Online-Unterricht planen – wie anfangen?

In ein paar Tagen beginnt das nächste Schulhalbjahr. Lehrkräfte bekommen neue Lerngruppen zugeteilt (z. B. im Epochalunterricht), neue Lehrkräfte kommen an die Schule – und das alles mitten in Pandemiezeiten. So wie jele77:

 

Wie kann Schule die neuen Lehrkräfte, die neuen Schüler*innen darauf vorbereiten? Wie kann ich als Lehrkraft meine Lerngruppe darauf vorbereiten? Doch der Reihe nach …

 

Vorstart: Onboarding

Wer neu zur Schule stößt, der/ dem hilft am besten ein sogenannter „Onboarding Prozess“. Im Rahmen unserer uni-ol@schule – Projekts ist eine eindrucksvolle Anleitung zum Kennenlernen der digitalen Kommunikations- und Lernplattform entstanden. Zur Nachahmung auch für andere Onlinesysteme empfohlen!

Onboarding meint auch: Verteilung der Dienst- und Leihgeräte, damit mit höherer Sicherheit eine zuverlässige Inbetriebnahme gewährleistet werden kann.

 

Start: Kontaktaufnahme mit der Lerngruppe

Eines vorneweg: Ich orientiere mich an wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, hier aus UK. Warum gerade UK? Nun, das Land hat bereits in den 90er- Jahren begonnen, Schulen mit verlässlicher Infrastruktur auszustatten und Lehrkräfte aus- und fortzubilden. Ich war und bin immer wieder beeindruckt, wie Industrie und Staat die jährlichen BETT- Konferenzen nutzen, um Bildungsexpert*innen und Lehrkräfte in einen Austausch zu bringen. Besuchen Sie einmal die Ausstellung (im Januar, London). Sie werden mit vielen Anregungen und natürlich auch neidisch aus UK zurückkommen …

Die folgenden Überlegungen orientieren sich am Kurs How to Teach Online: Providing Continuity for Students. Ich stelle im folgenden einen ganz kleinen Ausschnitt vor: den Einstieg in die Lerngruppe.

Wie bei uns in Deutschland „regiert“ auch in UK der Lehrplan. Er ist gekennzeichnet durch eine sehr deutliche Lernziel- und Outputorientierung. Daher enden in der Praxis viele Unterrichtseinheiten und -stunden (fast) immer mit Assessments, die die Erreichung der angekündigten Lernziele überprüfen. Ich habe einmal eine International Baccalaureate Diploma anbietende Schule extern evaluieren dürfen: Lernzielmitteilung und korrespondierendes Assessment habe ich nur in dieser Schule und in jeder (!) Unterrichtsdoppelstunde so konsequent umgesetzt gesehen.

 

 Die Empfehlungen der Pädagog*innen aus UK lauten nun:

Entwerfen Sie wöchentlich einen Unterrichts- und Aufgabenplan mit wichtigen Daten und Zeiten, der immer wiederkehrend einem festen Format folgt, etwa: Thema, Beschreibung, Ziele, Ergebnisse, Lehr- und Lernaktivitäten. Nutzen Sie diese Vorlage bereits für die erste Woche, etwa so:

Kontext: Organisation

Thema: Vorbereitung

Beschreibung: Erstes Kennenlernen von System und Lehrkraft. Verabredungen.

Ziele:

  • SuS sind mit ersten Routinen der Lehr- und Lernplattform vertraut
  • SuS können Beiträge ins Netz stellen und kommentieren
  • SuS wissen sich bei Systemausfall zu helfen

Ergebnisse

  • Zugang funktioniert
  • Individuelle Planung gelingt
  • Telefonkette funktioniert
  • Lernumgebung findet Akzeptanz

Lehr- und Lernaktivitäten (nach D. Laurillard)

  • Wissensaneignung
  • Üben
  • Diskussion
  • Produktion
  • Kollaboration
  • Recherche 
Wissensaneignung

Stellen Sie Ihren Unterrichts- und Aufgabenplan vor und kündigen Sie an, dass eine Veröffentlichung immer am Anfang der Woche geplant ist.

