Schulentwicklung (ii): Professionalisierung

Lehrkräfte verstehen sich als Expertinnen und Experten für das Lehren und Lernen und den Kompetenzerwerb, um die einzelnen Schülerinnen und Schüler bestmöglich individuell zu fordern und zu fördern. Dabei berücksichtigen sie die Heterogenität und Diversität der Schülerinnen und Schüler sowie weitere Themenfelder (zum Beispiel Medienbildung und Digitalisierung). Diesen Ansprüchen werden Lehrkräfte gerecht, indem sie ihre beruflichen Kompetenzen fortwährend pflegen, die Schulentwicklung befördern und die Vielzahl der Fähigkeiten im Kollegium nutzen (zum Beispiel Arbeit in multiprofessionellen Teams) [1]https://lehrkraefteakademie.hessen.de/sites/lehrkraefteakademie.hessen.de/files/Hessischer%20Referenzrahmen%20Schulqualitaet-HRS.pdf, S. 32 . So die einleitende Präambel zum Qualitätsbereich IV „Professionalität der Lehrkräfte“ des Hessischen Referenzrahmens Schulqualität (HRS).

Im Folgenden stelle ich drei Dimensionen vor. Mit der Empfehlung, die dort vorgestellten Anregungen/Beispiele nicht individuell anzugehen und zu bearbeiten, sondern vernetzt. Mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen man gerne zusammenarbeitet…

    Eigene Unterrichtsentwicklung

    Lehrkräfte zeigen Eigenverantwortung zu lebenslangem Lernen und zum kontinuierlichen Ausbau der eigenen Kompetenzen. Ihr Lernen orientiert sich an den gesellschaftlichen Herausforderungen, den erziehungswissenschaftlichen sowie pädagogischen Erkenntnissen und zielt auf die fortlaufende Professionalisierung der eigenen pädagogischen Praxis.[2]ebda., S. 32

    1. Tipp: 

    2. Tipp:

    Ich gebe zu, der folgende Link ist sehr unübersichtlich, dennoch empfehle ich ein Durchscrollen in dieser Edutwitter Aktion „WOW der Woche“ (#wowdw):

     

     

     

    Organisation von Lehr- und Lernprozessen

    Bei der Planung und Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen gehen die Lehrkräfte von den einzelnen Schülerinnen und Schülern aus und berücksichtigen dabei rechtliche Vorgaben, schulinterne Regelungen sowie Kriterien guten Unterrichts. Dabei kommen berufsethische Prinzipien zum Tragen, die von der Mitverantwortung für die individuelle Entwicklung und von der Förderung aller Schülerinnen und Schüler gekennzeichnet sind. Dazu ist es auch notwendig, sich über die Lern- und Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Schülerinnen und Schüler auszutauschen. Um die vorhandenen Expertisen und Ressourcen effektiv zu nutzen, findet eine enge Kooperation des gesamten schulischen Personals statt.[3]ebda., S. 34

    1. Tipp:

    Auseinandersetzung mit Lehr- und Lernkonzepten, z. B.:

    2. Tipp:

    Auseinandersetzung mit Lernraumkonzepten:[4]https://excitingedu.de/wp-content/uploads/2021/12/Magazin-excitingedu_Ausgabe-2-21_ePub.pdf, S. 6ff

     

    Mitgestaltung der Schul- und Unterrichtsentwicklung

    Um der zunehmenden Komplexität bei der Umsetzung des Bildungs- und Erziehungsauftrags gerecht werden zu können, ohne als einzelne Lehrkraft immer wieder aufs Neue eigene Wege und Lösungen finden zu müssen, nutzen die Lehrkräfte das gemeinsame schulische Engagement. Die Kompetenzen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Schule werden dabei zusammengeführt. Dies betrifft die einzelne Lehrkraft insbesondere durch die selbstverständliche Weitergabe des eigenen Wissens, die kollegiale Zusammenarbeit bei der Ausgestaltung von Vorgaben (zum Beispiel Fachcurricula), die Klärung von Rollen und Verantwortung zwischen Professionen (zum Beispiel zwischen Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften) sowie die Verantwortungsübernahme bei Schulentwicklungsaktivitäten.[5]ebda., S. 37

