Die aktuelle Diskussion um Smartphone-Verbote, Medienkompetenzförderung und Künstliche Intelligenz in der Schule fällt nicht zufällig in eine Phase wachsender Verunsicherung. Sie trifft auf ein Schulsystem, das unter Fachkräftemangel leidet, steigende Anforderungen bewältigen muss und gleichzeitig vor der Frage steht, wie Professionalität unter diesen Bedingungen organisiert werden kann.

Zwei aktuelle Impulse der OECD geben darauf eine bemerkenswert klare Antwort: die TALIS-Studie 2024 und ein dazugehöriges OECD-Webinar zur Teamarbeit von Lehrkräften. [1]https://www.oecd.org/de/events/2026/01/zusammen-stark–die-wirkung-von-teamarbeit-auf-zufriedenheit-der-lehrkrafte-und-lernergebnisse.html

Sie lassen sich in fünf Kernaussagen bündeln:

1. Lehrerberuf: Krise im System, aber hohe Zufriedenheit

  • Öffentlich wirkt der Lehrerberuf in vielen Ländern „in der Krise“, trotzdem sind rund drei Viertel der Lehrkräfte mit ihrem Beruf zufrieden.​
  • Die Bezahlung erklärt diese Zufriedenheit kaum; entscheidend sind Beziehungen zur Schulleitung und zu den Schülerinnen und Schülern.​

2. Teamarbeit als zentraler Hebel

  • Lehrkräfte schätzen Teamarbeit deutlich; sie erhöht Berufszufriedenheit und wirkt der Isolation des „Einzelkämpfers im Klassenraum“ entgegen.​
  • Tiefgehende Zusammenarbeit (gemeinsames Unterrichten, gemeinsames Planen, Mentoring, Coaching) ist international aber eher selten; häufig bleibt es beim informellen Austausch von Material.​

3. Kollektive Wirksamkeit und Leadership

  • Kollektive Lehrerwirksamkeit (Collective Teacher Efficacy) hat laut Hattie eine sehr hohe Effektstärke und gilt als einer der stärksten Einflussfaktoren auf Lernerfolg – besonders für benachteiligte Schüler:innen.​
  • Erfolgreiche Schulen (z.B. Deutsche‑Schulpreis-Schulen, internationale Beispiele) kombinieren transformationsorientierte Schulleitung, systematische Teamarbeit und eine Kultur hoher kollektiver Wirksamkeit.​

4. Strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen

  • In Deutschland ist Teamarbeit oft nicht systematisch in Arbeitszeit und Strukturen eingebettet; rechtliche und dienstrechtliche Fragen (feste Teamzeiten etc.) erzeugen Unsicherheit.​
  • Beispiele aus Österreich, Bremen und Hamburg zeigen: Wo Schulautonomie, Arbeitszeitmodelle und klare Strukturen für Teamzeiten geschaffen werden, gelingt Teamarbeit besser und wird als entlastend erlebt.​

5. Professionalisierung, Ausbildung und KI

  • Es gibt einen wachsenden Disconnect zwischen Lehrerbildung an Hochschulen und den praktischen Anforderungen, besonders bei Themen wie Diversität, sozio-emotionales Lernen und Einsatz von KI.​
  • Fortbildungen zu KI wirken stark: Lehrkräfte, die dazu lernen, setzen KI auch häufiger im Unterricht ein; generell gilt: Wo Lehrkräfte selbst gut lernen, nutzen sie eher innovative Lehrmethoden.​

Ideen

Ich habe in meinen letzten Blogbeiträgen immer wieder das kanadische Bildungssystem als „Systemberater“ ins Spiel gebracht. Im Webinar findet das durch Prof.’in Sliwka eine Verstärkung. So plädiert sie für

  • Teamklassen statt Einzelklassen: Teams (z.B. 3 Lehrerinnen + Förderkräfte) nutzen Daten (digitale Screenings) für flexible Lernbänder und individualisiertes Fördern.​
  • Fächerübergreifende Projekte: In der Oberstufe 5–6 Lehrkräfte entwickeln gemeinsam komplexe Designs.
  • Data Rooms & Precision Teaching: Wöchentliche Team-Analyse von Screening-/Wellbeing-Daten („High Trust & High Precision“ nach Andy Hargreaves). Das Modell ordnet Formen der Kooperation in vier Quadranten ein, basierend darauf, wie stark die soziale Bindung (Vertrauen) und wie präzise die pädagogische Arbeit (Präzision) ausgeprägt sind.
    • High Trust (Hohes Vertrauen): Bezieht sich auf starke, belastbare Beziehungen und eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung. In einem Umfeld mit hohem Vertrauen trauen sich Lehrkräfte, Unsicherheiten zu zeigen und Feedback anzunehmen, ohne Angst vor Verurteilung zu haben.
    • High Precision (Hohe Präzision): Bezieht sich auf die methodische Genauigkeit, die Nutzung von Daten und Evidenz sowie strukturierte Prozesse zur Verbesserung des Unterrichts. Es geht nicht um starre Standardisierung, sondern um die präzise Analyse dessen, was den Lernprozess der Schüler fördert.

