Aufgespießt: Aktuelle Diskussionen im Netz

Pädagogik vor Technik: Eigentlich trivial, und?

Axel Krommer (DEM advocatus diaboli in Sachen Digitale Bildung im deutschsprachigen Raum, woereal) führt in einem Blogbeitrag des Goethe-Instituts1u.a. aus : „Ein prominenter Vertreter der These, dass sich die Technik dem Menschen unterzuordnen habe, ist der Augsburger Medienpädagoge Klaus Zierer. Sein Buch „Lernen 4.0” (2017) trägt sogar den Untertitel „Pädagogik vor Technik”. Wer die These vertritt, dass Technik dem Menschen zu dienen habe (und nicht umgekehrt), kann sich breiter Zustimmung sicher sein. Doch diese Zustimmung hat einen hohen Preis. Denn de facto gibt es keinen einzigen Pädagogen und keine einzige Pädagogin, der bzw. die ernsthaft die Position vertreten würde, dass der Mensch der Technik zu dienen habe. Eine These, der jede(r) zustimmt, und deren Gegenteil niemand für wahr hält, ist jedoch nichtssagend. „Pädagogik vor Technik” ist in dieser Lesart daher keine gehaltvolle These, über die man wissenschaftlich streiten könnte, sondern schlicht eine Trivialität.

Das bedeutet nicht automatisch, dass der Grundsatz wertlos wird. Denn auch inhaltlich Triviales kann wichtige Funktionen erfüllen. „Pädagogik vor Technik” taugt insbesondere als warnender Weckruf, wenn Bildungseinrichtungen Gefahr laufen, angesichts technischer Möglichkeiten pädagogische Prinzipien zu vernachlässigen, die eigentlich selbstverständlich sind.“

Meine Position:
Ich bin gut beraten, Technik zu „kennen“. Ich wäre schlecht beraten, sie blind, auf Hörensagen und gegen meine Überzeugung einzusetzen (Stichwort Authentizität). Somit: In meinem Lehr-Lernkonzept prüfe ich, wo eine jeweilige Technik mir hilft und setze sie ein.

Mehrwert: Was meint das eigentlich?

Das führt mich zum einem weiteren im Begriff „Mehrwert“. Erneut Axel Krommer 2 : „Die Frage nach dem Mehrwert digitaler Medien für den Unterricht wird seit (mindestens) zwei Jahrzehnten hartnäckig gestellt. Wann immer innovative Ideen formuliert werden, scheint der Mehrwert das ultimative Kriterium zu sein, das über die didaktische Güte eines Konzepts entscheidet.“ Krommer fasst die gängige Vorstellung vom Mehrwert in drei einfachen Thesen zusammen:

  1. Der Einsatz digitaler Medien darf kein Selbstzweck sein und führt nicht automatisch zu besserem Unterricht.
  2. Verglichen mit traditionellen Konzepten bedeutet es zumeist einen zusätzlichen Aufwand (zeitlich, organisatorisch, technisch, finanziell, didaktisch etc.), den Unterricht mit digitalen Medien zu unterstützen.
  3. Dieser zusätzliche Aufwand ist nur dann gerechtfertigt, wenn sich die curricularen Ziele mit digitalen Medien schneller, besser und einfacher erreichen lassen als ohne diese Werkzeuge. Darin liegt für Lernende wie Lehrende der Mehrwert digitaler Medien.

„Es gibt keinen ernstzunehmenden Pädagogen, der behaupten würde, der Einsatz digitaler Medien solle zum Selbstzweck werden und/oder führe automatisch zu besserem Unterricht. Doch eine These, deren Negation so absurd ist, dass sie niemand befürwortet, ist eine gehaltlose Trivialität, die bestenfalls an Selbstverständliches erinnern kann. Auf These (1) kann daher ohne inhaltlichen Verlust verzichtet werden.“
Im Medienkonzept der Theodor Storm Schule heißt es u.a. 3 : „Medien sind […] einfach Werkzeuge des Unterrichts. Mit Medien kann man nur Dinge einfacher oder schneller machen oder in größere Zusammenhänge stellen, einfacher miteinander verknüpfen. In dem Sinne benutzen wir unsere digitalen Werkzeuge wie alle anderen Unterrichtsinstrumentarien auch.”
Krommer kommentiert: „Wenn Medien lediglich Werkzeuge sind, mit deren Hilfe man vorab definierte Ziele erreichen kann, erscheint folgende Überlegung zum Mehrwert digitaler Medien unmittelbar einleuchtend:
Die Planung des Unterrichts beginnt mit der Festlegung der Lernziele, die die Lernenden erreichen sollen. Anschließend sucht man nach den Medien (und Methoden), mit denen sich diese Ziele am besten erreichen lassen. Der Mehrwert digitaler Medien kann sich dann darin zeigen, dass man mit diesen neuen Werkzeugen die festgelegten Ziele schneller, besser oder einfacher erreichen kann (vgl. These 2 und 3). Grundsätze wie “Didaktik geht vor Methodik” (vgl. Klafki 1961) oder “Pädagogik vor Technik” (s.o.) fassen dieses Denkmuster prägnant zusammen.
Der Mehrwert digitaler Medien besteht daher keinesfalls darin, alte Ziele schneller, einfacher, besser, nachhaltiger etc. zu erreichen (vgl. These 3). Ihr Wert besteht vielmehr darin, als konstituierende Formen die Zieldimensionen des Unterrichts signifikant zu erweitern. Für diese entscheidenden Zusammenhänge bleibt man blind, wenn man Unterricht (implizit oder explizit) auf der Grundlage des Werkzeug-Medienbegriffs plant.(…)
Wenn wir über Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung reden, sollten wir auf den Begriff “Mehrwert” verzichten, um auch terminologisch eine angemessene Grundlage dafür zu haben, die didaktischen Potenziale unterschiedlicher Medien sinnvoll zu gewichten.“