  • Teilen Sie den zentralen Ort für Ankündigungen mit (z. B. Schwarzes Brett der Lerngruppe im Lernmanagementsystem).
  • Teilen Sie eine Person/ Kontakt mit, der für Support genutzt werden kann (Sekretariat der Schule. Sysadmin der Schule, sofern vorhanden)
  • Organisieren Sie eine klassische Telefonkette für den Fall, wenn systemseitig nichts geht („Plan B“).
  • Widerstehen Sie dem Drang, Ihre Schüler*innen mit E-Mails, automatisierten Nachrichten zu informieren. Es wird sie verwirren.
Üben
  • Testen Sie Zugang und Telefonkette.
  • Senden Sie sich gegenseitig wichtige Links, Anleitungen und Dokumente.
  • Probieren Sie verschiedene Möglichkeiten aus, wichtige Informationen zu zentralisieren.
Diskussion

Beziehen Sie Schüler*innen in die Entscheidung ein, welche der Optionen am einfachsten oder praktischsten zu verwenden ist. Nutzen Sie dazu Break-out Rooms.

  • Erläutern Sie, wie die Schüler*innen zusammenarbeiten sollen. Leiten Sie die Gruppenarbeit an, indem Sie

    • explizite Hinweise auf Rollen (Moderation, Zeitwächter, Präsentation) geben,
    • eine Zeitvorgabe machen und 
    • formulieren, welches Ziel mit der Diskussion verfolgt werden soll.
Produktion

Nutzen Sie bereits in der ersten Woche die Tools, die Sie im weiteren Unterrichtsverlauf einsetzen werden. Neben LMS, Video- und Chatkonferenz sind das z. B. Tools zu Umfragen und Feedback:

  • Erstellen Sie eine schnelle Umfrage, um mehr über Ihre Lernenden zu erfahren – wer sie sind, Barrieren, Zugänglichkeit usw.
    Sie können Umfragetools nutzen (z. B. Mentimeter) oder die Schüler*innen bitten, per E-Mail zu antworten.
  • Führen Sie eine Umfrage zur digitalen Alphabetisierung durch: Was müssen die Schüler*innen tun, um Ihnen im weiteren Unterrichtsverlauf folgen zu können? Lassen Sie die Schüler*innen eine Selbsteinschätzung im Sinne von „kann ich“ geben.
  • Verabreden Sie nun, welche Systemumgebung sich am ehesten für eine Zusammenarbeit mit den Schüler*innen eignet (Blog, Audio- und/ oder Videochat). Fragen Sie Ihre Schüler*innen, was sie brauchen: Dies könnte aus Bedarfsanalyse oder Diagnosebewertung stammen – oder erstellen Sie eine Liste von Ressourcen und bitten Sie Ihre Schüler*innen,  Sie darüber zu informieren, was nützlich ist oder nicht.
  • Ermöglichen Sie den Schüler*innen, einen eigenen, individuellen Unterrichts- und Aufgabenplan zu entwickeln, z. B. durch Weitergabe Ihrer Vorlage (Template).
  • Modellieren Sie eine Sharing-Aufgabe: Bitten Sie die Schüler*innen,
    • ein Foto von ihrem Schreibtisch/ von ihrem Haustier zu teilen,
    • eine „Ich sehe was, was Du nicht siehst“- Runde (andere können erraten, was es ist),
    • eine Aufzeichnung der Umgebung….
Kollaboration

Bitten Sie Ihre Schüler*innen, Wege vorzuschlagen, um eine „Lerngemeinschaft“ aufzubauen und stimmen Sie sich dann darauf ein.

Recherche

Webquest: Bitten Sie Ihre Schüler*innen, diese Woche eine gute Nachricht oder Ähnliches zu teilen.