In einer Kultur von High Trust & High Precision übernehmen Lehrkräfte kollektive Verantwortung. Sie nutzen präzise Werkzeuge (wie gemeinsame Unterrichtsbeobachtung oder Datenanalysen), sind dabei aber durch ein tiefes professionelles Vertrauen verbunden, das Innovation und kritisches Hinterfragen erst ermöglicht.

Ein weiteres Beispiel ist das japanische Bildungssystem. Alexander Brandt, Lehrer und Redakteur beim Deutschen Schulportal, hat es kürzlich erneut besucht und zeigt sich von seinen Beobachtungen zur Methode „Lesson Study” beeindruckt.

(Hier) plant eine Handvoll Lehrkräfte zusammen eine Unterrichtsstunde zu einer bestimmten Frage. Etwa: Was muss man tun, damit mehr Kinder aktiv mitmachen? Eine Person hält die Stunde, die anderen schauen zu. Anschließend wird diskutiert, nachgebessert, und der Nächste hält die Stunde in einer anderen Klasse. Das hat mich wirklich fasziniert, da setzen sich Lehrkräfte anhand ihres eigenen Unterrichts mit dem neuesten Stand der Fachdidaktik auseinander. In meinem Lehramtsstudium kamen Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung nur am Rande vor. Und im Alltag gibt es keine Zeit, um sich über guten Unterricht auszutauschen, schon gar nicht so intensiv. [2]https://www.sueddeutsche.de/politik/bildung-interview-schule-pisa-studie-vorbilder-finnland-singapur-japan-li.3380111

Folgerungen, Vertiefungen, Praxishinweise

Im begleitenden OECD-Webinar macht Andreas Schleicher deutlich: Wo Eigenständigkeit nicht durch Teamarbeit ergänzt wird, drohen Isolation, Überforderung und zufällige Praxis. Entscheidend für Zufriedenheit und Innovationsfähigkeit seien vielmehr professionelle Beziehungen, eine lernorientierte Schulleitung und strukturierte Zusammenarbeit. Besonders auffällig: Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht hängt eng damit zusammen, ob Lehrkräfte selbst gemeinsam lernen und sich professionell fortbilden.

Diese Befunde sind kein abstraktes Organisationswissen. Gerade die aktuellen Debatten machen deutlich, warum diese Fragen jetzt fachlich, pädagogisch und emotional neu gestellt werden müssen:

Medienkompetenzförderung der Lehrkräfte

Medienkompetenz, insbesondere im Kontext von Social Media und KI, ist längst keine individuelle Zusatzqualifikation mehr. Die OECD-Befunde zeigen eindeutig: Lehrkräfte entwickeln höhere Selbstwirksamkeit und berufliche Zufriedenheit dort, wo sie regelmäßig gemeinsam über Unterricht, Lernprozesse und Schülerentwicklung reflektieren. Das gilt in besonderem Maße für neue, komplexe Themen wie Social Media oder KI.

Medienkonzept der Schule

Medienkonzepte als lebende Arbeitsgrundlage des Kollegiums verstehen

Ein schulisches Medienkonzept entfaltet nur dann Wirkung, wenn es im Kollegium getragen, weiterentwickelt und regelmäßig überprüft wird. Unterschiedliche Einzelpraktiken ersetzen kein gemeinsames Verständnis von Regeln, Zielen und pädagogischen Leitlinien, weder beim Umgang mit Smartphones noch bei digitalen Lernformaten. Ob Smartphone-Regeln, digitale Lernformate oder KI-Nutzung: Inkonsistente Einzelentscheidungen erzeugen Unsicherheit bei Schüler:innen, Eltern und Lehrkräften. Die OECD-Daten machen deutlich, dass Wirksamkeit dort entsteht, wo Kollegien gemeinsam Standards entwickeln und regelmäßig überprüfen.