    1. Tipp: Prüfungskultur

    In Edutwitter wird zurzeit an vielen Stellen über „Schule ohne Noten“ diskutiert. Kürzlich haben sich dazu Heinz Meidinger (Deutscher Lehrerverband) und einer der Protagonisten von pruefungskultur.de, Björn Nölte in einem Streitgespräch online „ausgetauscht“. Ich habe mich einmal vor längerer Zeit mit dem Thema beschäftigt und war überrascht, was bereits vor Pandemiezeiten alles möglich war und ist:

     

    2. Tipp: Unterrichtshospitationen

    Lehrkräfte geben ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Planungen zur gegenseitigen Bereicherung weiter. Sie stärken damit die Verständigung und den Austausch. Gemeinsame Lehrprozessplanungen leisten einen Beitrag zur Sicherung der Unterrichtsqualität und entlasten die einzelnen Lehrkräfte, etwa durch Verabredung einer kollegialen Hospitation.

    Kollegiale Unterrichtshospitationen mit anschließendem Feedback gelten als sehr wirksame Methode, den eigenen Unterricht zu reflektieren und zur Professionalisierung der Lehrkräfte beizutragen. Laut Kempfert & Ludwig[6]Kempfert, G./Ludwig, M.: Kollegiale Unterrichtsbesuche. Besser unterrichten durch Kollegen-Feedback. Beltz Verlag. Weinheim und Basel. 2. Aufl. 2010. S. 24 bringen sie folgende Vorteile:

    • Der Unterricht wird gemeinsam untersucht, erforscht, reflektiert und verbessert.
    • Die Beobachtungsschwerpunkte werden von den Lehrkräften ausgehandelt, sie orientieren sich an pädagogischen Werten.
    • Ein Austausch zwischen Lehrerinnen und Lehrern kommt in Gang, der nicht nur die Qualität ihrer Arbeit verbessern, sondern auch die kollegiale Beziehung vertiefen und den Teamgedanken fördern kann.
    • Beobachtungen sind Grundlage des kollegialen Gesprächs: Es wird nicht nur über Unterricht geredet – wie in der Supervision – sondern das Gespräch orientiert sich an Beobachtungsdaten.
    • Die Lehrperson kann ihre Eigenperspektive mit einer Fremdperspektive vergleichen und bekommt die Chance, blinde Flecken in ihrer Arbeit zu entdecken.
    • Neuerungen werden im Unterricht umgesetzt, systematisch erprobt und reflektiert
      Lehrpersonen entwickeln ihre eigene Professionalität wie auch ihre eigene Didaktik weiter.

    Für ein Selbststudium hier einige Empfehlungen:

      • HOSPITATION UND FEEDBACK, Material zur Anregung von Schulentwicklung vom Deutschen Zentrum für Lehrerbildung Mathematik

      • Reichelt/Wenge: Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben. Das Buch bietet Leitfäden und Checklisten zu unterschiedlichen Unterrichtssituationen an, aus Sicht der Ausbildung (1. und 2. Phase) und Lehrerpraxis (3. Phase). Für einen wirksamen Unterricht sind maßgeblich Tiefenstrukturen in den Blick zu nehmen. Aktuelle Forschungsergebnisse finden sich in:

      • Kognitiv aktivieren. Das Pädagogikheft wartet mit vielen Beispielen aus der Unterrichtspraxis auf. Vieles davon sollte Thema bei einer Unterrichtshospitation sein.

    3. Tipp: Kooperationen mit Universitäten

    Sabine Albert hat in ihrer Beschreibung zur Bedeutung der reflexiven Selbstforschung für die Professionalisierung von Lehrpersonen eine Reihe von „Best Practices“ identifiziert. Sie empfiehlt u. a. eine Vernetzung mit Studierenden, etwa so:[7]https://www.pedocs.de/volltexte/2020/20338/pdf/HiBiFo_2016_4_Albert_Die_Bedeutung_der_reflexiven.pdf