Mein Fazit soll nur kurz ausfallen und verbindet sich mit einem Verweis auf meine Ausführungen zu einer Veränderung im Lehr- Lernkonzept, in dem Wechsel von Gutenberg (=Buchkultur) zu Turing (=digitale Welt). Mit diesem Übergang verändern sich die Aufgaben- und Prüfungsformate. Nicht mehr eine Klausur steht im Vordergrund, sondern zu bewertende Blogs, Wikis, E-Portfolios u.v.m. Das ist für mich der Mehrwert. Und: Ich benutze den Begriff Mehrwert weiterhin. Ist schon absurd, wie auf Konferenzen manche Vortragende zu vermeiden versuchen, den Begriff nicht einzusetzen, auch wenn in dessen Umschreibungen eigentlich nichts anderes gemeint ist…

 

Digitale Medien unterstützt Bullemielernen

Der Begriff wurde kürzlich in einem FAZ Beitrag 4 von dem Mathe-Prof Ludwig (Frankfurt/M.) ins Spiel gebracht, der sicher nicht verdächtig ist, den Einsatz digitaler Medien zu verteufeln. Im Gegenteil, von ihm stammt die Idee MathCityMap, einer Software, mit der man eigene Mathtrails an beliebigen Orten dieser Welt anlegen kann und diese dann über eine App auf dem Smartphone ausgewählten Benutzern zur Verfügung stellen kann.
Nun zu seinen Aussagen zu den Mathe- Videos des Youtubers Daniel Jung youtube-Angeboten . „Es geht um Fünf-Minuten-Häppchen in einer sehr schülernahen, flapsigen Sprache, die dort gut ankommt. Er geht rezepthaft vor, sehr kleinschrittig.(…) Überrascht war ich, als ich in meiner Vorlesung zur Didaktik der Oberstufenmathematik meine Studierenden gefragt habe. Fast alle kannten ihn, der Großteil hat zwischen zehn und zwanzig Videos zumindest teilweise angesehen. Ich war echt überrascht. Es ist bemerkenswert, was er macht. Die Studenten schätzen es, dass sie sehr schnell Informationen zu einem bestimmten Thema serviert bekommen. Das ist viel angenehmer und schneller, als in die Bibliothek zu gehen, sich ein Buch auszuleihen und das Gesuchte dort nachzulesen. Außerdem hat er eine sehr große Anzahl an Videos und kommt ohne Brimborium aus. Das erinnert mich an das Telekolleg in den siebziger Jahren. Auch das Rezepthafte, dieses Kleinschrittige, ist nachvollziehbar. Ein guter Nachhilfelehrer macht es genauso. (…) Nur Anschauen hilft nicht, auch wenn es sehr bequem ist. Schüler, die wirklich Probleme mit Mathe haben, haben ohnehin keinen Bock auf solche Videos, weil sie merken, dass ihnen dieses rezepthafte Lernen nicht hilft. Denn die Frage nach dem Warum bei einem Problem wird nicht beantwortet. (..) Meine Studierenden haben mir gesagt, dass ihnen die Videos helfen, sich vermeintlich schnell etwas anzueignen und dann auch schnell wieder zu vergessen. Pointiert formuliert: Daniel Jung hilft beim Bulimie-Lernen. Es ist also das Gegenteil von Bildung.“ Und eine Kollegin ergänzt: „Natürlich ist das System ist auf Bulimie-Lernen ausgelegt. Zur Verfestigung des Stoffes hilft nur üben, üben, üben. Die Übungsaufgaben liefert das Mathebuch, die Videos helfen, um einen Hinweis auf den Lösungsweg (also das Rezept) zu bekommen. Insbesondere dann, wenn der Mathelehrer immer nur sagt, die Schüler sollen es sich selbst durchlesen, wie es geht (soweit meine Erfahrung mit einer Tochter Klasse 9 auf dem Gymnasium).“

Mein Fazit:

Es gibt nicht die Methode… Der/dem einen helfen Videos, einer/einem anderen eben ein anderes Vermittlungsformat. Auf diese Individualität hat sich eine Lehrende, ein Lehrender einzustellen. Ich selbst erstelle in der Regel Slidecasts, und dies in direkter Reaktion auf das Unterrichtsgeschehen, z.B. wenn Schülerinnen und Schüler explizit nachfragen, wenn etwas nicht verstanden wurde oder eine Ergänzung benötigt wird. Immer wieder wird es Diskussionen über den Sinn/Unsinn von Tools/Apps/ Werkzeugen geben, in meiner eigenen Schülerzeit war es der Übergang von Rechenschieber auf Taschenrechner. Heute ist es im MU z.B. der Einsatz von CAS Systemen. Für den einen Teufelszeug, für den anderen – wie mich – wertvolle Unterstützung. Ich hatte in der Oberstufe einmal eine Schülerin, an der der Mathematikunterricht der gesamten Sek. I vorbei gegangen ist, aus welchen Gründen auch immer. Ihr einziges Ziel war: 1 Punkt im Mathe-Abi. Ich hatte sie dann im CAS gestützten Unterricht. Sehr schnell hat sie die Befehle für Berechnungen jedweder Art hinbekommen. Hintergrundwissen, wie der Rechner möglicherweise auf das Ergebnis kommt: Null. Sie hat sich aber mit dem CAS Rechner in die Lage versetzt, die in den weiteren Aufgabenteilen gestellten Sachfragen anzugehen. D.h. ich hatte in der Oberstufe eine Schülerin zu beurteilen bzw. zu benoten, die im basalen Anforderungsbereich (I) sehr schwach war, aber im Transfer- und Anwendungsbereich ihre Kompetenzen zeigen konnte. Selbstverständlich war ihr Ziel “1 Punkt” nie gefährdet…
Und – natürlich – soll auch in diesem Kontext Axel Krommer zu Wort kommen. Er hat ein sehr bemerkenswertes Video erstellt, das die Anwendungen von learningsapps kritisch stellt.

woereal (Deutschlehrer in Bayern) berichtet in einem Blog von einem mit Krommer geführten Gespräch, das deutlich machte, „dass Theorie (Krommer) und angewandte Praxis (woreal) durchaus weit voneinander entfernt sein können. (…) Diese Diskrepanz konnte aber aufgebrochen werden. Ein QR-Code auf einem Arbeitsblatt ist für viele Lehrkräfte zunächst mal eine gute Möglichkeit ins Thema einzusteigen und führt in vielen Fällen auch dazu, dass Kollegen „sich auf den Weg machen“. Ein LearningSnack sinnvoll ins Unterrichtsszenario integriert und dann in einem nächsten Schritt von den Schülern selbst erstellt, bringt die 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) in den Unterricht und schult nicht nur digitale Kompetenzen. Der Grundsatz „Ergänzen statt Ersetzen“ wurde von allen Anwesenden als ein derzeit gangbarer Weg für gut befunden. Wo Krommer recht hat, ist aber auch die Tatsache, dass das digitale Prüfen noch in den Kinderschuhen steckt und einen spannenden Forschungs- und Entwicklungsansatz des digitalen Deutschunterrichts darstellt. Hier konnte ich nur ansatzweise gute Ideen benennen, die sicher nicht der Weisheit letzter Schluss sind.“

Zusammenfassung:
Mit der Veröffentlichung der KMK Vereinbarung zu „Bildung in der digitalen Welt“ Ende 2016 hat eine breite Diskussion über das Für und Wider eines Einsatz Digitaler Medien im Unterricht eingesetzt. Standen zu Beginn eher die plakativen Äußerungen von Prof. Spitzer im Vordergrund, haben zunehmend Schul- und Unterrichtsentwickler und Medienpädagogen die Diskussion belebt. Leider ist vielfach zu beobachten, dass in überregionalen Zeitungen Berichte lanciert werden, die eher kritisch konnotiert sind. Manchmal zweifelt man an der Qualifikation der Schreibzunft, wie folgender Twitterdialog das gelungen beschreibt:

 

 

Selbstverständlich ist das ein Fake, dennoch charakterisiert es m.E. die vielfach uninspirierte Diskussion im deutschen Blätterwald, wie übrigens auch Marina Weisband vom Deutschlandfunk5 sowie Julia Hense in ihrem Beitrag “Digitalkritikern auf der Spur”6 bestätigen

 

Footnotes

  1. https://www.goethe.de/de/spr/mag/21451837.html
  2. https://axelkrommer.com/2018/09/05/wider-den-mehrwert-oder-argumente-gegen-einen-ueberfluessigen-begriff/
  3. https://www.forumbd.de/dialog/portraet-theodor-storm-schule/
  4. https://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/video-tutorials-im-netz-mathe-nachhilfe-via-youtube-16018898.html
  5. https://www.deutschlandfunk.de/marina-weisband-schule-digital-panisches-wegsehen-hilft.2907.de.html?dram:article_id=443466
  6. https://www.digitalisierung-bildung.de/2019/08/29/digitalkritikern-auf-der-spur/