während Deutschland noch um Zuständigkeiten, Datenschutzfragen und die richtige Balance zwischen Chancen und Risiken ringt, haben andere Staaten längst begonnen, das Potenzial von Large Language Models (LLMs) systematisch in die Weiterentwicklung ihrer Schulsysteme einzubetten. Ein Blick nach Skandinavien, in die Niederlande, nach Estland sowie nach British Columbia und Ontario zeigt bemerkenswerte Muster – und eröffnet Perspektiven für eine notwendige Neujustierung deutscher Bildungspolitik.
- Von Skepsis zu Systematik
In fast allen untersuchten Ländern war die erste Reaktion auf KI im Unterricht von Verunsicherung geprägt: Wie umgehen mit Plagiaten? Was bedeutet es für Prüfungen? Wie verändert KI das Lernen? Doch anders als in Deutschland blieb es nicht bei problemorientierten Debatten. Die Systeme entwickelten innerhalb weniger Monate konkrete Richtlinien, Fortbildungsangebote und curriculare Verankerungen.
Dänemark, Norwegen und Schweden formulierten zunächst nationale oder institutionelle Empfehlungen, wie LLMs verantwortungsvoll eingesetzt werden können. Die Richtung ist klar: KI soll nicht verdrängt, sondern pädagogisch gerahmt werden. Norwegen geht sogar so weit, eigene datenschutzkonforme KI-Tools staatlich bereitzustellen. Schweden wiederum fordert Schulen aktiv auf, eigene KI-Konzepte zu entwickeln – ein pragmatischer Ansatz, der lokalen Gestaltungsspielraum mit klaren Leitplanken verbindet.
Im Sekundarbereich Finnlands werden vor allem im MINT-Bereich Videokonferenzen mit Schülerinnen und Schülern in dünn besiedelten Gebieten durchgeführt, um ihnen ein vergleichbares Angebot wie in städtischen Bereichen zu machen. Ansonsten sind dort Laptops, Tablets und E-Portfolios gängiges Handwerkszeug, das nicht als eigenes Prestigeprojekt sichtbar wird. Zudem wird dort das nationale System „Itslearning“ benutzt, um Lernprozesse zu dokumentieren und mit den Eltern zu besprechen.
- Die pragmatische Stärke der Niederlande
Die Niederlande verfolgen einen besonders praxisorientierten Weg. Über Kennisnet – eine unabhängige, staatlich unterstützte Organisation – erhalten Schulen Leitfäden, Risikoanalysen, Tool-Checks und Workshops, die unmittelbar anwendbar sind. Das niederländische Prinzip lautet: „Helft Schulen, gute Entscheidungen zu treffen – nicht durch Verbote, sondern durch Informationsvorsprung.“ Statt abstrakte Debatten zu führen, setzt man auf Aufklärung:
- Welche Aufgaben dürfen mit KI bearbeitet werden?
- Welche Beurteilungskriterien gelten?
- Wie wird Transparenz sichergestellt?
- Wie verändert KI die Rolle der Lehrkraft?
Dadurch entsteht ein professioneller Umgang mit KI, der Schulen befähigt, statt sie zu verunsichern.
- Estland: Der europäische Vorreiter
Estland ist das einzige europäische Land, das eine nationale KI-Strategie explizit für das Bildungssystem formuliert hat – inklusive der Kooperation mit einem globalen Anbieter für eine sichere KI-Schullösung. Das Ziel: „AI for everyone“ – von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung.
Der estnische Ansatz ist bemerkenswert:
- KI wird als Werkzeug der Chancengerechtigkeit verstanden.
- Lehrkräfte erhalten standardisierte Fortbildungsmodule.
- Schulen arbeiten mit Schutzmechanismen auf Landesebene, statt jede Datenschutzfrage einzeln lösen zu müssen.
- KI dient der Förderung von Mehrsprachigkeit, Kommunikation, Problemlösen und Datenkompetenz – also jenen Zukunftskompetenzen, die auch die OECD betont.
Estland zeigt damit, wie ein kleines Land durch klare Prioritäten und systemische Steuerung eine Vorbildrolle übernehmen kann.
- Kanada – zwei Modelle, ein gemeinsamer Trend
British Columbia (BC): Die curricular innovativste Region Nordamerikas
BC gilt bereits seit Jahren als internationaler Benchmark für kompetenzorientierte Curricula („Big Ideas“). Diese Offenheit zeigt sich nun auch im Umgang mit KI.
BC integriert KI nicht als Zusatzthema, sondern als Bestandteil von
- Digital Literacy,
- Critical Thinking,
- Communication Skills,
- und komplexen Projektaufgaben.
Das Ministerium stellt umfangreiche Materialien bereit:
Guidelines, Schulungsmodule, Lesson Ideas, Risikoabwägungen und Elterninformationen. Schulen erhalten alles, was sie benötigen, um einen konstruktiven und zugleich sicheren Umgang mit LLMs zu entwickeln. KI wird damit Teil eines modernen, fächerübergreifenden Ansatzes – nicht ein Störfaktor im Unterricht.
Ontario: Governance und Professionalität
Ontario verfolgt eher einen Governance-orientierten Weg. Auf Provinz- und Distriktebene entstehen
- umfassende AI-Policies,
- Privacy-Checklisten,
- Responsible-AI-Leitlinien,
- sowie Fortbildungsangebote für Lehrkräfte.