    • An der Carl von Ossietzky Universität wurde die „Teamforschung“ entwickelt. Dabei bilden berufserfahrene Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit Studierenden kleine Teams, um selbstständig den Unterricht zu beforschen. Nach der Formulierung einer Forschungsfrage erfolgt die Datenerhebung und -auswertung sowie ihre Interpretation, um schließlich in Form eines Forschungsberichtes weiterverwendet werden zu können. Dazu zwei Literaturempfehlungen:
    • An der Pädagogischen Hochschule Wien gibt es die Forscherwerkstatt, in der Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Studierenden in den Naturwissenschaften und in Mathematik forschen. Dabei werden fachlich angeleitete Problemstellungen zu Forschungsfragen, welche darauffolgend selbstständig und handlungsaktiv bearbeitet werden. Es kommt so zu einer Einführung in forschende Lernprozesse, in denen eigenständiges Fragenstellen und das Finden von Antworten oberstes Ziel ist.

    Aus meinen Erfahrungen als Schulinspektor und der anschließenden Tätigkeit als Schul(entwicklungs)berater habe ich vielfältige Erfahrungen in Fragen der Freiwilligkeit und Verpflichtung von Maßnahmen gesammelt, z. B. im Umgang mit dem im hessischen Schulgesetz verankerten Notwendigkeit eines MitarbeiterInnen- und Jahresgespräches. Leider waren sie in den seltensten Fällen als geeignetes Instrument einer Professionalisierung anerkannt worden. Norbert Landwehr stellt aus den Erfahrungen seiner Q2E Projekte[8]https://www.q2e.ch/ fest, dass

    • bei der routinemäßigen Erfüllung des Schulgesetzes die Lernabsicht verloren geht: Die Rückmeldungen werden zwar von der Schulleitung vorschriftsgemäß eingeholt und bestenfalls „zur Kenntnis genommen“. Sie werden aber nicht wirklich als Quellen des persönlichen Lernens genutzt. (Das Jahresgespräch) verkommt so zu einem wirkungslosen Ritual, das die ihm ursprünglich zugedachte Funktion verloren hat.
    • der Widerstand gegen institutionelle Zumutungen oder gegen erzwungene Selbstreflexionen die Energie absorbiert, die eigentlich für konstruktive Auseinandersetzungen zur Unterrichtsqualität aufgewendet werden sollte. 

    Aber auch die Freiwilligkeit hat ihre Tücken, so Landwehr weiter: Sie bringt es nämlich mit sich, dass institutionell erwünschte Aktivitäten in Konkurrenz treten zur Möglichkeit der individuellen, bedürfnisorientierten Zeitnutzung. Da für die überwiegende Mehrzahl der Lehrpersonen – zumindest längerfristig – die Attraktivität der freien Zeitnutzung größer ist als diejenige einer institutionell vorgegebenen Kooperationsüberlegung, besteht die Gefahr, dass freiwillige Maßnahmen in relativ kurzer Zeit „versanden“. Hinzu kommt, dass ein wirksames Qualitätsmanagement nicht der individuellen Beliebigkeit überlassen werden darf. Vielmehr besteht vonseiten der (direkten und indirekten) Leistungsempfängerinnen und -empfänger der berechtigte Anspruch, dass die Institution für einen bestimmten Qualitätslevel des Unterrichts besorgt ist – unabhängig von der Interessenlage der betreffenden Lehrpersonen.

     

    Als Lösungsvorschlag für die hier angedeutete Problemstellung wurde in der Schweiz im Rahmen des Q2E-Projektes das sogenannte PUQE-Modell [9]PUQE steht als Abkürzung für „Persönliche, unterrichtsbezogene
    Qualitätsentwicklung“
    entworfen. Der Leitgedanke, der dem Modell zugrunde liegt, lässt sich wie folgt umschreiben: Die institutionelle Verbindlichkeit ist weniger auf das Instrument (hier Jahresgespräch) gerichtet, als vielmehr auf seinen Zweck: nämlich auf die persönliche, unterrichtsbezogene Qualitätsentwicklung.[10]https://www.q2e.ch/wp-content/uploads/sites/162/2020/05/q2e-heft-3-grundlagen-zum-aufbau-einer-feedbackkultur.pdf

    Das Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung (Österreich) hat die Entwicklung von Professionalität im internationalen Kontext betrachtet und folgenden „Domänen“ identifiziert:

    Diese fünf Domänen von Professionalität von LehrerInnen bestimmen das LehrerInnenhandeln im Alltag, und zwar weitgehend unabhängig von Schultyp und Fach. Die entwickelten Domänen bieten Anregungen für die Gestaltung von LehrerInnenbildung, machen wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich und liefern Impulse und inhaltliche Bausteine. Der Fokus wird einerseits auf den zu verändernden organisatorischen Rahmen von LehrerInnenarbeit gelenkt, andererseits werden individuelle Bildungs- und Lernprozesse der Lehrerinnen als entscheidenden Ansatzpunkt gefördert. So werden beide Perspektiven – die Systemebene und die subjektive Ebene – gleichermaßen berücksichtigt. Die entworfenen Domänen machen deutlich, dass eine Weiterentwicklung der Strukturen des Bildungssystems erforderlich sein wird, aber gleichzeitig auch die Person der Lehrerin bzw. des Lehrers aufgefordert ist, in und mit diesen Strukturen als Expertin bzw. als Experte in diesem Sinne „professionell“ umzugehen. Die Verschränkung der beiden Perspektiven ist Voraussetzung für die erfolgreiche Implementierung der entwickelten Domänen – um sie als neue Denkmuster in die Praxis zu bringen. Daraus kann sich ein neues Professionsbewusstsein entfalten und vielfältige Entwicklungsperspektiven können entstehen. [11]https://paedagogik-news.stangl.eu/fuenf-domaenen-der-professionalitaet-von-lehrerinnen

    Die Idee hinter PUQE (in Anwendung auf das EPIK-Modell, vgl Grafik) ist nun, dass sich jede Lehrkraft für einen Zeitraum (z. B. zwei Jahre) eines der Domänen auswählt und sich individuell und/oder kollaborativ damit auseinandersetzt. Qualitätsmerkmale (Evaluation, Dokumentation, …) sind auszuhandeln, individuell und/oder in Zusammenarbeit mit dem Personalrat. 

    Empirisch gesichert ist die Aussage, dass Schulleitungshandeln an lernwirksamen Schulen dann erfolgreich ist, wenn sie sich „… nah dran“ zeigt.  Was heißt das genau? Die folgende Tabelle weist vier Eigenschaften aus[12]https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs35834-019-00243-5:

    Die Haltung der Schulleitung wird immer dann deutlich sichtbar, wenn sie sich im Rahmen des jeweiligen Schulkontexts handlungsleitenden, pädagogischen Grundüberzeugungen verpflichtet fühlt. Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass sie

    • am und zum Kind orientiert sind,
    • bei der Personalauswahl mitentscheidend sind,
    • die Bedürfnisse aller berücksichtigen und
    • sich in der beständigen Weiterentwicklung der Schule widerspiegeln.

    Sie zeigen, wie nah die Schulleitungen am bzw. hinter dem jeweiligen Schulprogramm bzw. den Schulkonzepten stehen, was sie jederzeit selbstbewusst, klar und deutlich vertreten. (…) Die Schulleiter/innen sehen sich auch dafür verantwortlich, die wünschenswerte Qualität der Schule zu gewährleisten. Hierzu gehören Überprüfungen und Diskussionen des pädagogischen Konzepts und dessen Inhalte sowohl intern mit dem Kollegium, Eltern, Schüler/innen und weiteren Personen, die in unterschiedlicher Funktion in der Schule tätig sind, als auch mit externen Expert/innen, die beispielsweise Vorträge oder Workshops bei schulinternen Fortbildungen halten oder wissenschaftliche Untersuchungen durchführen.

     

    In meiner Ausbildungszeit in der Uni gab es keine Seminare zur Überprüfung von Selbstwirksamkeit. Auch nicht in meiner Referendarausbildung. Das Curriculum umfasste in beiden Phasen ausschließlich Frage- und Problemstellungen rund um die Fachdidaktik. Wie hilfreich solche Angebote sein können, zeigen Zitate aus Reflexionen von Studierenden der Pädagogischen Hochschule Wien. Die Reflexionen fanden begleitend zu einem Seminar statt, in dem Übungen zu den Themen Emotionen und Emotionsregulierung, Überzeugungen, Ressourcen und Selbstwirksamkeit durchgeführt wurden. Die Studierenden erhielten dafür einen Leitfaden. Die Impressionen und Rückmeldungen einiger Studierenden zeigen, dass es nicht viel braucht, um in einem mehrwöchigen Seminar zur (Selbst)Professionalisierung von Lehrpersonen Irritationen entstehen zu lassen und Denkprozesse anzuregen:[13]https://www.pedocs.de/volltexte/2020/20338/pdf/HiBiFo_2016_4_Albert_Die_Bedeutung_der_reflexiven.pdf