 

Routinen

Und immer wieder an Kurzweilphasen denken bzw. einbauen. Entweder als Sport- und/ oder als Spielaktivität. Hier einige Anregungen aus dem Netz: 

Schlussbemerkung

Schülerinnen und Schüler wie auch Eltern erwarten eine belastbare Strategie und Umsetzung von hybriden Lernsettings. Mangels geeigneter massenkompatibler Konzeptvorlagen wird vermutlich jede Schule ihre eigene Lösung suchen müssen. Zur Unterstützung bietet sich möglicherweise ein Beitrag an, den ich im Nachgang des ersten Lockdowns veröffentlicht habe. Er basiert auf meine Übersetzung des Blogbeitrags 9 Ways Online Teaching Should be Different from Face-to-Face. Die in Hybride Lernsettings – wie führe ich die ein? beschriebenen neun Tipps bieten aufgrund ihrer Niederschwelligkeit den Vorteil, schnell umgesetzt werden zu können.

 

Bildnachweis:

Titelbild: Michael Fisher (@fisher1000)

 

ARCS – Constructive Alignment

Auch für das Projekt uni@schule enden nun die Weihnachtsferien. Zunächst ein kurzer Rückblick:

Mit einem sogenannten Onboarding Prozess wurden die Teilnehmer*Innen zu Beginn des Seminars in die bereitgestellten Werkzeuge Canvas (LMS), Pronto (Messenger/ Chat) und Wonder (Videochat) eingeführt. Das wurde auf zwei Wegen bewerkstelligt:

  • Die formale Einführung in die Technik.
  • Die “Inbetriebnahme” mit einem konkreten inhaltlichen Auftrag, hier: Auseinandersetzung mit dem ökosystemischen Modell von Bronfenbrenner.

Anschließend schätzten sich die Studierenden wie die Schulteams bezüglich ihrer Medienkompetenz mithilfe des EU weit etablierten DigCompEdu selbst ein, einem auch für das pädagogische Personal sehr nützlichen Instrument. Zum Beispiel bei der Vorbereitung eines schulischen Fortbildungsplans. Es wurden eine Reihe von Medienkompetenzrahmen vorgestellt, die eine weitere Einordnung der eigenen Position zur Kultur der Digitalität ermöglichen.

 

ARCS- Modell

Es begann nun die konkrete, kreative Arbeit. Zunächst mit der Einführung in Richard Meyers kognitive Theorie multimedialen Lernens sowie in das ARCS- Modell von John M. Keller. Joana erstellte dazu wie immer ein einführendes Video. Hier entstanden erste Unterrichtsentwürfe, die dann im Folgemodul „Constructive Alignment“ aufgegriffen wurden.

 

Constructive Alignment

Erneut hat die Seminarleiterin ein Video zur Einführung in die Woche produziert. Im Beitrag kündigt sie einige Links an:

Die Aufgabe bestand im Ausfüllen eines Sheets zu einer Unterrichtseinheit:
 

@Studierende

@Schulteams

 

Learning Design Challenge

In der Feedbackrunde am Ende der Woche wünschten sich vor allem die Studierenden mehr konkretisierende Praxisbeispiele.

Dem kam das Leitungsteam auf zweierlei Wegen nach:

Dazu wurden den Studierenden folgende Kriterien genannt:

  • Realitätsbezug, auf realen Fällen basierend: adäquate Gestaltung für die Altersgruppe und Recherche zu bestehenden Unterrichtsentwürfen
  • Klares prozessbasiertes (!) Konzept: klare Definition von Lernzielen, Kompetenzerwerb, Zusammenhang von Lernzielen zu Lernaktivitäten bzw. Operatoren der jeweiligen Anforderungsebene
  • Eine kritische Sichtweise unter Einbezug des Prozessmodells und prozessorientierter Pädagogik 
  • Der pädagogische und didaktisch sinnvolle Einbezug digitaler Medien
  • Originelle, kreative und motivierende Lernaktivitäten

Unglaublich, wie der Aufruf zur Challenge die Studierendenteams motiviert hat. Beeindruckend ihr Lernfortschritt, ablesbar an der Überarbeitung. Es war dem Leitungsteam nicht leicht gefallen, kurz vor Weihnachten vier Teams auszuwählen, die im Rahmen einer fünfminütigen Präsentation ihre Unterrichtskonzepte vorstellen sollten. Die Themen umfassten die Fächer Geschichte, Sprachen, Werkunterricht und Physik:

  • Ständegesellschaft des Mittelalters
  • London Sights
  • Nachhaltigkeit – Produktionskette Jeans und
  • Stoffe und Teilchen

In der letzten Weihnachtswoche haben wir allen Studierenden noch einmal ein längeres und individuelles Feedback gegeben. Ich denke, dass vor allem diese Nachbesprechung den größten Lernprozesseffekt ausgelöst hat, ablesbar an den Kommentaren der Studierenden. Joana hat die Challenge und die abschließende Reflexionsrunde in einem Video zusammenfassend dargestellt.