Konsequenz

Ein tragfähiges Medienkonzept

  • wird gemeinsam entwickelt,
  • regelmäßig im Team reflektiert,
  • und an neue Entwicklungen (z. B. KI) angepasst.

Es ist damit Ausdruck kollektiver Professionalität – nicht administrativer Pflichterfüllung.

Zum Weiterlesen / Weiterarbeiten:

  • Orientierung / Rahmen
  • Vertiefung
  • Praxis / Weiterarbeit
    • Vodafone Stiftung: Jugendstudie 2026
      Schulen werden von einer großen Mehrheit der Jugendlichen als zentrale Akteure im Umgang mit Einsamkeit gesehen. Viele wünschen sich dort gezielte Unterstützungsangebote und eine stärkere Thematisierung sozialer und emotionaler Belange.
    • Robert Bosch Stiftung: Schulbarometer 2024
      Burnout- und Stressrisiko von Lehrkräften zeigt sich deutlich erhöht;  mehr als ein Viertel den Schuldienst verlassen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. 
    • Deutscher Schulpreis: Qualitätsbereiche
      Zahlreiche Praxisbeispiele für gemeinsam entwickelte Schulkonzepte. Aspekte der Professionalität werden zudem im Rahmen der Unterrichtsqualität (Lehrkräfte als „professionell Lernbereite“) und der Schulentwicklung bewertet
KI-Nutzung in Schule und Unterricht

KI nicht technisch, sondern professionell-organisational denken

Die zentrale Frage ist nicht: „Was kann KI?“, sondern: „Wie lernen wir damit umzugehen?“ Die OECD-Daten zeigt einen nahezu linearen Zusammenhang: Dort, wo Lehrkräfte selbst an Fortbildungen zu KI teilnehmen und gemeinsam lernen, findet KI-Nutzung im Unterricht statt. Wo dies fehlt, überwiegen Unsicherheit, Ablehnung oder unkoordinierte Nutzung.

Konsequenz
KI-Integration gelingt nur,

  • wenn sie als Teamaufgabe verstanden wird,
  • in bestehende Kooperationsstrukturen eingebettet ist,
  • und von einer lernorientierten Schulleitung unterstützt wird.

KI wird so nicht zur zusätzlichen Belastung, sondern zum Anlass für professionelle Weiterentwicklung.

Zum Weiterlesen / Weiterarbeiten:

Schlussbemerkung

Die großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht durch mehr Einzelengagement lösen – sondern durch anders organisierte Professionalität. Hier hat – ganz aktuell – die Telekom Stiftung die Publikation Arbeitszeit in Schule neu gestalten veröffentlicht. Sie dokumentiert die erste Werkstattphase im Projekt Freiräume(n), stellt die beteiligten Schulen vor und fasst die erzielten Arbeitsergebnisse zusammen.

Medienkompetenzförderung, ein tragfähiges Medienkonzept und der reflektierte Einsatz von KI sind keine Zusatzaufgaben. Sie berühren den Kern schulischer Arbeit und damit die Frage, wie Lehrkräfte gemeinsam lernen, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Vielleicht liegt genau hier die entscheidende Zukunftsfrage für Schule: nicht ob wir uns verändern müssen, sondern wie wir diese Veränderung gemeinsam gestalten.

Dieser Beitrag versteht sich daher nicht als Abschluss, sondern als Einladung:

  • zur professionellen Zusammenarbeit,
  • zur gemeinsamen Reflexion
  • und zur bewussten Weiterentwicklung schulischer Praxis.

Ich hoffe, dass Sie das Poster (s. u.) dabei gut unterstützt. Es wurde mit ChatGPT 5.2 erstellt. Es veranschaulicht den für mich erstaunlichen „Reifeprozess”, den die KI-Unternehmen in Bezug auf die Bereitstellung und Bearbeitung von Bildern durchlaufen haben. Ich habe den einen oder anderen „Fehler” im Layout und in der Rechtschreibung bewusst nicht korrigiert.

stay tuned

References

References
1 https://www.oecd.org/de/events/2026/01/zusammen-stark–die-wirkung-von-teamarbeit-auf-zufriedenheit-der-lehrkrafte-und-lernergebnisse.html
2 https://www.sueddeutsche.de/politik/bildung-interview-schule-pisa-studie-vorbilder-finnland-singapur-japan-li.3380111