     

    Aber eigentlich ist das Über-Sich-Selbst-Reflektieren etwas ganz Schönes, denn es ist eine gute Möglichkeit, seine eigene Persönlichkeit weiter zu entwickeln.

     

    Es ist also auch als Lehrerin/Lehrer wichtig, sich manchmal in die Rolle einer Schülerin/eines Schülers zu versetzen, um sie/ihn zu verstehen bzw. ihre/seine Handlungen nachvollziehen zu können.

     

    In der Gruppe war es spannend zu beobachten, wie schwierig es eigentlich ist, seine Überzeugungen so zu formulieren, dass diese von den anderen richtig verstanden werden.

     

    Die Übung hat mir gezeigt, dass man versuchen sollte, die Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und es wichtig ist zu versuchen, die Überzeugungen der anderen nachzuvollziehen, anstatt starr den eigenen Ansichten zu folgen.

     

    Dies bedeutet natürlich, die persönliche Komfortzone zu verlassen. Es bewirkt allerdings bei erfolgreichem Meistern solcher Situationen, dass ich gestärkt herausgehe und mehr Vertrauen in mich und mein Können habe.

     

    Ich bin erstaunt, mit welchen einfachen Übungen man ein Stück mehr zu sich selbst finden kann. Manchmal ist es anscheinend ausreichend, seine Gedanken zu Papier zu bringen und unbewusste Dinge offen in der Gruppe zu diskutieren.

     

    Bei Scannen meiner Bookmarkliste sind mir noch eine Reihe weiterer Unterrichtsmaterialien aufgefallen. Ich muss da erst einmal Ordnung reinbringen. Der Folgebeitrag kommt zeitnah …

    … Stay tuned …

    MINT – interessant gestalten (vii)

    Wie häufig werden wir Mathematiklehrkräfte nicht nur von Schülerinnen und Schülern gefragt: Wozu brauchen wir den Mathematikunterricht? Hätte viel zu wenig mit dem späteren Berufsleben zu tun, so deren Klage. Das hat Mitte der 90er-Jahre bereits H.W. Heymann in seiner Habilitation beschrieben und ist – salopp formuliert – zum Ergebnis gekommen, dass Schülerinnen und Schüler mit den Inhalten der Mathematiklehrpläne einschließlich der Klasse 7 ausreichend „auf das Leben“ vorbereitet seien. Kürzlich hat Prof. Edmund Weitz in ein ähnliches Horn geblasen: In einem Podcast führt er aus, warum Mathe in Schule und Studium völlig falsch vermittelt werde. Und fordert deshalb: Mathe abschaffen! 

     

    Gewissermaßen als Gegenentwurf stelle ich mit „Erfolgsformeln“ ein Buch vor, das Appetit auf Mathematik macht.

    Drei Professoren der Bergischen Universität haben sich vorgenommen, Schüler*innen zu zeigen wie vielfältig die Themen sind, mit denen sie sich im Mathematikunterricht beschäftigen können. Mathematik, das sei viel mehr als pures Rechnen, sind sich Matthias Ehrhardt, Michael Günther und Wil Schilders sicher. Um mehr Menschen für Mathematik, Informatik, natur- und ingenieurwissenschaftliche Studienfächer zu gewinnen, richtet sich das Buch „Erfolgsformeln“ nicht nur an Mathematikinteressierte, sondern vor allem an erklärte „Nicht-Zahlenmenschen“ und Formeljongleure im Alltag.