Nun geht es weiter in die abschließende Phase. Hier schon einmal einen kurzen Ausblick:

  • Einführung in den ABC Workshop zur Gestaltung hybriden Unterrichts, Theorie und Praxis
  • Umsetzung pädagogischer Strategien in Learning Management Systeme (LMS)
  • @Schulteams: Formulierung einer digitalen Schulstrategie
  • @Studierende: Verfeinerung des e-Portfolios und Einreichen der Arbeiten

… Stay tuned …

Bildnachweis: Intro Learning Design Challenge 2020 @JoanaStella

Digitale Transformation: Agenda 2025

Am Anfang eines jeden Jahres gehen einem viele Gedanken durch den Kopf, auch mit Rückblick auf das Jahr 2020. Was treibt mich hier besonders um? Vor allem der in den sozialen Medien deutlich sichtbare Graben zwischen denen, die hybride Settings mit neuen Aufgabenkulturen befürworten und denen, den es gar nicht schnell genug gehen kann, wieder zur gewohnten Gutenbergumgebung zurückzukommen.

Ich sehe es ähnlich wie Claudia Schwemmers:

Wie können wir den Abstand zwischen den medienaffinnen und den (noch) nicht so entwickelten Lehrkräften eines Kollegiums verkleinern? Dazu drei Vorschläge: Der erste richtet sich an die überwiegende Mehrheit der Lehrkräfte, die erste Erfahrungen gesammelt haben und Anregungen suchen, der zweite an die Kultusbehörden und der dritte an die Schulgemeinde bzw. Steuergruppe einer Schule.

 

Masterplan Lehrende

Lehr- Lernkonzept

Wie kann digital gestützter Unterricht und damit auch hybrider Unterricht (Wechselunterricht) gelingen? Wie gestaltet sich ein didaktischer Plan, der niederschwellig genug ist, um alle Lehrkräfte mit ins Boot zu nehmen, auch und gerade diejenigen, die beginnen, sich die digitalen Wege zu erschließen? Ich habe dazu anlässlich des ersten Lockdowns einige Vorschläge gemacht, die natürlich auch für aktuelle Schulschließungen genutzt werden können: 

Dieses von jeder Lehrkraft individuell umsetzbare Unterrichtssetting hat als Ziel, vor allem heterogene Lerngruppen geeignet zu unterstützen. Prozessmodell und digitale Medien haben mehr mit der Organisation des Lehr- und Lernprozesses, weniger mit der inhaltlichen Gestaltung des Unterrichts zu tun. Sie haben auch nichts mit den aktuellen Herausforderungen bezüglich der Medienkompetenzförderung unserer Schülerinnen und Schüler zu tun. Darum soll es nun gehen.

Fokus: Arbeitsmarkt der Zukunft

 

Schulentwicklung kann nur gelingen, wenn man ein Ziel kennt. Stefan Voß (Landesinstitut für Schulentwicklung, Stuttgart) beschreibt zur Abbildung von Nadine Emmerling (Kultusministerium Baden-Württemberg)

 

die folgenden Dimensionen1:

Wenn man die allgegenwärtige Digitalisierung und das Bildungswesen miteinander in Bezug setzt, sind folgende Aspekte wichtig:

  • Die Digitalisierung ist so eng und selbstverständlich mit unserem Alltag verbunden (von der Onlinerecherche über den Fahrkartenautomaten bis zum Intranet der Kultusverwaltung), dass schon von einer digitalen Transformation gesprochen werden kann.
  • Dabei kommt der Schule die Aufgabe zu, junge Menschen dabei zu unterstützen, angesichts der rasanten und tief greifenden Veränderungsprozesse im beruflichen, im sozialen und im politischen Kontext diese Welt aktiv zu gestalten. (…) Die jungen Menschen nutzen digitale Medien schon vielfach für ihr Lernen – mal zielgerichtet, mal weniger; mal lernförderlich, mal weniger; mal im Wissen um rechtliche Rahmenbedingungen (z. B. den Datenschutz, das Urheberrecht, den Jugendmedienschutz), mal ohne dieses Wissen. (…)
  • Vor allem die Schule ist der Ort, an dem Lernende in didaktisch aufbereiteten Kontexten digitale Medien sinnvoll und qualitätsorientiert einsetzen lernen können.