Während BC stärker curricular-inhaltlich ansetzt, sorgt Ontario dafür, dass Schulen LLMs verantwortungsvoll und rechtssicher einsetzen können. In Kombination ergänzen sich beide Modelle perfekt: Pädagogisch mutig – und zugleich datenschutzrechtlich professionell.
Was alle erfolgreichen Modelle gemeinsam haben
Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen lassen sich fünf Muster erkennen:
- Klare Regeln statt Verbote.
Kein Land setzt auf generelle KI-Verbote. Stattdessen schaffen alle Systeme verständliche, leicht umsetzbare Regeln für Lehrkräfte und Lernende. - Lehrerfortbildung ist zentral.
Niemand erwartet, dass Lehrkräfte „von allein“ KI sinnvoll einsetzen. Überall gibt es Workshops, Mikro-Fortbildungen, Leitfäden und professionelles Begleitmaterial. - KI wird curricular verankert – nicht als Zusatzfach, sondern integriert.
Vor allem BC, Estland und die Niederlande zeigen: KI passt perfekt zu den OECD-4K-Kompetenzen. - Datenschutz wird systemisch gelöst, nicht der Einzelschule überlassen.
Das entlastet Schulen und schafft Rechtssicherheit. - Neue Aufgaben- und Prüfungsformate.
Statt zu verhindern, dass Schüler KI nutzen, lernen sie reflektiert damit umzugehen – mit Fokus auf Prozessbewertung, Argumentation und Kritikfähigkeit.
Fazit
Die internationale Evidenz ist eindeutig: Starke Bildungssysteme verbinden solides fachliches Grundlagenwissen mit überfachlichen Kompetenzen, investieren früh und kontinuierlich in alle Kinder, nutzen Daten als Lernhilfe – nicht als Kontrollinstrument und qualifizieren Lehrkräfte systematisch weiter. Länder wie Ontario, British Columbia, Estland, die Niederlande oder die Schweiz zeigen, dass dieser Weg ohne kulturellen Bruch gangbar ist, wenn Curriculumentwicklung konsequent mit professioneller Unterstützung der Schulen verzahnt wird.
Für den deutschen Kontext lassen sich daraus vier zentrale Handlungsaufträge ableiten:
-
Curricularer Einstieg über fächerübergreifende Zukunftskompetenzen
(u. a. Datenkompetenz, Medienbildung, Projektlernen), statt weiterer Inhaltsverdichtung. -
Klare landesweite Leitlinien zum Einsatz von KI,
um die derzeitige Unsicherheit auf Ebene der Schulleitungen und Kollegien zu beenden. -
Massive Investitionen in kontinuierliche Lehrerfortbildung,
wie sie in Ontario oder den Niederlanden selbstverständlich sind. -
Konsequente Nutzung bildungswissenschaftlicher Ergebnisse als Steuerungswissen
für Schul- und Unterrichtsentwicklung.
Gerade letzteres bleibt bislang häufig ungenutzt. Zu oft wird Bildungsforschung entweder als abstrakt oder als normative Vorgabe wahrgenommen. Dabei liegt ihr eigentlicher Wert woanders:
-
nicht als Handlungsanweisung, sondern als Impuls zur gemeinsamen Reflexion
(„Was bedeutet z. B. wirksames Feedback konkret in unserer Schule, in unserem Fach?“), -
als Spiegel, um Routinen zu hinterfragen, ohne Bewährtes vorschnell zu verwerfen,
-
als Gesprächsanlass in kollegialen Fortbildungen und auf pädagogischen Tagen
(„Was hat bei uns funktioniert – und was nicht?“).
Evidenzbasierte Praxis bedeutet nicht, Forschung zu übernehmen, sondern sie mit professioneller Expertise und den Bedingungen der eigenen Schule zu verbinden. Ambivalenz ist dabei erlaubt. Skepsis auch. Ablehnung hingegen blockiert Lernprozesse. Neugier bleibt der entscheidende Motor:
Was können wir – trotz aller berechtigten Kritik – aus der Forschung für unsere Praxis gewinnen?
In meinem zweiten Beitrag schlage ich den Bogen von der Analyse zum Handeln. Unter dem Titel „Von der Analyse zum Handeln: Das Big Picture 2026+“ verdichte ich die hier vorgestellten Befunde, internationalen Erfahrungen und Gelingensbedingungen zu einem ökosystemischen Gesamtbild, mit Empfehlungen für Bildungspolitik, Schulaufsicht, Schulleitungen und Schulen.
Das war’s für dieses Jahr 2025 – es gibt noch viel zu tun. Vor allem mit Blick auf die oben genannten Studien und Bewertungen bzw. Kommentare der Bildungsjournalisten frage ich mich immer wieder: Woran liegt es, dass wir kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem haben? In diesem Beitrag habe ich einige Gedanken und Erfahrungen aus dem Ausland zusammengetragen. Ich hoffe, Sie können davon profitieren.
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, wünsche ich mit dem folgenden Lied, einer Weihnachtskomposition, die mit einem Google-AI-Tool erstellt wurde, frohe Weihnachten.
Alles Gute für die bevorstehende Weihnachts- und Neujahrszeit!
Experimentieren Sie ruhig ein wenig mit den vier Lautsprechern …
… stay tuned …
Bildnachweis:
Anton Grabolle / Better Images of AI / Classification Cupboard / CC-BY 4.0
References






