    Schlüssel für das moderne Leben

    Das Buch, das die drei Mathematikprofessoren an der Bergischen Universität erstellt haben, enthält zahllose, spannende Beispiele aus allen Bereichen des – auch alltäglichen – Lebens, in denen Mathematik, sicht- oder unsichtbar, eine entscheidende Rolle spielt: in Verlaufssimulation etwa von Epidemien, in Medizin, Chemie, Verkehr, Umwelt, Energie, Gesellschaft, Sicherheit, Künstliche Intelligenz, Produktion, Finanzmärkten, Hightech, Kriminologie, Musik, Kunst, Sport und Games. „Mathematik ist ein zentraler Schlüssel, um auch ganz praktische Fragestellungen aus anderen Bereichen zu beantworten“, so Prof. Ehrhardt. So behandeln zum Beispiel die ersten sechs Kapitel die Mathematik rund um COVID19, wie Modellierung, Impfstrategien, Verlässlichkeit von Schnelltests, … und auch andere moderne Anwendungen wie etwa autonomes Fahren, Maschinelles Lernen und Digitale Zwillinge werden diskutiert.

    Abenteuer Mathematik wagen

    Ferner kommen im Buch neun prominente Vertreter*innen ihres Faches zu Wort, die über die Rolle der Mathematik in ihrer Arbeit und ihrem Privatleben berichten. Man wünsche sich, auch mehr Frauen für das Abenteuer Mathematik zu gewinnen, so der niederländische Mathematiker Prof. Wil Schilders, der als vierter Inhaber der Mittelsten Scheid-Gastprofessur das lesenswerte Ergebnis dieses großzügigen Engagements mit auf den Weg gebracht hat.

     

    Das außergewöhnliche Buch ist kostenfrei an der Bergischen Universität zu bestellen sowie als Download erhältlich: Zum Bestellformular und Downloadlink hier klicken!

    Bildnachweis: Ausschnitt aus dem Buchcover

    Schulentwicklung (i): Digitalisierung in Schulen

    Die regelmäßigen Leserinnen und Leser meines Blogs sind es ja bereits gewohnt: Ich werbe – wie auch Prof.’in Birgit Eickelmann in deren Publikationen – unermüdlich für professionelle Schulentwicklung. Nicht zuletzt, weil dieser Blog aus meinen drei Praxisbänden entstanden ist mit dem Ziel, Weiter- und Neuentwicklungen bekannt zu machen. So in diesem Beitrag mit der Vorstellung der – das sei schon jetzt gesagt: sehr empfehlenswerten – Filmproduktion Digitalisierung in Schulen. Gleich dazu mehr …

    Jahreswechsel werden zu Recht gerne genutzt, um mit einem Rückblick ins neue Jahr zu starten. Wie werden Schülerinnen und Schüler das zurückliegende Jahr beurteilen? Sehen sie sich ausreichend gefördert und in ihren Interessen berücksichtigt? Oder: Mit welchem Stimmungsbild gehen die Lehrkräfte in das neue Jahr. Nele Hirsch hat unter 900 Twitteruserinnen und -usern eine Umfrage durchgeführt. Und u. a. danach gefragt, welche Kompetenzen die Pädagog*innen im neuen Jahr unbedingt haben bzw. entwickelt haben sollten? Im Folgenden das Ergebnis in einer Wortwolke (bei Klick auf das Bild werden Sie auf Neles Bericht geführt)[1]https://ebildungslabor.de/blog/stimmungsbild/:

    Und schließlich: Wie stellt sich eine professionelle Schulleitung den herausfordernden Aufgaben angesichts der eigenen Arbeitsüberlastung und auch die des pädagogischen Personals (siehe oben).

    Der diesen Artikel einleitende Quote der Bildungsforscherin Prof’in. Birgit Eickelmann gibt die Richtung vor: Die Zukunft der Bildung muss aus der Perspektive der Lernenden betrachtet und gestaltet werden. Nur wie? Und: Wie umgehen mit den in den Eduhashtags zuletzt häufiger anzutreffenden Kommentaren bezüglich eines analogen Roll-Backs?[2]z. B. https://twitter.com/Woe_Real/status/1455472446639910914

      Gute Praxis in Berlin

      In dem folgenden 20-minütigen Film wird mit der Heinz Brandt Schule eine Berliner Schule vorgestellt, die sich auf den Weg gemacht hat, den Unterricht neu zu organisieren. Frau Prof.’in Sliwka (Uni Heidelberg) stellt fünf Bedingungen vor, die Schulen darin unterstützen können, den Unterricht an der heutigen und zukünftigen (Er)Lebenswelt auszurichten.