 

 

Worauf kommt es in den kommenden Jahren an? Was erwartet unsere Schulabgängerinnen und -abgänger möglicherweise in naher Zukunft? Viola Schenz gibt in der Süddeutschen Zeitung einen Überblick.

 

 

 

 

Zusammengefasst zählt kritisches Denken, Problemlösefähigkeiten, selbstbestimmtes Lernen, Resilienz und Flexibilität zu den wichtigsten Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft. Auf der anderen Seite konstatiert Bildungsministerin Karliczek2:

In den vergangenen Jahrzehnten haben wir die Kinder immer weiter spezialisiert. Durch die Umwälzungen der digitalen Welt kann aber niemand mehr sagen, was in Zukunft richtig sein wird. Daher müssen wir das Gegenteil von Spezialisierung tun. Wir brauchen eine große Grundlagenbildung, um Kinder zu befähigen, Dinge einzuschätzen und zu vernetzen.

Wie können wir Schülerinnen und Schüler auf die Berufswelt vorbereiten? Was können wir tun, um einen Transfer von der Gutenberg(=Buch)- zur Turing(=Digitale Revolution)- Galaxie zu ermöglichen? Nun, zum einen mit Änderungen bzw. Anpassungen der Lehrpläne in den Bundesländern und zum anderen mit einer schulindividuellen Auseinandersetzung vor Ort, in der Schule. Fangen wir mit den Kultusministerien an:
 

Masterplan Ministerien

 Kompetenzen und deren mögliche inhaltliche Verknüpfung werden in Lehrplänen/ Kerncurricula beschrieben und sind verbindlich. In einigen Bundesländern können die Schulen eigene schulinterne Curricula entwickeln und von der Schulaufsicht genehmigen lassen.

Kultusbehörden nehmen immer dann Revisionen der Curricula zum Anlass, wenn Defizite sichtbar werden, die sich so schnell nicht mehr zukleistern lassen. Zuletzt war das nach Bekanntgabe der ersten PISA- Ergebnisse kurz nach der Jahrtausendwende der Fall. Bezüglich der KMK- Aussagen zur „Strategie Bildung in der digitalen Welt“ sehe ich dringenden Handlungsbedarf. Schaut man sich die zugehörige „Übersetzung“ bzw. Rahmung an, wird schnell klar, dass Schulen sich völlig überfordert sehen müssen, eine schulinterne Implementation dieser Vorlage selbst vornehmen zu wollen. Sie gelingen nach meiner Überzeugung nur, wenn das Kultusministerium hier seiner Verantwortung gerecht wird und sich dabei um – Stichworte: Apps & Tools, LMS, Datenschutz – die Umsetzung kümmert. Dazu zähle ich auch die Ausstattung und Auslieferung der Dienstgeräte für Lehrkräfte.

 

Präambel: Schule in der digitalen Welt

 

Was erwarte ich von einer Bildungsbehörde? Nun, zunächst einmal zu beschreiben, was sie unter „Kultur der Digitalität“  versteht. Ich habe im Rahmen meines Adventskalenders einige Ausführungen vorgestellt. Ich favorisiere die Dagstuhlerklärung, vor allem, weil sich hier interdisziplinär relevante Fachschaften (Medienpädagogik, Informatik und Wirtschaft), repräsentiert durch exzellente Expertise zusammengefunden haben, um sich auf folgende Forderungen zu verständigen3:

 