      1. MEHR ZEIT. Unterricht sollte nicht 45 Minuten dauern, sondern 100  Minuten. Oder die Schule sollte halbe und ganze Projekttage veranstalten.
      2. FLEXIBLE RÄUME. Schulen sollten Klassenzimmer viel flexibler nutzen: Die Klassenzimmertür öffnen, die Korridore der Schule einbeziehen, größere Räume und außerschulische Lernorte nutzen.  
      3. TEAMARBEIT. Lehrer*innen sollten im Team arbeiten. Unterricht zusammen planen und zusammen verantworten, macht den Unterricht besser.
      4. DIGITALE SCHULE. Wir brauchen eine hybride Schule, also eine Mischung aus Lernen vor Ort und digitalen Angeboten.
      5. PRÜFUNGEN VERÄNDERN. Keine Klassenarbeiten mehr, die alle Schüler*innen zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort gemeinsam schreiben. Stattdessen authentischere Formen von Leistung.

      Besonders bemerkenswert: Was immer wieder gefordert wird (6. (?)): Fehler machen ist erlaubt. Der Film zeigt das an zwei Stellen. Sie werden sie sicher bemerken:


       
       

      Gute Praxis in Neumünster

      Ich habe die Schule in meinem Band 2 näher vorgestellt und einleitend geschrieben[3]Drabe, M. (2020): Schulentwicklung und Medienkonzept. Ein Praxisheft für Schulleitungen und Steuergruppen. Schule in der digitalen Welt. Augsburg.Auer-Verlag. S. 88:

      Die jüngere Entwicklungsgeschichte der Freiherr-vom-Stein-Schule aus Schleswig-Holstein weist zunächst einmal gar nichts zum Kontext „Schule in der digitalen Welt“ auf. Das begann erst nach dem Gewinn des Schulpreises 2016. (…) Im Jahr 2007 wurde in Schleswig-Holstein mit der Einführung der Gemeinschaftsschule das Schulgesetz geändert. Die Freiherr-vom-Stein-Schule nutzte diese Änderung als eine Chance, ihre pädagogische Arbeit zu hinterfragen. Die Zeichen dafür waren günstig: Eine neue Schulart musste konzipiert werden, die Politik sorgte für eine Aufbruchsstimmung, die Schulleitung wurde pensioniert und der Neubau des Gebäudes stand an.

      Zunächst begab sich die Schulleitung auf eine bildungstouristische Reise durch Deutschland. Sie wollte sich direkt vor Ort ein Bild von der Wirksamkeit der dort umgesetzten Konzepte machen und mit den Promotoren ins Gespräch kommen. Besonders eindrucksvoll und zunächst begleitend für die Schul- bzw. Unterrichtsentwicklung war die pädagogische Arbeit in der Bodenseeschule.

      Die Schule hat sich nicht auf den Lorbeeren des Schulpreises ausgeruht. Sie hat den mit der Auszeichnung verbundenen Geldpreis u. a. in den Ausbau der Infrastruktur investiert (Glasfaser). Und besonders bemerkenswert, weil nicht selbstverständlich: Der Wechsel der Initiatorin Maike Schubert (@Makijusaca) zur Winterhuder Reformschule  hat offensichtlich zu keinem Bruch geführt, wie der rund 9-minütige Film beweist:

       
       

      Folgerungen: filmisch und dokumentarisch

      Angesichts der vielen eindrucksvollen Umsetzungen: Wie kann man den Prozess triggern bzw. organisieren? Eine filmische Einleitung:

       

       

      Der Film: Digitalisierung in Schulen befasst sich mit den sich aufdrängenden Fragen: Was braucht es als Schule, um sich auf den Weg zu machen? Wo bleibt dabei die Pädagogik? Wie gelingt es, die klassische Didaktik mit digitalen Medien anzureichern?  Dr. Sarah Henkelmann vom Netzwerk Digitale Bildung, Prof. Dr. Stefan Aufenanger von der Universität Mainz und Prof. Dr. Rudolf Kammerl von der Universität Erlangen-Nürnberg geben nicht nur qualifizierte Antworten, sondern auch viele hilfreiche Tipps und Anregungen. Sie machen damit Mut, die Digitalisierung anzugehen und erfolgreich umzusetzen. Der Film ist in vier Kapiteln strukturiert:

      • Kapitel 1: Konzeption
        • Aufenanger verweist zunächst auf die Führungsrolle der Schulleitung, ohne die nichts ginge. „Sie muss nicht selbst aktiv sein, das kann auch ein Projektteam/ eine Steuergruppe. Sie muss aber hinter dem Projekt stehen.“  Er sieht drei wesentliche Elemente, die es in Beziehung zueinander zu bringen gilt:
          1. Einführung digitaler Medien (also die vom Schulträger bereitgestellte Technik und Infrastruktur),
          2. Pädagogisches Konzept: Klären, ob das (alte) Konzept noch in die Zeit passt. Wie kann man digitale Medien integrieren? Nicht Pädagogik vor Medien, sondern: Pädagogik mit Medien
          3. Organisationsstrukturen: Wie können wir alle mitnehmen? Fortbildung organisieren.
        • Diese Elemente müssen in einer Balance stehen, müssen aufeinander abgestimmt sein, so Aufenangers Plädoyer. Die weiteren Ausführungen befassen sich mit
      • Kapitel 2: Qualifizierung der Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler
      • Kapitel 3: Technische Ausstattung (Endgeräte, WLAN, Bandbreiten, …) und schließt im
      • Kapitel 4 mit Überlegungen zu pädagogische Aspekten.
        • Hier sieht Aufenanger das pädagogische Personal aufgefordert, eine zeitgemäße Bildung mit einem Blick auf die Zukunft zu entwickeln und verbindet seine Überlegungen u. a. mit der Einbindung neuer und externer Lernorte, mit einer Auflösung der Fächerorientierung und: Schülerinnen und Schüler müssen lernen, wie sie Medien nutzen können. Zeitmanagement, Organisation des Dateihandling kann man nicht voraussetzen, so ein Ergebnis aus (seinen) Forschungsvorhaben.

      Dabei wird im Film immer wieder auf einen Wegweiser des Netzwerk Digitale Bildung verwiesen. Er nutzt die Erfahrungen vieler Protagonisten, die sich erfolgreich auf den Weg in die die Digitalisierung der Schulen gemacht haben und stellt dabei eine Datei zur Verfügung, die den Prozess anleiten und begleiten hilft.

       

      Schlussbemerkungen

        Apropos Wegweiser. Es gibt eine Reihe weiterer online angebotener Unterstützungsangebote. So auf meiner Themenseite mit umfangreichem und länderspezifischem Material. Hilfreich darüber hinaus eine Webseite des Forum Bildung Digitalisierung mit einem „Fahrplan“ einer professionellen Prozessbegleitung.

        Ich wünsche Ihnen nun einen guten Start ins Jahr 2022, verbunden mit der Hoffnung, dass die Frusterfahrungen aus der Pandemiezeit nicht dazu führen, sich wieder die alten analogen Zeiten zurückzuwünschen, sondern – im Gegenteil – die Ausstattungsinitiativen pädagogisch genutzt werden. Ich hoffe weiterhin, dass darüber hinaus die Bildungsbehörden mehr inhaltliche und damit gestalterische Verantwortung übernehmen. Ich werde in den nächsten Wochen immer mal wieder Themen zur Weiterentwicklung von Schule aufgreifen und über gute Praxis berichten.

        Alles Gute, viel Erfolg und natürlich: Bleiben Sie gesund!

        Stay tuned …

         

        Bildnachweis: https://twitter.com/ForumBilDig/status/1459165913287172099/photo/1

        2022: Tumisu @Pixabay

         

        References

        References
        1 https://ebildungslabor.de/blog/stimmungsbild/
        2 z. B. https://twitter.com/Woe_Real/status/1455472446639910914
        3 Drabe, M. (2020): Schulentwicklung und Medienkonzept. Ein Praxisheft für Schulleitungen und Steuergruppen. Schule in der digitalen Welt. Augsburg.Auer-Verlag. S. 88