  1. Bildung in der digitalen vernetzten Welt (kurz: Digitale Bildung) muss aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive in den Blick genommen werden.
  2. Es muss ein eigenständiger Lernbereich eingerichtet werden, in dem die Aneignung der grundlegenden Konzepte und Kompetenzen für die Orientierung in der digitalen vernetzten Welt ermöglicht wird.
  3. Daneben ist es Aufgabe aller Fächer, fachliche Bezüge zur Digitalen Bildung zu integrieren.
  4. Digitale Bildung im eigenständigen Lernbereich sowie innerhalb der anderen Fächer muss kontinuierlich über alle Schulstufen für alle Schülerinnen und Schüler im Sinne eines Spiralcurriculums erfolgen.
  5. Eine entsprechend fundierte Lehrerbildung in den Bezugswissenschaften Informatik und Medienbildung ist hierfür unerlässlich.

Dies bedeutet:

Ein eigenständiges Studienangebot im Lehramtsstudium, das Inhalte aus der Informatik und aus der Medienbildung gleichermaßen umfasst, muss eingerichtet werden.

Die Fachdidaktiken aller Fächer und die Bildungswissenschaften müssen sich der Herausforderung stellen und Forschung und Konzepte für Digitale Bildung weiterentwickeln.

Umfassende Fort und Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte aus technologischer, gesellschaftlich-kultureller und anwendungsbezogener Perspektive müssen kurzfristig eingerichtet werden.

 

 

Lehrpläne, Kerncurricula

Weiterhin wünsche ich mir neben einer Begriff- und Inhaltsklärung eine den Medienkompetenzrahmen aufgreifende Anpassung der Lehrpläne/ Kerncurricula mit (u. a.)

  • mehr interdisziplinären Ansätzen: Analysiert man die Berufsvorhersagen (s. o.), so fällt auf, dass (hoch)qualifizierte Kompetenzen in verschiedenen und teilweise sehr unterschiedlichen Fachdisziplinen erwartet werden. Das Bildungssystem Schule kann hier Unterstützung bieten, z. B. durch Erweiterung der guten hessischen Erfahrungen aus der Zusammenlegung von Biologie, Chemie und Physik als NaWi-Unterricht in den Jahrgängen 5/6. Und/ oder – wie in Baden-Württemberg – durch das Angebot eines Profilfachs NW-T  (Naturwissenschaft, Technik) ab dem Jahrgang 8.
  • der expliziten Aufnahme projektorientierter Unterrichtsansätze, etwa Deeper Learning. Dabei ist eine Rechtsgrundlage für neue Prüfungsformate zu schaffen.
  • die Einführung des Faches Informatik in den Schulen (siehe auch die Empfehlung der Gesellschaft für Informatik zu den Kompetenzen für informatische Bildung im Primarbereich). Erste Entwicklungen in dieser Richtung sind in NRW im Projekt Informatik an Grundschulen zu beobachten.
  • Schulen mehr individuelle, curriculare (Gestaltungs)Spielräume geben, auch wegen der großen Systemunterschiede vor Ort.

 

Aus-, Fort und Weiterbildung

Hier sind m. E. sinnvolle Ergänzungen:

  • Aufnahme informatische Themen in den Curricula der Lehrkräfteausbildung
  • Entwicklung bzw. Bereitstellung von (OER-)Lehrmaterialien. Vielleicht lohnt ein Blick nach Neuseeland:
    • Das Ministerium initiiert Projekte, z. B. startete ein Lehrer “Celebrity Maths”, in dem berühmte neuseeländische Sportler Kindern in kleinen Filmclips mathematische Fragen aus ihrer Disziplin stellen, Schulen machen aus den liebsten Lockdown-Rezepten der Kinder digitale Bücher, und im ganzen Land basteln Schüler Zeitkapseln mit Tagebucheinträgen, Artikeln und Supermarktrechnungen, die später an diese außergewöhnliche Zeit erinnern werden.
    • Das Ministerium unterhält zwei Fernsehkanäle im öffentlichen Bildungs-TV. Hier ist denkbar, dass man mit WDRBR und weiteren Unternehmen (Bildungsverlage, Sofatutor, fobizz) in Kontakt tritt, um zu geeigneten Vereinbarungen zu kommen. 
  • Fortbildungsangebote organisieren. Dabei Apps und Tools DSGVO konform vorgeben. Das sorgt bei Schul- und Lehrkäftewechsel für schnelle Anschlussfähigkeit und mindert einen Wildwuchs, lokal, regional und überregional.

Folgewirkung

Solche Überlegungen berücksichtigen viele Einlassungen der Schule und ihrer Lehrkräfte:

 

  • Schule benötigt kein Medienkonzept mehr im Sinne von „Das wollen wir inhaltlich tun“. Die technische Umsetzung ist Aufgabe des Schulträgers.
  • Schule muss sich nicht mehr darum kümmern, ob die eine oder andere Lösung datenschutzkompatibel ist. Das wird von der Behörde geklärt, insbesondere dann, wenn die Kultusministerien Lernmanagementsysteme (LMS) bereit stellen und deren Nutzung curricular verankern. Wenn dazu noch Einwilligungserklärungen der Eltern und volljährigen Schülerinnen und Schüler vorliegen müssen, dann sind die entsprechenden Formulare bereitzustellen.
  • Dienstgeräte der Lehrkräfte sind so auszustatten, dass sie Apps und Tools vorhalten, die bei der unterrichtlichen Umsetzung des Curriculums notwendig sind. Natürlich erfüllen diese Geräte die Forderungen an Datenschutzkonformität und ermöglichen ein single sign on Verfahren. Wünschenswert ist sicher, dass die Lehrkräfte Freiheiten eingeräumt erhalten, die Dienstgeräte mit eigenen Apps zu ergänzen. Gleichwohl ist das ein schwieriges Unterfangen.

Masterplan Schule

Für eine geeignete Konzeptentwicklung ist dem pädagogischen Personal zunächst einmal die Gelegenheit zu geben, sich auf Gesamtkonferenzebene, oder – besser noch – sich bei dem nächsten Pädagogischen Tag über die Erfahrungen der Pandemiewochen auszutauschen. Schulleitungen sehen sich möglicherweise gut unterstützt, wenn dieser Prozess extern moderiert wird, z. B. durch Personen aus der systemischen (Organisations)Beratung.

In der pädagogischen Auseinandersetzung bietet sich anschließend die Leitbildarbeit an. Es würde den Rahmen eines Magazinbeitrags sprengen, die Strategien im Einzelnen vorzustellen. Stattdessen hier eine Orientierungshilfe:

 

Leitbild

 

Schlussbemerkung

Dieser Leitbildansatz trägt dem Wunsch Rechnung, in der schulinternen Diskussion Antworten zu finden, wie  eben für das Leben und nicht für die Schule (Noten, Noten, Noten,…) gelernt wird (gemäß non scholae, sed vitae discimus, in Umwandlung eines berühmten Senecazitats aus einem Brief an Lucius Annaeus). Eine Anregung mag der folgende Tweet sein, der die Gutenberg- und Turing- Galaxie gut zusammenbringen kann:

 

Sicher ist es sinnvoll, sich ggfs. externe Expertise einzuholen. In Hessen – wie vermutlich in vielen Bundesländern – sind entsprechende Beratungsstellen eingerichtet. Darüber hinaus sind örtliche bzw. regionale Medienzentren geeignete Anlaufstellen. Der Bildungsserver hat dafür eine Informationsseite eingerichtet.

Ich wünsche Ihnen nun einen guten Start ins Jahr 2021, verbunden mit der Hoffnung, dass die Frusterfahrungen aus der Pandemiezeit nicht dazu führen, sich wieder die alten analogen Zeiten zurückzuwünschen, sondern – im Gegenteil – die Ausstattungsinitiativen pädagogisch genutzt werden. Ich hoffe weiterhin, dass darüber hinaus die Bildungsbehörden mehr inhaltliche und damit gestalterische Verantwortung übernehmen.

 

 

Alles Gute dazu, viel Erfolg und natürlich: Bleiben Sie gesund!

Stay tuned …

 

Update 12.01.2021: Schulreformen – Das kann bleiben , lesenswerter und die Ausführungen bestätigender Beitrag der SZ.

 

Bildnachweis:

Titelbild: Gerd Altmann @pixabay

Sketchnote: Nadine Emmerling (Kultusministerium Baden-Württemberg)

2021: Tumisu @pixabay